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Eintreten gegen Ausgrenzung und Verletzung von Menschenwürde

 

Seit 15 Jahren findet jedes Jahr während der Ökumenischen Friedensdekade "Eine halbe Stunde des Schweigens für alle Opfer von Gewalt und Euthanasie" an der Gedenkstätte in Mariaberg statt. Diese Gedenkstätte wurde als Mahnung und Erinnerung an 61 Menschen aus den Mariaberger Heimen in Gammertingen (Kreis Sigmaringen) errichtet, die 1940 Opfer der Euthanasie durch die Nazidiktatur wurden.

Michael Schmid hat bei der Veranstaltung am 19. November 2006 mit der nachfolgenden Rede eine kleine Einführung zu den Hintergründen der Gedenkstätte gemacht und aktuelle Bezüge hergestellt.

Ich begrüße Sie zu unserer Veranstaltung hier an der Gedenkstätte in Mariaberg. Dieses "Schweigen für alle Opfer der Gewalt und Euthanasie" findet im Rahmen der bundesweiten Ökumenischen Friedensdekade statt. Die Ökumenische Friedensdekade wird getragen durch eine Zusammenarbeit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und von Friedensgruppen. Diese Veranstaltung hier wird auch gemeinsam veranstaltet vom evangelischen Pfarrstelle Mariaberg und vom Lebenshaus Schwäbische Alb. Seit 1991 haben sich Jahr für Jahr Menschen zu einer "halben Stunde des Schweigens für alle Opfer der Gewalt" hier eingefunden, heute also zum 16. Mal.

"… und raus bist du." lautet das Motto der Ökumenischen Friedensdekade. Es spielt auf die Erfahrung vieler Menschen in Deutschland und in der Welt an, die ausgegrenzt werden, deren Menschenwürde verletzt wird. Wir stehen hier an der Gedenkstätte in Mariaberg. Diese Gedenkstätte erinnert uns an eine der dunkelsten Zeiten unserer eigenen deutschen Geschichte, in der Ausgrenzung und Verletzung von Menschenwürde in unvorstellbarem und ungeheurem Ausmaß stattfand - die Zeit der Nazi-Diktatur in Deutschland von 1933 bis 1945.

Während der Herrschaft der Nazis, im Jahre 1940, wurden hier aus den Mariaberger Heimen 61 Menschen abgeholt. Sie wurden nach Grafeneck gebracht und dort ermordet. Ermordet, wie über 10.000 weitere Menschen an diesem Ort auf der Schwäbischen Alb ermordet wurden, der damals durch diese Verbrechen zu einem Ort des Schreckens geworden ist.

Aus ihrem rassistischen Denken heraus sahen sich die Nazis als berechtigt an, schwächere Menschen, Minderheiten als gefährlich für die Entwicklung der eigenen Rasse anzusehen und sie deshalb zu töten. Als solche Minderheiten galten außer Juden auch Slawen, Sinti, Roma, sowie psychisch und geistig kranke Menschen. Sie alle wurden zu Objekten der Vernichtung.

Natürlich leben wir jetzt in einer völlig anderen Gesellschaft als sie während der Nazi-Diktatur geherrscht hat. Dennoch zeigen sich in Deutschland vielfach menschenfeindliche Einstellungen, die Anlass zur Besorgnis geben. So sind zum Beispiel 15% der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass viele Forderungen von Menschen mit Behinderungen überzogen sind. 19% fühlen sich in der Gegenwart von Menschen mit Behinderungen eher unwohl. 35% sind dafür, Obdachlose aus den Fußgängerzonen zu entfernen. Über 59% sind der Meinung, Ausländer würden das soziale Netz belasten. Über 50% glauben, dass ausländische Kinder eine gute Ausbildung deutscher Kinder behindern. 15% sind der Meinung, dass die Weißen zu Recht in der Welt führend sind. 13% meinen, dass Juden eine Mitschuld an der eigenen Verfolgung haben.

Diese Einstellungen können eine Gefahr darstellen. Je mehr sich in unserer Gesellschaft Unsicherheit ausbreitet, z.B. wegen Arbeitsplatzabbau oder wegen fragwürdigem Verhalten von wirtschaftlichen Eliten oder wegen wachsender Staatsverschuldung, umso mehr nimmt die Anerkennung schwacher Gruppen in der Gesellschaft ab. Umso mehr werden Schwächere entwertet. Dies ist gefährlich.

Die Namen der 61 Opfer der Euthanasie hier aus den Mariaberger Heimen sind in den Steinplatten der Gedenkstätte vor uns in Stein eingemeißelt. Ihr Tod und der Tod von vielen Millionen Menschen während der Nazi-Herrschaft verpflichtet uns, auch heute allem Denken und Tun zu widersprechen und zu widerstehen, das menschliches Leben in wertvoller und weniger wertvoll oder gar lebensunwert einteilen will. Wir müssen eintreten dafür, dass Ausgrenzung nicht endgültig ist und die Menschenwürde verteidigt wird.

Ich lade jetzt für die nächste halbe Stunde zum Schweigen ein. Wir schweigen, um uns zu besinnen. Auch, um dann gegenüber Unrecht und Gewalt nicht schweigen zu müssen.

Veröffentlicht am

19. November 2006

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