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Auslaufmodell Atom

Kommentar: Eine intelligente Energiepolitik braucht Taten, keine Lyrik

Von Hiltrud Breyer

Pünktlich zum 20. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe findet eine eigentümliche Diskussion über die "Vorteile" der Atomenergie statt. Tschernobyl war ein Wendepunkt in der Energiepolitik vieler Staaten, aber dies scheinen manche Ewiggestrige bewusst zu ignorieren. Atomenergie ist mit einem Anteil von unter sechs Prozent an der globalen Stromerzeugung auf dem absteigenden Ast - daran können auch die Versuche der Atomlobby, eine Renaissance in der Atompolitik herbei zu argumentieren, nichts ändern. Atomkraftbefürworter, die eine tabulose Diskussion über die zukünftige Energieversorgung fordern, sollten zuerst die wahren Kosten der Atomkraft - gesundheitlich wie umweltpolitisch - auf den Tisch legen.

Atomkraft ist und bleibt die gefährlichste Form der Energiegewinnung. Wiederholungen von Tschernobyl sind in Europa nicht ausgeschlossen. Noch immer sind "Hoch-Risiko-Reaktoren" in Betrieb, die zum Teil nicht nur dem Tschernobyl-Typ beängstigend ähnlich sind, sondern auch besonders bedrohliche Defizite aufweisen. Dazu gehört das AKW Temelin an der tschechisch-österreichischen Grenze. Ganz zu schweigen von den ungelösten Problemen des Strahlenmülls und der Endlagerfrage: Wir sind bereits durch 100.000 Tonnen radioaktiven Müll belastet, und dieser Berg wächst erschreckend schnell. An der Auseinandersetzung über das Iranische Atomprogramm zeigt sich außerdem in aller Schärfe wie durch Plutonium in "ziviler Nutzung" die Gefahr des Proliferationsrisikos entsteht. Atomkraft insgesamt ist keine kostengünstige Alternative, denn die radioaktive Umweltverschmutzung durch zivile Nutzung und Atomwaffenprogramme verursacht weltweit Millionen von Krankheits- und Todesfällen.

Die Betreiber von nuklearen wie auch fossilen Kraftwerken müssen diese sozial- und umweltpolitische Zeche nicht zahlen - wenn ja, dann würde sich der Strompreis in der EU verdoppeln. Es ist auch ein Unding, dass noch immer Milliarden öffentlicher Mittel für den Dinosaurier Atomenergie verschwendet werden. Allein auf EU-Ebene erfährt die Atomenergie eine oft verdeckte Privilegierung über direkte und indirekte Subventionen. Für die Forschung am Auslaufmodell Atom werden von der EU zweieinhalb Mal so viel finanzielle Mittel eingesetzt wie für den Gesamtbereich der erneuerbaren Energien. Und im neuen EU-Forschungsrahmenprogramm sollen die Mittel für Atomforschung um 230 Prozent erhöht werden.

Nicht überzeugend und unverantwortlich ist auch das Argument, Kernenergie als CO2-freie Alternative sei notwendig, um den Klimawandel abzufedern. Dass wir vor gravierenden Klimaveränderungen stehen, in deren Verlauf der Meeresspiegel bis zu 80 Meter ansteigen kann, ist unbestritten. Wenn man jedoch bis Mitte des Jahrhunderts alle Kohle- und einen großen Teil der Gaskraftwerke durch Atomkraft ersetzen wollte, müsste der heutige AKW-Bestand um das Sechsfache anwachsen. Allein um zehn Prozent fossiler Energie bis 2050 zu ersetzen, sind mehr als 1.000 neue AKWs nötig. Ganz abgesehen von den Kosten garantiert dieses Szenario keine Versorgungssicherheit, denn der Vorrat von Uran wird in 40 Jahren zur Neige gehen. Die vermeintliche Renaissance der Atomenergie ist kurzsichtig und gefährlich - stattdessen müssen die Ziele einer nachhaltigen Energiepolitik endlich umgesetzt werden.

Jedoch hat es die EU-Kommission mit ihrem kürzlich vorgestellten Grünbuch sträflich versäumt, diese überfällige Energiewende einzuleiten. Klare Ziele für die Förderung von Erneuerbaren Energien und eine verbesserte Strategie zur Energieeffizienz wie auch die Senkung des Energiebedarfs im Verkehr sind noch immer nicht auf der Tagesordnung. Beim Energiesparen braucht es mehr Taten statt Lyrik. Allein in Frankreich könnten durch Sparen im Haushaltsbereich vier Atomkraftwerke ersetzt werden. Parallel dazu müssen die enormen Potenziale der Erneuerbaren Energien Solarstrahlung, Windkraft, Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft in Europa verwirklicht werden.

Die Diskussion über die angeblichen Vorteile der Atomkraft ist rückwärtsgewandt und wird ins Leere laufen. Im Übrigen wird dabei auch der Wille der europäischen Bürger ignoriert, die mehrheitlich gegen Atomenergie sind. 20 Jahre nach Tschernobyl ist der aktive Ausstieg aus der Atomkraft überfälliger denn je - statt atomaren Dinosauriern brauchen wir konkrete und verbindliche Ziele für eine nachhaltige Energiepolitik!

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 16 vom 21.04.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Hiltrud Breyer, Europaabgeordnete für Bündnis 90 / Die Grünen. Sie gehört auch zu den UnterzeichnerInnen unserer Erklärung "Für eine grundlegende Wende in der Energiepolitik" , die weiter unterschrieben werden kann.

Veröffentlicht am

27. April 2006

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