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Eine Gesellschaft ohne Vision beginnt abzusterben

Augsburger Friedenspreis 2005 an Gorbatschow und Führer

Am 5. Oktober 2005 wurde Michail Gorbatschow, dem ehemaligen Präsidenten der UdSSR, und Christian Führer, Pfarrer in der evangelischen Nikolaikirche in Leipzig, der “Augsburger Friedenspreis 2005” von der Stadt Augsburg verliehen. Anlass war das 450-jährige Jubiläum der Verkündigung des Augsburger Religionsfriedens.

Mit der Verleihung des “Augsburger Friedenspreises 2005” an Michail Gorbatschow und Christian Führer würdigt die Jury die beiden Persönlichkeiten als “Hauptakteure und Repräsentanten” des gewaltfreien Verlaufs der Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989. Der Abend “dieses schicksalsträchtigen Tages” habe “die friedliche Wende, die Öffnung der Mauer und die Vereinigung Deutschlands” eingeläutet. “Es gehört zu den großen Leistungen Gorbatschows, selbst erkannt zu haben und andere davon überzeugt zu haben, dass die Interessen der Sowjetunion nicht mit Panzern, sondern durch Verhandlungen und Abkommen gesichert werden müssen.” Christian Führer, der Pfarrer der evangelischen Nikolaikirche in Leipzig, erhält den Preis “stellvertretend für das ‘deutsche Volk’, jedenfalls die mutigen Menschen, die damals im Oktober 1989 zu Zehntausenden auf die Straße gingen und zum ersten Mal in Deutschland eine gewaltlose, friedliche Revolution wagten. Er steht stellvertretend für die offenen Kirchen, für die Friedensgebete und den Einsatz der Kirche für Freiheit und Gewaltlosigkeit.”

Zusammenfassend heißt es in der Begründung der Jury: “In entscheidenden, kritischen Momenten der Weltgeschichte bedarf es sowohl der mutigen Entscheidung einzelner Persönlichkeiten an den Schalthebeln der Macht - als auch des Mutes der Menschen der Völker - bisweilen unter Einsatz ihres Lebens - zu einem gewaltfreien, friedlichen Wandel und für Freiheit. Beides kam an jenem 9. Oktober 1989 glücklich zusammen und stützte sich gegenseitig: die politische Friedensbereitschaft und Bereitschaft zur Gewaltlosigkeit ‘von oben’ und der Friedensmut und die Freiheitssehnsucht des Volkes ‘von unten’, gefördert und genährt nicht zuletzt von den Christen in der DDR, die die biblische Friedensvision ‘Schwerter zu Pflugscharen’ zum bildhaften Leitmotiv machten. Beide ‘Friedens-Bewegungen’ zusammen: die ‘von oben’ und die ‘von unten’, ermöglichten erst den friedlichen Wandel hin zu einem neuen Europa.”

Christian Führer hat anlässlich der Verleihung des Friedenspreises eine Rede gehalten, die wir nachfolgend dokumentieren.


Eine Gesellschaft ohne Vision beginnt abzusterben

Rede des Friedenspreisträgers Pfarrer Christian Führer zur Verleihung des Preises Augsburger Friedensfest am 5. Oktober 2005

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wer unsere Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai sieht, bemerkt sofort, dass der mittlere ihrer drei Türme architektonisch völlig aus dem Rahmen fällt. Er ist neu errichtet worden, höher, prächtiger, ganz oben mit einem goldenen Stern versehen: Genau 1730, zum 200. Gedenken an die bleibende Bedeutung der Confessio Augustana von 1530.

Der Blick für das Wesentliche und der Mut zu ungewöhnlicher Umsetzung war und ist ein Kennzeichen Leipzigs und seiner Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai. Übrigens schon von Anfang an.

Mit der Verleihung des Stadtrechtes 1165 wurde sie als unabhängige Stadtkirche geplant und gebaut: keine Klosterkirche also, keine Kathedrale für einen Bischof, keine Hofkirche für einen Fürsten, sondern eine Kirche für die Bevölkerung der Stadt. Man gab ihr den Namen des Schutzpatrons der Reisenden und Kaufleute “St. Nikolai”. Der Name ist übersetzbar. Νίκος heißt “Sieger”, λάος heißt “Volk”. Νίκο λάος, Nikolaus, Nikolai heißt “Sieger ist das Volk”. Sie sehen, dass den Leipzigern schon immer ein gewisser Weitblick zu eigen war.

Wer in Augsburg öffentlich spricht, so wie es heute anlässlich des Augsburger Friedenspreises 2005 geschieht, muss den historischen und inhaltlichen Kontext dieser Stadt vor Augen haben. Erst recht im Oktober, dem Monat der Reformation und der Revolutionen.

