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Mahatma Gandhi - eine Herausforderung für Christen

Von Wolfgang Sternstein

Ich möchte mit meinem Vortrag an ein aktuelles Thema der Weltpolitik anknüpfen: dem Terrorismus und dem Krieg, den die USA dem Terrorismus erklärt haben.

Wie Sie sicherlich gehört haben, sind viele Terroristen Anhänger eines fundamentalistischen Islam. Das gilt insbesondere für Selbstmordattentäter. Sie glauben, sie würden unmittelbar nach ihrem “Märtyrertod” ins Paradies versetzt, wo sie himmlische und durchaus auch irdische Freuden genießen. Ich habe das Wort Märtyrertod ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil meiner Ansicht nach ein Märtyrer eine Person ist, die für ihren Glauben stirbt, nicht aber eine Person, die für ihren Glauben tötet und stirbt. Meines Erachtens handelt es sich bei den Selbstmordattentätern und anderen Terroristen um Mörder und folglich um Verbrecher. Den größten Fehler, den man überhaupt machen konnte, hat die amerikanische Regierung unter George W. Bush gemacht, als sie den Terroristen und ihren Hintermännern den Krieg erklärte und sie damit praktisch zur Kriegspartei adelte. Gegen Verbrecher führt man keinen Krieg. Sie gehören gefangen genommen, vor Gericht gestellt und verurteilt, soweit man ihrer habhaft werden kann, was bei Selbstmordattentätern naturgemäß schwierig ist.

Fundamentalismus gibt es aber nicht nur im Islam. Es gibt ihn auch im Christentum und im Judentum. Präsident Bush verdankt seinen Wahlsieg nicht allein den üppigen Spendengeldern der Rüstungs- und Ölindustrie, sondern auch der in den USA sehr starken evangelikalen Bewegung, die über rund 60 Millionen Wählerstimmen verfügen soll und somit wahlentscheidend ist.

Wie so oft, werden Kriegsparteien im Laufe der Auseinandersetzung einander immer ähnlicher. Deshalb kann man mit einigem Recht von einer Art “Staatsterrorismus” auf Seiten der USA und ihrer Verbündeten sprechen (Stichworte: Guantanamo, Abu Ghreib, die CIA-Flüge über deutsches Territorium sowie der völkerrechtswidrige Krieg gegen Irak). Unbestritten ist jedenfalls, dass die Zahl der zivilen Opfer des “Krieges gegen den Terrorismus” mittlerweile die Opfer des 11. September um ein Vielfaches übertreffen, von den gefallenen Soldaten ganz zu schweigen.

Was mich betrifft, so lehne ich Gewalt und Zwang im Namen der Religion oder im Namen Gottes entschieden ab, gleichgültig, von welcher Konfliktpartei sie angewandt wird. Wer im Namen Gottes Gewalt anwendet, lästert Gott. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Bibel von Anfang bis Ende durchzulesen und ich habe mit Entsetzen festgestellt, über wieviel Gewalt im Namen Gottes in dieser “Heiligen Schrift” berichtet wird, ganz abgesehen davon, wie oft darin von einem eifernden, eifersüchtigen, gewalttätigen, drohenden, strafenden, richtenden und vernichtenden Gott die Rede ist, vornehmlich im Alten Testament, aber auch das Neue ist nicht ganz frei davon (Offenbarung des Johannes).

Damit bin ich beim Pulverfass Naher und Mittlerer Osten: Drei Religionen streiten sich um das “Heilige Land”, jenen winzigen Flecken Erde an der Ostküste des Mittelmeeres. Um Palästina tobt schon seit Jahrtausenden der Streit der Religionen, gegenwärtig hauptsächlich zwischen Juden und Palästinensern. Doch ohne die massive Unterstützung durch die Juden und Christen in den USA wäre der Staat Israel gar nicht lebensfähig.

Palästina ist der Zankapfel der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn wir die Vergangenheit einbeziehen. Denken Sie nur an die Kreuzzüge im 12. und 13. Jahrhundert. In fundamentalistischen Kreisen des Islam wirkt das bis heute als ein schweres Trauma nach, so wie umgekehrt die militärische Expansion des Islam mitverantwortlich ist für das tiefsitzende Ressentiment gegenüber dieser Religion. Ursache für die zahlreichen Kriege zwischen den Religionen und Konfessionen (z.B. Dreißigjähriger Krieg) ist nicht zuletzt der absolute Wahrheitsanspruch des Judentums, Christentums und Islam. Sie sind ja alle drei nahe verwandt. Man nennt sie auch abrahamische Religionen, weil sie sich alle drei auf den Stammvater Abraham berufen.

