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Aus der Haut fahren

Unterschichten-Debatte: Die seelischen Defizite einer sozial zerrissenen Gesellschaft bleiben völlig ausgeblendet

Von Hans-Joachim Maaz

Unwort des Jahres 2006 wird vermutlich “Unterschicht” werden. Politiker sind so erschrocken über die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die wie ein Spiegel ihres Versagens wirkt, dass sie das belastende Wort mit Vorliebe gegen das weitgehend unverständliche “Prekariat” austauschen. Immerhin geht es um nichts Geringeres als eine wachsende Armut in Deutschland, die gepaart mit Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit eine wachsende Gefahr für die Demokratie ist.

Blicken wir aus gegebenem Anlass zurück: Sowohl das Wirtschaftswunder im Westen als auch die sozialistische Idee im Osten waren nach dem Krieg geeignet, demokratische Verhältnisse zu etablieren, ohne dass man sich ernsthaft der möglichen Heilung vorhandener seelischer Schäden bei Millionen Deutschen annehmen musste, die Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord erst ermöglicht hatten. Dank der tiefenpsychologischen und neurobiologischen Forschung wissen wir, wie frühe Beziehungsstörungen, die Kinder erleiden, noch im Erwachsenen-Alter zu destruktiven innerseelischen Vorgängen führen, die sich bei sozialer Not, psychischer Angst und geeigneter Verführung als kollektiver Wahn abreagieren können, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist. Die Zerstörung, die am Ende einer solchen massenpsychologischen Verblendung steht, ist dann das äußere Abbild eines gegebenen innerseelischen Zustandes.

Man mochte sich in beiden deutschen Staaten anfangs mit Aufbauleistungen der Täuschung hingeben, es sei möglich, aus dieser prekären seelischen Notlage herauszuwachsen. Ein verhängnisvoller Irrtum, der durch die Spaltung Deutschlands zusätzlich befördert wurde. Die Täuschung erlaubte es, die innerseelischen Störungen auf die jeweils andere Seite zu projizieren, um eigene Verletzungen und Entfremdungen nicht wahrnehmen zu müssen.

Wir wissen, ein hohler Sozialismus, dessen Ideale eben nicht innerseelisch verankert werden konnten, ist durch den Verlust an Überzeugung und durch seine Mangelwirtschaft kollabiert. Und wir sehen heute, wie eine global entfesselte Marktwirtschaft das humane, soziale und ökologische Gleichgewicht zerstört. Erneut sind wir alle beteiligt an einer derartigen Fehlentwicklung. Wiederum darf keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Wir wissen, dass materielles Wachstum begrenzt ist, wir wissen, wie Profitstreben Arbeitslosigkeit und Armut schafft, und wir wissen, dass unsere Lebensform die natürlichen Ressourcen vernichtet und unser Klima im wörtlichen wie übertragenen Sinne zerstört. Wir haben inzwischen auch erfahren, dass es selbst in einer Demokratie möglich ist, Kriege auf der Grundlage von Lügen zu führen. Es gibt also bereits wieder Mehrheiten, die sich von Suggestionen, Manipulationen und verlogenen Ideologien leiten lassen.

Mit der großen Koalition haben wir unter all diesen Unständen auch noch eine Regierung gewählt, die bestenfalls moderiert und verwaltet. Bei der jede Vision in der verlogenen Umarmung des Partners erstickt wird.

Da kann es doch eigentlich niemanden überraschen, dass die “Unterschicht” aus Menschen gebildet wird, deren Schicksal dazu angetan ist, unsere Lage wie ein Schatten abzubilden - sei es durch Armut, Krankheit, Sucht, Gewalt, Kriminalität oder Radikalisierung. Selbst wer noch glauben mag, das sind die anderen, ich gehöre Gott sei Dank nicht dazu! - kann angesichts kriselnder Sozialsysteme und einer brutalisierten Gesellschaft irgendwann gleichfalls betroffen sein. Die “Unterschicht” ist schließlich nichts weniger als Resultat des Handelns all derer, die eine “Oberschicht” bilden und bleiben wollen. Der Wille, möglichst stärker und erfolgreicher als andere zu sein, grenzt zwangsläufig Schwache und Erfolglose aus. Und wer durch äußere Gewinne seine inneren Defizite befriedigen will - ganz profan gesagt, sein Liebesdefizit mit Geld begleichen will -, der braucht erkennbare Verlierer.

Nach meiner Lebenserfahrung werden wir einer nächsten großen schweren Krise nicht entgehen. Die bitteren Wahrheiten, die sich mit einer zunehmend größer werdenden sozialen Kluft in unserer Gesellschaft zeigen, sind nur ein weiteres Alarmsignal. Der jäh anschwellende Unterschichten-Diskurs war für ein paar Tage, wie zu erwarten, wortgewaltig und veränderungsresistent. Aber machen wir uns da nichts vor: Wollen wir die hier angedeuteten und sich abzeichnenden destruktiven Tendenzen aufhalten, brauchten wir - so formelhaft das auch klingen mag - eine Politik, die fähig ist, die Macht des Kapitals weltweit so zu zügeln und zu kontrollieren, dass menschliche Grundbedürfnisse wieder im Mittelpunkt stehen. Und wir brauchten eine Bevölkerungsmehrheit, die ihre seelischen Defizite nicht mehr im Kaufen und Besitzen kompensieren muss. Entspannte soziale Beziehungen sind ein Grundbedürfnis des Menschen, das aber nur durch eine angemessene Empörung, durch Trauer und Schmerz über erlittene Beziehungsstörungen in der eigenen Lebensgeschichte befriedigt werden kann. Ich halte dies allen Ernstes für wahr - und leider für nicht realisierbar. Ein Volk passt eben nicht auf die Couch!

So bleibt die Frage für jeden Einzelnen - in welcher “Schicht” er auch leben oder landen mag -, wie er sein Menschsein findet und wahrt. Reichtum korreliert nicht mit Glück, und Armut ist keine Schande. Wert und Würde eines Menschen sind nicht “schichtgebunden”. Schändlich und gefährlich aber ist eine Gesellschaft, die den sozialen Zusammenhalt aufgibt, für den allerdings wir alle verantwortlich sind.

Dr. med. Hans-Joachim Maaz leitet die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Diakoniewerk in Halle/S.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   43 vom 27.10.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

31. Oktober 2006

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