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Man erkennt ein Auguren-Lächeln

Über Halbnomaden und Hohepriester

Von Eugen Drewermann - Kommentar

Am 18. September habe der Wähler dem neoliberalen Durchmarsch eine Absage erteilt, wird zuweilen geschrieben und einschränkend hinzugefügt, dieses Votum sei wohl auch als Abwehrreaktion zu verstehen. Zu viele fürchteten um ihren sozialen Status.

Tatsächlich haben alle bisher im Bundestag vertretenen Parteien den Neoliberalismus mehr oder weniger deutlich auf ihre Fahnen geschrieben. Sie unterwerfen sich einer Indienstnahme der Politik durch die Wirtschaft. Sie verkörpern eine politische Klasse, die nichts Besseres zu tun hat, als die Bedürfnisse des Neoliberalismus hochpriesterlich auf das Volk herunter zu beten. Sie lassen uns entbehren, was nötig wäre - eine Politik, die im Interesse des Volkes die Wirtschaft kontrolliert und korrigiert. Stattdessen geraten die Börsen in Hochstimmung, wird ruchbar, dass erneut ein großer Konzern 3.000 oder mehr Arbeiter “freistellen” will. In der Regel liefert der Konkurrenzdruck einer globalisierten Wirtschaft die Begründung, werden Entlassungen in dieser Zahl als unvermeidlich hingestellt, schwindet die Kaufkraft weiter und bleibt die viel beschworene Belebung der Binnennachfrage eine Schimäre. Fürchten da viele nicht zu Recht um ihren sozialen Status? Der Druck auf die Menschen ist groß, man soll wie ein Halbnomade seinem Arbeitsplatz und seiner Existenz hinterher ziehen. Aber auch mit Hunderttausenden von Ich-AGs lässt sich kein Staat, geschweige denn eine Gesellschaft machen.

Dürfen die Reichen immer reicher, müssen die Armen immer ärmer werden? Ist das ein Naturgesetz wie die Schwerkraft? Müssen wir daran glauben, weil es uns die Medien glauben machen wollen, die ein Sprachrohr derer sind, die im Sinne des “Naturgesetzlichen” regieren? Es ist aufschlussreich, wie der Impuls, der mit der Linkspartei dem neuen Bundestag zuteil wird, durch die bislang das parlamentarische Geschäft arbeitsteilig verwaltenden Parteien ignoriert wird. Etwa neun Prozent haben für die Linke gestimmt, und die Antwort der Regierenden lautet arrogant: Das interessiert uns nicht, wir müssen zwar anerkennen, sie sind demokratisch gewählt, aber unter Demokratie verstehen wir nicht, dass wir deshalb mit ihnen reden müssten.

Man kann dem internationalen Neoliberalismus der Wirtschaft nur Paroli bieten durch eine Internationalisierung der Interessen der arbeitenden Menschen. Dieser Appell wurde schon vor mehr als 100 Jahren formuliert, doch dann setzte sich die Überzeugung durch, es reiche, wenn die Gewerkschaften national handelten. Sie könnten in ihren Ländern die Interessen ihrer Klientel am besten und wirksam genug vertreten. Heute reicht das nicht mehr, wenn wir erleben, wie die Arbeiterschaft - global und national - gegeneinander ausgespielt wird. Mit dem Argument - dies sei wegen der Globalisierung unausweichlich - sind die Grenzen für den Transfer von Kapital geöffnet, während die Politik in ihrem nationalen Käfig verharrt. Und eine Internationalisierung menschlicher Bedürfnisse als Reaktion auf eine Globalisierung der Wirtschaft findet nicht statt. Der Ort, an dem es sie geben könnte, wären die Vereinten Nationen. Doch die sind gedemütigt durch den häufigen Bruch ihrer Charta, diszipliniert durch die Hegemonie der USA, stranguliert in ihren Möglichkeiten durch die verweigerten Beitragszahlungen der Supermacht. Dabei hätte sich die UNO so vieler Bedürfnisse anzunehmen. Das Bewusstsein der Weltbevölkerung für einen drohenden Klimawandel, der weitere Katastrophen nach sich ziehen wird, gehört dazu.

Zur Profitmaximierung soll der Zugriff auf strategische Rohstoffe möglichst wenig kosten und der Zugriff auf immer billigere Arbeitssklaven rund um den Globus jederzeit möglich sein. Beides setzt voraus, was wir längst haben, eine absurde Militarisierung der Außenpolitik. Die USA geben jeden Tag mehr als eine Milliarde Dollar für Waffen aus, deren Zerstörungskraft unsere Vorstellungen sprengt und jede Hoffnung auf eine Befriedung der Menschheit blockiert. Lieber bringen die Industrienationen jährlich Milliarden Dollar auf, um Flüchtlinge aus den Entwicklungsländern auszusperren und abzuschieben - Mittel, die das Dreifache der in der EU für Afrika aufgebrachten Entwicklungshilfe sind.

Mit dieser einen Welt haben es auch die Kirchen zu tun. Den Worten nach sind sie für den Frieden, doch sie heißen eine Ökonomie gut, die so aggressiv ist, dass Frieden niemals ihr Ergebnis sein kann. Allein die Zinstreiberei reißt Arm und Reich immer weiter auseinander und fordert ein ständiges Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt. Die Kirchen thematisieren diese Probleme nicht, sie streicheln die Symptome, anstatt die Krankheit zu kurieren. Man erkennt ein Auguren-Lächeln und möchte von Heuchelei reden.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 42 vom 21.10.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Eugen Drewermann sowie dem Verlag.

Veröffentlicht am

27. Oktober 2005

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