Wenn von drei Religionen jede behauptet, die absolut wahre zu sein, so ergibt sich daraus ein Problem: Welche von ihnen ist denn nun die wahre? Sind alle drei wahr oder ist keine von ihnen wahr, weil es überhaupt keine religiöse Wahrheit gibt? Das Problem ist alt. Es hat schon den deutschen Dichter und Aufklärer Gotthold Ephrahim Lessing beschäftigt. Er schrieb 1779 ein Theaterstück mit dem Titel Nathan der Weise. Darin findet sich die berühmte Ringparabel. Ich kann sie hier nur kurz skizzieren:

Vor Zeiten lebte ein Mann, der einen Ring sein eigen nannte mit einem Stein, der die wundersame Kraft besaß, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug. Der Ring wurde von Generation zu Generation weiter vererbt und wer ihn besaß, war kraft des Rings der Herr des Hauses. Schließlich kam der Ring auf einen Vater von drei Söhnen, die er alle gleichermaßen liebte und von denen er jedem die fromme Schwachheit hatte, den Ring zu versprechen, wenn er mit ihm allein war. Schließlich kam’s zum Sterben. Wem von den drei Söhnen sollte nun der Ring gehören? In seiner Bedrängnis schickte der Vater einen Boten zu einem Goldschmied und ließ ihn zwei weitere Ringe machen, dem echten so ähnlich, dass sie nicht zu unterscheiden wären. Das gelang so gut, dass der Vater selbst den echten Ring nicht mehr erkannte. Er ließ jeden seiner Söhne getrennt zu sich rufen, gab jedem seinen Ring und starb. Nachdem der Vater begraben war, kam jeder der Söhne mit seinem Ring und beanspruchte, der Herr des Hauses zu sein. Es kommt zum Streit zwischen ihnen. Sie ziehen vor Gericht. Der Richter aber sagt: Solange ihr mir keine Zeugen schafft, der bezeugen kann, welches der echte Ring, kann ich kein Urteil sprechen. Doch halt, ich höre ja, der echte Ring soll die Kraft besitzen, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Nun, sagt an, wen lieben zwei von euch am meisten? Ihr schweigt? So wirkt die Kraft der Ringe nur auf euch zurück? Nun denn, ich kann in diesem Fall kein Urteil sprechen. Wenn ihr aber stattdessen meinen Rat hören wollt, so sage ich euch:

“Ihr nehmt die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich, dass der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiss,
Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
Zu legen, komme dieser Kraft mit Sanftmut
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hilf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend, tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein
Weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.”

Nathan der Weise ist ein hinreißendes Plädoyer für religiöse Toleranz und Humanität. Die drei Ringe stehen symbolisch für die drei Religionen, von denen jede den Anspruch erhebt, die wahre Religion zu sein, den echten Ring zu besitzen. Lessing löst das Problem des absoluten Wahrheitsanspruchs, indem er Nathan sagen lässt: Es kommt nicht auf den Streit und Hader der Theologen an, sondern auf den gelebten Glauben in Gestalt der Gottes- und Menschenliebe, ich könnte auch sagen, der Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe.

Gandhi denkt ähnlich wie Lessing. Auch er tritt leidenschaftlich für religiöse Toleranz ein. Hier einige Zitate, die das belegen:

“Alle Religionen sind verschiedene Straßen, die alle am selben Punkt zusammenkommen. Es spielt keine Rolle, wenn wir auf verschiedenen Straßen wandeln, denn zuletzt erreichen wir alle das selbe Ziel. Tatsächlich gibt es so viele Religionen wie es Menschen gibt.”

“Alle Religionen sind Geschenke Gottes, aber sie tragen auch ihren Anteil menschlicher Unvollkommenheit in sich, eben weil sie von Menschen vermittelt werden. Die von Gott gegebene Religion ist jenseits dessen, was die Sprache ausdrücken kann. Die Menschen aber in ihrer Unvollkommenheit drücken die Religion in der Sprache aus, die ihnen zu Gebote steht, und ihre Worte werden wieder von anderen Menschen interpretiert, die auch unvollkommen sind. Wessen Interpretation ist dann die richtige? Ein jeder hat von seinem Standpunkt aus recht, aber es ist auch nicht unmöglich, dass ein jeder unrecht hat.

