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Hüsch: Ich sing für die Verrückten

Texte von Hanns Dieter Hüsch (1925-2005)

Ich sing für die Verrückten

Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen

An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen
Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten

Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen

Die jeden Abschied aus der Nähe kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen
Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden

Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu packen

Die freundlich auf den Dächern springen
Für diese Leute will ich singen
Die in den großen Wüsten sterben
Den Schädel längst schon voller Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren
Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen blicken
Den ganzen Schwindel auf dem Rücken
Ich sing für die Verrückten

Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen

Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen.

(Hanns Dieter Hüsch)


Thema

Ich hab mir’s überlegt:

Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu entfernen
Bis wir bereit sind zu lernen

Dass Macht Gewalt Rache und Sieg
Nichts anderes bedeuten als ewiger Krieg
Auf Erden und dann auf den Sternen

Ich setze auf die Liebe
Wenn Sturm mich in die Knie zwingt
Und Angst in meinen Schläfen buchstabiert
Ein dunkler Abend mir die Sinne trübt
Ein Freund im anderen Lager singt
Ein junger Mensch den Kopf verliert
Ein alter Mensch den Abschied übt

Ich setze auf die Liebe
Das ist das Thema
Den Hass aus der Welt zu vertreiben
Ihn immer neu zu beschreiben

Die einen sagen es läge am Geld
Die anderen sagen es wäre die Welt
Sie läg in den falschen Händen

Jeder weiß besser woran es liegt
Doch es hat noch niemand den Hass besiegt
Ohne ihn selbst zu beenden

Es kann mir sagen was er will
Es kann mir singen wie er’s meint
Und mir erklären was er muss
Und mir begründen wie er’s braucht

Ich setze auf die Liebe! Schluss!

(Hanns Dieter Hüsch)


Lied

Wenn ihn nicht die Sehnsucht
Über alle Länder flöge
Wär er längst erwachsen klug und fehlerfrei
Wenn ihn nicht das Heimweh
Über alle Berge zöge
Wär er längst nicht mehr dabei
Nachzudenken über dich und mich
Wär er längst ein lebloser Gedankenstrich

(Hanns Dieter Hüsch)


Nachtrag

Nun gut
Die Geschichte läuft
Das Spiel wird gespielt
Alles ist gesagt
Ich habe nichts mehr nachzutragen

Und das hab ich mir eigentlich immer gewünscht
Dass ich eines Tages nichts mehr nachzutragen habe

Also
Dass ich in der Lage bin
Nichts mehr nachtragen zu müssen
Dass ich niemandem etwas nachtrage

Mit anderen Worten
Dass ich fähig werde
Nicht mehr nachtragend zu sein

So dass ich wahrhaftig sagen kann
Ich habe nichts mehr nachzutragen
Oder ich trage niemandem etwas nach

Und der Friede
Kann endlich
In mein Herz einziehen.

(Hanns Dieter Hüsch)


Stehlampen

Unter Stehlampen sitzen wir
Mit all unsren sterblichen Dingen
Und wir lieben diese welke Welt
Die keinen Urlaub kennt

Aber wir bleiben stumm
Denn unser Schmalspurschicksal interessiert ja nicht
Wir gehen weiter wenn Bäume abgesägt werden
Ein Schulterzucken ist kein Trost für die Blätter

Wenn wir unser Nebenan erblicken
Sind wir nicht mehr wie wir sind
Sehen wir an uns entlang
Denken wir an unsre Obduktion

Wir hören unser Umunsherum
Wissen auch viel von Biologie
Und feiern manchmal Triumpfe
Doch säuberlich zusammengerechnet
Wohnen wir allein - jeder in seinem Gartenzaun

Die Welt hat kein Dach über dem Kopf
Wir sitzen unter Stehlampen
Und warten auf das Kopfnicken
Der Katastrophe.

(Hanns Dieter Hüsch)


Leichtes Land

Es kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind
Mit der Zeit und mit dem Tod und mit dem Wind
Du willst es jetzt zwar noch nicht glauben
Lass dir von mir den Mut nicht rauben
Doch kommt viel Trauer auf dich zu mein Kind

Es kommt viel Zweifel auf dich zu mein Kind
Wir Menschen sind nicht wie wir gerne sind
Ich seh dich hilflos balancieren
Mal aufrecht mal auf allen Vieren
Es kommt Zweifel auf dich zu mein Kind

Doch kommt auch Freundschaft auf dich zu mein Kind
Und wenn der Handel mit dem Feind beginnt
Wirst du an vielem dich erfreuen
Am Mut der Alten für die Neuen
Es kommt Freundschaft auf dich zu mein Kind

Dann kommt Erkenntnis auf dich zu mein Kind
Mit dem Kummer und die Seele macht dich blind
Und kein Mensch will dich verstehen
Geh hindurch und du wirst sehen
Es kommt Erkenntnis auf dich zu mein Kind

Es kommt auch Hoffnung auf dich zu mein Kind
Sieh die Spinne wie sie ihr Zuhause spinnt
Du darfst ruhig mal verlieren
Aber dann nicht resignieren
Es kommt Hoffnung auf dich zu mein Kind

Und kommt das Ende auf dich zu mein Kind
Du wirst kleiner und dein Leib zerrinnt
Mach deinen Glauben nicht zunichte
Dein Kampf ist auch ein Stück Geschichte
Es kommt das Ende auf dich zu mein Kind

Warum ich dieses Lied für dich erfand
Noch halte ich dich fest an meiner Hand
Du weißt noch nichts vom Großen Ganzen
Musst aber mit den Menschen tanzen
Und wir liegen dann schon lang im schwarzen Sand
Schau’n dir zu aus einem leichten Land.

(Hanns Dieter Hüsch)

Veröffentlicht am

01. Januar 2006

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