Vom Oktober 1518, als Luther hier durch Kardinal Cajetan vergebens zur Räson und zum Widerruf genötigt wurde über die Verlesung und Vorlage der Confessio Augustana 1530, den Augsburger Religionsfrieden von 1555, das 1. Augsburger Friedensfest am 8. August 1650 bis hin zum 31. Oktober 1999 reicht der Bogen, als hier durch die Vertreter der römisch-katholischen Kirche und der Lutherischen Kirchen die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet wurde, womit sie dem Willen JESU nach Einheit SEINER Jüngerinnen und Jünger in aller Welt einen nicht unwesentlichen Schritt näher gekommen sind.

Wer den Augsburger Friedenspreis erhält, erfährt eine hohe Ehrung. Für mich ist diese Ehrung nicht unproblematisch. Michail Gorbatschow, spätestens seit 1985 die maßgebliche Persönlichkeit der internationalen Politik, der Laudator Hans-Dietrich Genscher, als Außenminister auch im geteilten Deutschland ein in beiden Teilen des Landes anerkannter und hochgeachteter Politiker - passe ich als Gemeindepfarrer an der Basis in dieses Ensemble? Und wenn ich an den 9. Oktober 1989 in Leipzig denke, das Kerndatum der Friedlichen Revolution, als die chinesische Lösung drohte und alles auf des Messers Schneide stand, an die 6.000 Menschen in den Kirchen, die sich dann mit den draußen Wartenden zur Demonstration der 70.000 vereinigten und erlebten, was es heißt, das GOTTES Wort (Sach. 6,4): “Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch MEINEN GEIST geschehen.” - und stehe nun als Einzelner hier.

So stehe ich als Einzelner hier ausdrücklich für das Volk der Demonstranten, die nie einen Preis oder eine Ehrung erfahren. Sagen wir, aus Platzgründen stehe ich allein für sie hier.

  • Danken möchte ich den Frauen und Männern des Kirchenvorstandes der Nikolaikirche, die im Blick auf JESUS die nötigen Entscheidungen wagten. Stellvertretend für sie ist Siegfried Grötsch mit seiner Frau hier anwesend.
  • Danken möchte ich vor allem meiner Frau und unseren Kindern, die in dieser Tag-und-Nacht-Angst immer zu mir standen und bei mir waren, meiner Frau, die auch heute mit mir ist!
  • Und danken möchte ich GOTT, DER mir mitten in der Angst immer wieder auf die Beine half, DER dafür sorgte, dass mein Glaube immer ein Stück größer war als meine Angst und mir in ernsten Situationen eine Portion Humor gab, der erstaunlich befreiende Wirkung hatte.

So wurde in den Jahren 1980 - 89 dieses Wort aus dem Hebräerbrief für mich bestimmend: “Wir aber gehören nicht zu denen, die zurückweichen und verloren gehen, sondern zu denen, die glauben und das Leben gewinnen.” (Hebr. 10, 39)

A. Eine Reformation neuen Typus nahm ihren Anfang

Wer als Christ in der DDR glaubhaft leben wollte, geriet gewissermaßen automatisch in Auseinandersetzungen und Konflikte mit dem atheistischen Staat und seinem weltanschaulichen Totalitätsanspruch. Es ist der schon im Neuen Testament genannte “Kampf, der uns bestimmt/verordnet ist.” (Hebr. 12,2), den wir uns nicht ausgesucht, erst recht nicht herbeigewünscht haben. Von vielen Christen wurde diese Situation negativ und entwürdigend empfunden. Schlimme Auswüchse von ungerechter Behandlung, Benachteiligungen, psychischem Druck bis hin zu Verhaftungen waren für die jeweils Betroffenen schwer zu verkraften. Dennoch erkannte ich mit der Zeit immer deutlicher, dass diese Zeit in Wirklichkeit eine Zeit der Verheißung und des Aufbruchs war. Der gedankenlose Automatismus der Volkskirche zur Kaiserzeit, da beinahe alle getauft und konfirmiert wurden und die Familien jeden Sonntag mindestens ein Mitglied zum Gottesdienst abzuordnen hatten, was imposante Zahlen hervorbrachte, wurde mit dem entsprechenden Druck vom sozialistischen Staat übernommen: alle in die Pioniere, alle zur Jugendweihe, alle in die FDJ, alle zur Wahl, alle zu den staatlich verordneten Demonstrationen - was ebenfalls imposante Zahlen hervorbrachte und gleichzeitig blind für den wahren Zustand der Gesellschaft machte.

Der Kirche hingegen waren Macht und Privilegien weitgehend genommen, sie hatte die Freiheit einer sich nur an JESUS orientierenden, von staatlichem Wohlwollen unabhängigen Kirche gewonnen. Allerdings ohne es zu wollen und ohne es zu verstehen.

