Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Leben um zu lieben

Persönliche Gedanken anlässlich des gewalttätigen Todes von Frère Roger Schutz, Gründer der Communauté de Taizé

Am 16. August 2005 wurde Frère Roger Schutz während des Abendgebets in Taizé mit Messerstichen getötet. Die Botschaft und das Leben von Frère Roger haben einen starken Einfluss auf hunderttausende von Menschen gehabt. Sie haben auch mit zur Entstehung des Lebenshauses beigetragen. Wie so viele zieht es uns immer wieder nach Taizé, weil wir dort spirituelle Nahrung bekommen und daran erinnert und bestärkt werden, Engagement und Kontemplation als untrennbare Einheit zu leben. Angesichts des gewaltsamen Todes des 90-jährigen Gründers und Priors der Communauté de Taizé folgt ein persönlich gehaltener Artikel, in dem das Lebenswerk von Frère Roger gewürdigt wird.

Von Michael Schmid

Die Tötung von Frère Roger löst bei mir tiefe Bestürzung aus. Eigentlich unglaublich! Umgebracht, ausgerechnet dieser Mensch, der eine große Güte und Liebe lebte und ausstrahlte. Der sich mit ganzer Hingabe dem Frieden, der Versöhnung und der Gerechtigkeit widmete. Zwar dachte ich in den vergangenen Jahren angesichts seiner zunehmenden körperlichen Gebrechlichkeit immer wieder, das könnte nun das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihn sehe. Bei einem vor kurzem 90 Jahre alt gewordenen Menschen hätte mich eine Todesnachricht nicht besonders überrascht. Aber nun so, das macht mich fassungslos.

Frère Roger und Taizé - das hat bisher untrennbar zusammengehört. Denn Roger Schutz war es, der sich 1940 als damals 25jähriger aus seiner schweizerischen Heimat aufmachte, um einen geeigneten Ort für eine Gemeinschaft zu finden. In dem winzigen Dorf Taizé nahe Cluny im französischen Burgund hat er einen solchen gefunden. Mit seiner Ankunft in Taizé beginnt auch die Geschichte der späteren Gemeinschaft, der Communauté de Taizé.

Heute treffen sich fast das ganze Jahr über Jugendliche und Erwachsene aus der ganzen Welt in Taizé; im Sommer sind manchmal mehr als 5.000 Gäste auf dem Hügel von Taizé anwesend, auf das Jahr verteilt etwa 200.000. Zelte und Baracken bieten Obdach. Im Laufe der Jahre haben Millionen Jugendliche sich mit den Themen der Gemeinschaft beschäftigt, mit Gottes- und Nächstenliebe, Frieden und Versöhnung. Hier begegnen sich Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, aus allen Erdteilen - bis zu hundert Nationen in einem Sommer. Hier haben inzwischen mehrere Generationen Völkerverständigung betrieben.

Nicht absehbar: Enormer Widerhall bei jungen Menschen

Auch Jahrzehnte später wunderte sich Frère Roger immer noch über den enormen Widerhall, den seine Gedanken vor allem bei jungen Leuten finden. Als er sich 1940 in Taizé niederließ, war so etwas nicht vorhersehbar. Taizé lag damals gerade zwei Kilometer von der Demarkationslinie zwischen der unbesetzten und der von der Naziwehrmacht besetzten Zone entfernt. Und so versteckte Frère Roger in seinem Haus Kriegsflüchtlinge, insbesondere Juden, die sich in die freie Zone abgesetzt haben. Nachdem die Gestapo das Haus mehrfach durchsucht hatte, musste er sich von Ende 1942 bis Ende 1944 außerhalb von Frankreich aufhalten.

Mit den ersten drei Brüdern, denen er unterdessen begegnet war, kehrte Frère Roger 1944 nach Taizé zurück. Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé war geboren, die Communauté de Taizé. Am Ostersonntag 1949 verpflichteten sie sich, mittlerweile zu siebt, zum monastischen Leben in Ehelosigkeit, Anerkennung des Dienstamtes des Priors sowie materieller und spiritueller Gütergemeinschaft. Zunächst war es ein evangelischer Orden mit Frère Roger als Prior. Mit den Jahren wuchs die Communauté, der heute an die hundert Brüder aus über 25 Nationen angehören. Seit 1969 können sich ihr auch Katholiken anschließen.

Seit den fünfziger Jahren ziehen Brüder aus Taizé an Brennpunkte des Weltgeschehens, um als Zeugen des Friedens möglichst dicht an der Seite der Armen mitzuleben. Es gibt kleine Fraternitäten in Asien, Afrika und Latein- und Nordamerika. Überall dort versuchen sie, die Lebensbedingungen der Menschen ihrer Umgebung zu teilen.

Seit 1957/58 kamen immer mehr Jugendliche nach Taizé - zum Gebet, zum Nachsinnen über den eigenen Glauben, zum Gespräch mit den Brüdern und zur Begegnung mit Menschen aus vielen anderen Ländern.