Daher kommt die Notwendigkeit der Toleranz, die nicht Gleichgültigkeit dem eigenen Glauben gegenüber bedeutet, sondern einfach eine intelligentere und reinere Liebe für denselben ist. Toleranz gibt uns eine geistige Einstellung, die so weit von der Finsternis entfernt ist, wie der Nordpol vom Südpol. Das wahre Wissen um die Religion zerbricht die Barrieren zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen und erzeugt Toleranz. Wenn wir anderen Glaubensrichtungen gegenüber Toleranz üben, so erwächst uns daraus ein besseres Verständnis unserer eigenen.”

Im Gegensatz zu den abrahamischen Religionen erheben die asiatischen Religionen Hinduismus und Buddhismus keinen absoluten Wahrheitsanspruch. Sie sind anderen Religionen gegenüber tolerant. Das gilt selbstverständlich auch für Gandhi. Damit will ich nicht sagen, es gäbe für Gandhi keine absolute Wahrheit. Ganz im Gegenteil, es gibt sie, aber sie entzieht sich der Wahrnehmung durch die Sinne und der Erkenntnis durch den Verstand. Die absolute Wahrheit ist Gott. Tritt diese absolute Wahrheit in unsere Welt ein, wird sie relativ. Umgekehrt gilt: Wir Menschen können uns der absoluten Wahrheit, solange wir leben, nur annähern, indem wir uns in unserem täglichen Leben von der Liebe leiten lassen, und zwar von der Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe. Daraus folgt: es gibt in dieser Welt nur relative Wahrheit, keine absolute. Das Christusdogma aber behauptet, die absolute Wahrheit, die Gott ist, sei in Jesus von Nazareth Mensch geworden: Wahrer Mensch und wahrer Gott, d.h. ganz Mensch und ganz Gott. Gandhi lehnt dieses Dogma, das ja wiederum Bestandteil des Trinitätsdogmas ist, ab.

Dazu ein Zitat. Zunächst ein paar Worte zu der Situation, in der es entstand. Gandhi sitzt im Jahre 1924 im Gefängnis, nachdem er wegen seines gewaltfreien Widerstands gegen das britische Kolonialregime in Indien zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war. Er nutzt die Zeit für das Studium der Religionen:

“Ganz besonders aufmerksam erwiesen sich viele meiner christlichen Freunde. Aus Amerika, England und Indien schickten sie mir Bücher zu. Wenn ich auch ihre Freundlichkeit anerkenne, muss ich doch sagen, dass ich den meisten der Bücher, die sie mir zusandten, nicht zustimmen kann. Wie gerne wollte ich ihnen über ihre Gaben etwas sagen, das sie freuen könnte! Da ich aber anders empfinde, müsste ich heucheln. Die christlichen Bücher orthodoxer Richtung gewähren mir nicht die geringste Befriedigung. Meine Zuneigung zu Jesus ist wirklich groß. Seine Lehre, seine Einsicht und sein Opfertod bewegen mich zur Verehrung. Aber ich muss die orthodoxe Lehre, dass Jesus eine Inkarnation Gottes im feststehenden Sinne des Wortes gewesen oder dass er der einzige Sohn Gottes ist, ablehnen. Ich glaube auch nicht an die Lehre von der Übertragbarkeit der überschüssigen Verdienste. Sein Opfertod ist Vorbild und Beispiel für uns. Jeder von uns muss sich um seines Heiles willen kreuzigen lassen. Ich kann die Ausdrücke ‘Gott Sohn’, ‘Gott Vater’ und ‘Gott Heiliger Geist’ nicht buchstäblich nehmen. Es sind alles bildhafte Ausdrücke. Ebensowenig kann ich die Einschränkungen gutheißen, die der Bergpredigt gegenüber geltend gemacht werden. Ich finde im Neuen Testament keine Rechtfertigung des Krieges. In meinen Augen ist Jesus einer der größten Propheten und Lehrer, die der Welt je gegeben worden sind. Dass ich in der Bibel keinen unfehlbaren Bericht vom Leben Jesu sehe, brauche ich wohl nicht besonders hervorzuheben. Ebensowenig halte ich jedes Wort im Neuen Testament für ein Wort Gottes. Zwischen dem Alten und dem Neuen Testament besteht ein fundamentaler Unterschied. Mag auch das Alte Testament einige sehr tiefe Wahrheiten enthalten, so kann ich ihm doch nicht die gleiche Verehrung entgegenbringen wie dem Neuen Testament. Dieses betrachte ich als eine Erweiterung der Lehren des Alten, ja in einigen Dingen als eine Verwerfung dieser Lehre. Aber auch im Neuen Testament vermag ich nicht die letzte Botschaft Gottes zu erblicken. Die religiösen Ideen sind, wie alles andere auf Erden, dem Gesetz der Entwicklung unterworfen. Gott allein ist unwandelbar; da aber seine Lehre verkündigt wird durch den unvollkommenen Mittler Mensch, wird sie immer entstellt, mehr oder weniger, je nach der Reinheit des Mittlers. Ich möchte daher meine christlichen Freunde herzlich bitten, mich zu nehmen, wie ich nun einmal bin. Ich achte ihren Wunsch, dass ich denken und handeln sollte wie sie selber, und lasse ihn gelten, wie ich den gleichen Wunsch achte und gelten lasse, den die Mohammedaner mir gegenüber äußern. Beide Religionen sind für mich so wahr wie meine eigene. Meine eigene aber stillt alle meine inneren Bedürfnisse. Sie bietet mir alles, dessen ich zu meiner inneren Entfaltung bedarf. Sie lehrt mich beten, andere möchten sich zur Fülle ihres Wesens in ihrer eigenen Religion entfalten, nicht aber, andere möchten glauben, was ich selber glaube. So bete ich denn für einen Christen, dass er ein besserer Christ, für einen Mohammedaner, dass er ein besserer Mohammedaner werden möge. Ich bin überzeugt, dass Gott dereinst nach dem fragen wird, dass Gott heute schon nach dem fragt, was wir sind, also was wir tun, nicht nach dem Namen, den wir uns beilegen. Bei ihm ist Tun alles, Glauben ohne Tun nichts. Bei ihm ist Tun Glauben und Glauben Tun.”

