Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Wie das Neue Jahr 2006 wirklich gewesen sein wird

Eine Traumphantasie über unsere Gesellschaft, die Politik und die Zukunft der Erde

Von Peter Bürger

“Glückseliges Neues Jahr”, sagte mein Traumregisseur. “Gebe Gott, es werde wahr!”, murmelte ich noch halbwach. Augenblicklich erschien auf der Leinwand schon der Vorspann: “Wie das Jahr 2006 uns alle überrascht hat - Ein Film in zwölf Monatskapiteln von Jim Knopf …” Da war ich aber gespannt. So ein seriöses Projekt hätte ich dem Witzbold gar nicht zugetraut. Die erste Überschrift erinnerte mich irgendwie an eine Bauernregel aus meiner Heimat.

“Guter Rat im Januar, macht die Köpfe endlich klar”

Die Sensation füllte nicht nur die Titelseite der BILD-Zeitung. Gerhard Schröder hatte den Aufsichtsratsposten eines großen Automobilkonzerns abgelehnt. Er gab bekannt, zusammen mit seiner Frau auf den afrikanischen Kontinent umzusiedeln. Dort wolle er mit seinem Sachverstand helfen, gewachsene Wirtschaftsstrukturen vor Ort gegen weltweit operierende Handelsriesen zu schützen. Auf die Frage eines Reportes, ob er vielleicht Rauschmittel eingenommen habe, antwortete der Ex-Bundeskanzler: “Ich bin ein freier Mensch. I do it in my way!”

“Im Februar, im Februar, wird ein kleines Wunder wahr”

In Mönchengladbach schickte der Besitzer von zwei Häuserzeilen allen Mietparteien einen Brief ins Haus. Die Mietzahlungen, so hieß es, sollten ab Februar bis Ende des zweiten Quartals ganz ruhen. Die letzten drei Jahresabschlüsse seien außergewöhnlich gut gewesen. Davon müssten jetzt auch alle profitieren, die durch ihr Wohnen den Immobilien eine sinnvolle Zweckdienlichkeit verschaffen.

“Im März da schmerzt es uns zu sehr: Wir wollen keine Folter mehr!”

Auf Anregung von in Deutschland lebenden US-Amerikanern und einer FDP-Bundestagsabgeordneten legten Mitglieder aller Parlamentsfraktionen einen Gesetzesentwurf gegen Förderung und Akzeptanz von Folter vor. Der Bundestag verabschiedete das neue Gesetz mit nur acht Enthaltungen und einer Gegenstimme. Bundesbedienstete, die durch Mitwisserschaft, Duldung oder Amtshilfe - gleich wo auf der Welt - Foltervorgänge und andere Menschenrechtsverletzungen begünstigen, verlieren seitdem sämtliche Pensionsansprüche. Gemäß der neuen Rechtslage wurden augenblicklich die diplomatischen Beziehungen zu allen Ländern ausgesetzt, in denen Regierung, Behörden oder Mitarbeiter des Staates an Folter beteiligt sind.

“April, April, der weiß jetzt was er will”

Zehntausende Beamte, Pfarrerinnen und Pfarrer beider Konfessionen sowie 385 Bundestagsabgeordnete kündigten ihre privaten Krankenversicherungsverträge und traten geschlossen der Initiative “Alle Oder Keiner” (AOK) bei. Die kirchlichen und öffentlichen Stellen ermöglichten den Schritt durch unkomplizierte Sonderreglungen. Die Betroffenen hatten sich dagegen gewehrt, bis zum Inkrafttreten des neuen solidarischen Gesundheitssorgegesetzes am 1. Februar 2007 weiterhin schneller und aufwändiger behandelt zu werden als andere Menschen. Gerade in ihrer verantwortlichen Stellung als Seelsorger, Politiker und Staatsbedienstete sei es ganz wichtig, die Versorgungsbedingungen der großen Bevölkerungsmehrheit zu teilen. Vier Verfassungsrichter schlossen sich an, “um die unteilbare Würde jedes Menschen wieder in Erinnerung zu rufen”. - Die UNO verabschiedete am Monatsende ein AIDS-Notprogramm. Konzernen, die in Afrika und Asien lebenswichtige Medikamente nicht zu erschwinglichen Preisen anbieten, steht kein Patentschutz mehr zu.

