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Bertha von Suttner: “Die Waffen nieder!”

Eine Predigt zum 100. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises

Von Roland Ritter-Werneck

1905 - also genau vor 100 Jahren - hat Bertha von Suttner als erste Frau den Friedensnobelpreis erhalten. Und sie war es auch, die Alfred Nobel davon überzeugt hatte, einen Teil seines Vermögens für die Friedensarbeit - insbesondere für diesen Preis - zu stiften.

Am 13.11.2005 wurde in der Evangelisch-lutherischen Gustav-Adolf-Kirche in Wien-Gumpendorf ein Ökumenischer Gottesdienst zur Dekade der Vereinten Nationen für Frieden und Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt und zur Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Überwindung der Gewalt gefeiert, bei dem auch an den 100. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises an Bertha von Suttner gedacht wurde. Die Predigt hielt der Studienleiter an der Evangelischen Akademie Wien, Pfarrer Roland Ritter-Werneck. Wir dokumentieren diese Predigt im Wortlaut:

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Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der war und der ist und der sein wird. (Mt. 26, 47-56)

Liebe Gemeinde!

Die Waffen nieder!
Mit einem klaren Aufruf meldete sich Bertha von Suttner Ende des 19. Jahrhunderts zu Wort.

Es war mutig, von dieser Frau, sich in einer Zeit zu engagieren, die von nationalistischen Strömungen in ganz Europa geprägt war. Frauen hatten damals kein politisches Stimmrecht und durften keinem politischen Verein angehören. Der Roman “Die Waffen nieder!” schildert die Geschichte einer Frau, deren Leben mit den Kriegen des 19. Jahrhunderts in Europa verbunden ist. Die Frau verliert in den Kriegen zwei Ehemänner und ihren Sohn. Durch dieses ungewöhnlich erfolgreiche Buch, das die Grausamkeit des Krieges aus der Sicht der leidenden Frauen beschreibt, brachte Bertha von Suttner in den deutschsprachigen Ländern eine breite Friedensbewegung in Gang.

Der Erfolg ihres Romans bestärkte Bertha von Suttner in ihrem Engagement. Sie wollte Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nehmen. Sie organisierte Friedenskongresse und Konferenzen, gab eine Zeitschrift mit dem Titel “Die Waffen nieder!” heraus.

1905, vor genau 100 Jahren, erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis, zu dessen Stiftung sie selbst Alfred Nobel angeregt hatte.

Bertha von Suttner war eine Missionarin. Sie verstand sich zwar nicht als christliche Missionarin, aber ihre Botschaft, für den Frieden in der Welt einzutreten, ist eine ursprünglich christliche.

Jesus preist in den Seligpreisungen der Bergpredigt die Friedensstifter als Gottes Kinder - und Friedensstifterin war Bertha von Suttner zweifellos.

Was aber ist die Botschaft dieser Frau für uns Heutige, 100 Jahre, nachdem sie den Friedensnobelpreis erhalten hat?

“Die Waffen nieder!” - heute naiv?

Ist es nicht naiv, in einer Welt, in der ständig neue, effizientere Waffen entwickelt werden, in einer Welt, in der starke politische, aber auch wirtschaftliche Interessen mit der Waffenproduktion verbunden sind, in den Ruf einzustimmen: “Die Waffen nieder!?”

Bertha von Suttner wurde vor 100 Jahren belächelt, verspottet, von manchen als “hysterischer Blaustrumpf” oder “Friedensfurie” lächerlich gemacht.

Die Friedensbewegungen wurden zu allen Zeiten mit dem Vorwurf konfrontiert, blauäugig, naiv oder weltfremd zu sein. Die ersten Christen und Christinnen lehnten den Kriegsdienst mit der Waffe ab, weil sie die Botschaft Jesu nicht anders verstehen konnten.

“Wenn es alle machen würden wie die Christen”, schrieb der Philosoph Celsus im dritten Jahrhundert, “so wäre der Kaiser bald allein und vereinsamt und die Dinge auf Erden würden in kurzem in die Hände der wildesten und abscheulichsten Barbaren geraten; darum sollten die Christen dem Kaiser den möglichsten Beistand gewähren, für ihn die Waffen tragen und, wenn die Not es erfordert, für ihn zu Felde ziehen und seine Truppen anführen.”

100 Jahre später, nachdem das Christentum zur Staatsreligion wurde, wurde dieser Rat befolgt. Die Verwendung von Waffen und der Kriegsdienst durch Christen wurde selbstverständlich, aber unumstritten blieb dieses Thema im Verlauf der Kirchengeschichte nie. Die sogenannten Friedenskirchen wie Mennoniten und Quäker nahmen in der Reformationszeit die pazifistische Tradition des Christentums wieder auf. Bis heute lehnen diese kleinen, aber sehr wichtigen Freikirchen den Einsatz von Waffen als Mittel für Konfliktlösung strikt ab.

Weltgeschichte keine unabänderliche Folge von Krieg und Gewalt

In der Bewegung gegen die Produktion und Verbreitung von Atomwaffen in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts spielten christliche Motive eine große Rolle. Der Abwurf der ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki hatte auch vielen Christinnen und Christen die Augen geöffnet, dass durch diese neue Waffe eine Gefahr für das Überleben der gesamten Menschheit besteht.

Die atomare Aufrüstung im kalten Krieg der 70er und 80er Jahre brachte eine neue Friedensbewegung vor allem in West- und Osteuropa hervor.

Christen und Christinnen setzten sich auf beiden Seiten für Verständigung und Abrüstung ein. Im Westen gab es große Demonstrationen, im Osten trafen sich kleinere Gruppen in Kirchen, die letztlich entscheidend dazu beitrugen, dass die gesellschaftliche Umwälzungen Ende der 80er Jahre ohne großes Blutvergießen geschehen konnten.

“Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.” Jesus spricht es klar und unmissverständlich aus: auf Gewalt mit Gegengewalt zu antworten, ist keine Lösung. Es geht darum, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Gewiss lassen sich genügend Beispiel in der Geschichte dafür finden, dass die Friedensbewegungen, ob christlich motiviert oder nicht, Kriege nicht verhindern konnten.

Bertha von Suttner, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges gestorben, ahnte in ihren letzten Lebensmonaten, dass ein katastrophaler Krieg bevorsteht und sie ihn mit all ihrem Engagement nicht aufhalten können wird. Aber: heißt dieses Scheitern, dass ihr Lebenswerk und ihr Ruf “Die Waffen nieder!” umsonst waren? Heißt das, dass diejenigen im Recht waren und sind, die den Friedensbewegungen aller Zeiten Weltfremdheit vorwerfen?

Wer das so sieht, betrachtet die Weltgeschichte als eine notwendige und unabänderliche Folge von Krieg und Gewalt. So in diesem Sinn: Kriege hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die Menschen werden eben nicht gescheiter! Aber es gibt auch einen anderen Blick auf die Geschichte: wie viele Kriege und Gewalttaten sind denn verhindert worden, weil es immer wieder Menschen gab, die den Ruf Jesu ernst nahmen: “Stecke dein Schwert an seinen Ort!” Wie viele Kriege sind nicht ausgebrochen, weil es Menschen gab, die den Ruf “Die Waffen nieder!” hörten?

Wille Gottes ist nicht Aufrüstung und Waffengewalt

Vor zwei Wochen ist in Dresden die neue Frauenkirche eröffnet worden. Diese evangelische Kirche wurde im Februar 1945 bei der Bombardierung Dresdens zerstört. Jahrzehntelang stand die Ruine mitten in der Stadt als Mahnmal gegen den Krieg. In den 80er Jahren war sie ein wichtiger Treffpunkt für die Friedensbewegung in der DDR. “Keine Gewalt” riefen die Demonstranten im Herbst 1989, als die Panzer schon bereitstanden, um die Hoffnung auf eine friedliche Veränderung niederzuwalzen.

Die politische Wende in der DDR verlief ohne Blutvergießen. Die Stimmen für Gewaltlosigkeit setzten sich durch, ein Bürgerkrieg konnte verhindert werden. Manche waren skeptisch, als nach der Wende die Pläne entstanden, die zerstörte Frauenkirche wieder aufzubauen. Würde mit dem Wiederaufbau nicht auch das Mahnmal gegen den Krieg verschwinden?

Als klar war, dass dies nicht passieren wird, ließen sich auch anfangs Skeptische überzeugen. Mit vielen privaten Spenden, besonders auch aus den Ländern der einstigen Kriegsgegner, gelang das Unglaubliche: Heute ist die neue Frauenkirche ein Symbol für Versöhnung und Frieden. In ihr haben Gruppen, die sich für Frieden und Gewaltlosigkeit einsetzen, einen
besonderen Platz.

Besondere Kontakte gibt es mit der englischen Stadt Coventry, deren Kathedrale von deutschen Bomben im Krieg ebenfalls zerstört worden war. Ehemalige Feinde reichen einander die Hand zur Versöhnung und beten miteinander um den Frieden in der Welt.

Wenn wir im Vater Unser beten “Dein Reich komme, dein Wille geschehe”, dann drücken wir so die Hoffnung aus, dass der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen wird. Das Reich, um das wir bitten, ist das Reich von Frieden und Gerechtigkeit. Der Wille Gottes ist nicht die permanente Aufrüstung und Vernichtung durch Waffengewalt, sondern die Versöhnung der Menschen und Völker.

Mit 2 Euro-Münze Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen

Es geht nicht nur um die große Politik. Wenn wir nur darauf warten, dass sich auf der weltpolitischen Ebene etwas ändert, machen wir es uns bequem. Auch Bertha von Suttner wollte mit ihrem Roman “Die Waffen nieder!” die einfachen Menschen ansprechen, sich für den Frieden im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzusetzen. Jede und jeder kann im eigenen Umfeld etwas beitragen. … Friedenserziehung ist für Christen und Christinnen heute eine der wichtigsten Aufgaben. Konflikte anders lösen als durch Gewalt - das kann schon im Kindergarten und in der Volksschule eingeübt werden. Erziehung zum Frieden beginnt bei der Sprache. Worte können Waffen sein, sie können verletzen, ja sogar töten. Die Unruhen in Frankreich haben in den letzten Wochen gezeigt, wie schnell Gewalt sich ausbreiten kann. Worte können in solchen Situationen entscheidend dazu beitragen, ob es gelingen kann, die Gewalt einzudämmen oder ob sich die Gewaltspirale weiterdreht.

Die meisten Österreicher und Österreicherinnen kennen Bertha von Suttner von den alten 1000-Schilling-Scheinen und den 2 Euro-Münzen. In diesem Gedenkjahr wird auch von offizieller Seite an die Verleihung des Friedensnobelpreises an sie vor 100 Jahren gedacht.

Es wäre schön, wenn immer mehr Menschen in Österreich mit dem Namen Bertha von Suttner nicht nur das Gesicht auf Geldscheinen und Münzen verbinden, sondern sich auch an ihren Einsatz für den Frieden erinnern.

“Die Waffen nieder!” Wenn wir jedes Mal an diesen Ruf denken, wenn wir eine österreichische 2 Euro-Münze in die Hand nehmen, würde der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt öfter durchbrochen werden. Amen.

Veröffentlicht am

17. Dezember 2005

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