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Afrika ist überall - Aufstand der Überflüssigen am Rande von Europas Metropolen

Von Ulrich Beck

Was geschieht mit denen, die von der schönen neuen Welt der Globalisierung ausgeschlossen werden? Das ist eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts. Die wirtschaftliche Globalisierung hat zu einer quer zu nationalen Grenzen sich vollziehenden Spaltung der Welt geführt, wobei hoch industrialisierte Zentren schnellen Wachstums neben unproduktiven Wüsten entstehen - und zwar nicht nur “da draußen” in Afrika, sondern eben auch in New York, Paris, Rom, Madrid und Berlin. Afrika ist überall. Es ist zum Symbol für Ausschluss geworden.

Im Nachtschatten wirtschaftlicher Globalisierung geraten immer mehr Menschen in eine Lage auswegloser Hoffnungslosigkeit, deren Schlüsselmerkmal es ist - es stockt der Atem -, dass diese Menschen schlicht nicht gebraucht werden. Sie bilden keine “Reservearmee” (wie Marx dies nannte), die den Preis der menschlichen Arbeitskraft drückt. Die Wirtschaft kann auch ohne ihren Beitrag wachsen. Die Regierenden können auch ohne ihre Stimmen gewählt werden. Die “überflüssigen” Jugendlichen, die französischen Kinder afrikanischer und arabischer Einwanderer, die in den Banlieues am Rande der großen Metropolen ein perspektivloses Dasein fristen, sind Bürger nur auf dem Papier. Tatsächlich jedoch sind sie Nicht-Bürger und damit eine lebende Anklage aller übrigen. Sie fallen auch aus der Vorstellungswelt der Arbeiterbewegung heraus. Sie wenden sich in erster Linie gegen Rassismus, gegen die Verletzung ihrer Würde als “andere” Franzosen, gegen ihre Randexistenz im Aus der Vorstädte.

In Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern glaubt man geradezu obsessiv daran, dass die Ursachen für die Gewaltbereitschaft der randalierenden Migranten-Jugend in der traditionalen Herkunftskultur der Einwanderer zu finden sind. Empirische Studien der auf diese Fragen bestens vorbereiteten Soziologie belegen das Gegenteil: Es ist nicht die fehlende Integration, sondern die gelungene Integration, genauer: der Widerspruch von kultureller Assimilation und sozialer Ausgrenzung dieser Jugendlichen, aus dem sich ihr Hass und ihre Gewaltbereitschaft speisen. Handelt es sich doch gerade nicht um Einwanderer, die ihrer Herkunftskultur verhaftet sind, sondern um Jugendliche, die einen französischen Pass haben, perfekt Französisch sprechen und das französische Schulsystem durchlaufen haben - gleichzeitig aber von der französischen Gesellschaft am Rande der Großstädte territorial ausgegrenzt werden.

Diese assimilierten Jugendlichen, deren Eltern zugewandert waren, unterscheiden sich in ihren Wünschen und Einstellungen kaum von den gleichaltrigen Gruppen des Einwanderungslandes; im Gegenteil: Sie stehen ihnen besonders nahe. Eben daran bemessen ist der Rassismus der Ausgrenzung für diese sehr heterogenen Jugendgruppen so entsetzlich bitter, und für alle übrigen so skandalös. Der unschuldige Rassismus der falschen Begriffe ist so selbstverständlich, dass ihn keiner bemerkt. Man spricht von Einwanderern und verschweigt, dass es Franzosen sind. Man nimmt den Islam ins Visier und verkennt, dass viele der Brandstifter auf Religion pfeifen. Man beschwört das Primat der Herkunft und will nicht wahrhaben, dass es das “Hier-aufgewachsen-Sein”, die erfolgreiche Assimilation, genau die verinnerlichte Egalite ist, aus der die Flammen emporschlagen.

Man kann es paradox formulieren: Mangelnde Integration der Elterngeneration entschärft, gelungene Integration der Kindergeneration verschärft die Probleme und Konflikte. Die Eltern der randalierenden Jugendlichen, die aus Nordafrika eingewandert waren und ihrem Herkunftsmilieu verbunden blieben, bemaßen ihre mangelhafte Integration und offene Diskriminierung an dem Aufstieg, den sie dennoch erfahren haben.

Sie fanden sich so mit ihrem Außenseiter- und Ausgrenzungsschicksal eher ab als ihre Kinder, die den Kontakt zum afrikanischen Herkunftsmilieu verloren haben und sich nun, in ihrer französischen Würde verletzt, ihre eigene Folklore der “französischen Intifada” basteln. Dementsprechend beschreiben die jugendlichen Akteure der Vorstadtrevolte ihre Lage mit den Begriffen Würde, Menschenrechte und Ausgrenzung. Bemerkenswerterweise beziehen sie sich aber, obwohl arbeitslos, keineswegs auf die Arbeit.

Die Eliten in Wirtschaft und Politik sind nicht abzubringen von dem Gedanken der Arbeit für alle. Infolgedessen sind sie seltsam farbenblind für das Ausmaß der Hoffnungslosigkeit, das sich in den Oberflüssigen-Ghettos ausbreitet, die sich von einer geregelten Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit abgeschnitten sehen. Sowohl linke wie auch rechte Parteien, neue und alte Sozialdemokraten, Neoliberale und Sozialstaatsnostalgiker wollen nicht wahrhaben, dass sich unter den Bedingungen des “jobless growth” Arbeit längst von einem “großen Integrator” in einen Mechanismus der Ausgrenzung verwandelt hat.

Die eigentliche Misere zeigt sich am untersten Ende der Ausbildungshierarchie: Die Elementarschule droht überall in Europa zur Ghettomauer zu werden, hinter der die unteren Statusgruppen auf die Dauerexistenz der Erwerbslosigkeit (Sozialhilfe) festgelegt werden. Ausbildung, die absehbar in “Überflüssigkeit” mündet, wird zur Brutstätte “molekularer Gewalt” (Enzensberger), die nichts mehr bezweckt als die Lust an sich selbst. Aber Politik und Wissenschaft im Banne der Vollbeschäftigungsorthodoxie verdrängen die Schlüsselfrage: Wie können Menschen ein sinnvolles Leben führen, auch wenn sie keinen Arbeitsplatz finden?

Die Beunruhigung, die die nächtlichen Flammen in Paris in ganz Europa ausgelöst haben, drückt sich in der Sorge aus: Müssen wir nun damit rechnen, dass neben der und zusätzlich zur Gefahr von Terrorattentaten auch die Gefahr von Brandstiftungen zu einer Konstanten des Alltagslebens und der politischen Auseinandersetzung wird? Niemand kann darauf heute eine Antwort geben. Aber eines ist klar: Wir müssen Menschen einen Lebenssinn auch jenseits der Vollbeschäftigungsorthodoxie eröffnen. Darüber eine Debatte zu eröffnen, wird zu einer zentralen Aufgabe gesellschaftlicher Kritik.

Ulrich Beck ist Professor und Direktor am Soziologischen Institut der Universität München. Der Artikel erschien zuerst als Gastkommentar in Erziehung und Wissenschaft 1/2006. Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlichen Genehmigung von Ulrich Beck.

Veröffentlicht am

19. Januar 2006

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