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Mein Sohn wäre stolz

Im Gespräch: Cindy Sheehan, in den USA eine der bekanntesten Gegnerinnen des Irak-Krieges, über das Versagen der Demokraten und die Chancen einer neuen Friedensbewegung

Wochenlang campierte “Peace Mom” Cindy Sheehan im August vor der Ranch von Präsident Bush in Crawford/Texas. “Camp Casey” nannte sie diese Mahnwache nach ihrem Sohn Casey, der als Soldat im April 2004 bei einem Gefecht nahe Bagdad getötet wurde. Seit der Aktion in Crawford ist die engagierte Kriegsgegnerin mehrfach festgenommen worden. Aufgehalten hat sie das nicht. Durch ihren beharrlichen Protest ist Sheehan inzwischen international bekannt geworden. In den USA wurde die Gründerin von Gold Star Families for Peace zu einem Symbol der Bewegung gegen den Irak-Krieg.

FREITAG: Nachdem Sie Ende September vor über 100.000 Kriegsgegnern in Washington gesprochen haben, sind Sie mit Politikern der Demokratischen und der Republikanischen Partei zusammengekommen. Konnten Sie die von einem Abzug aus dem Irak überzeugen?

CINDY SHEEHAN: Das war nicht mein Anliegen. Ich wollte von ihnen lediglich hören, was sie unternehmen, um diesen sinnlosen Krieg zu stoppen.

Und was haben Sie gehört?

Wissen Sie, zu viele Leute in den USA unterstützen nach wie vor den Kriegskurs von George Bush - Kongressabgeordnete bilden da keine Ausnahme. Ich hatte besonders auf die Demokraten gehofft, denn in dieser Partei gibt es ein großes Widerstandspotenzial.

Aber deren Präsidentschaftsbewerber John Kerry hat den Kriegskurs im Prinzip unterstützt.

Trotzdem sehe ich nach wie vor große Unterschiede zwischen beiden Parteien. Doch Sie haben Recht, die Demokraten haben im Wahlkampf ein schwaches Bild abgegeben. Ich bin sogar davon überzeugt, dass Kerry verloren hat, weil er in der Kriegsfrage keine klare Position bezog. Seine Auftritte waren schlimmer als die von Bush, weil die Leute von ihm anderes erwartet haben.

Tatsächlich lehnen nach einer Gallup-Umfrage derzeit 59 Prozent der US-Amerikaner den Krieg im Irak ab. Die Regierung hat das bislang wenig beeinflusst.

Nach anderen Umfragen sind es sogar 62 Prozent, aber nur wenn dieser Widerstand organisiert ist, wird er auf die Regierung Eindruck machen.

Gibt es so etwas wie eine erstarkende Friedensbewegung in den USA?

Es waren mehrere Hunderttausend, die teilweise große Anstrengungen auf sich nahmen, um am 24. September aus allen Landesteilen nach Washington zu kommen. Was wir nun brauchen, ist eine Doppelstrategie. Solche Massendemonstrationen verfehlen ihre Wirkung zwar nicht, aber die Kriegsgegner müssen zugleich Druck auf ihre jeweiligen Abgeordneten ausüben.

Zusammen mit anderen Soldatenmüttern haben Sie die Organisation “Gold Star Families for Peace” (GSFP) gegründet. Wie unterscheidet sie sich von “konventionellen” Friedensorganisationen?

Wir unterscheiden uns, weil wir alle persönlich vom Krieg im Irak betroffen sind. Wir haben deshalb mehr Glaubwürdigkeit als jeder beliebige Politiker in diesem Land, denn wir haben dort unsere Söhne, Ehemänner, Brüder, Enkel oder Neffen verloren. Wir nehmen mit unseren Aktionen unsere Bürgerrechte wahr, während die Verantwortlichen für die im Irak begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit unbehelligt bleiben.

Durch Ihren Mut sind Sie zu einer Ikone der Friedensbewegung geworden. Stört Sie das?

Ich habe mich bei alldem nie gefragt, ob ich für irgendjemanden als Vorbild dienen könnte. Ich stehe einfach jeden Morgen auf und versuche zu tun, was ich tun kann, damit dieser sinnlose Krieg besser heute als morgen ein Ende findet.

Ihr Sohn Casey fiel am 4. April 2004 bei Bagdad. Was würde er sagen, wenn er Sie heute an der Spitze einer Demonstration sehen könnte?

Casey war mit diesem Krieg nie einverstanden. Er ging zur Armee, weil sie ihm seine Ausbildung bezahlte. Er ging in den Irak, weil er sich für seine Freunde in der Armee verantwortlich fühlte. Und er starb für eine sinnlose Sache. Er wäre stolz auf das, was wir tun.

Das Gespräch führte Harald Neuber

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 43 vom 28.10.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Harald Neuber sowie dem Verlag.

Veröffentlicht am

30. Oktober 2005

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