Noch im Vorfeld des 17. Juni 1953, als die Kirche vom Staat angegriffen, die Jungen Gemeinden als CIA-gesteuerte Agentenzentralen diffamiert und Studentenpfarrer verhaftet wurden, bemühten sich Vertreter der Kirche bei diesem selben Staat um Religionsunterricht an den Schulen und Kirchensteuereinzug durch den Staat! Man konnte sich Kirche ohne die Krücken staatlicher Privilegien einfach nicht vorstellen. Der DDR-Staat sagte nein.

Eine Reformation neuen Typus nahm ihren Anfang. Da die Kirche selbst nicht mehr die innere Kraft zur Erneuerung hatte, ging GOTT einen neuen Weg mit ihr. Von außen, über den atheistischen Staat, schreckte sie GOTT aus dem Schlaf der Sicherheit und rüttelte und schüttelte den Weinberg des HERRN durch und durch, dass die faulen Früchte und toten Äste nur so herunter prasselten. Die imposanten Zahlen nahmen rapide ab. Dran und drin blieb nur, wer wirklich mit JESUS verbunden war. Wir mussten neu buchstabieren, was es heißt, wenn JESUS sagt: “ICH bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in MIR bleibt und ICH in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne MICH könnt ihr nichts tun. Wer nicht in MIR bleibt, der wird weggeworfen wie solche Reben, die man sammelt und ins Feuer wirft…” (Joh. 15, 5+6)

So half der atheistische Weltanschauungsstaat, ebenfalls ohne es zu wollen und ohne es zu verstehen, der Kirche wieder zur Besinnung und Konzentration darauf, wovon Kirche allein lebte und lebt: vom gekreuzigten und auferstandenen JESUS CHRISTUS.

So führte das 40jährige Trainingslager DDR zur Reformation neuen Typus, gewöhnungsbedürftig, wie alles wirklich Neue, in hohem Maß!

B. Früchte der neuen Reformation

Und so sehen praktische Früchte dieser neuen Reformation aus:

Schon 1981 gelang in der Nikolaikirche der Versuch, der gerade in Ost und West entstandenen Protestbewegung gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen, der “Friedensdekade”, in Leipzig Raum und Gehör zu verschaffen.

In einer 22-Uhr-Andacht mit etwa 120 Jugendlichen im Altarraum der Kirche, unter ihnen ein großer Anteil Nichtchristen, kam bei der Kerzenmeditation alles aus den Jugendlichen heraus, was quälte und wütend machte. Eine ungeheuer befreiende Wirkung breitete sich aus. Kirche als Freiraum, geistig und quadratmetermäßig, in einer Gesellschaft, die alles vorschreibt und kontrolliert: Das ist es!

Wenn wir die Kirche öffnen für alle, die draußen zum Verstummen gebracht, die diffamiert oder gar inhaftiert werden, dann kann niemand mehr auf den Gedanken kommen, die Kirche sei eine Art religiöses Museum oder ein Tempel für Kunst-Ästheten. Sondern dann ist JESUS real präsent in der Kirche, weil wir zu tun versuchen, was JESUS tat, und was ER will, dass wir’s heute tun. Das ist die Geburtsstunde der OFFENEN STADTKIRCHE auch für die Protest- und Randgruppen der Gesellschaft.

Keine Konzeption, am Schreibtisch entwickelt. Sondern entstanden mit den Menschen, die die Kirche aufsuchten. Die Kirchentüren auf! Die geöffneten Türflügel einer Kirche sind wie die ausgebreiteten Arme JESU: “Kommt her zu MIR, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ICH will euch erquicken!” Und sie kamen und kommen! Die Schwelle ist niedrig sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Atheisten.

1982 spitzte sich die Lage im sozialistischen Lager zu. Die Friedensdekaden in der DDR, Solidarnosc in Polen und Charta 77 in der Tschechoslowakei standen für widerständisches Denken und Handeln, während die Hochrüstung auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze unerhört forciert wurde. In dieser Situation forderte eine Junge Gemeinde-Gruppe, die Friedensgebete ebenfalls zu forcieren, statt an nur 10 Tagen im Jahr wöchentliche Friedensgebete durchzuführen. Die Frauen und Männer des Kirchenvorstandes der Nikolaikirche stimmten zu. So gibt es ab September 1982 Woche für Woche montags 17 Uhr das Friedensgebet in der Nikolaikirche.

Ohne dass einer ahnte, was daraus einmal werden würde, waren in aller Stille drei entscheidende Wurzeln für die Friedliche Revolution gewachsen: Friedensdekade, “Nikolaikirche offen für alle”, wöchentliche Friedensgebete ohne Unterbrechung, immer an derselben Stelle, im Herzen der Großstadt!

Zum Symbol und ständigen Motto der Friedensgebete wurde das Bibelwort “Schwerter zu Pflugscharen”. 700 Jahre vor CHRISTUS formulierten die Propheten Jesaja und Micha diese Vision: Die Völker und Heiden “werden hingehen … zum Haus GOTTES, dass ER sie lehre und zurechtweise. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen … Und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.”

