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Nachdenken über das konstruktive Programm

Von Janet Chisholm

Gandhis größte Hoffnung für Indien bestand im konstruktiven Programm. Es bedeutete, die Inder mit ihrer Akzeptanz von Abhängigkeit, Machtlosigkeit und Ausbeutung unter britischer Herrschaft zu konfrontieren und ihnen dabei zu helfen, stattdessen eine selbst entwickelte gerechte Gesellschaft zu entwerfen und aufzubauen. Das erforderte die Zusammenführung der verschiedenen Stränge indischer Kultur und die Erneuerung des Verhältnisses zwischen Hindus und Moslems sowie zwischen den Hindukasten.

In der Kampagne für die Unabhängigkeit Indiens lagen hier seine Prioritäten. Dies war seine Vision.

Diese Seite von Gandhis Arbeit wurde historisch vernachlässigt, vielleicht weil sie weniger dramatisch und energiegeladen erscheint als der organisierte öffentliche Widerstand. Doch erachtete Gandhi selbst das konstruktive Programm als weitaus wichtiger, grundlegender, nachhaltiger und eines größeren Anteils an Zeit und Energie wert als den Widerstand.

Das konstruktive Programm in Indien profitierte eindeutig von Gandhis Fähigkeit, eine übergreifende Vision kulturellen Wandels, die verschiedene Ansätze verbinden konnte, zu artikulieren, und von seinem Eintreten für ein einendes Symbol und Handeln.

Das Spinnrad war bereits ein kulturelles Symbol kreativer Lebensenergie, doch erst durch Gandhi repräsentierte es die mit dem konstruktiven Programm verbundenen Aufgaben: die Entwicklung wirtschaftlicher Unabhängigkeit durch sinnvolle lokale Arbeit, die Sicherung grundlegender Notwendigkeiten, wie Kleidung für alle, den Aufbau von Solidarität mit den Armen sowie das “einfache Leben, damit alle einfach leben können”. Der reine Akt des Baumwollspinnens bot jeder Person die konkrete Möglichkeit, sich unabhängig von der jeweiligen Situation auf täglicher Basis zu beteiligen und sich mit den anderen im Kampf verbunden zu fühlen. Er symbolisierte den Lohn der Ausdauer und stellte eine fast spirituelle, meditative Disziplin dar. Das Spinnen konfrontierte als machtvolle Deklaration der Selbsthilfe und der schon entstehenden Unabhängigkeit die Lüge der indischen Abhängigkeit mit Aktionen der Wahrheit.

Der Friedensforscher und -aktivist Michael Nagler, Ken Preston von ‘Pace e Bene’ und ich haben uns Zeit genommen um zu überlegen, was die Lehren von Gandhis konstruktivem Programm für uns heute sein können. Es ist an sich schon präventiv, da es entworfen wurde, um die Marginalisierten oder Zurückgewiesenen wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. Als Resultat hilft es einer Bewegung dabei, Dynamik und Einigkeit zu gewinnen und zu bewahren, beeinflusst es andere positiv, trägt es zu der beabsichtigten neuen sozialen Ordnung bei, reduziert es das Gefühl der Machtlosigkeit und vermehrt es die Selbsthilfe. Vor Abschluss einer Widerstandskampagne, wenn die Krise vorbei ist und die Aktivistinnen und Aktivisten dahin tendieren, auszusteigen, geht das konstruktive Programm weiter, um Veränderungen zu festigen und zu vollenden. Nagler warnt davor, sich nicht dadurch täuschen zu lassen zu meinen, das konstruktive Programm sei weniger effektiv als eine Widerstandskampagne. Es ist wertvolle Ergänzung und vorbereitendes Training eines konfrontativen Kampfes, der Widerstand und direkte Aktion einschließt.

