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Lasst uns nicht warten!

Im Gedenken an die Bürgerrechtlerin Rosa Parks: Protesttag gegen Rassismus, Armut und Krieg. Zahlreiche Organisationen an Initiative gegen Washingtoner Politik beteiligt

Von Mumia Abu-Jamal

Der Tod von Rosa Lee Parks, der Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die am 24. Oktober 2005 im Alter von 92 Jahren verstorben ist, wurde zu einem Ereignis von nationaler Bedeutung. Auf allen Kanälen liefen Dokumentarfilme über den Busboykott von Montgomery, der den Aufstieg des bis dato unbekannten Reverend Martin Luther King jr. begründete und die Geburt der Bürgerrechtsbewegung darstellte. Die Aufmerksamkeit der Medien ist sicher eine gute Sache, denn es ist lehrreich für die jungen Leute in den USA, etwas darüber zu erfahren, wie das Leben hier war, lange bevor sie geboren wurden.

Breite Bewegung

Für die wichtige Rolle, die Rosa Parks in der damaligen, nach Millionen zählenden Massenbewegung gespielt hat, hat sie die Auszeichnungen und Ehrungen, mit denen sie überhäuft wurde, ganz sicher verdient. Liest man aber aufmerksam die Arbeiten schwarzer Historiker, dann erfährt man, dass Rosa Parks damals weder die erste schwarze Frau war, die sich weigerte, ihren Sitzplatz einem Weißen zu überlassen und dafür von der Polizei verhaftet wurde. Noch war sie die einzige, die etwas in Bewegung setzte. Unmittelbar nach Parks Verhaftung am 1. Dezember 1955 löste beispielsweise JoAnn Robinson vom Women’s Political Council eine Telefonkette aus und schrieb ein in Windeseile in der ganzen Stadt verbreitetes Flugblatt, in dem zu lesen war: “Wieder ist eine schwarze Frau verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden, weil sie sich geweigert hat, im Bus aufzustehen und ihren Sitzplatz zu räumen, damit sich eine weiße Person hinsetzen kann. Nach dem Fall von Claudette Calvin ist es nun zum zweiten Mal geschehen, dass eine schwarze Frau für die gleiche Sache verhaftet wurde. Das muss aufhören. Auch Schwarze haben Rechte, und wenn sie nicht mit den Bussen fahren würden, dann würde der öffentliche Nahverkehr nicht mehr funktionieren. Drei Viertel der Fahrgäste sind Schwarze, aber wir sehen uns gezwungen, trotz freier Sitzplätze auf dem Gang zu stehen - oder wir setzen uns hin und müssen mit Verhaftung rechnen. Wenn wir nichts gegen diese Verhaftungen unternehmen, werden sie weiterhin geschehen. Schon beim nächsten Mal kannst du selbst, deine Tochter oder deine Mutter betroffen sein. Rosa Parks Fall wird am Montag vor Gericht verhandelt werden. Wir fordern deshalb alle Schwarzen dazu auf, gegen die Verhaftung und den Prozess zu protestieren, indem sie an diesem Tag keinen Bus benutzen. Fahrt an diesem Tag nicht mit dem Bus zur Arbeit, in die Stadt, zur Schule oder sonst wohin! Es ist kein Problem, einen Tag nicht zur Schule zu gehen, wenn der Bus die einzige Möglichkeit ist, dorthin zu gelangen. Es ist auch kein Problem, einen Tag nicht in die Stadt zu fahren. Wer zur Arbeit muss, sollte sich ein Taxi nehmen oder zu Fuß gehen. Aber bitte, Jung und Alt, fahrt am Montag auf keinem Fall mit dem Bus. Meidet alle Buslinien!” (Kelley u. Lewis, “To Make Our World Anew: A History of African Americans”, Oxford/New York 2000, S. 461)

Landesweite Aktionen

Wer wüsste heute ohne die Aktivitäten von JoAnn Robinson etwas über Rosa Parks? Was wäre geschehen, wenn Robinson und ihr Women’s Political Council nicht aktiv geworden wären? Was wäre ohne die Telefonkette und ohne das Flugblatt und seine weite Verbreitung geschehen? Und was, wenn nicht Hunderte, ja Tausende und mehr Schwarze in Montgomery dem Aufruf des Flugblatts gefolgt wären? War nicht auch JoAnn Robinson eine “Mutter der Bürgerrechtsbewegung”? Bewegungen werden von vielen Menschen geschaffen - zunächst fängt einer an, dann sind es zwei, dann zehn, hundert, tausend und schließlich Millionen von Menschen.

Niemand von uns kann verkennen, welche Kraft uns allen aus der im Busboykott von Montgomery hervorgegangenen Bürgerrechtsbewegung erwachsen ist und wie die gesamte Nation dadurch wie elektrisiert war. Darauf bauen wir auf, wenn jetzt für Donnerstag, den 1. Dezember 2005, ein großes Bündnis von Organisationen, Gewerkschaften und Aktivisten im Gedenken an den 50. Jahrestag der Verhaftung von Rosa Parks zu einem landesweiten Streik aufruft, um die sofortige Beendigung des Irak-Krieges zu fordern. An diesem Tag sollen weder Schulen besucht noch gearbeitet oder eingekauft werden. Es soll ein Tag des landesweiten Protestes gegen Armut, Rassismus und Krieg sein! Zu den Organisatoren gehören die Bewegung des Million Worker March, die Troops Out Now Coalition, Black Workers for Justice und weitere Organisationen und Bewegungen.

Als Rosa Parks damals nach ihrer Meinung über den Busboykott befragt wurde, erklärte sie: “Mich ärgert nur, dass wir so lange mit diesem Protest gewartet haben!” Verspielen wir also nicht die Chance, die Übel, von denen dieses Land weiterhin geplagt wird und die sich vor unser aller Augen in New Orleans und anderswo so dramatisch abgespielt haben, öffentlich zu benennen und dagegen zu protestieren! Lasst uns nicht “zu lange warten”, bis wir endlich gemeinsam gegen den alltäglichen Wahnsinn des Rassismus, die Seuche der Armut und den verbrecherischen Krieg protestieren!

Quelle: junge Welt vom 19.11.2005. Übersetzung: Jürgen Heiser.

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Veröffentlicht am

22. November 2005

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