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Tauwetter

Von Jonathan Leavitt - The Independent / ZNet 28.11.2005

Grönlands Gletscher haben begonnen, sich immer schneller auf das Meer hin zu bewegen. Wissenschaftler vermuten, dass die riesigen Gletscher Grönlands kurz vor dem unabwendbaren Abschmelzen stehen.

Ein wissenschaftlicher Bericht, der in ein paar Tagen veröffentlicht wird, beschreibt, wie Gletscher, die über Jahrhunderte stabil waren, anfangen zu tauen. Das hängt damit zusammen, dass die Temperaturen der Arktis aufgrund der globalen Erwärmung steigen. Riesige Mengen der Oberfläche der Gletscher sind schon letzten Sommer geschmolzen.

Die zwei alarmierendsten Entwicklungen des heutigen Klimawandels lassen vermuten, dass die Eismassen der Pole schneller schmelzen, als Wissenschaftler bisher gedacht haben. Das hat enorme Auswirkungen auf die Zivilisation und den Planeten. Wenn alles Eis der Pole geschmolzen wäre, würde das die Weltmeere um 20 Fuß (1 Fuß = 30,48cm) steigen lassen; das bedeutet massive Überschwemmungen vieler küstennaher Städte, wie z.B. London. Ganz besonders für tief gelegene Länder wie Bangladesh bedeutet der Anstieg der Meere deshalb eine große Gefahr.

Eine unmittelbare Auswirkung dieses Vorgangs ist, dass enorme Mengen frischen Tauwassers in die Ozeane fließen. Die veränderten Bedingungen im Meer könnten den Golfstrom stark umlenken oder sogar verschwinden lassen, was dazu führen würde, dass besonders im Norden von Europa die Temperaturen stark abfallen.

Jetzt, da die Regierungen neue Verhandlungen aufnehmen, wie man der globalen Erwärmung begegnen sollte, kommt die Enthüllung, dass nicht nur Gletscher, sondern auch treibendes Eis in der Arktis letzten Sommer in Rekordhöhe geschmolzen ist.

Diese Woche starten in Montreal formelle Gespräche, in denen darüber beraten werden soll, ob, nach dem Ablauf des Kyoto-Protokolls in 7 Jahren, international ein neuer Umgang mit den Emissionen, die den Klimawandel herbeiführen, anzustreben ist. Tony Blair nannte gestern im “The Independent” die Treffen “kritisch”, da “sich eine globale Lösung entwickeln muss”. Leider ist wenig Erfolg abzusehen, hauptsächlich wegen der andauernden Weigerungshaltung von Präsident George Bush.

Der neue Beweis aus Grönland, veröffentlicht in der Zeitschrift “Geophysical Research Letters”, beschreibt ein plötzliches Abrutschen des gigantischen Helheim Gletschers, ein Fluss aus Eis, der von der Mitte der grönländischen Eisschicht durch einen engen Spalt in einer Bergkette bis an die Ostküste reicht.

Professor Slawek Tulaczyk, Mitarbeiter des “Department of Earth Sciences” an der “University of California, Santa Cruz” sagte dem IoS (Wissenschaftliche Presse), dass sich der Gletscher letzten Sommer um 100 Fuß dem Meer zu bewegt habe. In den letzten vier Jahren hat sich der vordere Teil des Gletschers, der seit Anfang der Beobachtungen immer am selben Platz geblieben ist, um 4 1/2 Meilen zurückbewegt. Die Effekte, welche den Gletscher verdünnt und zurückbewegt haben, haben sich ” …in der Tat sehr schnell” auch auf das Inland ausgebreitet, sagt Professor Tulaczyk.

Da das Zentrum Grönlands nur 150 Meilen entfernt ist, befürchten die Wissenschaftler, dass das Inland bald auch von dem Tauwetter betroffen sein wird.

Von der anderen Seite Grönlands wird auch Erschreckendes berichtet: Der gigantische Jakobshavn Gletscher, mit 4 Meilen Breite und 1 000 Fuß Dicke der größte Gletscher auf Landmasse weltweit, bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 113 Fuß jährlich dem Meer zu. Die normale Jahresgeschwindigkeit beträgt nur 1 Fuß.

Studien haben herausgefunden, dass Wasser auf der Oberfläche des Gletschers durch Löcher unter den Gletscher sickert und dort eine Schicht zwischen Steinboden und Eis bildet, die den Gletscher nach oben drückt und ihn, fast wie auf einem Fließband, auf das Meer zuschiebt. Es wird vermutet, dass alleine dieser Gletscher für 3 % des jährlichen Anstieges des Meerwassers verantwortlich ist.

“Wir könnten sehr nahe der Schwelle sein, an der die grönländische Eisschicht unumkehrbar schmilzt”, sagt Tavi Murray, Professor für Gletscherkunde an der Wales Universität. Er fügt hinzu: “Die Beobachtungen, die wir machen, deuten in diese Richtung.”

Bis jetzt glaubten Wissenschaftler, dass noch 1000 Jahre vergehen werden, bis die Eisschicht komplett geschmolzen ist. Ian Howat, ein Mitarbeiter Professor Tulaczyk’s sagt, dass die neuen Untersuchungen diese Zeit “leicht” um “die Hälfte” verkürzen könnten.

Es gibt allerdings noch eine viel aktuellere Bedrohung, da das tauende Eis droht, den Golfstrom, verantwortlich für Englands mildes Klima, zu kippen. Diese Strömung, die England im Winter genau soviel Wärme gibt, wie es von der Sonne bekommt, transportiert einen tiefen Strom kaltes, salziges Wasser von Grönland aus in Richtung Süden. Als Ausgleich wird warmes Wasser aus dem Süden Richtung Nordeuropa getrieben.

Nachforschungen des “Woods Hole Oceanographic Institute” in Massachusetts zeigten, dass noch bevor die Gletscher begannen, schneller zu tauen, das Wasser im Nordatlantik frischer wurde, was als die “größte und dramatischste Veränderung der Ozeane, die im Zeitalter der modernen Instrumente gemessen wurde”, beschrieben wird.

Vor diesen Entdeckungen, hatten die Wissenschaftler frühere Behauptungen zurückgenommen, es spräche viel dafür, dass der Golfstrom uns noch in diesem Jahrhundert im Stich lässt. Das letzte Mal, als vor 12,700 Jahren der Golfstrom kippte, war Großbritannien für 1300 Jahre mit Eis überzogen.

Quelle: ZNet Deutschland vom 25.12.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: The Big Thaw .

Veröffentlicht am

31. Dezember 2005

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