Ostern 1976 in Taizé: Ich war fasziniert

An Ostern 1976 war ich zum ersten Mal dort. Es war ein unglaubliches Erlebnis. 20.000 Menschen, zumeist in Zelten untergebracht, stundenlanges Anstehen zum Beispiel bei der Essensausgabe. Und dennoch, keine gereizte oder aggressive Atmosphäre, im Gegenteil, Gesänge, Fröhlichkeit, Freundlichkeit, Freundschaftlichkeit… Das faszinierte mich. Und dann die täglich dreimaligen Gebete in der “Kirche der Versöhnung” - auf dem Boden sitzend, eingängige Lieder singend, kurze Gebete bzw. Lesungen hörend und dann lange Zeiten der Stille - Gottesdienste mit einer unvergleichbar dichten Atmosphäre, die mich spontan angesprochen haben. Und angesprochen hat mich damals ebenfalls die Verbindung von “Kampf und Kontemplation”, die in Taizé wichtig war. Wie andere Hunderttausende von Jugendlichen wurde ich in den 70er Jahren in Taizé mit der zentralen Frage konfrontiert: wie kann man Glauben und Engagement, inneres Leben und Solidarität miteinander verbinden?

Ich habe damals in Taizé wichtige Anstöße erhalten und, in den Wiesen von Taizé sitzend oder in der Kirche meditierend, Entschlüsse für meinen weiteren Lebensweg gefasst, die bis heute tragen: Wir damaligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden ermutigt, uns für eine bewohnbare Erde einzusetzen, aus unserem “Leben durch konkretes Handeln ein Gleichnis des Miteinanderteilens zu machen” und dieses in Gemeinschaft mit anderen zu verwirklichen. Wir wurden dazu angeregt, unsere Wohnräume zu einem Ort zu machen, “an dem andere immer willkommen sind, zu einem Haus des Friedens und des gegenseitigen Verzeihens”.

Und durch den “Zweiten Brief an das Volk Gottes”, den 1976 einige Brüder aus Taizé gemeinsam mit Jugendlichen aus Asien in Kalkutta bzw. Chittagong geschrieben haben, wurden wir aufgefordert: “Das Miteinanderteilen schließt die ganze Menschheitsfamilie ein. Es ist unerlässlich, gemeinsam zu kämpfen, um die Güter der Erde neu aufzuteilen. Eine Neuverteilung des Reichtums erfordert nicht nur, dass die Industrieländer ihren Überfluss abgeben. Strukturen, die die internationale Ungerechtigkeit aufrechterhalten, müssen um jeden Preis geändert werden. Maßstab sind die tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen bis hin zu den Allergeringsten, und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der westlich orientierten Menschen.”

Mit dem Lebenshaus-Projekt haben wir diese Anliegen von Miteinanderteilen und Gastfreundschaft aufgegriffen, den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Natürlich kamen Einflüsse, Erfahrungen und Erkenntnisse von anderen Seiten hinzu. Aber Frère Roger und Taizé haben doch eine sehr wichtige, inspirierende Rolle gespielt.

Mehr Impulse bei Gandhi und King als bei Frère Roger

Natürlich war ich nicht mit allem einverstanden, was Frère Roger machte und wie er es machte. Gerne hätte ich mir früher manches Mal deutlichere Worte zu konkreten Unrechtssituationen gewünscht. 1978 habe ich in einem Brief Frère Roger auch einmal meine Enttäuschung darüber dargelegt, dass er bzw. seine Brüder sich zum Beispiel nicht deutlicher öffentlich gegen die Apartheid in Südafrika oder die Diktatur in Chile aussprechen, obwohl sie Menschen aus beiden Ländern in Taizé zu Wort kommen ließen. Die Antwort konnte ich damals nur schwer akzeptieren. Die Communauté könne und dürfe sich “politisch gar nicht äußern, da unsere Verantwortung für die, die wir damit treffen würden, zu groß ist. … Für uns ist es wichtig, ein Engagement - ja sogar ein für uns äußerst gefährliches - im Verborgenen auf uns zu nehmen, im Verborgenen versuchen, ein Zeichen der Hoffnung und Gemeinschaft mit allen Unterdrückten, Misshandelten und Geknechteten zu sein, besonders mit denen im Osten.” Ja, und wie war das mit Mahatma Gandhi und Martin Luther King, haben die auch in erster Linie “im Verborgenen” gekämpft oder doch mit ihren gewaltfreien direkten Aktionen auf nicht hinnehmbares Unrecht aufmerksam gemacht? Wie gesagt, ich konnte diese Haltung nicht wirklich nachvollziehen.

Rückblickend gesehen ist es vielleicht gar kein Zufall, dass ich nach 1979 für einige Jahre nicht mehr in Taizé war. Es waren für mich die Jahre, in denen ich mich verstärkt in direkten Aktionen des Zivilen Ungehorsams zu engagieren begann - etwa bei Blockadeaktionen vor atomaren Massenmordlagern in Großengstingen, Mutlangen, Heilbronn. Und für diese Aktionen gab es bei Gandhi und King mehr Anleihen zu holen als bei Frère Roger, boten diese ein ganz anderes Vorbild als er.