Endlich also Schluss mit der Lüge, dass jeder Krieg dem Frieden dient und wie ehrenvoll es ist, fürs Vaterland zu sterben. Denn Frieden kommt nicht mit Gewalt. “Schwerter zu Pflugscharen”, so wird er werden. Eine besondere Brisanz erhielt dieses Prophetenwort dadurch, dass die Sowjetunion, die bekannterweise ein atheistischer Staat war, dieses Bibelwort durch ihren berühmten Bildhauer Jewgenij Wutschetitsch gestalten ließ und als Skulptur der UNO schenkte. So steht sie in der Tretjakowgalerie und im Schatten des UNO-Gebäudes am East River in New York. Und wurde als Lesezeichen zur Friedensdekade in der DDR verteilt. Die Jugendlichen sprach das so an, dass sie es ausschnitten und auf ihre Jacken und Schultaschen klebten. Staatliche Reaktion: DDR-weit machten Polizisten Jagd auf dieses Zeichen.

Gleichzeitig war genau diese Skulptur in dem Buch abgebildet, das die Jugendlichen zur Jugendweihe bekamen. Während es draußen die Polizisten abrissen, wurde es drinnen durch die Direktorinnen und Direktoren feierlich zur Jugendweihe überreicht. Da ging schon einiges durcheinander. Doch einen großen Vorteil hatte diese Aktion. Mit einem Schlag hatten alle Polizisten in der DDR bis hin zu ihren Generälen ein Bibelwort gelernt: “Schwerter zu Pflugscharen”.

Während Honecker und sein Zentralkomitee unbelehrbar “die mit Hingabe betriebene Abschaffung der Wirklichkeit” praktizierten, wuchs eine Protestmasse ganz anderer Art heran: die Ausreisewilligen. 1987 bekam ich intensiv mit ihnen zu tun. Auf ihr Drängen hin gründete ich einen Gesprächskreis “Hoffnung für Ausreisewillige”.

Damit geriet die Nikolaikirche immer stärker ins Visier staatlicher Observierung und strategischer Aufmerksamkeit.

Als im Januar 1988 auf der staatlich verordneten Gedenkdemonstration für Liebknecht und Luxemburg in Berlin die Träger des selbstgefertigten Plakates mit dem Rosa-Luxemburg-Wort von der “Freiheit der Andersdenkenden” verhaftet wurden, kamen knapp 100 Jugendliche zur Nikolaikirche und forderten tägliche Fürbittandachten für die Berliner Verhafteten. Mit ihrer Zustimmung gingen die Frauen und Männer des Kirchenvorstandes ein hohes Risiko ein. Waren die Friedensdekaden mit 200 bis 300 TeilnehmerInnen immer gut besucht, so kamen zu den wöchentlichen Friedensgebeten nur etwa 10 bis 15 Personen. Das änderte sich jetzt schlagartig. Knapp 100 waren es nun montags bis donnerstags bei den Fürbittandachten für die Berliner Inhaftierten. Auch die Ausreisewilligen nutzten zunehmend diese Gelegenheit zum täglichen Treffen und lieferten sich z. T. öffentliche Auseinandersetzungen mit den Basisgruppenvertretern in der Kirche. Daraufhin lud ich etwa 50 Ausreisewillige extra zu einem Gesprächsabend “Leben und Bleiben in der DDR” in die Nikolaikirche ein. Dieser 19. Februar 1988 hatte ungeahnte Folgen. Statt der 50 kamen 600.

Sie erlebten den Abend so positiv, dass sie am Ende fragten, ob auch sie zu den Friedensgebeten willkommen seien, auch wenn sie Nichtchristen sind. Keine Frage: “Nikolaikirche - offen für alle” gilt auch für sie! Und so kamen von nun an, vom Montag darauf, Hunderte Menschen zum Friedensgebet. Das war einmalig in der DDR: eine spannungsgeladene “Notgemeinschaft” von Basisgruppenvertretern und Ausreisewilligen in dieser Größenordnung unter einem Kirchendach! Es war zugleich die vierte entscheidende Wurzel für den 9. Oktober. Die ungeteilte staatliche Aufmerksamkeit war der Nikolaikirche nun endgültig sicher!

In der Kirche spielte die Bergpredigt von JESUS als Alternative zu allem Bestehenden mit ihrer radikalen Ablehnung der Gewalt eine besondere Rolle. Und so hörten sie alle, auch die Masse der Nichtchristen, das Evangelium von JESUS, DEN sie nicht kannten, in einer Kirche, mit der sie bis dahin nichts anfangen konnten, sie hörten von JESUS,
DER sagte: “Selig die Armen”! Und nicht: Wer Geld hat, ist glücklich.
DER sagte: “Liebe deine Feinde!” Und nicht: Nieder mit dem Gegner.
DER sagte: “Erste werden Letzte sein!” Und nicht: Es bleibt alles beim Alten.
DER sagte: “Wer sein Leben einsetzt und verliert, der wird es gewinnen”! Und nicht: Seid schön vorsichtig.
DER sagte: “Ihr seid das Salz”! Und nicht: Ihr seid die Creme.

