Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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100. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises an Bertha von Suttner

1905 erhielt Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis. Am 5. Dezember 2005 wurde wurde der Friedensaktivistin und Schriftstellerin bei einem Festakt im Parlament in Wien gedacht. Die Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes, Hildegard Goss-Mayr, auf deren Initiative die Feierstunde im Parlament zurückging, hielt dabei die nachfolgende Festansprache.

Von Hildegard Goss-Mayr

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Festgäste!

Es ist für mich eine besondere Ehre und Freude der großen österreichischen, ja, europäischen Friedenspionierin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner an diesem Ort zu gedenken. Vor uns steht das Bild einer Frau, die, aus der Tradition des österreichischen Hochadels stammend, fähig war, ihren Blick und ihre Einsicht auf Leid und Wohl der gesamten Menschheit zu richten. Als Frau, die ihre journalistische und schriftstellerische Begabung erkannte und - allen Widerständen zum Trotz in der männer-dominierten Welt des 19. Jahrhunderts durchsetzte - war sie tief betroffen von von der Wirklichkeit, von dem Grauen, dem Gemetzel, dem Leid, den psychischen und moralischen Verletzungen, die der Krieg über alle Beteiligten bringt.

Doch tiefer schürfend demaskierte sie auch die Wurzeln und Zusammenhänge der Kriegsbereitschaft und Kriegslust, des Vertrauens in die Macht der Waffen: überzogenen Patriotismus, Vergötzung der Nation, Glorifizierung von “Heroismus”, aber auch die wirtschaftlichen und finanziellen Interessen an Rüstung, Waffenhandel und Wiederaufbau. In ihrem aus tiefem Humanismus stammendem Vertrauen in den Menschen, unter dem Leitsatz “du sollst nicht töten”, baute sie auf die Fähigkeit, durch Aufklärung zu einem Umdenken, zur Abkehr von der Kriegsmentalität zu gelangen.

Dem Aufruf “Die Waffen nieder” folgte konsequent, in Zusammenwirken mit bereits aktiven europäischen Friedensgesellschaften, auf hoher diplomatischer Ebene das Ringen um den Aufbau von Alternativen zum Krieg durch internationale Institutionen, vor allem die Errichtung eines internationalen Schiedsgerichtes (Haager Tribunal), um der zwischenstaatlichen Anarchie ein Ende zu bereiten. Sie begründete selbst Friedensgesellschaften in Österreich, Deutschland und Ungarn. Hoch geachtet, aber auch verspottet wie die meisten Pioniere, leistete Bertha von Suttner einen wesentlichen Beitrag zur Errichtung eines unzerstörbaren Grundsteines für das Ringen um Frieden in Österreich und Europa.

Gedenken bedeutet Verpflichtung. Es verpflichtet uns dazu, als Bürger unseres neutralen Staates hundert Jahre später, nach zwei opferreichen Weltkriegen und dem Holocaust nach unserer Friedensverantwortung heute zu fragen. Dies im Blick auf die Situation der Globalisierung unserer Welt, die zwischen Arm und Reich geteilt ist, und durch Atomwaffen, Ökologische Katastrophen, Flüchtlingselend, Arbeitslosigkeit, kulturelle und religiöse Konflikte wie von Terrorismus bedroht wird.

Du sollst nicht töten - Die Waffen nieder

Diese Grundsätze einten die Pioniere der europäischen Friedensbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts von England bis Russland. Sie erkannten die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Gesinnungswandels, um das Vertrauen in die Macht der Waffen zu überwinden, wie auch die ungerechten wirtschaftlichen und dramatischen sozialen Strukturen. Sie kämpften um die Errichtung von internationalem Recht, Schiedsgerichten und Abkommen. Doch es fehlte weitgehend der politische Wille. Millionen wurden in der Folge Opfer der Kriege.

100 Jahre später verfügen wir über wohl unvollkommene, doch hochqualifizierte internationale Instrumente der Konfliktbearbeitung in den Vereinten Nationen, der EU, im Völkerrecht, um Kriege zu verhindern und Leben in größerer Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen zu sichern. Das ist eine große Errungenschaft. Doch wie vor 100 Jahren mangelt es auch jetzt immer wieder am politischen Willen zur Durchsetzung friedlicher, gerechter Lösungen.

In diesen 100 Jahren hat die Welt die opferreichsten Kriege und Völkermorde erlebt. Doch vergessen wir nicht die ermutigenden, positiven Seiten: es gelang, internationales Recht, Menschen- und Sozialrechte verpflichtend festzuschreiben. Vor allem aber wurde eine neue, allen Menschen und Völkern innewohnende Kraft für soziale und politische Umgestaltung und befreiendes Friedenswirken entdeckt und zur Anwendung gebracht: die Kraft der Gewaltfreiheit. Vom gewaltlosen kolonialen Befreiungskampf Gandhis, über die Überwindung von Rassismus in Südafrika (Nelson Mandela, Bischof Tutu) und die Bürgerrechtsbewegung in den USA (M.L. King) bis zum Kampf um die Überwindung von Diktaturen in Polen (Solidarnosc), in den Philippinen (People Power) und der DDR zum Niedergang des kommunistischen Regimes wirkte diese von breiten Schichten der Bevölkerung getragene Kraft erfolgreich und vermochte es, den Lauf der Geschichte auf mehr Humanität und Demokratie auszurichten.

