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Ein Traum für die Lebenden

Millenniums-Plan: Mit “Das Ende der Armut” legt einer der führenden amerikanischen Entwicklungsökonomen ein Programm für eine gerechtere Welt vor

Von Regina General

Grenzen erleben eine Renaissance, Zäune werden aufgestockt. Der Kampf um Teilhabe am Reichtum gewinnt zunehmend Science-Fiction-Dimension. Die südlichen Kontinente, insbesondere der schwarze, haben den anderen als Steigbügel gedient. Ob es sich um Sklaven oder Bodenschätze handelte oder um Land, die Selbstbedienungsmentalität von Eroberern und Kolonialmächten hat Verwüstungen hinterlassen, die nun die verarmten Massen in Bewegung setzen. Die spanischen Enklaven am Nordzipfel von Afrika, das vermeintliche Tor nach Europa, sind zur Zivilisationsfalle geworden. Wie lange wird Europa seine Menschenrechtsnormen aufrecht erhalten, wenn es den Ansturm der Armut abwehrt? Wie weit geht die Bereitschaft zu teilen? Wie hoch kann man Mauern und Zäune bauen, um Zukunftslose abzuschrecken?

Als der amerikanische Entwicklungsökonom Jeffrey D. Sachs seine Vision Das Ende der Armut zu Papier brachte, hatten sich einige der Hoffnungslosen, die nun von Spanien wieder zurück nach Marokko geschoben werden, schon auf den Weg gemacht. Der Run auf die Grenzen, hinter denen Arbeit und Auskommen zu finden sein sollten, hatte sich gefährlich verstärkt. Die Bereitschaft der westlichen Staaten, den Menschen in ihren Ländern zu helfen, war allerdings nicht gerade gewachsen. Sachs konstatiert, die Welt hat ihr Gleichgewicht verloren, globale Instabilität bedroht Arm wie Reich gleichermaßen. “Seit dem 11. September 2001 führen die Vereinigten Staaten Krieg gegen den Terror”, schreibt er, “die tieferen Ursachen der globalen Instabilität haben sie jedoch vernachlässigt”.

Und Sachs legt nach: An jedem Morgen, und nicht nur nach Naturkatastrophen, könnten die Zeitungen mit der Nachricht aufmachen, dass 20.000 Menschen an tiefster Armut gestorben sind. Niemand hatte ihnen eine Chance eingeräumt, sich aus diesem Zustand zu befreien. Wer nur die Wahl zwischen tiefster Not, die zum Tode führen kann und einem vermeintlichen Ausweg durch Tod mittels Gewalt sieht, der das Leben für die anderen aus der Sippe erleichtert, kann sich für die Gewalt entscheiden. Ein Nährboden für Hass und Gewalt, der von geschickten Demagogen zusätzlich kräftig gedüngt wird. Dabei, so Sachs, hat die Welt die Chance, in eine “beispiellose wirtschaftliche Blüte einzutreten”.

Man kann den Mann für einen Träumer und Phantasten halten oder für einen unverbesserlichen Optimisten, gleichwohl entwickelt er Szenarien zur Überwindung von Armut, die mindestens aus ökonomischer Sicht funktionieren könnten und geeignet sind, die Situation nachhaltiger zu verbessern als bisherige Entwicklungsprogramme. Dafür müssten einige Bedingungen auch bei den Ländern erfüllt werden, die sich selber zur Entwicklungshilfe verpflichtet haben. Sachs weiß, dass der Egoismus der Besitzenden bislang die Entscheidungen diktierte, die eigentlich ausschließlich der Hilfe dienen sollten. Er fordert, daran muss sich etwas ändern, und sei es nur aus einem richtig verstandenen Selbsterhaltungstrieb der reichen Länder heraus. Der Massenansturm auf Ceuta und Melilla, die spanischen Enklaven an der Nordküste Marokkos, zeigt, die Gefahr besteht nicht nur darin, dass Terror und Gewalt durch Anschläge in die reichen Länder getragen werden, sie besteht auch darin, dass die Reichen zu Terror und Gewalt greifen, um sich des Ansturms zu erwehren. Dabei verlieren sie das, was sie sich bislang besonders hoch anrechnen - Liberalität und eine gewisse Humanität.