So kam der 9. Oktober heran, der Tag der Entscheidung. Die überraschende und wunderbare Frucht der jahrelangen, ununterbrochenen Friedensgebete und der Aufnahme von Protest- und Randgruppen der Gesellschaft in der Nikolaikirche war herangereift! An diesem Tag wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der Demonstration der 70.000 und damit zum Kernpunkt der Friedlichen Revolution überhaupt. “Keine Gewalt!” und “Wir sind das Volk!” signalisierten eine Wirklichkeit, die neue Maßstäbe setzte, von denen die Staatsmacht total überrascht wurde. “Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.” Nach so viel atheistischer Propaganda und Erziehung (“Euern Jesus hat’s nie gegeben, euer Gefasel von Gewaltlosigkeit ist gefährlicher Idealismus, denn in der Politik zählen Geld, Armee, Wirtschaft, Medien, alles andere kannst du vergessen…”) in zwei unterschiedlichen Weltanschauungsdiktaturen, nach Rassenhass zuvor und Klassenkampf danach, nach so viel unwürdiger Anpassung nun “Wir sind das Volk!” und “Keine Gewalt!”, die kürzeste Zusammenfassung der Bergpredigt von JESUS. Aus dem Volk geboren und nicht nur gerufen, sondern konsequent praktiziert: ein ungeheurer Vorgang, ein Wunder biblischen Ausmaßes! Wann wäre uns je eine Revolution gelungen? Und beim ersten Mal gleich das Größte, ohne Blutvergießen. Einheit Deutschlands dieses Mal ohne Krieg und Sieg und Demütigung anderer Menschen und Völker.

Dass GOTT SEINE schützende Hand über uns alle - Christen wie Nichtchristen, Basisgruppenleute und Polizisten, Regimekritiker und Genossen, Ausreisewillige und Stasileute, die in den Panzern und die auf der Straße - gehalten hat und uns diese friedliche Revolution gelingen ließ nach so viel brutaler Gewalt, die in diesem 20. Jahrhundert von Deutschland ausging, besonders an dem Volk, aus dem JESUS geboren wurde, das kann ich nur mit dem Wort Gnade bezeichnen: Gnade an dieser Kirche, an dieser Stadt, an diesem ganzen Deutschland.

Dieser beispiellose Vorgang in unserer Geschichte verdient es, erinnert und lebendig erhalten zu werden. Der 9. Oktober als Tag der Gewaltlosigkeit und des Volkes eignet sich in hervorragender Weise zu deutschlandweitem Gedenken.

C. Zeit für die “Ökumene mit den Atheisten”

Kirche mitten in einer “Reformation neuen Typus”, die ungewöhnliche und unerwartete Früchte trägt? Beginnen wir zu verstehen, dass Kirche sich wie JESUS zu verhalten hat, offen und erreichbar für alle zu sein, für andere da zu sein, sich einzumischen und zu verweigern hat?

Oder sind wir gleich nach 1989 sowohl politisch als auch kirchlich in die bewährten, wie geölt funktionierenden Strukturen der alten BRD und EKD zurück gefallen, ohne auch nur das Minimum einer gesamtdeutschen und gesamtkirchlichen Erneuerung zu wollen, geschweige denn zu gestalten?

“Wer von euch”, sagt JESUS, “der 100 Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die 99 … und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?” (Luk. 15,4) War es nicht inzwischen irgendwie völlig anders geworden. Sind nicht infolge der Jahrhunderte langen babylonischen Gefangenschaft der Kirche durch Thron und Altar 99 verloren gegangen, und wir hätscheln und streicheln durch unsere Betreuungsstrukturen das eine Schäfchen, das “noch” zur Kirche gehört? Haben wir es womöglich trotz der Erfahrungen von 1980 - 1989 immer noch nicht mitbekommen oder seit 1990 wieder erfolgreich verdrängt, dass die Thron- und Altar-Zeit und die Ära danach vorbei sind und das jesuanische Zeitalter angebrochen ist, in dem Straße und Altar zusammengehören?

Schon Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis noch 1945 ermordeten, hat dieses Zeitalter vorausgesehen, indem er den Theologen die Frage “Wie reden wir religionslos von GOTT?” vorlegte und die “nichtreligiöse Interpretation biblischer Begriffe” als Aufgabe sah. Der uns Christen die “billige Gnade” austrieb und so zu eigenverantwortlichem Handeln aufforderte, “etsi deus non daretur”, als ob es GOTT nicht gäbe. Der den Willen JESU in den Satz fasste: “Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.” Ja, die “Reformation neuen Typus” bewusst wollen, wagen und verstehen. Es wird Zeit für die “Ökumene mit den Atheisten”.