Der absolute Wahrheitsanspruch, den die abrahamischen Religionen jeweils für sich erheben, hat unabsehbares Unglück über die Welt gebracht, denn soviel ist klar: Wenn ich behaupte, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, dann sind alle, die etwas anderes glauben und lehren, in der Unwahrheit. Das gilt für die Anhänger anderer Religionen ebenso, wie für die anderer Konfessionen und Glaubensgemeinschaften. Insonderheit hat sich die Katholische Kirche in der blutigen Verfolgung Andersgläubiger und Andersdenkender hervorgetan. Doch waren die Protestanten nur wenig besser. Der berühmte Theologe Karl Barth verstieg sich sogar zu folgender Behauptung:

“Was die Neuzeit Toleranz nennt, kann … keinen Raum mehr haben. Neben Gott gibt es nur seine Geschöpfe oder eben falsche Götter und also neben dem Glauben an ihn Religionen nur als Religionen des Aberglaubens, des Irrglaubens und letztlich des Unglaubens.” (Der späte Barth war offenbar nicht mehr ganz so intolerant, doch weist schon der Titel seines Hauptwerkes “Kirchliche Dogmatik” darauf hin, dass er an der absoluten Geltung der Dogmen festhielt.)

Das könnte ein islamistischer oder jüdischer Fundamentalist jeweils über seine Religion nicht besser sagen. Wer einen absoluten Wahrheitsanspruch für seine Religion erhebt, öffnet damit eine Büchse der Pandora, aus der, wenn nicht alles, so doch viel Unheil dieser Welt quillt. Nur wenn wir diesen Anspruch aufgeben und uns mit Andersgläubigen gemeinsam auf die Suche nach der Wahrheit machen in dem Sinne, wie Lessing und Gandhi es beschrieben haben, schaffen wir eine tragfähige Basis für den interreligiösen und interkonfessionellen Dialog.

Lassen Sie mich mit einem weiteren Gandhitext schließen, in dem er sich nachdrücklich gegen Mission im Sinne einer Bekehrung Andersgläubiger zur eigenen Religion ausspricht:

“Jesus nimmt in meinem Herzen den Platz eines großen Menschheitslehrers ein, die mein Leben beträchtlich beeinflusst haben. Ich sage den Hindus, dass ihr Leben unvollkommen sein wird, wenn sie nicht auch ehrfürchtig die Lehre Jesu studieren. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass, wer die Lehren anderer Religionen ehrfürchtig studiert - ganz gleich, zu welchem Glauben er sich selbst bekennt -, sein Herz weitet und nicht verengt. Ich betrachte keine der großen Religionen der Menschheit als falsch. Alle haben sie die Menschheit bereichert. Eine großzügige Erziehung sollte ein ehrfürchtiges Studium aller Religionen miteinschließen.