Das konstruktive Programm sollte nicht mit Suppenküchen, Notunterkünften, Gefängnissen und anderen Bemühungen verwechselt werden, die wie Pflaster eine ungerechte Gesellschaft verbinden. Es versucht nicht, den Status Quo zu erhalten. Im Gegenteil fordert das konstruktive Programm systemische und strukturelle Gewalt heraus, indem es Lösungen findet und anwendet. Einige der Projekte Gandhis befassten sich mit Bedürfnissen in Verbindung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, Landreform, Gesundheitsdiensten, Hygiene, Drogenmissbrauch, Erziehung, der Rolle der Frau und Diskriminierung.

Persönliche Veränderung ist ebenso gefragt wie soziale Veränderung. Von den Mitwirkenden wird erwartet, dass sie ihre eigenen Schwächen, insbesondere die passive Akzeptanz von Ausbeutung, analysieren und daran arbeiten, sie zu korrigieren. Auch die Gemeinschaft muss Spannung, Uneinigkeit oder Ungerechtigkeit identifizieren und zum Guten verändern. Durch spirituelle Praktiken und Reinigung, persönliche Disziplin, Erziehung, Ausbildung und Gemeinschaftsaufbau werden Individuen ermutigt, die Macht, die sie bereits über ihr eigenes Verhalten kontrollieren, zu ergreifen und “Selbstregierung” zu praktizieren. Nach Gandhi muss die Energie der Gewaltfreiheit zuerst die Individuen erfüllen, um positive soziale Veränderungen zu bewirken.

Wie könnte das konstruktive Programm heute aussehen? Es existieren viele konstruktive Projekte, die persönliche und soziale Veränderung verkörpern, Alternativen zum Status Quo darstellen und Bausteine für eine neue Kultur sein können. Bei einem Training des US-Versöhnungsbundes haben die Teilnehmenden ein Fahrrad-Gemeinschaftsprojekt, eine Arbeitsberatung gegen den Wehrdienst, die Bereitstellung von spanischen Büchern für spanischsprechende Familien, eine Lebensmittelkooperative, ein Zentrum für Gewaltfreiheit, Training in gewaltfreier Aktion und ein US-Friedensministerium geplant. Weitere konstruktive Projekte sind fairer Handel, gemeinsame israelisch-palästinensische Jugendcamps, gemeinschaftliche Wohnprojekte und Kindergärten, wiederherstellende Gerechtigkeit, die “Emily-Liste” zur Wahl von Frauen in den Kongress, die Erschließung von Wüstenlandschaften, die Schaffung von Kleinparks und Gemeinschaftsspielplätzen, “Habitat for Humanity” (Hausbau für arme Familien), organisches Gärtnern, Alternativmedizin, Partnerstadtprojekte, unabhängige Medien und Buchläden, Entscheidungsfindung nach dem Konsens-Prinzip und geteilte Leitungsverantwortung, Wasser- und Energiesparen, lokale Kunst- und Kulturveranstaltungen, Gemeinschaftsessen, Nachbarschaftsüberwachung, spirituelle Praktiken und Meditation, Friedenserziehung sowie Training in Konfliktlösung.

Die übergreifende Vision eines konstruktiven Programms, das diese Projekte verbinden könnte, ist weniger offensichtlich. Sind wir in der Lage, eine weite Vision zu formulieren, die unsere gemeinsamen Werte verkörpert und uns das Gefühl gibt, dass wir alle für dasselbe Ziel arbeiten, selbst wenn wir nicht im gleichen Projekt oder am gleichen Ort sind? Gibt es Symbole um uns zu gemeinsamen täglichen Aktionen zu rufen, die ein Gefühl der Solidarität schaffen könnten? Oder besitzen wir sie schon und müssen sie nur hochhalten? Irgendwelche Vorschläge?

Quelle: Der Pazifist. Hefte für Völkerrecht und Arbeit für den Frieden. Jahrgang XVIII, Nr. 8, 206 vom 22.11.2005.

Veröffentlicht am

04. Dezember 2005

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