D. Kirche schuldet ganzer Welt das Evangelium und die Hoffnung

Der Anschluss an das Bestehende in allen Bereichen, politisch wie kirchlich gleichermaßen ab1990, beendete nach kurzer, anfänglicher Euphorie die neue, unerwartete, erstaunliche, für die Gesamtheit der Gesellschaft wichtig gewordene Rolle der Kirche einerseits und die durch die Friedliche Revolution erwachte Mündigkeit und Verantwortungslust der Bürgerinnen und Bürger andererseits ziemlich abrupt.

Die “Reformation neuen Typus” und die “Revolution neuen Typus” gerieten in Ost und West weitgehend in die Hände derer, die weder die eine noch die andere durchlitten, durchlebt und gestaltet hatten. Unter den unerhörten Schwierigkeiten und Anstrengungen der praktischen Gestaltung der deutschen Einheit und der strukturellen Anpassung und Angleichung innerhalb der EKD blieb das wunderbare Gefühl vom Herbst 1989 der inneren Nähe und Verbundenheit zwischen Ost und West auf der Strecke. Wie von selbst glitt die Evangelische Kirche in Deutschland in innerkirchliche Selbstbeschäftigung mit ihren allgegenwärtigen Strukturdebatten ab, und das geeinte Deutschland versackte in innerdeutscher Befindlichkeitspflege. Bei gleichgebliebenem Landesnamen und gleichgebliebener Hymne schimmern dazu die alten Unterschiede deutlich durch in der Gehaltsfrage und in der Prozentualität der Arbeitslosigkeit. Im Jahr 2005 wird nur noch verbal Besserung, Ruck und Aufbruch angesagt. Das Wort des Dr. Faustus “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube” trifft hier den Nagel gleich mehrfach auf den Kopf! Jawohl, es fehlt der Glaube!

Im Chor der durch den langen Wohlstand seelisch Ausgezehrten, Reichen, Gelangweilten, im Chor der durch Arbeitslosigkeit Erbosten, Gedemütigten, Frustrierten ist das Gemeinwohl aus dem Blick geraten. Das Denken wird weitgehend von dem Motto bestimmt: Privat geht vor Katastrophe. Und manchmal fällt beides zusammen.

Es fehlt der Glaube an verlässliche Werte und wirkliche Veränderungen.
Es fehlt der Glaube an die Zukunft.
Es fehlt der Glaube an die Kraft und die Möglichkeiten, die GOTT schenkt.

Dabei sind die Bedingungen in unserem Land, objektiv gesehen, besser als ihr Ruf und sehr viel besser als in den meisten Ländern dieser Erde. Es fehlt allein der Glaube. Und damit fehlt wohl das Entscheidende.

Wer ist eigentlich zuständig für den Glauben in einem Land? Das müsste doch, das könnte doch, nein, das ist tatsächlich die Kirche!

JESUS hat sich sowohl den konkreten Nöten dieser Welt entgegen gestellt - Kranke geheilt, in Menschen Glauben entfacht und sie wieder auf die Beine gebracht, Schuldige entfesselt, Erniedrigten und Beleidigten ihre Würde vor Menschen und GOTT zurückgegeben - als auch eine unermessliche Hoffnung in die Welt gebracht: “Siehe, ICH mache alles neu!” (Offb. 21,5) Darum darf die Kirche nicht bei sich selber bleiben, darf nicht bei den interkonfessionellen Gesprächen, auch nicht beim interreligiösen Dialog stehen bleiben, sondern ist der gesamten Gesellschaft und der ganzen Welt das Evangelium und die Hoffnung schuldig, die JESUS ihr anvertraut hat. Das drücke ich provokativ als “Ökumene mit den Atheisten” aus, Verantwortung auch für die Nichtreligiösen, Nichtglaubenden, eben für die anderen alle auch wahrzunehmen.

Anfang der 90iger Jahre, als die Umfragemanie auch uns erreichte, wurden die Menschen auf dem Leipziger Hauptbahnhof befragt, ob sie sich eher als christlich oder eher als atheistisch bezeichnen würden. Die meisten antworteten. “Nö, eher normal.” Die also auch. Nach all den Appellen, Aufrufen, Umfrageergebnissen, Wachstumsprognosen, Talkshows und Promirunden bleibt die entscheidende Frage, wie wieder Glauben und Hoffnung und damit Festigkeit und Dynamik in die Menschen kommen, damit die ganze Gesellschaft wieder auf die Beine kommt! Diese Frage muss zuerst einmal in ihrer grundsätzlichen Bedeutung für das Leben des Einzelnen wie auch der ganzen Gesellschaft erkannt werden, ehe man weiter nur mit atemloser Betriebsamkeit an den Symptomen herumwerkelt.

