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Im Hintergrund steht das Wort Rache

Von Amira Hass, Haaretz, 08.02.2006

Die junge Frau, die in den Eckladen im Jeniner Flüchtlingslager kam, verbarg ihre Feindseligkeit nicht, als ihr gesagt wurde, dass ein israelischer Gast hier sei. Es schien sogar, es falle ihr schwer, im selben Raum mit ihm zu sitzen, als der Kaufmann ihn mit Süßigkeiten und Scherzen unterhielt, während man sich über die Parteien unterhielt, die sich an der Wahl beteiligten. Ohne Umschweife fragte die junge Frau den Gast: “Was denken Sie also über ‘Opferoperationen’?”

Es war klar, sie war an keiner Antwort interessiert, sie wollte nur eine Lektion erteilen, die ihr die passende Antwort schien. “Ein neunjähriges Mädchen zu töten, ist also in Ordnung? Und uns in unsern Häusern zu bombardieren, ist auch ok?” Was sie aber noch zorniger machte als anderes, war die Antwort, dass Rache kein Befreiungskampf sei. Der Kaufmann beschwichtigte die junge Frau: “So spricht man nicht mit einem Gast.”

Als die junge Frau wieder draußen war, sagte er: “Der Bruder der jungen Frau, ein Fatahmitglied, beging in Israel einen Angriff und wurde dabei getötet. Ein anderer Bruder wurde von den IDF getötet, als sie im April 2002 das Flüchtlingslager überfielen.

Von Rafah im Süden bis Jenin im Norden wird anstelle des Wortes “Selbstmordanschläge”
“Antwort” oder “Reaktion” verwendet. Zuweilen erklärt man im Zusammenhang mit Qassamraketen: “Wir haben das Recht, uns auch zu verteidigen”. Je ehrlicher sie zu sich sind und sich und andere nichts über die Möglichkeit zu verteidigen, vormachen, sagen sie: “Wir haben auch das Recht, andere zu erschrecken, so wie ihr uns mit eurem Beschießen und Bombardieren und mit den Lärmbomben immer erschreckt. Eure Bürger sollen sich auch bedroht fühlen.”

Es ist bei Gesprächen nicht ausdrücklich das Wort “Rache” nötig; es steht im Hintergrund und es ist klar, dass die Leute sehr klar den atavistischen und den Druck vom Familienclan verstehen. Diejenigen, die als Selbstmordbomben, mit Qassams oder einem Messer Rache üben, vertreten sie; denn sie finden so einen Weg, ihre Wut und Ohnmacht auszudrücken, die jeder einzelne oder kollektiv fühlt.

Vermutlich war es die Rache, die Ahmed Kfina am Sonntag dahin brachte, das leichteste Opfer zu finden: Kinneret Ben Shalom Hajbi, eine 58jährige Frau aus Petach Tikva. Man braucht keine Beurteilung durch Sicherheitsexperten und Orientalisten verschiedener Arten, um zu wissen, dass er nicht auf das Geheiß von anderen reagierte.

Der Versuch, Israelis zu erklären, solche Racheakte seien winzig im Vergleich zur Intensität eines israelischen Angriffes auf jede einzelne Person und auf die ganze palästinensische Gemeinschaft, ist zum Scheitern verurteilt.

Täglich greift Israel jeden Palästinenser systematisch auf verschiedene Weise an. Diese Häufung ist tödlich, auch wenn das Töten eines neunjährigen Kindes oder das Ansetzen eines Hundes auf eine alte Frau nicht zu den täglichen Ereignissen gehören. Es ist diese Häufung von Angriffen, die jeden Versuch, ein normales Leben zu führen, unmöglich macht. Es ist schon das Eingeschlossensein in die Enklaven der Westbank, die schon die normalsten Dinge des Lebens wie den Gang zur Schule, zur Arbeit, zu einem Familienbesuch unmöglich machen. Dazu kommt das weitere Enteignen von Land für Straßen und Sicherheitszäune; das tägliche Ausreißen der für den Lebensunterhalt notwendigen Bäume durch die Armee und die Beschimpfung durch sie; das Verbot der Armee - aus Sicherheitsgründen - Land zu bearbeiten oder auf ihm Vieh weiden zu lassen; die Überfälle ins Haus mitten in der Nacht, wovon Israelis selten etwas hören; die Stunden des Wartens an den Checkpoints; die erschreckten Kinder, die gezielten Waffen …

Der persönliche Drang nach Rache und das Verständnis, das Leute für die Racheausübenden haben, wird intensiver, je klarer wird, dass es keinen gemeinsamen Plan gegen die Besatzung gibt und je deutlicher wird, dass die palästinensischen Organisationen und ihre Führungen es versäumen, ihr Volk aus der israelischen Kontrolle herauszuführen.

Der individuelle Rächer braucht nicht wie politische Organisationen die Auswirkungen seiner Taten auf die versäumten palästinensischen Ambitionen nach Unabhängigkeit berücksichtigen. Der Rächer “löst” seine eigene persönliche Krise. Deshalb sollte man von einem persönlichen Rächer nicht erwarten, er wolle wissen, ob sein Racheakt Israelis etwas über die Motive lehrt, die sie ihm zur Rache liefern. Im Gegenteil, es stärkt unter Israelis nur das Gefühl des Opferseins - und ihre natürliche Tendenz, über die Besatzung besser nichts zu wissen.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

14. Februar 2006

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