Die Botschaft Jesu ist in der Bergpredigt enthalten, ganz und unverfälscht… Wenn nur die Bergpredigt und meine eigene Auslegung davon vor mir läge, würde ich nicht zögern zu sagen: ‘Ja ich bin ein Christ’. Aber ich weiß, dass ich mich in dem Augenblick, in dem ich so etwas sage, den gröbsten Missverständnissen aussetzen werde. Negativ kann ich euch sagen, dass meiner Meinung nach vieles, was als Christentum gilt, eine Verleugnung der Bergpredigt ist. Bitte, achtet sorgfältig auf meine Worte. Ich spreche in diesem Augenblick nicht von christlichem Verhalten im Einzelnen, ich spreche vom christlichen Glauben, vom Christentum, wie es im Westen verstanden wird. Ich bin mir schmerzlich der Tatsache bewusst, dass das Verhalten überall weit hinter dem Glauben zurückbleibt. Ich kritisiere darum nicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass mein Verhalten hinter meinen Prinzipien zurückbleibt, obwohl ich mich jeden Augenblick bemühe, nach meinen Grundsätzen zu leben. Aber ich lege euch meine grundlegenden Probleme vor in bezug auf die Erscheinung des Christentums in der Welt und die Formulierung des christlichen Glaubens.

Ein Text hat mich immer wieder ergriffen, schon von meinen ersten Zeiten her, als ich die Bibel las: ‘Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazu gegeben werden.’ Ich sage euch, wenn ihr diesen Absatz versteht, bewahrt und in seinem Geiste handelt, dann braucht ihr nicht einmal zu wissen, welchen Platz Jesus oder irgendein anderer Lehrer in eurem oder meinem Herzen einnimmt. Wenn ihr diese moralische Straßenkehrerarbeit tut, euer Herz reinigt und bereit macht, dann werdet ihr finden, dass alle diese machtvollen Lehrer ihren Platz in uns einnehmen, ohne dass wir sie einladen. Das ist meiner Meinung nach die Grundlage aller echten Bildung. Die Kultur des Verstandes muss der Kultur des Herzens dienen. Möge Gott euch helfen, rein zu werden.

Ich behaupte, ein Mann des Glaubens und des Gebetes zu sein, und wenn ich auch in Stücke gehackt würde, ich glaube, dass mir Gott die Stärke geben würde, ihn nicht zu verleugnen, sondern zu sagen, dass er ist. - Es ist wahr, dass jeder von uns seine eigene Interpretation von ‘Gott’ hat. Das ist notwendig so, da Gott nicht nur diesen unseren winzigen Erdball umfasst, sondern Millionen und Milliarden solcher Erdkugeln, und Welten über Welten. - Obwohl wir also dieselben Worte über Gott sagen mögen, müssen sie doch nicht dieselbe Bedeutung haben. Was tut das schon? Wir brauchen nicht zu proselytieren - weder durch unser Reden noch durch unser Schreiben. Wir können es nur durch unser Leben tun. Unser Leben soll ein offenes Buch sein, für alle zum Lesen aufgeschlagen. - Wenn ich nur meine Missionarsfreunde überreden könnte, ihre Mission so anzusehen. Dann gäbe es kein Misstrauen, keinen Verdacht, keine Eifersucht und keine Unstimmigkeit zwischen uns in diesen religiösen Angelegenheiten, sondern nur Harmonie und Frieden. Wir in Indien sind der missionarischen Institution gegenüber, die uns vom Westen erreicht hat, misstrauisch geworden wegen ihrer westlichen äußeren Erscheinung. - Verwechselt nicht das, was Jesus gelehrt hat, mit dem, was als moderne Zivilisation gilt. Ich frage euch, die ihr Missionare seid - tut ihr nicht unbewusst den Leuten, mit denen ihr lebt, Gewalt an? Ich versichere euch, es gehört nicht zu eurer Berufung, die Menschen des Ostens zu entwurzeln. Toleriert, was immer sie Gutes haben. Trotz eures Glaubens an die Größe der westlichen Zivilisation und trotz eures Stolzes auf diese Errungenschaften bitte ich euch, bescheiden zu sein. Ich bitte euch, lasst etwas Platz für ehrlichen Zweifel. Lasst jeden von uns sein eigenes Leben leben; und wenn wir das rechte Leben leben, warum die Eile?

Trinkt tief von dem Brunnen, der euch in der Bergpredigt gegeben ist - aber dann müsst ihr auch in Sack und Asche Buße tun für euer Versagen bei der Ausführung dessen, was in der Predigt Jesu gelehrt wird. Die Lehre der Bergpredigt ist für uns alle. Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen.”

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Veröffentlicht am

25. Januar 2006

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