“Alles Gute bringt der Mai, manchmal auch ein Kuckucksei”

Erstmalig feierten mehr als 700.000 Schülerinnen und Schüler aus dem Bundesgebiet und vielen Ländern der Erde in Berlin das Festival “Schöner leben ohne Nazis”. Auf den Konzertplätzen spielten ausschließlich Schülerbands ihre “Musik gegen rechts und für mehr Spaß”. Zum Eklat kam es wegen der Unterstützung durch einen großen Fast-Food-Konzern, die ein gutmeinendes Vertrauenslehrer-Netz eingefädelt hatte. Die jugendlichen Sprecherinnen und Sprecher des Festival kündigten kurzerhand alle von den Schülern nicht genehmigten Verträge. Mit Hilfe der Berliner entstanden überall spontane Stadtteilküchen mit dem Aushängeschild: “Schöner leben ohne Plastikessen.”

“Künstler gibt’s im Überfluss, Juni sorgt für Weltgenuss”

Filmemacher aller Nationen führten in Venedig eine alberne Komödie auf und gaben sich vor laufender Kamera ungeniert kindisch. Sie wollen in den nächsten fünf Jahren mindesten dreißig Spielfilme für Kinder produzieren, die viel Lachen und Mut verbreiten. Ihr offizielles Rezept: “Angst machen gilt nicht!” Das neu errichtete Europaministerium für Kultur reagierte in der Folgewoche auf eine Klage von Eltern, die es satt haben, in den Kinderzimmern ständig widerliche Filme und Spiele wegzuräumen. Ab sofort mussten z.B. alle Unterhaltungsprodukte, bei denen Kriegsministerien, Militär, Rüstungsproduzenten und kriegsprofitierende Konzerne mitgewirkt haben, auf ihrer Verpackung einen entsprechenden Aufklärungshinweis (10 × 5 Zentimeter) für Verbraucher tragen. Der Zusatz “Kriegsunterhaltung gefährdet die Gesundheit der Weltgesellschaft” hatte sich allerdings aus juristischen Gründen noch nicht durchsetzen lassen.

“Im Juli merkt das Sommerloch: Es gibt ja die Bewegung noch”

Arbeitsloseninitiativen aus dem ganzen Bundesgebiet schlossen sich in Hannover zu einem bundesweiten Bewegungsverbund zusammen. Dieser repräsentierte bereits mehr als zweieinhalb Millionen Frauen und Männer, die vor Ort ihre Delegierten gewählt hatten. Es wurde beschlossen, im ersten Jahr der neuen Bewegung alle Energien ausschließlich zur Kräftigung des Selbstbewusstseins von Arbeitslosen und ihrer Kultur zu nutzen. Andere politische Projekte seien erst danach erfolgversprechend.

“Das Parlament sagt im August: Mit Kriegen ist jetzt endlich Schluss!”

Mit 96 Prozent aller Stimmen lehnte der Bundestag eine von sechs Abgeordneten eingebrachte Vorlage zur Änderung der Präambel sowie der Paragraphen 2, 26, 87 und 115 des Grundgesetzes ab. Die Minderheitspolitiker hatten unter dem Vorwand sogenannter “Sicherheitspolitik” gefordert, militärische Auslandsinterventionen durch die Verfassung möglich zu machen. Die Bundesregierung befürwortete stattdessen eine Europainitiative, nach der alle geplanten Militärausgaben der nächsten fünf Jahre in Wassergewinnungsprojekte und alternative Energien investiert werden. Ihre Sprecherin sagte: “Es ist widersinnig, über stets erfolglose Militärunternehmungen in aller Welt Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Wir wollen stattdessen auf intelligente Weise allen Kriegen vorbeugen, die in nächster Zukunft vor allem wegen Hunger, wegen des Kampfs um Öl und wegen Wasserknappheit zu erwarten sind.”

“September machte offenbar, was unsre Zukunft einmal war”

Nachdem im August das internationale Wissenschaftskomitee zur Weltklimaerforschung die Fernsehmacher der Erde zu einer dringlichen Initiative aufgerufen hatte, kamen in allen Ländern leicht verständliche TV-Serien über den Klimawandel zur Ausstrahlung. Darin wurden alle Altersgruppen über den Ernst der Lage aufgeklärt. Seit dem 4. September 2006 halten nun Kinder, Jugendliche, Eltern und Großeltern die Parlamente auf der ganzen Erde besetzt, um ihr Recht auf einen lebenswerten Planeten einzuklagen. Sie lassen sich von keiner Erklärung abwimmeln und wollen erst abziehen, wenn die Politiker den von ihnen vorgelegten Weltpakt über Sonnenenergie, Autotechnologie, Konzentration der Treibhausgase und Waldaufforstung umgesetzt haben.

“Wer hat die Wende wohl vollbracht? Sankt Martin und Novembernacht!”

