Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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20 Jahre Tschernobyl mahnen: Atomkraftwerke abschalten, Atomwaffen abschaffen

Von Michael Schmid - Rede bei einer Mahnwache am 26.04.2006 in Gammertingen

Vor 20 Jahren ist das passiert, was nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung einiger Wissenschaftler eigentlich erst in 1 Million Jahren hätte passieren sollen: Ein Atomkraftwerk ist explodiert, das so genannte Restrisiko hat zugeschlagen. Um an diese Katastrophe zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und uns für eine grundlegende energie- und friedenspolitische Wende auszusprechen, haben wir heute zu dieser Mahnwache eingeladen. Wir, das sind der Verein Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V. gemeinsam mit der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Das Motto der Mahnwache lautet: "20 Jahre Tschernobyl mahnen: Atomkraftwerke abschalten, Atomwaffen abschaffen".

Am 26. April 1986 wurde um 1 Uhr 23 beim planmäßigen Abfahren zur Revision im Block IV des Kernkraftwerkes Tschernobyl ein gesonderter Sicherheitstest im Kühlwassersystem durchgeführt. Dieser Sicherheitstest misslang und es kam durch verschiedene menschliche Fehler in kürzester Zeit zu einem ungeplanten Leistungsanstieg. Die Notabschaltung misslang und der hochradioaktive Reaktorkern explodierte nur 8 Sekunden später. Der 1.000 Tonnen schwere Deckel des Reaktors wurde abgesprengt, und eine radioaktive Wolke verteilte gefährliche Isotope über Tausende von Kilometern.

Tags darauf erreichte die radioaktive Wolke das Nordkap und breitete sich über Polen und Rumänien in Richtung Deutschland aus. Am 29. April 1986 kamen die ersten radioaktiven Luftmassen nach Bayern, dann nach Oberschwaben, wohl auch hierher zu uns auf die Schwäbische Alb.

Am 1. Mai 1986 ist wunderschönes Wetter: es wird erhöhte Radioaktivität im deutschen Südwesten festgestellt; es gibt erste Warnungen vor belasteten Lebensmitteln. Am 3. Mai rät die baden-württembergische Landesregierung zum "gründlichen Waschen von Gemüse".

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der sich damals im fernen Asien aufhielt, kündigte vom Weltwirtschaftsgipfel in Tokio eine "Informationskampagne gegen die Angst vor Kernkraftwerken" an. Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) versuchte daheim in Bonn, die Bevölkerung zu beruhigen: "Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle", sagte er am 7. Mai im Fernsehen. Doch viele Menschen ließen sich nicht beruhigen.

Langsam begriffen wir damals, dass die Gefahr, vor der wir schon jahrelang gewarnt hatten, keine theoretische mehr war, sondern Realität. Mit einem Mal schien alles, was wir dringend zum Leben benötigten - Luft, Wasser und Nahrung -, nicht mehr lebensspendend, sondern eher lebensbedrohend. Entsetzen und Angst nahmen mit jedem Tag zu. Woher sollten wir unbelastete Nahrung herbekommen, und konnte man sich überhaupt noch aus dem Haus hinaustrauen? Unsere Kinder durften nicht mehr in Sandkästen spielen. Täglich studierten wir Bequerel-Tabellen in der Zeitung. Angst und Wut steigerten sich mit den Werten der radioaktiven Strahlung. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung sprachen sich damals in Umfragen für die Stilllegung der Atomkraftwerke aus. Die Anti-Atomkraft-Bewegung erhielt massenhaft Zulauf. Im ganzen Land protestierten tagelang Zehntausende gegen Atomenergie.

Mit unserer heutigen Mahnwache soll an diese größte und folgenreichste Industriekatastrophe der Menschheitsgeschichte im ukrainischen "Tschernobyl" erinnert werden. Tschernobyl ist Symbol der Verantwortungslosigkeit. Tschernobyl ist noch lange nicht zu Ende. Fast alle Probleme von Tschernobyl sind ungelöst und bedrohen weiterhin Leben und Wohl gegenwärtiger und zukünftiger Generationen in den besonders betroffenen Regionen in Weißrussland, Russland, der Ukraine und weit darüber hinaus.