Er kennt das Gewinnstreben der Geberländer, er weiß, Geld soll Geld hecken, unterstellt aber nicht in allen Fällen nur Rendite-Erwartungen. Für Sachs ist die “Praxis wirtschaftlicher Entwicklung in die Irre” gegangen, spätestens seit der Regierungszeit von Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in England. Diese Fehlentwicklung reicht bis in die Ausbildung der Ökonomen, die als oberstes Prinzip “Individualismus und dezentralisierte Märkte” predigt, obwohl längst bekannt ist, dass mindestens ebenso sehr auf kollektive Entscheidungen, beispielsweise im Gesundheitswesen, die Bildung, eine solide wissenschaftliche Forschung oder die Infrastruktur zu setzen ist. Dass die reichen Länder gerade dabei sind, solche Stabilitätsfaktoren in den eigenen Ländern zu minimieren, sei kein Gegenargument, sagt er, da das zwar zu partieller, nicht aber zu flächendeckender extremer Armut in den reichen Ländern führen kann. Es weist allerdings darauf hin, dass noch immer nicht begriffen wurde, wie wichtig diese sekundären Faktoren sind, um Armutsbekämpfung tatsächlich effektiv zu gestalten.

Sachs scheint eine Änderung der Ausbildung von Ökonomen unerlässlich. Das Denken derjenigen, die helfen wollen, muss auf eine neue Basis gestellt werden. Für ihn ist die Haltung einiger “Geberländer”, die Armen seien selbst an ihrer Armut Schuld, zwar nicht völlig von der Hand zu weisen - er beschreibt natürlich auch die Korruption in diesen Ländern, die Investition in Krieg und politische Grabenkämpfe -, aber sie treffe nicht den Kern des Problems. Der bestehe darin, dass die Form der extremen Armut nicht wirklich wahrgenommen wird. Unter den Bedingungen, wie sie gegenwärtig noch sind, bestehe nicht einmal die theoretische Möglichkeit, Geldkapital in Sachkapital umzuwandeln, da in den meisten Fällen keinerlei Rücklagen möglich sind. Diese begrenzte oder unmögliche “Absorptionskapazität” liefere aber regelmäßig das Argument, um Entwicklungshilfe in ein sporadisch fließendes Rinnsal zu verwandeln, das bestenfalls noch ein paar Lieblingsprojekte der Geberländer begünstigt, nicht aber den Kapitalstock für notwendige Investitionen garantiert.

Um Armut in ihrer extremen Form in den nächsten 20 Jahren vom Erdball zu tilgen, schlägt er eine von den Millenniums-Entwicklungszielen ausgehende Strategie vor: Danach sind fünf Elemente unverzichtbar: - Eine Differenzialdiagnose zur Feststellung der nötigen politischen Maßnahmen und Investitionen, - ein Investitionsplan, der die Höhe und den jeweiligen Zeitpunkt der Zahlungen umfasst, - ein Finanzplan, der die Herkunft der Mittel nachweist und die Finanzierungslücken beschreibt, - ein Geberplan, der den Anteil am Finanzplan der Geberländer ausweist und - ein verwaltungspolitischer Rahmenplan, der die Verantwortlichkeit festlegt und Kontrolle ermöglicht.

