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Können Sie wirklich nicht sehen?

Von Amira Hass, 30.08.2006

Lassen wir jene Israelis beiseite, deren Ideologie die Enteignungen des palästinensischen Volkes deshalb unterstützt, weil wir “Gottes auserwähltes Volk” sind. Lassen wir auch jene Richter beiseite, die jede militärische Politik des Tötens und der Zerstörung vertuschen (whitewash). Lassen wir auch jene Militärkommandeure beiseite, die bewusst ein ganzes Volk in Pferche sperren, die von Mauern, Festungs- bzw. Beobachtungstürmen, Maschinengewehren, Stacheldraht und blendenden Scheinwerfern umgeben sind. Lassen wir auch die Minister beiseite. All diese werden nicht unter die Kollaborateure gerechnet. Sie sind die Architekten, die Planer, die Konstrukteure und Ausführenden.

Aber da gibt es noch andere. Historiker und Mathematiker, leitende Redakteure, Medienstars, Psychologen und Hausärzte, Rechtsanwälte, die nicht Gush Emunin und Kadima unterstützen, Lehrer und Pädagogen, Leute, die gern wandern oder singen oder High-tech-Genies. Wozu gehören Sie? Und was ist mit denen, die sich wissenschaftlich mit Nationalismus, dem Holocaust und den Sowjet-Gulags befassen? Können Sie mit all den systematischen Diskriminierungsgesetzen einverstanden sein? Gesetze, die festlegen, dass die Araber in Galiläa für den Kriegsschaden keine Entschädigung erhalten wie ihre jüdischen Nachbarn (Aryeh Dayan, Haaretz, 12.8.06)

Könnte es sein, dass Sie alle das rassistische Bürgergesetz gut heißen, das israelischen Arabern verbietet mit ihren Familien im eigenen Haus zu leben? Könnte es sein, dass Sie für weitere Landenteignung sind und für die Zerstörung weiterer Fruchtbaumhaine, für noch eine jüdische Siedlung und noch eine Straße exklusiv für Juden; dass Sie für das Töten durch Raketen- und Granatenbeschuss von Alten und Jungen im Gazastreifen sind?

Könnte es sein, dass Sie alle damit einverstanden sind, dass ein Drittel der Westbank - das Jordantal - von Palästinensern nicht mehr betreten werden darf? Dass Sie alle für eine israelische Politik sind, die Zehntausende von Palästinensern mit ausländischem Pass daran hindert, zu ihren Familien in die besetzten Gebiete zurückzukehren?

Könnte es sein, dass Sie so sehr von dem Vorwand der Sicherheit eingenommen wurden, der benützt wird, um Studenten aus dem Gazastreifen zu verbieten, Beschäftigungstherapie in Bethlehem oder Medizin in Abu-Dis zu studieren und der kranke Leute aus Rafah daran hindert, medizinische Behandlung in Ramallah zu erhalten? Finden Sie es auch bequem, sich hinter der Erklärung zu verstecken: “Wir wussten nichts davon!” Wir wussten nicht, dass bei der allein von Israel kontrollierten Wasserverteilung Diskriminierung praktiziert wird, dass dies Tausende von palästinensischen Haushalten während der heißen Sommermonate ohne Wasser lässt; wir wussten nicht, dass wenn die IDF den Eingang von Dörfern blockieren, sie damit auch den Zugang zu Brunnen oder Wassertanks blockieren.

Es kann doch kaum sein, dass Ihr das eiserne Tor auf der Straße 344 in der Westbank nicht seht, das Palästinenser daran hindert, auf diese Straße zu gelangen. Es kann doch nicht sein, dass Ihr eine Politik unterstützt, die Tausende von Bauern daran hindert, zu ihrem Land, zu ihren Anpflanzungen, zu gelangen, dass Ihr die Quarantäne des Gazastreifens unterstützt, die verhindert, dass Medikamente für die Krankenhäuser geliefert werden können, oder die Unterbrechung des Stroms und der Wasserversorgung für 1,4 Millionen Menschen und die monatelange Schließung ihres einzigen Ausgangs in die Welt.

Könnte es sein, dass Ihr nicht wisst, was sich 15 Minuten entfernt von euren Hochschulen und Büros abspielt? Ist es wahrscheinlich, dass Ihr das System unterstützt, unter dem hebräische Soldaten an Kontrollpunkten mitten in der Westbank täglich Zehntausende stundenlang bei sengender Hitze warten lassen und dann noch selektieren, dass Bewohner von Nablus und Tulkarem nicht durchgelassen werden, wenn sie jünger als 35 sind - “Los! Zurück nach Jenin!” Bewohnern von Salim ist es nicht einmal erlaubt, hier zu sein; einer kranken Frau, die aus der Reihe tanzt, wird “eine Lektion erteilt: sie wird deshalb für ein paar Stunden verhaftet. Machsom Watch’s Platz (am Kontrollpunkt) ist jedem zugänglich. Bei ihnen gibt es zahllose solcher Zeugnisse und - es ist tägliche Routine.

Es kann doch nicht sein, dass alle die, die über jedes Hakenkreuz auf einem jüdischen Friedhof in Frankreich oder über eine antisemitische Schlagzeile in einer spanischen Zeitung entsetzt sind, nicht an solche von mir aufgezählten Informationen kommen und sich nicht auch entsetzen und sich empören.

Als Juden erfreuen wir uns der Privilegien, die uns Israel gibt - und die uns alle zu Kollaborateuren macht. Die Frage lautet: Was tut jeder einzelne von uns aktiv und in einer täglichen direkten Weise, um die Zusammenarbeit mit einem Regime, das unersättlich enteignet und unterdrückt, zu verringern. Nur eine Petition unterschreiben genügt nicht. Israel ist eine Demokratie für seine Juden. Wir brauchen nicht um unser Leben bangen, wir kommen nicht in KZs, unser Lebensunterhalt wird nicht beschädigt und unsere Erholung auf dem Lande oder im Ausland wird uns nicht verweigert.

Deshalb ist die Last der Kollaboration und direkter Verantwortung unendlich schwer.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

01. September 2006

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