In Dresden präsentierten sich katholische Nonnen und muslimische Frauen gemeinsam auf einer lustigen Plakatserie über Kopfbedeckungen, die der örtliche Apothekerverband gesponsert hatte. Ein achtjähriges Schweigeverbot bezogen auf alle Sexualthemen erließ der Vatikan am Fest des heiligen Martins für die Priester der katholischen Weltkirche. Ein Kardinal begründete den Erlass auf einer leider nur schlecht besuchten Pressekonferenz: “Wir wollen jetzt häufiger fragen, wie liebevoll Menschen in ihren Familien, Straßen, Schulen, Berufsstätten, Vereinen und Kirchen miteinander umgehen. Durch besseres Zuhören der Priester könnten wir vielleicht auch geeignete Wege finden, dauerhafte Partnerschaften in der Warenwert-Gesellschaft zu fördern.” Der Papst äußerte sich in seiner Audienz nicht zum Thema. Er predigte aber, Jesus weise nicht nur den Weg in den Himmel, sondern auch Wege zum Überleben der ziemlich verrückt gewordenen Menschenfamilie auf dem blauen Planeten. Da ewiges Leben letztlich in Gottes Hand läge, sei das Überleben der Menschen hier derzeit das vordringlichste Anliegen der Christenheit.

“Dezember bringt mit etwas Geld: mehr Leben in die Zeitungswelt”

Bundesweit kam die Meldung, dass das Straßenmagazin fiftyfifty erstmals in der Geschichte seines Bestehens die Auflage der gesamten regionalen BILD-Zeitung überholt hatte. Eine breite Debatte über Meinungsmonopole nahm ihren Anfang. Die Milliardärin Sophie Freiheitsleben überführte Ende Dezember 2006 ihr komplettes Vermögen in einen Sonderfond für unabhängige Medieninformation. Mit Hilfe dieser Stiftung sollen nun in allen Städten, in denen eine einzelne Zeitungsgruppe Zweidrittel des gesamten Lokalpressemarktes bestreitet, alternative Redaktionen ins Leben gerufen werden …

Als ich mitten im Abspann wach wurde, stand der Uhrzeiger auf zwanzig vor Zwölf. Ich hatte den Wecker nicht gehört und mir den ganzen Mist der letzten Jahre einfach von der Seele geschlafen. Gemütlich zog ich mich an und packte zwei sündhaft teure Rotweinflaschen in meinen Mantel. Diesmal würde ich das Neue Jahr ganz sicher mit guter Laune angehen.


Die Vision von Papst Paul VI.: Der Reichtum der Erde gehört allen

956 Mrd. US-Dollar betragen die jährlichen Rüstungsausgaben. Die weitaus meisten und “fähigsten” Wissenschaftler auf dem Globus arbeiten im Dienste der Militärtechnologie und anderer Sparten der Kriegswissenschaften.

Angesichts dieser Verhältnisse sollte man sich an einen Papst erinnern, den viele leider nur noch als “Pillen-Paul” kennen. Er meinte, die Rüstungskosten der militärisch konzipierten Weltordnung seien Diebstahl an der menschlichen Gesellschaft und ein mörderischer Angriff auf die Armen.
Papst Paul VI. verkündete 1967, Entwicklung sei der neue Name für Frieden: “Wenn aber die Erde da ist, um jedem die Mittel für seine Existenz und seine Entwicklung zu geben, dann hat jeder Mensch das Recht, auf ihr das zu finden, was er nötig hat. […] >Gott hat die Erde mit allem, was sie enthält, zum Nutzen für alle Menschen und Völker bestimmt; darum müssen diese geschaffenen Güter in einem billigen Verhältnis allen zustatten kommen, dabei hat die Gerechtigkeit die Führung, Hand in Hand geht mit ihr die Liebe.< Alle anderen Rechte, ganz gleich welche, auch das des Eigentums und des freien Tausches, sind diesem Grundgesetz untergeordnet.” (Über den Fortschritt der Völker)

Ohne weltweite Gerechtigkeit ist der Friede nicht möglich. Die globale Wirtschaftsordnung muss den gemeinsamen Gebrauch aller Reichtümer der Erde durch die Menschen ermöglichen. Paul VI. verurteilte scharf einen ungehemmten Kapitalismus, nach dem “der Profit der eigentliche Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, der Wettbewerb das oberste Gesetz der Wirtschaft, das Eigentum an den Produktionsmitteln ein absolutes Recht, ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft” darstelle. Sein zentraler Grundsatz: “Die Wirtschaft hat ausschließlich dem Menschen zu dienen.”


Dieser Beitrag erscheint im Straßenmagazin “fiftyfifty” der Düsseldorfer Wohnungslosenhilfe (Januar 2006). Er wurde uns von Peter Bürger freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Peter Bürger ist Theologe und freier Publizist, geboren 1961, Mitglied der Internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi seit 1980. Siehe ebenfalls Homepage “Friedensbilder” .

Veröffentlicht am

03. Januar 2006

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