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Talent zum Zerstören

Amira Hass, Haaretz, 22.09.2005

“Wenn du etwas siehst, das wie Rafah aussieht, dann weißt du, dies war eine Siedlung.” In dieser Weise erklären Leute aus Gaza ihren Freunden, die zum ersten Mal in ihrem Leben oder das erste Mal nach vielen Jahren den Bereich von Siedlungen betreten. Das ist natürlich eine Übertreibung, weil man das wilde Zerstören eines (pal.) Hauses innerhalb von 10 Minuten - und manchmal in noch kürzerer Zeit - nicht mit dem Zerstören vergleichen kann, dass mit Entschädigung und großer Aufmerksamkeit für ein Haus verbunden ist, das überhaupt hier zu bauen, ein Verbrechen war.

Aber das war die typisch witzelnde Art der Gazaer und wie sie auf das israelische Talent der Zerstörung hinweisen. Der Medienstaub der Nach-Evakuierungsperiode hat sich gelegt. Aber das Problem der Zerstörung und die Chancen für eine Sanierung sind wesentliche Elemente bei den Analysen der erwarteten politischen Entwicklungen, als auch Mahmoud Abbas’ politische Schwäche oder die politische Weisheit von Hamas.

Man muss kein Ökonom sein, um sich auszurechnen, dass der Abzug des israelischen Militärs von einem Gefühl sofortiger Verbesserung der Wirtschaft begleitet wird. Allein die Tatsache, dass die Kontrollpunkte wegfallen, bedeutet, das eine Fahrt vom einen Ende des Gazastreifens zum anderen keine Stunden oder gar Tage benötigt, sondern höchstens eine Stunde, dass Arbeiter pünktlich am Arbeitsplatz ankommen und zwar täglich, dass Taxis und Lkws die Fahrten hin und zurück 10-20 mal am Tag machen können und nicht nur eine oder drei.

Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass das Fehlen von Angstgefühlen, Scharfschützen, Panzern und militärischen Überfällen die Stimmung der Arbeiter verbessert und die Qualität ihrer Arbeit. Die palästinensische Wirtschaft war in eine solche Armut getrieben worden, dass jede Auflösung eines Kontrollpunktes schon die “Wachstumsrate” ansteigen ließ.

Man muss kein eingeschworener Pessimist sein, um zu wissen, dass jede langfristige wirtschaftliche Sanierung (geschweige denn sozial-politische Sanierung, ohne die wirtschaftliche Erholung nicht stattfindet) ohne die Garantie einer Verbindung zwischen dem Gazastreifen und der Westbank nicht funktionieren wird; und zwar eine ständige, bleibende und natürliche Verbindung zwischen Menschen, Waren, Arbeitsplatz, Bildung, Freizeit, Entwicklung, Familie; eine natürliche Verbindung zwischen den beiden Teilen derselben Gesellschaft. Wenn Israel aber mit einer Politik fortfährt, die nur die geringste Verbindung zwischen Westbank und Gaza erlaubt, dann wird von Anfang an jede Chance für wirtschaftliche Entwicklung zunichte gemacht, die zu oft als Grund politischen Fortschrittes oder als Voraussetzung angesehen wird, um Terror zu bekämpfen.

Eine Fahrt auf den Straßen des Gazastreifens, die jahrelang für Palästinenser gesperrt waren, zeigt die volle Dimension der Zerstörung, die Israel hinterlassen hat. Tausend Worte und tausend Bilder können diese nicht beschreiben. Nicht weil die Worte und Fotos zu schwach sind, sondern wegen der Unfähigkeit der meisten Israelis das Ausmaß zu sehen und zu begreifen, wie die Armee des israelischen Volkes Weingärten, Haine, Obstgärten und Felder in eine Wüste verwandelt hat, wie das grüne Land nun gelb und grau ist, der Sand überhand genommen hat, das Land offen daliegt, voller Dornen und Unkraut.

Um die Sicherheit der im letzten Monat evakuierten Siedler zu gewähren, verbrachte die IDF fünf Jahre mit dem Zerstören der grünen Lunge des Gazastreifens, zerstörte die schönsten Gegenden und schnitt Zehntausende Familien von ihrem Lebensunterhalt ab. Das israelische Talent, die von uns verursachte enorme Zerstörung im Gazastreifen zu ignorieren, führt zu falschen politischen Beurteilungen. Während dies hier ignoriert wird, kann die IDF in den palästinensischen Westbank-Gebieten die Zerstörung fortsetzen: entlang der Mauer, rund um die Siedlungen, im Jordantal - die Zerstörung geht weiter als Mittel, neue Fakten zu schaffen und zu garantieren, dass die zukünftige palästinensische Entität so sehr geteilt und zersplittert wie möglich ist.

Indem die Dimension der Zerstörung nicht zur Kenntnis genommen wird, verbirgt sich vor den Augen der Israelis und ihrer politischen Vertreter jedoch auch das palästinensische Talent der Ausdauer und des Leidens. Die politisch-militärischen Kalkulationen berücksichtigen nicht, dass die von Israel verursachte Zerstörung die Palästinenser nicht davon überzeugt, aufzugeben und dem israelischen Diktat nachzugeben.

“Ich verstehe nicht, warum meine Eltern nicht längst Herzanfälle bekommen haben”, sagt ein Bewohner Ramallahs jeden Freitag, wenn er von einem Besuch in seinem Dorf in der Nähe der Grünen Linie zurückkommt. Ein großer Teil des Landes ist wegen des Mauerbaus enteignet worden. Diejenigen, die das Ausmaß der Zerstörung ignorieren, denken nicht daran, wie sehr die Palästinenser in und mit ihrem Land verwurzelt sind.

Einige werden sagen, sie haben keine andere Wahl - es liegt aber nicht nur daran: je mehr die IDF zerstört und die Landschaft, Natur, das Land schädigt, um so mehr vergleichen die Palästinenser sie mit den ausländischen Armeen der einfallenden Kreuzfahrer. Es ist ihre Fremdheit, die all die zerstörerischen Impulse auslöst, denen es an (verantwortlicher) Sorge um die natürliche Schönheit der Gegend, seiner menschlichen Geschichte, der Architektur dieser menschlichen Geschichte mangelt.

Die Geschichte hat bewiesen, dass Fremde, Ausländer irgendwann wieder gehen. Abgesehen von der Richtigkeit des Schlusses, lässt dies die Palästinenser standhaft aushalten - gegen alle Zerstörungspläne zugunsten der Siedlungen, die die israelische Regierung sich für die Westbank vorstellt.

Deutsche Übersetzung: Ellen Rohlfs

Veröffentlicht am

26. September 2005

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