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Rätsel um geheime israelische Uranbombe

Das alarmierende radioaktive Vermächtnis des Angriffs auf den Libanon

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 30.10.2006

Hat Israel bei seinen 34tägigen Angriffen im Sommer 2006, bei denen mehr als 1.300 Libanesen starben - das meiste Zivilisten - im Südlibanon eine geheime neue Uranwaffe eingesetzt?

Wir wissen, dass die Israelis bei ihren Angriffen auf die Hisbollah-Hauptquartiere in Beirut amerikanische “bunkerbrechende” Bomben zum Einsatz brachten. Wir wissen, dass die Israelis in den letzten 72 Stunden des Libanonkriegs den Südlibanon mit Clusterbomben durchtränkten. Zehntausende Bomblets blieben zurück, durch die jede Woche libanesische Zivilisten sterben. Und es hat sich auch bestätigt, dass die israelische Armee Phosphorbomben einsetzte - nachdem sie den Einsatz dieser Munition zunächst kategorisch bestritten hat. Phosphorbomben sind Waffen, deren Einsatz durch das dritte Protokoll der Genfer Konvention eingeschränkt ist - ein Protokoll, das weder Israel noch die USA unterzeichnet haben.

Wissenschaftliche Ergebnisse (evidence) aus mindestens zwei Bombenkratern - in Khiam und At-Tiri - wo sich die Hisbollah-Guerilla und israelische Truppen im Juli und August wilde Gefechte lieferten, lassen vermuten, dass israelische Waffen Uranmunition enthielten: Munition auf der Basis von Uran, eingesetzt gegen Ziele im Libanon. Laut Dr. Chris Busby vom ‘British Scientific Secretary of the European Committee on Radiation Risk’ fanden sich in zwei Bodenproben - aus Erdverwerfungen durch schwere israelische Bomben bzw. Lenkbomben - “erhöhte Signaturen von Radioaktivität”. Beide Proben wurden zur weiteren Untersuchung an das Harwell-Labor in Oxfordshire weitergeleitet. Die dort vom britischen Verteidigungsministerium angewendete Methode heißt Massenspektronomie. Das Verteidigungsministerium bestätigt inzwischen, dass die Proben hohe Konzentrationen von Uranisotopen aufweisen.

Dr. Busbys ursprünglicher Report nennt zwei mögliche Gründe für die Kontamination: “Erstens, es könnte sich bei dieser Waffe um eine neue Erfindung aus dem Bereich Kernspaltung handeln, um eine kleine, neuartige, experimentelle Waffe oder um eine andere experimentelle Waffe (zum Beispiel um eine thermobarische), deren Wirkung auf den hohen Temperaturen beruht, die der Blitz einer Uranoxidation erzeugt…. Zweite Möglichkeit, es handelt sich um eine konventionelle, bunkerbrechende Penetrationswaffe mit Uran, nur, dass statt abgereichertem Uran, angereichertes verwendet wurde.” Auf einem Foto, das die Explosion der ersten Bombe zeigt, sind mehrere große, schwarze Rauchwolken zu erkennen. Möglicherweise eine Folge des brennenden Urans?

Angereichertes Uran wird aus dem natürlich vorkommendem Uranerz erzeugt und dient als Brennmaterial für Atomreaktoren. Abgereichertes Uran fällt als Abfallprodukt bei diesem Anreicherungsprozess an. Es handelt sich um ein extrem hartes Metall, das in panzerbrechenden Raketen Verwendung findet und Armierungen durchschlägt. Abgereichertes Uran ist weniger radioaktiv als natürliches Uranerz, und Uranerz ist weniger radioaktiv als angereichertes Uran.

Generell genießt die israelische Wahrheitsliebe keinen guten Ruf, wenn es um Waffeneinsatz im Libanon geht. Schon 1982 leugnete Israel den Einsatz von Phosphormunition auf zivile Regionen - bis einige Journalisten auf tote und sterbende Zivilisten trafen, deren Wunden zu brennen anfingen, sobald sie mit Luft in Berührung kamen.

Ich selbst habe zwei tote Babys gesehen, deren Körper plötzlich wieder aufflammten, als man sie aus dem Schubfach der Leichenhalle zog. Das war während der israelischen Besatzung in Westbeirut. Auch im Sommer 2006 leugnete Israel offiziell, im Libanon Phosphor eingesetzt zu haben - einzige Ausnahme seien “markierte” Ziele gewesen. Man leugnete selbst dann noch, als Zivilisten mit brennenden Wunden, wie sie Phosphormunition hervorruft, in libanesischen Krankenhäusern fotografiert wurden.

Diesen Sonntag plötzlich die Wende: Israel gibt zu, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Jacob Edery, israelischer Minister für ‘Beziehungen zwischen Regierung und Parlament’, bestätigt, dass bei Direktangriffen gegen die Hisbollah Phosphor-Granaten zum Einsatz kamen. Und er fügt hinzu: “Der Einsatz von Phosphormunition ist gemäß internationalem Recht autorisiert, und die (israelische) Armee hält sich an die Regeln der internationalen Normen”.

Auf die Frage des Independent, ob die israelische Armee im Sommer 2006 im Libanon auch Uranmunition eingesetzt habe, antwortet Mark Regev, Sprecher des israelischen Außenministeriums: “Israel verwendet keine irgendwie geartete Waffe, die nicht durch internationales Recht oder internationale Konventionen autorisiert wäre” - eine Antwort, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Das internationale Recht lässt das Thema moderne Uranwaffen in weiten Teilen außen vor, da diese Waffen noch nicht erfunden waren, als die humanitären Regeln - man denke an die Genfer Konvention -, aufgestellt wurden. Hinzu kommt, dass westliche Regierungen sich weigern zu glauben, der Einsatz solcher Waffen könne bei Tausenden Zivilisten, die im Einschlagsgebiet leben, gesundheitliche Langzeitschäden hervorrufen.