Sachs hat genau berechnet, dass die Haushalte der jeweiligen Geberländer kaum stärker belastet würden, als gegenwärtig. Allerdings geht er davon aus, dass die Hilfe keine reine Papierverpflichtung mehr sein darf und die Bedürfnisse vor Ort zu berücksichtigen hat. Die sind nur in seltenen Fällen mit dem, was der IWF und die Weltbank diesen Ländern im Moment vorschreiben, kompatibel. Damit die Armen sich nicht immer wieder in der Armutsfalle verfangen, plädiert er für Zuschüsse, statt für Kredite, ähnlich wie beim Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg. “Handel statt Hilfe” hält er für einen falschen Weg, es geht um “Handel und Hilfe”. Dass die Verteilung der Gelder nicht nur den “Geberländern” und ihren Institutionen Weltbank und IWF überlassen bleiben darf, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Effektivität von Entwicklungshilfe. Für ihn gibt es nur eine Organisation, die sowohl das Vertrauen der Reichen wie die nötige Infrastruktur vor Ort aufweisen kann, und das ist die UNO mit ihren verschiedenen Unterorganisationen. Die Kanäle, in denen Entwicklungshilfe fließt, müssten entsprechend umgebaut werden.

Der Mann ist kein utopischer Sozialist. Er leitet das Earth Institut der Columbia Universität in New York und ist als Direktor des Millennium-Projekts über die Zustände in den verschiedensten armen Ländern durchaus informiert. Er war als Berater wichtiger Entwicklungsprojekte tätig und kennt die meisten betroffenen Länder sehr genau. Er plädiert keineswegs für eine Welt der Gleichheit oder staatlich geleiteter Wirtschaften. Im Gegenteil, er hat den Umbau vieler osteuropäischer Wirtschaften zur Marktwirtschaft wissenschaftlich begleitet - dass die Russen ihre Ölindustrie zunächst privatisiert haben, hält er allerdings für einen Kardinalfehler und betont, dass er gegen seinen Rat zustande kam.

Sachs vertraut weder Gefühlen, noch humanitärem Vokabular oder altruistischen Überzeugungen. Er setzt auf wissenschaftliche Prognose und den Verstand. Beide sagen voraus, der Reichtum der Länder Europas und Nordamerikas sowie Japans ist gefährdet, sie werden dem Ansturm der Armut nicht standhalten können. Allein deshalb muss sie in den nächsten 20 Jahren verschwinden. Sein Verweis auf den Marshall-Plan enthält einen Vertrauensvorschuss: unter bestimmten Voraussetzungen ist es möglich, man hat es schon einmal bewiesen, auf kurzfristige Rendite zu verzichten (Rückzahlung, Zinsen), um langfristig daraus Gewinn zu ziehen und Handel unter Gleichen zu erreichen. Dabei geht es nicht um mehr Mittel, sondern um den effektiven Einsatz dessen, was ohnehin vorgesehen, häufig aber nicht gezahlt wird.

Es lässt sich allerdings nicht übersehen: Weltbank und IWF sind keine Hexenküchen, die irgend etwas zusammenbrauen, was niemand so richtig will. Sie sind Instrumente desselben Kapitalinteresses, das Sachs auffordert, sich in Verzicht zu üben. Das muss ihm selber einigermaßen unrealistisch vorgekommen sein. Und so zitiert er Martin Luther Kings “Ich habe einen Traum …” und möchte ihn für die Generation der Heutigen beleben. King wartete nicht, bis sich die Regierenden bewegten, er forderte die Rechte der Schwarzen vehement ein. Einen King sieht Sachs weit und breit nicht, er sieht die Globalisierungsgegner als einzige Kraft, die überregional organisiert sind und druckvoll etwas voranbringen können. Sie sollten ihre Kraft und das beeindruckende Engagement nicht nur dafür verwenden, gegen Globalisierung zu sein. Vielmehr sollten sie für die globale Verantwortung von Menschen für Menschen in Armut kämpfen.

Jeffrey D. Sachs: Das Ende der Armut - Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. Siedler, München 2005, 476 S., 24,90 EUR

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 42 vom 21.10.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Regina General sowie dem Verlag.

Veröffentlicht am

27. Oktober 2005

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