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Jeden Gegner auf der Rampe halten

USA: Der Weltraum soll vom Labor zum Depot für strategische Waffen werden

Von Wolfgang Kötter

Star Wars, wie sie in diversen Science-Fiction-Filmen über die Bildflächen flimmern, könnten bald viel von ihrer fiktionalen Unschuld einbüßen. Die US-Administration hat dieser Tage über ihre künftige Weltraumpolitik entschieden, die dem Ziel uneingeschränkter Dominanz im Kosmos verpflichtet bleibt. Wie Vize-Verteidigungsminister Kenneth Krieg mitteilte, betrachte man den Weltraum als militärisches Testlabor. Bereits 2008 sollten mindestens fünf bewaffnete Satelliten zu Erprobungszwecken ins All geschossen werden.

"Es sollen offenbar vollendete Tatsachen geschaffen werden", kritisieren Theresa Hitchens und Michael Katz-Hyman vom World Security Institute in Washington, "ohne darüber eine Debatte im Kongress oder in der Öffentlichkeit zu führen."

Nicht erst seit gestern lässt das Pentagon weltraumgestützte Waffentechnologien testen, um - wie Verteidigungsminister Rumsfeld einmal extemporierte - ein "Pearl Harbor"Der japanische Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 war für die USA Anlass, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Seither werden mit dem Begriff unvorhergesehene Angriffe umschrieben. im Kosmos zu verhindern. General Lance Lord, der das US-Weltraumkommando leitet, fordert daher, "eine amerikanische Überlegenheit im All zu errichten und aufrechtzuerhalten". Dies verschaffe die Freiheit, um anzugreifen und selbst vor einem Angriff geschützt zu sein. Einsichten über das Gesamtkonzept erlaubt der jetzt für die Air Force veröffentlichte Transformation Flight Plan, der ein ganzes Arsenal supermoderner Kampfmittel verzeichnet. So ist vorgesehen, bis 2010 Radiowellen-Energiewaffen im All zu platzieren, die von Himmelskörpern aus feindliche Satelliten und Kommunikationssysteme stören oder vernichten können. Für 2006 verfügt das Pentagon über 20 Millionen Dollar für das Starfire-Programm zur Entwicklung von Anti-Satelliten-Lasern und möchte die Aufwendungen bis 2011 auf jährlich 30 Millionen steigern. Federführend bei Laserwaffen ist das Directed Energy Directorate der Air Force auf der Kirtland Air Base in Albuquerque (New Mexico).

Nach Informationen des Online-Dienstes Spacedaily erprobt Lockheed Martin bereits an Bord einer Boeing 747 das Feuerleitsystem für einen Laser, der aus der Luft ballistische Raketen und Marschflugkörper bekämpfen kann. Ab 2015 sollen erste Kampfflugzeuge mit Anti-Satelliten-Raketen ausgerüstet sein.

Innerhalb von 60 Minuten

Trotz jahrelanger Tests - der umfassende Abwehrschirm, wie er mit dem National-Missile-Defense-Programm (NMD) angestrebt wird, scheint noch immer nicht in Sicht. Von daher wird weiter experimentiert. Dreh- und Angelpunkt bleibt das Zusammenwirken der globalen Satellitenüberwachung mit einer flächendeckenden Raketenabwehr und dem Einsatz offensiver Waffen im Kosmos - eine Abkehr vom klassischen Abschreckungskonzept hin zur Strategie der Präventivoperation, die auch den Kosmos als Schlachtfeld einbezieht. Der einstige Chef des Rüstungskonzerns Lockheed Martin und jetzige Luftwaffen-Staatssekretär, Peter Teets, lässt keinen Zweifel am strategischen Motiv: "Wir wollen künftig in einer Position sein, aus der wir falls nötig jedem Gegner ein Vordringen in den Weltraum verwehren können. Deshalb müssen wir beginnen, an offensiven Weltraumsystemen zu arbeiten… Wir haben zwar noch nicht den Punkt erreicht, vom Weltraum Bomben lenken zu können, aber wir denken über diese Möglichkeiten nach." Innerhalb der nächsten 15 Jahre sollen die US-Streitkräfte eine "Prompt-Global-Strike"-Fähigkeit erreichen. Das würde bedeuten, jedes militärische Ziel überall auf dem Globus innerhalb von 60 Minuten bekämpfen zu können.

Schrott mit Killerpotenzial

Nicht zum ersten Mal freilich dürften sich die Hoffnungen auf ein Global-Strike-Monopol als trügerisch erweisen und damit die Aussicht auf Unverwundbarkeit, um jederzeit und überall ungestraft angreifen zu können. Auch im US-Kongress wächst die Skepsis gegenüber den so riskanten wie teuren Eskapaden. "Republikaner und Demokraten stimmen darin überein", konzediert Philip E. Coyle, leitender Mitarbeiter im Pentagon, "dass es keinen Sinn ergibt, Geld für eine Raketenabwehr zu verschwenden, ohne sicher zu sein, dass sie auch so funktioniert wie angepriesen."

