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Notfalls das eigene Leben

Vor 30 Jahren - der Aufstand in Soweto

Von Andrea Strunk

Jener 16. Juni 1976, schrieb Nelson Mandela später in seinen Erinnerungen, sei ein Wendepunkt in der Geschichte des Kampfes gegen die Apartheid gewesen. Ein Tag des Widerstandes, der einen enorm hohen Preis hatte. Offiziell 560, anderen Zählungen zufolge über 800 Kinder wurden getötet, als weiße Polizeieinheiten in einen Demonstrationszug von Schülern schossen. Die protestierten dagegen, dass Afrikaans, von ihnen als Sprache der Unterdrücker begriffen, Unterrichtssprache an sämtlichen Schulen Südafrikas werden sollte.

Das Foto des ersten Toten, des 13jährigen Hector Pietersen, ging damals um die Welt und sorgte für einen jener Aufschreie, die laut und gequält ertönen, wenn es längst zu spät ist. Der Fotograf Sam Nzima hatte auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt, als ein entsetzt blickender Schulfreund den schwer verwundeten Hector auf seinen Armen trug, dessen Schwester weinend daneben. Wenn Soweto das Symbol des Widerstands war, dann wurde dieses Bild zum Symbol der Unmenschlichkeit.

Soweto - der South Western Township - war einst als Schlafstadt für die schwarzen Arbeiter in den Goldminen entstanden. In den fünfziger Jahren ließ die Regierung die ersten jener Streichholz-Behausungen errichten, wie sie heute noch typisch für die Townships sind. Wasser, Kanalisation, Supermärkte und eine autonome Verwaltung, wie in weißen Städten von dieser Größe üblich, gab es nicht. Auch eine soziale oder medizinische Infrastruktur hielt man für überflüssig. So sehr auch die Einführung des Afrikaans von den schwarzen Schülern als Beleidigung empfunden wurde, es erhebt sich dennoch die Frage, was an jenem Junitag des Jahres 1976 15.000 Kinder dazu brachte, sich gegen eine weiße Macht zu stellen, von der man wusste - sie würde nicht zögern, ihre Henker zu schicken.

1976 war das Jahr, in dem die Apartheid-Regierung äußerst aufwändig versuchte, das System an seinen Bruchstellen zusammenzuhalten. Für die Anerkennung des Transkei als eines der gewünschten Homelands und die Zusage, dorthin zu ziehen, wurde Mandela gar die Freiheit angeboten. Ein Ansinnen, das er als unmoralisch ablehnte. Neville Alexander, einer seiner Weggefährten und heute Geschäftsführer der Health, Education and Welfare Society Südafrikas, beschreibt in seiner Analyse Südafrika, der Weg von der Apartheid zur Demokratie das damalige Zwangsarbeitssystem der Schwarzen: Aus den ländlichen Gegenden strömten Tausende von Wanderarbeitern in die Städte und Goldminen. Die per Gesetz erzwungene Bindung dieser Arbeiter an ihre Homelands erlaubte es den "Bergbaukapitalisten", wie Neville sie nennt, Löhne zu zahlen, die nicht die Lebenshaltungskosten und den Unterhalt der Familien berücksichtigen mussten.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre einer "Rassengesellschaft", in der "die Scheidelinien von Hautfarbe und Klasse schließlich zusammenfielen" (Neville), war Soweto so etwas wie der intellektuelle Nährboden für Protest, der sich durch das Auftauchen der Black- Consciousness-Bewegung und unabhängiger Gewerkschaften bestärkt fühlte. Hatten die ANC-Gründer noch wohlgesetzte Forderungen formuliert, der Macht des Wortes und der Vernunft vertraut, war die junge Generation nicht länger zum unterwürfigen Dialog bereit. Dass sich der ANC und Mandela seit dem Massaker von Sharpeville 1960 vom Prinzip der Gewaltlosigkeit distanziert hatten, galt den neuen Widerständlern als weiteres Motiv, hitzköpfig und opferbereit zu sein. In dieser Situation erschien den Jugendlichen die Einführung des Afrikaans wie ein letzter Ausverkauf ihrer Rechte - die Bereitschaft, Opfer zu bringen, notfalls das Opfer des eigenen Lebens, war dementsprechend hoch.

Soweto, 30 Jahre später, das ist noch immer ein Moloch aus Schachtelhäusern, Enge und Depression - mal touristische Attraktion, mal No-Go-Area. Es gibt Strom, Wasser und Kanalisation, es gibt Anti-Aids-, Anti-Drogen- und Anti-Prostitutions-Projekte - es gibt Bildungschancen für Mädchen, mehr als je zuvor. Dennoch blieb Soweto eine Stadt, in der jede Nacht getötet, geraubt und vergewaltigt wird, vor allem vergewaltigt. Wenn heute in dieser Gegend ein Mord geschieht, dann hat ihn ein Schwarzer an einem Schwarzen verübt. Jene Ideale, für die seinerzeit so viele Kinder starben, sind unerfüllt geblieben. "We won´t move" hatten sie 1976 auf eine Wand in Soweto gesprüht, und damit auch gemeint, sie würden unbeirrt für Recht und Gleichheit stehen. Wer heute durch Soweto fährt, begreift schnell, es gibt ungemein viel neue Hindernisse für ein menschenwürdiges Leben.

Andrea Strunk, Buchautorin

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 25 vom 23.06.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Andrea Strunk und Verlag.

Veröffentlicht am

23. Juni 2006

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