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15 Irrtümer über die Atomenergie - Teil 3: Vom Atomreaktor zur Atombombe

Kontrolle über Nutzung und Bestände von Uran und Plutonium unmöglich

Von Silva Herrmann >> Download als PDF-Datei

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat am 4. Februar 2006 beschlossen, im Streit um das Atomprogramm des Iran den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) einzuschalten. Der Iran wird verdächtigt sein ziviles Nuklearprogramm zum Bau von Atombomben zu nutzen, auch wenn die iranische Regierung dies bis jetzt verneint.

Atomreaktoren zur Waffenproduktion, Strom nur ein Nebeneffekt

Befürworter der Atomenergie halten weiterhin am fatalen Irrtum fest: Die Nutzung der Atomtechnologie zur Stromproduktion sei die eine gute Seite und die Entwicklung und Verbreitung von atomaren Waffen sei die andere schlechte Seite. Beide könne man voneinander trennen. Doch seit dem Beginn ihrer Entwicklung stand die so genannte “friedliche” Nutzung der Atomenergie in unmittelbarem Zusammenhang zur atomaren Rüstung. Sowohl für Atomkraftwerke als auch für Atombomben wird so genanntes angereichertes Material benötigt, wie es in der Natur nicht vorkommt.

Die Produktion einer Bombe mit hochangereichertem Uran ist sehr teuer und aufwändig. Allerdings gibt es einen anderen Weg zur Atombombe, basierend auf Plutonium: Während des Betriebs von Atomkraftwerken wandelt sich ein Teil des Uran in Plutonium um.

Die Reaktoren des Tschernobyl-Typs wurden extra zur Plutoniumerzeugung für den Bombenbau konstruiert, die Stromproduktion galt als Nebeneffekt.

Druckwasserreaktoren, heute am häufigsten in AKW verwendet, waren für den Antrieb von Atom-U-Booten konzipiert. Wiederaufbereitungsanlagen verfolgen immer auch einen militärischen Zweck, nämlich die Abtrennung des Atombomben-Plutoniums aus abgebrannten Brennelementen.

“Die Trennung von militärischer und friedlicher Nutzung” - ein PR-Schachzug der
Atomindustrie

1945, nach dem Schock des Abwurfs der ersten beiden Atombomben auf Japan, wollten die USA die Verbreitung der Nukleartechnologie verhindern; ebenso die Sowjetunion. Doch der Geist war aus der Flasche, Großbritannien, Frankreich und weitere Staaten waren dabei Bomben zu bauen.

1957 wurde die Internationale Atomenergiebehörde (International Atomic Agency - IAEA) als Sonderorganisation der UNO mit Sitz in Wien gegründet, um die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern. Die Atomlobby startete eine Propagandakampagne für Atomkraft, die bewusst den Zusammenhang von Atomkraftwerken und atomarer Rüstung verschleierte.

Mit dem Atomwaffensperrvertrag, der 1970 in Kraft getreten ist, wurde der Besitz von Nuklearwaffen auf die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien beschränkt.

Diese Staaten haben sich mit dem Vertrag auch zur Abrüstung bekannt. Es gibt zwar Fortschritte in der Abrüstung, aber das weltweite offiziell bekannte Atomwaffenarsenal beträgt noch immer mehr als 20.000 Sprengköpfe mit einem Vernichtungspotential, das für die Ausrottung der Menschheit genügen würde. Über die meisten Sprengköpfe verfügen die USA mit ca. 10.000. Der Atomwaffensperrvertrag beinhaltet aber auch ausdrücklich, dass die Unterzeichnerstaaten, die keine Atomwaffen besitzen, bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie unterstützt werden - worauf sich derzeit auch die iranische Regierung beruft.

Der Zusammenhang zwischen “friedlicher” und militärischer Atomkraft ließ sich nicht mehr leugnen, als die Bedrohung einer atomaren Aufrüstung in Ländern Realität wurde, die zuvor einen Atomreaktor nur “zur friedlichen Nutzung” gebaut hatten. Dem Reaktor folgte die Bombe. Indien und Pakistan sind Beispiele, die zudem in einem direkten Konflikt miteinander stehen. In den 70er Jahren bestellten sowohl Argentinien als auch Brasilien Atomkraftwerke. In beiden Ländern waren damals Militärdiktaturen an der Macht, die über den Umweg von AKW in den Besitz von spaltbarem Material und von Bombentechnologie kommen wollten. Das einzige Atomkraftwerk Afrikas befindet sich im südafrikanischen Koeberg. Auch dessen Reaktoren dienten als Einstieg für das damalige Apartheid-Regime, um in den Besitz einer Atombombe zu kommen. Im Zuge der Demokratisierung Südafrikas wurden die sechs produzierten Bomben wieder demontiert und das spaltbare Material unter Aufsicht der IAEA gestellt.