Bekanntlich wird der Weltraum von den dort aktiven Staaten seit jeher auch militärisch genutzt - für Spionage-, Navigations- und Kommunikationssatelliten. Nur gab es bisher ein Tabu: Waffen sollten nicht in den Kosmos disloziert werden. Nun brechen die USA mit diesem Axiom - wohl wissend, dass ein solcher Vorstoß den eigenen Sicherheitsinteressen auch schaden kann, unterhalten doch die Amerikaner die mit Abstand meisten Weltraumobjekte, die unter derartigen Umständen hochgradig verwundbar wären. "Die Vereinigten Staaten werden der große Verlierer sein, wenn wir mit Weltraumwaffen so weitermachen", meint Laura Grego von der Wissenschaftsorganisation Union of Concerned Scientists. In der Tat wären - abgesehen von der Gefahr einer militärischen Konfrontation im Kosmos - die Folgen für die Weltraumforschung verheerend. Seit Beginn des Zeitalters der Raumfahrt vor mehr als 50 Jahren wurden nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation ESA etwa 5.500 Satelliten in Umlaufbahnen geschossen. Davon gelten derzeit noch 600 bis 700 als funktionsfähig, die übrigen sind entweder abgestürzt, in der Atmosphäre verglüht oder rasen als Torso mit hoher Geschwindigkeit um die Erde. Jedes Jahr kommt neuer Schrott hinzu - bereits zentimetergroße Teile ehemaliger Flugkörper können Umkleidungen von Satelliten, Raketen und Raumstationen durchdringen. "Das sind echte Killer. Wenn die einschlagen, bleibt nichts übrig", meint ESA-Physiker Markus Landgraf. Sollten im Kosmos massenhaft Waffen stationiert werden, drohen die marodierenden Irrläufer auch ihnen und könnten die Weltraumfahrt paralysieren.

Die amerikanischen Begehrlichkeiten im All haben Länder wie Russland, China, Frankreich und Japan, aber auch Brasilien, Indien, Nigeria und Pakistan zum Nachziehen animiert, so dass der Rüstungswettlauf alsbald auch im Kosmos ausgetragen werden könnte. Um einer solchen Gefahr vorzubeugen, haben Russland und China in der Genfer Abrüstungskonferenz einen gemeinsamen Vertragsentwurf gegen die Waffenstationierung im Weltraum unterbreitet. Der russische Botschafter Valeri Loschinin mahnte am 13. Juni vor der Konferenz, dass die Militarisierung des Weltraums gleichbedeutend sei mit dem Aufkommen einer neuen Art von Massenvernichtungsmitteln. Und Chinas Vertreter Cheng Jingye prophezeite: "Die Errungenschaften aller Länder im Weltraum würden gefährdet - eine friedliche Nutzung des Kosmos wäre unterminiert." In seiner Erwiderung dozierte John Mohanco vom State Department, das Weltall für friedliche Zwecke zu nutzen, das schließe auch "Verteidigungsaktivitäten zur Verfolgung nationaler Sicherheits- und anderer Ziele ein." Solange eigene Satelliten potenziell bedroht seien, werde Washington auf Weltraumwaffen nicht verzichten. Verhandlungen lehne man ab - der vor 40 Jahren abgeschlossene Weltraumvertrag (s. Übersicht) reiche völlig aus. Allerdings verbietet dieses Abkommen - wie auch der Teilteststoppvertrag von 1963 und der Mondvertrag von 1979 - nicht alle Potenziale im All, sondern lediglich Massenvernichtungswaffen. Somit weist das Völkerrecht gefährliche Lücken auf, die künftig mit präzisionsgesteuerten Hightech-Waffen gefüllt werden könnten.

Der Weltraumvertrag 1967

(98 Mitgliedsstaaten)

Für den Weltraum wird eine weitgehende Freiheit der Forschung und wirtschaftlichen Nutzung gewährt, die allerdings nicht schrankenlos gilt, sondern zum Vorteil und im Interesse aller Länder ungeachtet ihres wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsstandes wahrzunehmen ist. Denn die Erforschung und Nutzung soll Sache der gesamten Menschheit sein (Art. I).

Der Erwerb von Hoheitsrechten an Teilen des Weltraums, am Mond und an anderen Himmelskörpern ist ausgeschlossen (Art. II).

Die Vertragsstaaten verpflichten sich zur ausschließlich friedlichen Nutzung des Weltraums. Es ist verboten, Massenvernichtungswaffen und ihre Trägermittel im All zu stationieren. (Art. IV).

Weitere völkerrechtliche Vereinbarungen zum Kosmos


Teilteststoppvertrag (1963)

Damit werden unter anderem auch Kernwaffentests und sonstige nukleare Explosionen im Weltraum verboten.

Weltraumrettungsübereinkommen (1968)

Geregelt werden die Hilfe für in Not geratene Raumfahrer und die Rückgabe von in den Weltraum gestarteten Gegenständen.

Weltraumhaftungsübereinkommen (1972)

Die Regelungen beziehen sich auf die Gewährung von Schadensersatz für durch Weltraumgegenstände verursachte Schäden.

Weltraumregistrierung (1975)

Mit diesem Vertragswerk wird die Identifizierung von in den Weltraum gestarteten Gegenständen erleichtert.

Mondvertrag (1979)

Er verpflichtet zur ausschließlich friedlichen Nutzung des Mondes und verbietet die Anwendung und Androhung von Gewalt in Bezug auf die Erde, den Mond, auf Raumschiffe und deren Besatzungen sowie auf künstliche Weltraumprojekte. Untersagt wird auch die Stationierung von Massenvernichtungswaffen auf dem Mond.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 26 vom 30.06.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Kötter und Verlag.

Fußnoten

Veröffentlicht am

03. Juli 2006

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