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Das Problem mit der Demokratie

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 01.02.2006

Samstag, 28. Januar 2006: Horror über Horror, die Palästinenser haben die falsche Partei an die Macht gewählt!

Oh nein! Bitte nicht noch mehr Demokratie! Haben wir den Algeriern nicht schon 1990 die Demokratie gebracht? Und haben uns die Algerier nicht mit einem netten Geschenk belohnt, mit einer Islamistenregierung? Freundlicherweise haben sie daraufhin die zweite Wahlrunde gecancelt. Gott sei dank!

Stimmt, die Afghanen haben tatsächlich gewählt. Leider zählen zu den gewählten Repräsentanten dieser Runde auch einige Warlords und Killer. Die Iraker wählten 2005 in Bagdad die Dawa-Partei an die Macht. Diese Partei war in den 80ern in Beirut verantwortlich für die meisten Entführungen von Westlern, sie war verantwortlich für das Autobombenattentat auf den (mittlerweile verstorbenen) Emir von Kuwait sowie für Anschläge auf die französische und amerikanische Botschaft in Kuwait - bloß kein Wort zu Washington.

Und nun - Horror über Horror - haben die Palästinenser also die falsche Partei an die Macht gewählt. Dabei hatte man von den Palästinensern erwartet, dass sie ihre Stimme der freundlichen, korrupten, prowestlichen und absolut proamerikanischen Fatah geben, die versprochen hatte, die Palästinenser zu “kontrollieren” - jedenfalls sollten sie ihre Stimme nicht der Hamas geben, die versprach, die Palästinenser zu repräsentieren. Bingo - wieder die Falschen gewählt.

Resultat: 76 von 132 Sitzen gingen an Hamas. Das dürfte es so ziemlich gewesen sein. Gottverdammte Demokratie! Was soll man mit Leuten machen, die einfach nicht das wählen, was sie sollen?

In den 30er Jahren ließen die Briten Ägypter einsperren, die sich gegen die Regierung von König Farouk wandten. So wurde das Fundament für die folgenden antidemokratischen Herrschaftsstrukturen in Ägypten gelegt. Die Franzosen ließen die libanesische Regierung einsperren, die das Gleiche verlangte. Dann verließen die Franzosen den Libanon. Aber haben wir von arabischen Regierungen nicht immer erwartet, dass sie weiter tun, wie befohlen? Ja.

Heute erwarten wir von den Syrern, dass sie sich benehmen. Die Iraner sollen sich unseren atomaren Vorstellungen beugen (auch wenn sie gar nichts Illegales getan haben). Die Koreaner sollen ihre (atomaren) Waffen abgeben (sie haben welche, also kann man sie nicht angreifen).

Die Macht der Verantwortung möge schwer lasten auf der Hamas. Die Verantwortung der Menschen ebenso. Wir Briten haben uns nie auf Gespräche mit der IRA eingelassen - oder der EOKA (Zypern) oder der Mau-Mau (Kenia). Aber an irgendeinem Punkt war es dann so weit, dass Gerry Adams von der IRA, Erzbischof Makarios (Zypern) und Jomo Kenyatta (Kenia) mit unserer Queen Tee tranken. Natürlich haben die Amerikaner nie mit ihren vietnamesischen Feinden gesprochen - aber irgendwann eben doch, in Paris.

Nein, Al Kaida würde das nie tun - aber die irakischen Führer des Aufstands in Mesopotamien schon. 1920 ließen sich solche Führer auf Gespräche mit den Briten ein, 2006 lassen sie sich auf Gespräche mit den Amerikanern ein.

1983 führte Hamas Gespräche mit Israel. Man sprach ganz direkt mit den Israelis - über religiösen Unterricht, über die Ausbreitung der Moscheen. Die israelische Armee brüstete sich auf der Titelseite der Jerusalem Post damit. Damals sah es so aus, als würde sich die PLO nicht auf die Oslo-Resolutionen einlassen. Man schien nichts Falsches darin zu sehen, die Gespräche mit Hamas fortzusetzen. Warum soll es heute also unmöglich sein, mit Hamas zu reden?

Kurz nachdem die Führung der Hamas nach Südlibanon rausgeworfen wurde, hörte ein führendes Mitglied der Organisation zufällig mit, wie ich sagte, ich sei auf dem Weg nach Israel.

“Rufen Sie besser Schimon Peres an”, riet er mir, “hier seine Privatnummer”. Die Nummer stimmte tatsächlich. Für mich der Beweis, dass hochrangige israelische Politiker in Gesprächskontakt mit hochrangigen Mitgliedern selbst der extremistischsten Bewegungen der Palästinenser standen.

Die Israelis kennen die Hamas-Führung gut - und umgekehrt. Wir Journalisten können nichts Gegenteiliges vermelden. Aus unseren Feinden werden unweigerlich unsere größten Freunde - wie aus Freunden traurigerweise oft Feinde.

Was für eine furchtbare Gleichung. Dazu muss man sich aber die Geschichte der eigenen Väter ansehen. Mein Vater kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er hinterließ mir eine Landkarte, auf der die Herrschaftsgebiete der Briten und der Franzosen im Nahen/Mittleren Osten eingetragen waren. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner versucht, diese Herrschaft (laut Landkarte) anzutreten. Vergeblich, sie sind gescheitert. Seither lastet auf uns der Fluch, die Herrschaft wiederaufzunehmen.

Schrecklich, mit jenen reden zu müssen, die unsere Söhne getötet haben. Unbeschreiblich das Gefühl, mit jenen Kontakt zu pflegen, an deren Händen das Blut unserer Brüder klebt. So werden die Amerikaner, die (im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg) an die Unabhängigkeit glaubten, über die Engländer gedacht haben, die auf sie feuerten.

Um Al Kaida werden sich die Iraker selber kümmern müssen. Diese Last bleibt ihnen - nicht uns. Aber im Laufe der Geschichte haben wir am Schluss immer mit unseren Feinden geredet. Mit dem Kaiser von Japan, zum Beispiel. Schließlich mussten wir auch die Kapitulation des Deutschen Reichs aus den Händen von Hitlers Nachfolger akzeptieren. Heute treiben wir mit den Japanern, den Italienern und Deutschen ganz unbefangen Handel.

Der Nahe/Mittlere Osten war nie der Nachfolger des Dritten Reiches (Nazi-Deutschland) oder des faschistischen Italien - welchen Blödsinn Bush und Blair auch immer von sich geben. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir die Last des titanischsten aller Kriege (Zweiter Weltkrieg) abwerfen können und unsere Zukunft nicht in der Vergangenheit suchen sondern in der Wirklichkeit?

In einer Zeit, in der Regierungen nicht mehr aus Frauen und Männern bestehen, die den Krieg noch selbst miterlebt haben, muss man das Volk mit anderem Verständnis führen - mit einem Verständnis dafür, was Krieg eigentlich ist. Krieg ist etwas anderes als Hollywood, etwas anderes als ein Dokumentarfilm. Und Demokratie bedeutet wahre Freiheit - Freiheit nicht nur für jene, von denen wir wünschen, dass sie an die Macht gewählt werden.

Genau darin liegt jedoch das Problem im Nahen/Mittleren Osten.

Quelle: ZNet Deutschland vom 06.02.2006. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: The problem with democracy

Veröffentlicht am

07. Februar 2006

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