Klar ist: Die Verbreitung von Kenntnissen der Atomtechnologie zur Waffenproduktion lässt sich nicht verhindern, solange die Nutzung zur Produktion von Strom ungehemmt fortgeführt wird.

Offizielle Atommächte sind weiterhin die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien. Dazu kommen die “Faktische Atommächte” - Staaten, die entweder im Atomwaffensperrvertrag nicht als Staaten mit Atomwaffen aufgeführt oder dem Vertrag nicht beigetreten sind, aber trotzdem über Kernwaffen verfügen wie Indien, Pakistan und Israel. Auch Nordkorea hat 2005 erklärt, Atomwaffen zu besitzen.

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Staaten, die Atomkraft nutzen und ausreichend Geld und Personal einsetzen, innerhalb sehr kurzer Zeit in der Lage sind, eine Atombombe zu entwickeln. Aber auch andere Länder könnten zur Atombombe kommen - und zwar durch den illegalen Handel mit waffenfähigem Plutonium oder Uran. Dann ist die Herstellung einer Atombombe kein unüberwindbares Problem.

Verschwundene radioaktive Substanzen und schmutzige Bomben

Der Internationalen Atomenergiebehörde wurden 2004 121 Vorkommnisse von illegalem Handel mit radioaktiven Materialien gemeldet, darunter auch einer mit spaltbarem Material (hochangereichertem Uran oder Plutonium). Dieses könnte für den Bau einer Atombombe verwendet werden. Seit 1993 sind insgesamt 18 Vorfälle mit illegalem Handel von waffenfähigem Material bekannt geworden, darunter einige mit substantiellen Mengen. Wie die IAEA festhält, stecken hinter einer Vielzahl der Vorfälle kriminelle Machenschaften.

Die Vermutung liegt nahe, dass auf dem “Schwarzmarkt” ein hohes Interesse an diesem Material vorliegt. Sogar 424 Vorkommnisse mit anderen radioaktiven Substanzen wurden zwischen 1993 und 2004 gemeldet. Diese radioaktiven Substanzen können aus Atomkraftwerken, Fabriken, aber auch aus Krankenhäusern stammen. Etwa 50 dieser Vorkommnisse betreffen Substanzen und Mengen, die zwar nicht für den Bau einer Atombombe geeignet sind, aber durchaus für den Bau so genannter “Schmutziger Bomben”.

Dabei handelt es sich um einen Sprengsatz aus konventionellem Sprengstoff, dem radioaktives Material beigemischt wurde. Sicherheitsexperten befürchten Terroranschläge mit “schmutzigen Bomben”. Im Vergleich zu einer echten Atombombe besitzen diese zwar nicht deren enorme Sprengkraft, da keine Nuklearexplosion ausgelöst wird, aber Ziel ihres Einsatzes ist es, radioaktives Material über ganze Stadtteile und Landstriche zu verstreuen und diese auf lange Sicht unbewohnbar zu machen.

Oft wird das “Verschwinden” von radiaoktiven Substanzen als Buchhaltungsfehler abgetan, wie beispielsweise als fast 30 kg Plutoniums aus Sellafield nicht mehr auffindbar waren.

Die Forderungen: konsequenter Ausstieg aus der Atomtechnologie

Es gibt keine reale Trennung von militärischer und ziviler Nutzung von Atomenergie. Selbst aus AKW in Ländern, die derzeit keine Atombomben besitzen oder anstreben, kann waffenfähiges Plutonium für die Waffenproduktion abgezweigt werden. Schon allein diese Möglichkeit zeigt, wie unverantwortlich jegliche Nutzung der Atomenergie ist. Eine absolute Kontrolle über die Bestände an Uran und Plutonium ist nicht möglich. Nur der Stopp von Atomprojekten und die Stilllegung aller Atomanlagen kann das Risiko der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen vermindern.

Quelle: GLOBAL 2000 vom 13.02.2006

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Veröffentlicht am

20. Februar 2006

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