Was sollen wir tun?

Die berühmte Frage der Masse zu Pfingsten an die Apostel also, die 1900 Jahre später Lenin aufgriff: “Was sollen wir tun?” Versuch einer ersten Antwort:

1. Die Kirchen müssen offen sein, offen für alle! Im direkten wie im übertragenen Sinn.
JESUS hat sich nie im Tempel versteckt, sondern war immer dort, wo sich die Menschen mit ihrem Leben abquälten: in den Häusern, auf den Straßen und Plätzen. SEINE berühmteste Predigt hat ER auf einem Berg gehalten. ER hat nie nach Konfessionszugehörigkeit und Kirchensteuer gefragt. ER war mitten unter den Menschen und ihren Problemen, war zum Anfassen nahe und auch angreifbar. So dürfen auch wir uns nicht hinter dicken Kirchenmauern verstecken. In Abwandlung wieder eines Bonhoefferwortes könnte es heute heißen: “Nur wer für die Arbeitslosen schreit, darf auch Gregorianik singen.” Zum Anfassen nahe und angreifbar sein.

2. Wir müssen die JESUS-Mentalität des Teilens als Lebensqualität entdecken. Verzicht als Gewinn.
Wer blindlings alles tut, was ihm in den Kopf kommt, kommt nicht weit.
Wer alles mitnimmt, was er kriegen kann, wird immer gieriger und unruhiger.
Wer nur noch an sich und nicht mehr an den anderen denkt, wird freudlos und fremd.
Verzicht um eines Zieles oder Menschen willen hingegen kostet zwar Anstrengung, gibt dafür aber das befreiende Gefühl, dass wir leben und entscheiden und nicht gelebt werden und fremdbestimmt sind.

Der Mensch braucht zum Leben Widerstand, Anstrengung und Verzicht um eines Zieles willen, um nicht in Gleichgültigkeit und Resignation zu versinken. Entdecken wir die JESUS-Mentalität des Teilens als unbekannte Lebensqualität neu! Arbeit und Einkommen teilen z. B., damit wir miteinander in Würde leben können! Und die Kirche glaubwürdig und modellhaft voran!

Der Satz “Geiz ist geil” hat unserem Land mehr Schaden zugefügt, als bekannt geworden ist. Das Motto der Zukunft heißt: “Teilen ist cool!”

3. “Wir haben keine Zeit mehr, GOTT zu verschweigen.”
Diese Feststellung von Fulbert Steffensky Ende der 60iger Jahre bedarf immer dringender der Umsetzung.

In den Sprüchen des Alten Testaments heißt es: “Wo keine Offenbarung, keine Vision ist, wird das Volk wild und wüst.” (Spr. 29,18a)

Der Sozialismus hatte eine Vision: den Kommunismus, die Vision von der klassenlosen Gesellschaft. Sie stand dem Christentum nahe, war sie doch sozusagen der säkulare Ableger der REICH-GOTTES-Verkündigung JESU. Die Kommunismus-Vision hatte zwei alles entscheidende Grundirrtümer: im Menschenbild und in der GOTTES-Frage.

Am 7. Oktober 1979, dem 30. Jahrestag der DDR, es war ein Sonntag, habe ich zu diesem Anlass selbst einen Predigttext ausgewählt, Jes. 7a: “Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.”

10 Jahre später, fast auf den Tag genau, wurde es Realität. Sie glaubten nicht. Sie blieben nicht.

Was für eine Vision bzw. Chance hat die Demokratie im Schlepptau der kapitalistischen Marktwirtschaft? Seit der Sozialismus als der einzige Konkurrent weggefallen ist, hat letztere die Maske fallen lassen und an Anstand, Maß und Ethik in erschreckender Weise verloren. Mit Geld kann man bekanntlich sehr viel machen und erreichen. Nur eines gibt das Geld nicht her: als GOTTES-Ersatz zu fungieren. Gerade dazu aber wurde es in allen Zeiten immer wieder gemacht! Der Tanz ums Goldene Kalb, um Geld und Macht, durchzieht als Blutspur von Kriegen, die im schlimmsten Fall noch als Religionskriege getarnt werden, die Geschichte der Menschheit bis heute. Darum hat JESUS ein für allemal klargestellt: “Niemand kann zwei Herren dienen … Ihr könnt nicht GOTT dienen und dem Mammon.” (Matth. 6,24)

Wenn der einzelne Mensch kein Ziel, keine Vision, keine Hoffnung mehr hat über den nächsten Urlaub, Einkauf oder Aktienkurs hinaus, beginnt er abzusterben. Wenn eine ganze Gesellschaft praktisch kein Ziel, keine Vision, keine Hoffnung mehr hat über Wirtschaftswachstum, Steigerung der Kaufkraft und Profitmaximierung hinaus, beginnt sie abzusterben.

“Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.”
Das alles entscheidende Kriterium auch für die real existierende Demokratie ist das Menschenbild und die GOTTES-Frage. Daran wird sich auch das Schicksal der heutigen Welt entscheiden. Darum, darum haben wir keine Zeit mehr, GOTT zu verschweigen.

Also:

  • Wir Christen als aufgeschlagene Bibel, die die Menschen von heute lesen und verstehen können, wir, die trotz eigener Schuld und Sünde die vergebende und stärkende Liebe GOTTES bezeugen, DER will, “dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.” (1. Tim.2,4)
  • Die offenen Kirchen (mit Taufe und Abendmahl) als Einladung unseres gekreuzigten und auferstandenen HERRN JESUS CHRISTUS zum REICH GOTTES, DAS mit IHM schon begonnen hat und unserem Leben und unserer Welt das große Ziel und den unzerstörbaren Sinn gibt, die wir uns nicht selbst geben können.
  • “Siehe, ICH mache alles neu”. Unter dieser Verheißung JESU lässt es sich entkrampft leben, arbeiten, kämpfen und glauben, lässt sich der “Frieden GOTTES finden, “der höher ist als alle Vernunft” (Phil.4,7) und tiefer reicht als jede Angst.

Post scriptum:
Müsste es nicht noch zwei Skulpturen “Schwerter zu Pflugscharen” geben: eine für Augsburg und eine für Leipzig? Vielleicht könnte uns Michail Gorbatschow dabei behilflich sein?


Werner Dierlamm, evangelischer Pfarrer in Ruhestand und Initiator der Ökumenischen Aktion Ohne Rüstung Leben, ist es ein großes Anliegen, die Rede von Christian Führer möglichst weit zu verbreiten. Nachfolgend ein Kommentar von ihm.

“Augsburger Bekenntnisse 1530 und 2005”

Von Werner Dierlamm

Der Anlass für die Verleihung des Augsburger Friedenspreises an Michail Gorbatschow und Christian Führer ist die 450.Wiederkehr des sogenannten Augsburger Religionsfriedens im Jahr 2005. In Augsburg wurde aber nicht nur 1555 der sogenannte Religionsfriede ausgerufen, der zu einem vorläufigen und relativen Vergleich der streitenden Kirchen führte. Vor allem für die lutherischen Kirchen wurde die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis von 1530 wichtig, zu dem sich heute noch die “Kirchen Augsburgischer Konfession” bekennen. In Augsburg war es auch, wo am 31. Oktober 1999 Vertreter der Römisch-Katholischen Kirche und der Lutherischen Kirchen in einer gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre einen jahrhundertealten Streit zwischen den Kirchen zu beenden suchten. Christian Führer knüpft an diese historischen Daten an. Seine Rede ist kein Fakultätsgutachten, keine in Synoden und Konzilien ausgehandelte Erklärung, sie ist rein persönlich, herausfordernd, anfechtbar, völlig ungeschützt, mutig, fromm, frei und politisch. Eine Rede nicht im Innenraum der Kirche, sondern vor der weltlichen Öffentlichkeit, ein Bekenntnis des christlichen Glaubens heute.

Es ist mir bewusst geworden, dass man diese Rede mit Fug und Recht als eine neue “Confessio Augustana” (CA), als neues “Augsburger Bekenntnis” bezeichnen kann. Solange “wir”, damit meine ich jetzt vor allem die evangelische Sozietät in Württemberg (ehemals Kirchliche Bruderschaft) und manche Leute vom Gesprächskreis “Offene Kirche”, auch Leute vom Versöhnungsbund, uns noch kritisch auseinandersetzen mit der CA, vor allem mit den Artikeln 16 (die Obrigkeit darf Krieg führen und mit dem Schwert hinrichten) und 17 (ewige Qual und Verdammnis der Gottlosen), legt ein evangelischer Pfarrer in Augsburg ein persönliches Bekenntnis ab, aus dem hervorgeht, zu welch brisanten geschichtlichen Folgen die Nachfolge Christi geführt hat und führen kann.

Wenn man die Confessio Augustana von 1530 mit dem Bekenntnis von Christan Führer 2005 vergleicht, hat man ein eindrückliches Exempel der ecclesia semper reformanda, eines reformatorischen Weges vor sich: weg von der Obrigkeit, die angeblich das Recht hat, Krieg zu führen - hin zur Losung “Schwerter zu Pflugscharen”, die sich auf eine uralte biblische Verheißung stützt, die heute realisiert werden muss, wenn die Menschheit noch eine Zukunft haben soll.


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Veröffentlicht am

18. Oktober 2005

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