Amerikanische und britische Truppen haben 1991 im Irak Hunderte von Tonnen abgereichertes Uran verschossen (mittels so genannter DU-Granaten). Deren gehärtete, penetrierende Gefechtsköpfe werden aus Abfallprodukten der Atomindustrie hergestellt. Fünf Jahre später kam es im Südirak zu einer Krebsepidemie.

In seinen ursprünglichen Einschätzungen hatte das US-Militär vor schwerwiegenden Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit gewarnt, sollten derartige Waffen gegen Panzerfahrzeuge eingesetzt werden. Später wichen sowohl die amerikanische als auch die britische Regierung davon ab, spielten entsprechende Behauptungen herunter. Aber die Krebsrate im Irak stieg weiter. Gleichzeitig gab es Berichte aus Bosnien über neuartige Formen von Krebs unter der dortigen Zivilbevölkerung (in Bosnien hatte die Nato DU-Munition aus der Luft eingesetzt). DU-Granaten wurden 2003 auch bei der amerikanisch-britischen Invasion im Irak eingesetzt. Es ist heute noch zu früh, deren gesundheitlichen Auswirkungen zu erkennen.

“Wenn ein penetrierendes Geschoss aus Uran auf ein hartes Ziel trifft, sind die Partikel dieser Explosion sehr langlebig in der Umwelt”, so Dr. Busby gestern. “Sie werden über weite Strecken verstreut. Sie können über die Lunge inhaliert werden. Das Militär scheint wirklich nicht zu wissen, wie gefährlich das Zeug ist”. Aber warum sollte Israel derartige Waffen einsetzen, wenn die Ziele - wie im Falle Khiam - nur zwei Meilen vor der eigenen Grenze liegen? Der Staub der DU-Munition weht über internationale Grenzen hinweg. Man denke nur an das Chlorgas, das im Ersten Weltkrieg von beiden Seiten bei Angriffen eingesetzt wurde. Oft wehte es den Tätern selbst wieder ins Gesicht.

Chris Bellamy, Professor für Militärwissenschaft und Militärdoktrin an der Cranfield University, hat den Busby-Report gelesen: “Im schlimmsten Fall handelt es sich um eine Art experimentelle Waffe, mit einer Komponente aus angereichertem Uran, über deren Zweck wir noch nichts wissen. Bestenfalls - wenn man das so sagen kann -, war es ein erstaunlich fahrlässiger Umgang mit nuklearen Abfallprodukten”.

In Khiam gab es zwischen 1978 und 2000 ein berüchtigtes Foltergefängnis - als die Israelis den Südlibanon besetzt hielten. Im Sommerkrieg 2006 war Khiam eine Frontlinie im Hisbollah-Widerstand. Bei der Bodenprobe aus Khiam handelt es sich um einen Brocken aus roter Erde mit Explosionsbeimischungen. Die Erde stammt von einem Explosionsort. In der Probe wurde das Isotop 108 gefunden, das angereichertes Uran anzeigt. “Die Auswirkungen des Einsatzes großer Mengen Uranpenetratoren und großer Mengen respirativer Uranoxidpartikel in der Atmosphäre auf die Gesundheit der lokalen Zivilbevölkerung wären signifikant”, sagt der Busby-Report. “Wir empfehlen, die kontaminierte Region nach weiteren Spuren dieser Waffen abzusuchen - in Hinblick auf eine Säuberung”.

Der Libanonkrieg im Sommer 2006 begann, nachdem Hisbollah-Guerilleros über die libanesische Grenze nach Israel eingedrungen waren und zwei israelische Soldaten entführt hatten. Drei weitere israelische Soldaten wurden bei dieser Aktion getötet. Daraufhin sah sich Israel veranlasst, ein massives Bombardement auf libanesische Dörfer, Städte, Brücken und zivile Infrastruktur zu starten. Menschenrechtsgruppen nennen die israelischen Angriffe auf Zivilisten Kriegsverbrechen. Auch die Hisbollah habe Kriegsverbrechen begangen, da auch sie Raketen in Ballform abgefeuert habe - auf Israel. Die Hisbollah verwandelte Raketen quasi in primitive Einmal-Clusterbomben.

Viele Libanesen ziehen schon längst ihre eigenen Schlüsse: Der jüngste Libanonkrieg sei ein Waffentest der Amerikaner und Iraner gewesen, der Libanon ihr Testgelände. Die Amerikaner versorgen die Israelis mit Munition, die Iraner versorgen die Hisbollah mit Munition. Die Israelis setzten bei Angriffen noch nicht erprobte amerikanische Raketen ein, die Iraner ihrerseits konnten, über die Hisbollah, eine Rakete testen, die eine israelische Corvette vor der libanesischen Küste traf (Bilanz: 4 tote israelische Seeleute und ein fünfzehnstündiger Brand, der das Schiff beinah versenkt hätte).

Bislang ist noch unbekannt, wie die Waffenhersteller auf die neuen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse reagieren, die auf einen potentiellen Uranwaffeneinsatz im Südlibanon hindeuten. Unbekannt ist auch, wie sich diese Waffen auf die Zivilbevölkerung auswirken werden.

Quelle: ZNet Deutschland vom 03.11.2006. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Mysterie of Israel´s Secret Uranium Bomb .

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Veröffentlicht am

03. November 2006

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