10.000 Quadratkilometer in Belarus, Russland und der Ukraine wurden zur Sperrzone erklärt. Einzelne Gegenden mussten sogar 400 km Luftlinie vom Reaktor entfernt evakuiert werden. Insgesamt wurden 415 Dörfer evakuiert und mit Erde begraben. Über 400.000 Menschen wurden evakuiert, bzw. umgesiedelt. Diese Menschen können bis heute noch nicht ohne Gesundheitsgefahren in ihre Heimat zurück. Tausende Quadratkilometer Land sind 20 Jahre danach immer noch unbewohnbar.

1986 und in den Folgejahren wurden viele hunderttausend junge Männer als "Liquidatoren" nach dem Unfall zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Sie sind entweder gestorben oder leiden als Invaliden unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmentzündungen, chronischer Blutarmut oder Krebs- und Blutkrebserkrankungen.

Besonders betroffen waren die Kinder der verseuchten Gegend. Bereits 1990 war das Vorkommen von Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern um mehr als das 30-fache erhöht. Im Normalfall erkranken Kinder äußerst selten an Schilddrüsenkrebs.

Niemand kann sicher sagen, wie viele Menschen an den Folgen von Tschernobyl bereits gestorben sind, wie viele noch sterben werden, wie viele erkranken werden. Aber es ist klar: Das Leiden in den betroffenen Regionen geht weiter.

Letztes Jahr behauptete die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO), die Reaktorkatastrophe würde voraussichtlich 4.000 Todesopfer zur Folge haben. Dagegen zeigen andere Studien, dass viele Experten deutlich mehr Opfer erwarten. Die Russische Akademie der Wissenschaften geht von 270.000 zusätzlichen Krebserkrankungen mit 93.000 Todesfällen aus. Weitere Studien vermuten noch schlimmere Folgen.

Mit unserer Mahnwache gedenken wir der Leiden und Ängste, des Leides und Schmerzes von Millionen von Menschen. Wir gedenken eines jeden, einer jeden und aller, die Opfer dieses "unsichtbaren Krieges" geworden sind: der vorzeitig an den gesundheitlichen Folgen Gestorbenen und Leidenden, der jungen Leute, die als Liquidatoren zu Invaliden wurden, des ungeborenen und behinderten Lebens, dem Tschernobyl die Chance auf Dasein und Unversehrtheit nahm, der Millionen, denen "Tschernobyl" Heimat und Existenzgrundlage zerstörte. Wir nehmen teil an der Trauer um ihre geraubten Lieben, Freunde, Kollegen und Kameraden, ihr Zuhause.

Übrigens werden auch bei uns im Westen gesundheitliche Auswirkungen nach Tschernobyl nachgewiesen. Die Rate der Totgeburten stieg 1986 und 1987 in den belasteten westlichen Ländern an. In Bayern wurde der erwartete Wert sogar um 45% übertroffen. Mehr Neugeborene kamen mit Chromosomenschäden, z.B. als Kinder mit Down-Syndrom auf die Welt. Allein in Bayern kam es zu 1.000 bis 3.000 zusätzlichen Fehlbildungen. In Tschechien wurden 400 zusätzliche Schilddrüsenkrebserkrankungen nachgewiesen. In Süddeutschland wurden vermehrt Tumorerkrankungen (Neuroblastom) bei Kindern nachgewiesen. Es gab einen nachweisbaren Anstieg bei Leukämieerkrankungen in Deutschland, in Griechenland, in Schottland und in Rumänien. Die Erbgutveränderungen, die bei allen radioaktiv belasteten Menschen auftreten können, werden zu Folgen bei künftigen Generationen führen, deren Umfang wir überhaupt noch nicht abschätzen können. All dieser von der Tschernobyl-Katastrophe Betroffenen gedenken wir heute. Wir legen jetzt ein paar Minuten des Schweigens ein.

