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Fest des schönen Scheins

Vatikan: Der Papst, die Ökumene und die Wahrheitsliebe

Von Friedrich Schorlemmer

Mit "Herz und Verstand" sei ihm die "Ökumene besonderes Anliegen", versicherte er im Lande der Reformation, aber angelandet im katholischen Bayern. Sodann vollbrachte er das Kunststück nichts voranzubringen, auch kein kleines Zeichen für ein neues, gar gleichberechtigtes Verhältnis der Konfessionen zu setzen - Benedikt XVI. zog ein Signal hoch und ließ nichts durchfahren.

Das Fernsehen war trotzdem während des Besuches auf mehreren Kanälen immer dabei. 422 Seiten zählte das Drehbuch. Der Kinderlose ließ sich von einem Sicherheitsbeamten ein Kind zum Kosen reichen. Er winkte, er lächelte, er hörte zu, er sprach, betete, war gerührt und berührte. Von der Zeitung BZ befragt, "was man vom Papst-Besuch lernen könne", sagte ich spontan: "Wie schön ein Heimatbesuch auf Staatskosten sein kann."

Natürlich wurde das nicht gedruckt in jener allgemeinen Papst-Euphorie. Ich hatte für das Häppchen-Satz-Blättchen auch noch hinzu gefügt, dass es offenbar eine große Sehnsucht gibt, einer unbefragbaren Autorität zu begegnen und sich ein Sicherheitsgefühl in einer so unsicher gewordenen Welt zurückgeben zu lassen.

Wie sanftmütig und eingesäuselt eine sonst so scharfsinnige bis hämisch-zynische Presse die prächtige Inszenierung zu begleiten verstand, wie sie seine Sätze zu großen Weisheiten aufbauschte, war schon beachtlich. Überall geisterte die Formel von der "Schwerhörigkeit für Gott" herum, ohne dass erläutert wurde, wer an solcher Schwerhörigkeit Schuld trage. Vielleicht auch die, die sprechen? Man fühlte sich in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wenn der Papst den Priesterdienst als "Dienst für Gott" qualifizierte, als ob nicht andere Berufe dieselbe Würde hätten. Alles in allem: Ein Fest des schönen Scheins, ein Heimatbesuch, zur Haupt- und Staatsaktion stilisiert, um Kindheits- und Jugenderinnerungen auszutauschen und die Marienvolksfrömmigkeit mit allem Drumherum zu demonstrieren, während es für konfessionsverschiedene Paare weiterhin kein eucharistisches Pardon gibt.

Man glaubte sich unwillkürlich erinnert an die theologische Schelte gegenüber der südamerikanischen Theologie der Befreiung, als der Papst erneut einen Gegensatz zwischen sozialer Hilfe für die Armen und der Missionierung aufmachte - beklagend, die Menschen seien eher bereit, für ersteres ihr Geld auszugeben. Die praktische Nächstenliebe ist aber meines Erachtens kein Instrument für christliche Mission - sondern die Hilfe für Leidende im Geiste Jesu ist christlich. Ein Bissen Brot für den Hungernden ist schon in sich selbst ein geistlicher Dienst. Auch wenn wahrlich nicht zu unterschätzen ist, welche Motivationskraft christlicher Glaube für praktische Hilfe darstellt.

Sodann hielt Benedikt eine Vorlesung im Sinne eines wissenschaftlichen Diskurses. Ein bemerkenswerter Schritt, eine bemerkenswerte Rede, in ihrem Inhalt ziemlich unmissverständlich, so dass die päpstliche Beinahe-Entschuldigung danach in sich selbst ein großer Schritt für einen Wahrheitshüter ist. Aber da gab es nichts misszuverstehen: Was er über den Islam, Gewalt und Vernunft (s. auch Mohssen Massarrat ) anmerkte, war gänzlich unmissverständlich und auch ganz richtig, sofern er hinzugefügt hätte, dass die Kirche sich selbst ihren blutverschmierten Spiegel vorhalten muss, um schuldbewusst daran zu erinnern, mit welch mörderischer Gewalt im "entdeckten" Amerika katholische christliche Missionierung betrieben wurde, wie auch schon im slawischen Osten. Ganz zu schweigen von den himmlischen Versprechen bei den (Kinder-)Kreuzzügen gegen den Islam oder den Scheiterhaufen der Inquisition.

Wäre nicht angesichts der Spannungen zwischen westlich-christlicher und muslimischer Welt eine Erinnerung an Toledo und Cordoba, an den fruchtbaren, relativ kultivierten Umgang der drei Religionen miteinander viel zukunftsweisender gewesen? Verbunden mit einer prinzipiellen Absage an Krieg als Fortsetzung von Politik mit anderen, gar mit religiös garnierten Gewaltmitteln? Eine Anknüpfung an den Friedensappell von Benedikt XV. aus dem Jahr 1915 hätte hier vorzüglich gepasst! Die menschliche Vernunft, die der Papst zu Recht hoch hält und gleichzeitig deren innerste Grenzen aufweist, hatte es in christlichen Jahrhunderten durchaus schwer, sofern Vernunft den Dogmen widersprach. Sie wurde scholastisch-ausgeklügelt benutzt, um ein allumfassendes katholisches Glaubensgebäude zu stützen. Von daher halte ich diese Vorlesung alles in allem für einen Skandal, für unbegreiflich selbstgerecht, wo christliche Demut angebracht gewesen wäre - zielend auf eine gemeinsame Absage an alle geheiligten Kriege oder alle Akte der Gewalt.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   38 vom 22.09.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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Veröffentlicht am

24. September 2006

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