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Kriegsbilder - wie Medienfotos verschleiern anstatt zu informieren

Von Norman Solomon - ZNet Kommentar 15.01.2006

Es war das perfekte Bild, eine bewegende Porträtaufnahme. “Ikonenhaft” nannten Journalisten das Foto. Dieses Bild hatte die Authentizität des Augenblicks eingefangen. Doch es trog in einer Weise, wie das bei Medienfotos häufig vorkommt - sie zeigen eher das Offensichtliche denn das Reale.

An einem Tag in der zweiten Novemberwoche 2004 sahen Millionen Amerikaner das Foto: ein verschmiertes Gesicht, die Augen klar hervorscheinend. Es war das Gesicht von Blake Miller. Er wirkt darauf resolut und entschlossen. Eine lange Zigarette baumelt zwischen seinen Lippen. Rauchwölkchen scheinen von ihr aufzusteigen.

Das Foto entstand, als sich die Marines ihren Weg nach Falludscha freikämpften. Die amerikanischen Nachrichtenblätter rissen sich frenetisch um das Bild. Blake Miller war erst 20 Jahre alt, als er plötzlich zu einem berühmten Archetypus wurde.

Einen Tag, nachdem der Schnappschuss entstand, fragte Dann Rather - Anchor von “CBS Evening News” - seine Zuschauer: “Das Bild - haben Sie es gesehen?” Und weiter: “Es ist das beste Kriegsbild der letzten Jahre. Es war heute in vielen Zeitungen, bei einigen sogar auf der Titelseite. Luis Sinco von der Los Angeles Times hat es gemacht. Es ist die Nahaufnahme eines US-Marines an der Frontlinie von Falludscha. Müde, schmutzig, blutbefleckt - wie er da an dieser Zigarette zieht, mit wachen, verkniffenen Augen. Das war nicht das ungläubige Starren eines Infanteristen auf tausend Yards - und jeder von uns, der schon mal Kämpfe live und aus nächster Nähe, mitangesehen hat, kennt diesen Blick -, nein, es ist der Blick eines Kriegers, der mit seinen Augen den fernen Horizont absucht, ihn nach der Gefahr abscannt.”

Nehmen Sie sich dieses Foto zu Herzen, drängt der Nachrichten-Anchor die Amerikaner. “Betrachten Sie es, studieren Sie es, nehmen Sie es in sich auf, denken Sie darüber nach. Und dann holen sie tief Luft vor Stolz”.

Fünf Tage später lud CBS die Angehörigen von Blake Miller ins Studio ein. Die Sendung hieß ‘The Early Show’. Blakes jüngerer Bruder Todd kommt zu Wort: “Er ist eine ganz normale Person. Nur ein wenig fertig. Er kann nichts Großes an der Sache sehen”.

In den News-Stories wurde Blake - Lance Corporal Miller - als eine Art “Kriegs-Marlboro-Mann” dargestellt, als Inbegriff des äußerlich zerschlissenen amerikanischen Soldaten, der nur seine grimme Pflicht erfüllt. Aber Blake Millers Mutter, die aus einer Kleinstadt in Kentucky kommt, sagt auf CBS: “Ich bin stolz, vielleicht ist er eine Ikone, aber für mich bleibt er mein Baby. Er ist mein Sohn. Ich will einfach nur, dass er heimkommt”.

Die Medienblätter rissen sich um die Ikone - was sie nicht wollten, war allzu viel Realität. Die Medien berichten generell wenig über die Dinge, die der Krieg so mit sich bringt - über die schreckliche Angst, über Leid und Tod.

Ungefähr zur selben Zeit, als der Angriff auf Falludscha erfolgte - im November 2004 - interviewte ich einen 21jährigen früheren Spezialisten der U.S. Army namens Robert Acosta, der in Bagdad seine rechte Hand verlor, als eine Granate direkt neben ihm einschlug. “Viele Leute begreifen nicht wirklich, wie verheerend sich ein Krieg auf einen Menschen auswirken kann - solange nicht, bis sie einen kennen, der es selbst miterlebt hat”, sagte er mir damals. “Wenn man Leute verletzt heimkehren sieht - oder auch nur psychisch verletzt, weil sie Dinge gesehen haben, die kein Mensch sehen sollte -, dann sollte das den Leuten eigentlich die Augen öffnen”.

Aber Journalisten sind in der Regel darauf erpicht, Ikonen zu präsentieren. Es ist eher die Ausnahme, dass wir durch die Medien einen Blick erharschen auf das, was nach menschlichen Maßstäben tatsächlich geschieht.

Am 3. Januar 2006 war Blake Miller - der Mann auf dem Ikonenfoto - (wieder) zu Gast bei “The Early Show” auf CBS. Dieses Mal war die Stimmung nüchterner. “Blake Miller hat es geschafft, er ist zurück aus dem Krieg”, so Co-Moderator Harry Smith. “Aber wie viele seiner Kameraden, war es ihm nicht möglich, das alles komplett hinter sich zu lassen. Während der Hilfsmaßnahmen im Zusammenhang mit Hurrikan Katrina versah er seinen Dienst. Dabei machten sich bei ihm Symptome einer posttraumatischen Stressstörung bemerkbar. Er erhielt daraufhin seine ehrenhafte Entlassung von den Marines”.

Es passierte an Bord des Schiffes. Miller erzählt: Einer der Schiffsleute imitierte das Geräusch einer mittels Rakete abgeschossenen Granate: “Ein Kerl machte dieses pfeifende Geräusch nach. Und plötzlich, ich meine, es war einfach wie - es klang genauso wie eine RPG (Rocket Propelled Grenade). Ohne zu wissen, was ich tat - ich meine, bis es vorbei war -, schnappte ich ihn mir, ich schmetterte ihn gegen das Schott, gegen die Wand und brachte ihn zu Boden. Ich war über ihm”.

Der reale Blake Miller - nicht die Medienikone - fährt fort: “Ich werde meine Therapie fortsetzen. Ich habe sie gemacht, bis ich rauskam.” In Hinblick auf die anderen Amerikaner, die im Irak kämpfen, sagt Miller: “Je mehr ich mit ihnen geredet habe, desto mehr fand ich heraus, dass viele Marines die gleichen Gefühle (wie ich) durchmachen. Und, ich meine - es ist wirklich hart, damit umzugehen. Ich meine, im Irak sein, darüber will niemand gerne reden”.

Als amerikanischer Soldat, als eine fotografische “Ikone”, war Blake Miller für eine kleine Weile nachrichtentauglich. Ganz im Gegensatz zum enthusiastischen Medienrummel um seine Person im November 2004 wurde über seinen Auftritt bei “The Early Show” am 3. Januar 2006 kaum berichtet. In den Tagen danach kein größerer Bericht, in dem stand, dass Miller an posttraumatischem Stress leidet. Für den Warfare-Staat hat Blake Miller seine nützliche Funktion verloren.

Norman Solomons aktuelles Buch heißt: ‘War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death’ www.WarMadeEasy.com

Quelle: ZNet Deutschland vom 17.01.2006. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Media’s War Images Delude Instead of Inform

Veröffentlicht am

17. Januar 2006

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