(Schweigen)

Wir protestieren aber auch gegen die fortgesetzte zivile und militärische Nutzung der Atomenergie und setzen uns für eine nachhaltige Energiewende ein. Das Lebenshaus hat anlässlich des 20. Jahrestages von Tschernobyl eine Erklärung verfasst, in der es genau um diesen Protest gegen Atomkraftwerke und Atomwaffen geht, sowie für eine grundlegende Wende in der Energiepolitik.

(An dieser Stelle wird die "Erklärung für Wende in Energiepolitik erfährt große Unterstützung" vorgetragen.)

Diese Erklärung wurde mit Unterstützung von 110 Organisationen und Gruppen sowie über 600 einzelne Menschen aus ganz Deutschland am Samstag in der taz und heute in der FR veröffentlicht.

Getragen wird die Erklärung von einem breiten Spektrum teils prominenter Menschen aus Wissenschaft, Kunst, Politik, Kirchen, Gewerkschaften, Gesundheits- und Sozialbereich, Medien und aus den sozialen Bewegungen. Darunter befinden sich der Journalist Franz Alt, die Schriftstellerin Gudrun Pausewang, der Liedermacher Konstantin Wecker, der Psychoanalytiker Prof. Dr. Horst-Eberhard Richter, der Klimaforscher und Meteorologe Prof. Dr. Hartmut Graßl und die beiden Träger des Alternativen Nobelpreises, der Quantenphysiker Prof. Dr. Hans-Peter Dürr und der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann Scheer. Unterzeichnet haben ebenfalls 13 weitere Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, SPD und Linkspartei, sechs Europaabgeordnete sowie die SPD-Landesvorsitzende von Baden Württemberg, Ute Vogt. Unter den zahlreichen unterzeichnenden Organisationen und Gruppen befinden sich u.a. die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), attac Deutschland, der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und die Katholische Landjugendbewegung Deutschlands e.V. (KLJB) und der Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), aber auch z.B. aus dem konservativen Spektrum, die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP) und der BUNDESVERBAND CHRISTLICHE DEMOKRATEN GEGEN ATOMKRAFT (CDAK), das sind 821 Mitglieder der CDU und CSU, die sich für die Überwindung der Atomkraft einsetzen.

Diese Erklärung kann gerne weiter unterzeichnet werden (zum >> Online-Formular ).

Übrigens gibt es zum 20. Jahrestag von Tschernobyl ein großes Engagement. In der Bundesrepublik finden hunderte Gedenkveranstaltungen, Mahnwachen, Gottesdienste, Informationsveranstaltungen, Kongresse, Benefizkonzerte und Demonstrationen statt. Allein der beim Netzwerk Friedenskooperative geführte Aktionskalender nennt ca. 350 Veranstaltungen zum Thema.

Ich möchte unsere Veranstaltung beenden mit einem Text von Andrea Keferböck (Mütter gegen Atomgefahr - Freistadt, Österreich):

Am Anfang war das Erschrecken

Am Anfang war das Erschrecken.
Und die Angst.
Vor den Folgen von Tschernobyl.
Und vor dem, was noch kommen kann.
Temelín.
Was ist, wenn Temelín…
Wir müssen etwas tun.
Nicht resignieren.
Nicht klein beigeben.
Es gibt Möglichkeiten.
Alternativen zum Atomstrom.
Wir müssen aufstehen.
Gegen den Wahnsinn.
Gegen profitgierige Konzerne, denen das Leben egal ist.
Viele müssen es sein, die aufstehen.
Der Weg zu den Vielen ist das Wort.
Gesprochen, geschrieben.
Bücher.
Themen:
Atomgefahren.
Alternativenergien.
Umweltschutz.
Bücher zur Umkehr.
Zur Besinnung.
Zur Rettung der Erde, die uns alle trägt.
Ihr habt sie in den Händen.
Lest!
Laßt euch erschrecken.
Aufrütteln.
Erschüttern.
Auswege zeigen.
Ermutigen, Schritte zu setzen.
Schritte in die richtige Richtung.
Gemeinsam.
Wir alle.

Andrea Keferböck ( Mütter gegen Atomgefahr - Freistadt, Österreich)

Herzlichen Dank für Eure Aufmerksamkeit und für Eure Teilnahme an dieser Veranstaltung!

Veröffentlicht am

04. Mai 2006

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