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Zahl der Wimpernschläge

Ahmadinedschads Radikalität: Auch konservativen Politikern in Teheran geht sie zu weit

Von Fahimeh Farsaie

Ex-Präsident Ali Akbar Hashemi Rafsandjani gilt als bewanderter Krisenmanager und versierter Ratgeber. Die jüngste Anekdote, die man im Iran über seine Rolle beim eskalierenden Atomkonflikt erzählt, bezeugt nicht nur seinen oft gerühmten Scharfsinn - sie lässt auch erkennen, wie er über die Atompolitik der iranischen Regierung denkt. Rafsandjani soll auf die Frage nach der Benennung einer neuen Autobahn in Teheran, für deren Bau nur sieben Monate veranschlagt sind, ohne Zögern geantwortet haben: “Nennen Sie die Trasse einfach Autobahn des Märtyrers Ahmadinedschad”. Als man ihn darauf hinwies, dass der Präsident noch lebe, meinte er: “Bis zur Eröffnung der Straße gewiss nicht mehr!” Der Witz deutet nicht nur daraufhin, dass die Kränkung des im Juni 2005 gescheiterten Präsidentenbewerbers Rafsandjani noch nicht überwunden ist. Daraus spricht wohl auch ein gewisser Dissens in der Atomfrage.

So eilte Rafsandjani, als der UN-Sicherheitsrat eingeschaltet werden sollte, zur heiligen Stadt Qom, um sich mit den dort ansässigen mächtigsten Ayatollahs zu beraten. Nach dem Treffen gab es zunächst eine Schimpftirade gegen den Westen: “Sie sind übergeschnappt, gewinnsüchtig und ungerecht. Wir tun niemandem etwas an, sie lassen uns trotzdem nicht in Ruhe!” Dann aber fügte Rafsandjani hinzu: “Obwohl wir auch zu dieser Unruhestiftung etwas beigetragen haben!” Das Geständnis weist auf eine dezente Zurückhaltung gegenüber den radikalen Auffassungen des Präsidenten, der unter anderem Israel von der Landkarte radieren will. Es war das erste Mal, dass Rafsandjani als Vorsitzender des “Rates zum Schutz der Anliegen des islamischen Staates” den Protegé des geistlichen Oberhauptes im Iran, des Ayatollahs Khamenei, in der Öffentlichkeit vorsichtig kritisierte.

Der Meinung Rafsandjanis als Obmann des höchsten Gremiums in der Hierarchie des islamischen Staates findet auch bei dessen ultrakonservativen Mitgliedern Gehör. Nicht nur, weil sie ihn als “klugen Geistlichen von internationalem Format” schätzen, sondern gleichfalls seinen Ansichten zuneigen: “Die westlichen Länder wollen, dass wir aufgeben. Das fällt uns schwer. Wenn wir aber weiter dem Druck standhalten, müssen wir auch große Verluste hinnehmen.” Der Umstand, dass neben der aggressiven Iran-Politik der USA die radikale Atompolitik der eigenen Regierung dazu beigetragen haben könnte, dass der Iran augenblicklich an einem Scheideweg steht, bestreitet kaum ein seriöser Politiker in Teheran. “Um unsere Einheit zu wahren, üben wir Kritik lieber inoffiziell”, so der Parlamentsabgeordnete Jallali, einflussreiches Mitglied des Ausschusses für Sicherheits- und Außenpolitik. “Das Atomprojekt geht unsere ganze Nation an. Die Mitglieder des iranischen Verhandlungsteams müssen deshalb so versiert sein, dass sie aus der Zahl der Wimpernschläge des Verhandlungspartners auf dessen Position schließen können.” Viele konservative Abgeordnete beanstanden allerdings die “Naivität” der iranischen Unterhändler, weil sie den “Russen und Chinesen” vertraut hätten. Präsident Ahmadinedschad nimmt seine Gesandten derweil nicht in Schutz und überhört zugleich die leisen Stimmen aus den eigenen Reihe, die an die Vernunft seiner Regierung appellieren wie der Universitätsprofessor Sadegh Tabatabai: “Wir müssen so handeln, dass unsere legitimen und rechtlich gesicherten Ziele langfristig erreicht werden können”. Adressat dieser Warnung ist nicht nur der Präsident - sie gilt ohne jeden Zweifel auch Religionsführer Ayatollah Khamenei.

Trotz mancher Differenzen und Machtkämpfe - alle Flügel des islamischen Gottesstaats verteidigen die friedliche Nutzung der Atomenergie. Der Tenor lautet: Nur so könnten langfristig die eigene energiepolitische Unabhängigkeit und Sicherheit garantiert werden. Zu Recht fühlt sich das Land dem militärischen Übergewicht der Nuklearmächte USA und Israel hoffnungslos ausgeliefert - überdies sind Nachbarn wie Pakistan und Russland gleichfalls Atomstaaten. Dieses “Sicherheitsdilemma” wäre auch für eine demokratisch säkulare Regierung kaum akzeptabel.

Das klerikale Regime in Teheran wird nicht müde zu beteuern, sein Glaube verbiete atomare Aufrüstung. Dass dem der Westen keinen Glauben schenkt, liegt vorzugsweise an einer virulenten Skepsis der USA, die ihrerseits nach dem Irak-Krieg - gerade im Mittleren Osten - als Sinnbild der Lüge wahrgenommen werden. Neben dem Nationalstolz der Iraner setzt die Regierung Ahmadinedschad auf dieses Empfinden, wenn sie im Atomstreit auf Unterstützung besteht und ihre “himmlische Berufung” betont: “Der iranische Atomstreit ist eine göttliche Prüfung. Wir hoffen, dass wir diese Prüfung hoch erhobenen Hauptes bestehen” - meinte nicht Mahmoud Ahmadinedschad, sondern der im Westen häufig als Pragmatiker beschriebene Hashemi Rafsandjani.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 07 vom 17.02.2006. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Fahimeh Farsaie und des Verlags.

Veröffentlicht am

22. Februar 2006

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