Heute ist Gewaltfreiheit wirksam z. B. im Ringen um eine Globalisierung, die auf das Wohl der Menschen, auf gerechte Mitbeteiligung aller Nationen statt auf Profit und Domination ausgerichtet ist, oder bei der dringend notwendigen Friedenserziehung von Pädagogen, Kindern und Jugendlichen, wie bei der Aufarbeitung unserer eigenen persönlichen Gewalt. Gewaltfreiheit erweist sich als jeden Menschen achtende, demokratische, soziale, politisch verantwortliche aber auch vermittelnde, versöhnende, heilende Kraft. Sie wurzelt im europäischen Humanismus, in der Bergpredigt, wie in allen Weltreligionen.

Gewaltfreiheit aufrüsten für Leben in Gerechtigkeit und Frieden für alle

So stellt sich uns die Frage, wo die Schwerpunkte der Friedensarbeit, zu der wir uns als Erben des Engagements von Bertha von Suttner verpflichtet wissen, heute in unserem neutralen Österreich liegen. Suttners Leitmotiv würde heute wohl lauten: Gewaltfreiheit aufrüsten für Leben in Gerechtigkeit und Frieden für alle.

Zu diesen Schwerpunkten zählt u.a.

  • Entschiedenes Eintreten für Abrüstung - auch in Österreich -, vor allem jedoch für atomare Abrüstung. Noch immer bedrohen Tausende atomarer Sprengköpfe das Leben der Menschheit, die Gefahr der Weiterverbreitung ist eminent, neue Systeme sind in Planung.
  • Um unsere Neutralität sinnvoll als Dienst am Frieden zu gestalten, stellt sich die Aufgabe als Mitglied der EU verstärkt (weltweit) Vermittlerdienste anzubieten und zu übernehmen. Dadurch würde auch ein Beitrag dazu geleistet, die EU anstelle einer konkurrierenden Militärmacht in der Welt als vermittelnde und Frieden stabilisierende Kraft zu bestärken.
  • In diesem Zusammenhang ist auch die Forderung der Österreichischen Friedensdienste nach staatlicher Unterstützung zu verstehen. Seit Jahren leisten sachlich ausgebildete junge Menschen freiwillig Versöhnungsdienste in ehemaligen Kriegsgebieten, vor allem auf dem Balkan. Sie tragen dazu bei, die Voraussetzungen für politische Lösungen und ein neues, demokratisches Miteinander zu erarbeiten. Ihre öffentliche Unterstützung und die dadurch ermöglichte Ausweitung ihrer Arbeit wäre ein weiteres Signal für das Friedenswirken eines neutralen Staates.
  • Die Erfüllung des Versprechens der Millenniumsziele der UN für die Halbierung der Armut in der Welt durch die Anhebung der österreichischen Entwicklungshilfe auf 0,7% des BIP ist eine höchst dringliche Aufgabe. Nicht nur würde damit ein - wenn auch bescheidener - Beitrag zur Überwindung der dramatischen Situation von Kindern in unserer Welt geleistet - 30.000 sterben täglich an Folgen von Hunger! - , sondern auch zur Verbesserung der Nord-Süd-Beziehungen und damit zur Verminderung der Gefahr von Terrorismus und interkultureller Gewalt.
  • Die Aufrüstung der Erziehung zu Frieden und Gewaltfreiheit an unseren Schulen - und dies insbesondere im Rahmen der “Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit” der Vereinten Nationen, zu der sich auch Österreich verpflichtete, stellt sich als weitere Herausforderung. Gelingt es, durch in Gewaltfreiheit geschulten Lehrern und Pädagogen unseren Kindern und Jugendlichen die Erfahrung zu vermitteln, dass Konflikten, Streit und Unrecht anders als mit Gewalt, Gehässigkeit oder Ausgrenzung begegnet werden kann, lernen sie die in ihnen angelegte Kraft der Gewaltfreiheit anzuwenden, so bestärken wir nicht nur in ihrem persönlichen Leben, sondern auch in unserer Nation die Möglichkeit für friedliche Konfliktbewältigung und für versöhntes Miteinander der unterschiedlichen kulturellen Gruppen; eine Aufgabe, die sich mit wachsender Dringlichkeit stellt.
  • Letztlich geht es um die Aufrüstung in Gewaltfreiheit von uns selbst als Bürger eines der reichsten Länder der Welt. Halten wir nicht alle fest an unseren Privilegien im persönlichen, gesellschaftlichen, ja, globalen Bereich? Bertha von Suttner hatte bei all ihrem Einsatz stets das Wohl der ganzen Menschheit im Blick. Lassen wir uns von ihr herausfordern zu tiefem, nachhaltigem Umdenken und konsequentem Handeln, um so in wachsendem Maße unser Wissen und Können, unsere materiellen Güter sowie unsere Erfahrung mit friedensicherndem und friedenschaffendem Handeln solidarisch in den Dienst der Menschheit zu stellen. Holen wir uns zu solchem Pionierdienst - Friedensarbeit wird immer Risiko bedeuten, Engagement fordern - Kraft aus den tiefen Quellen europäischer Humanität und/oder aus unserem Glauben an einen Gott der Gerechtigkeit, des Lebens und des Friedens.

Hildegard Goss-Mayr, gebürtige Wienerin und Ehrenpräsidentin des Internationalen
Versöhnungsbundes, setzt sich seit Jahrzehnten weltweit für Gewaltlosigkeit und Frieden ein. Wir danken Hildegard Goss-Mayr, dass sie uns ihr Vortragsmanuskript freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Weblinks:

Veröffentlicht am

07. Dezember 2005

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