Dazu kam, dass das 1974 begonnene “Konzil der Jugend” 1979 vorläufig ausgesetzt wurde und in einen “Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde” überging. Ich hatte den Eindruck, dass sich ein Wandel weg von Kritik an Gesellschaft und Kirche hin zu mehr Auseinandersetzung mit persönlichen religiösen Fragen vollzog. Heute geht es in Taizé stark um die Frage, was Glauben überhaupt heißt. Und im Taizé von heute können viele entdecken: Ich darf auf einer Suche sein, und niemand verlangt von mir, dass sofort alles klar ist. Das ist nicht wenig, aber es sind andere Fragestellungen als vor 30 Jahren. Allerdings wird auch Frieden und Versöhnung noch immer stark thematisiert.

Was ich in Taizé suche

Mit meinen Taizébesuchen hatte ich nur eine Pause eingelegt, denn seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre versuche ich möglichst einmal pro Jahr in dieses winzige Dorf im französischen Burgund zu kommen. Mindestens 25 Mal werden es gewesen sein, dass ich mich seit 1976 auf den Weg dorthin begeben habe.

Was aber suche ich dort? Warum zieht es mich heute immer noch nach Taizé? Für mich hat sich seit den 70er Jahren einiges gewandelt. Wie jeder Mensch stehe auch ich in der Gefahr, angesichts der Riesenberge an Aufgaben, die es bei einem Engagement für eine “neue Gesellschaft” gibt, zu resignieren. Um nicht dem “Luxus der Resignation” (Dorothee Sölle) zu erliegen, ist mir etwas sehr wichtig geworden, was sich eng mit Taizé verbindet: In mich zu gehen, Kraft zu schöpfen aus tieferen Quellen in mir, zu meditieren, zu beten, zu singen. Um diese Spiritualität konkret für mich zu erfahren, ist mir ein Aufenthalt auf dem Hügel von Taizé einmal pro Jahr wichtig geworden.

Es ist aber noch mehr. Ich glaube, es zieht mich auch nach wie vor an diesen Ort, weil die Brüder der Communauté de Taizé glaubhaft vorleben, dass das Evangelium kein Traum ist, sondern dass man es in einer Gemeinschaft schon für die Gesellschaft vorwegnehmen kann. Die Gemeinschaft lebt eine Geschwisterlichkeit, die durchaus auch ein prophetisches Zeichen für eine andere Welt als der vorherrschenden ist. Eine Welt, in der nicht die gnadenlose Konkurrenz und wirtschaftlich-militärische Machtpolitik, nicht Egozentrismus und Rücksichtslosigkeit, sondern Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Mittelpunkt stehen.

Ich kann die Antwort des dieses Jahr verstorbenen Philosophen Paul Ricoeur auf die Frage, was er in Taizé sucht, gut nachvollziehen. Ricoeur meinte, er finde dort eine Erprobung dessen vor, was er zutiefst glaube: dass das, was man gemeinhin “Religion” nenne, etwas mit Güte zu tun habe. Und wenn Religionen einen Sinn hätten, dann den, bei Menschen den Bodensatz an Güte freizulegen, ihn dort zu suchen, wo er vollständig versickert sei. In Taizé sehe er in gewisser Weise, wie die Güte sich Bahn breche, in der Brüderlichkeit unter den Brüdern, in ihrer gelassenen, taktvollen Gastfreundschaft und im Gebet. Er sehe Tausende von Jugendlichen, die vom Guten und Bösen, von Gott, von der Gnade und von Jesus Christus nicht in einer ausgeprägt begrifflichen Sprache reden, aber in tiefer Hinwendung zur Güte leben würden.

Diese in Taizé erfahrbare Güte wurde wesentlich durch Frère Roger inspiriert. Einmal war ich nach dem Abendgebet zum Gespräch beim Tee mit ihm eingeladen. Seine spürbare Ausstrahlung werde ich nie vergessen.

Frère Roger wird weiterleben

Jesus, Gandhi, Martin Luther King, Oscar Romero und viele andere Zeugen der Gewaltfreiheit erlitten das gleiche Schicksal: sie wurden ermordet, weil sie für andere eine nicht aushaltbare Spannung erzeugten oder deren Interessen entgegenstanden. Und nun muss leider auch Frère Roger in diese traurige Aufzählung eingereiht werden. Doch für alle diese Menschen des Friedens und Zeugen der Gewaltfreiheit, die Gewalttätern zum Opfern fielen, gilt: sie sind weiter lebendig. Ihr Vermächtnis wird durch andere weiter am Leben gehalten, fortgeführt.

Über die erschütternde Nachricht vom gewaltsamen Tod des Gründers der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé hinaus bleibt also die Hoffnung: Frère Roger wird weiterleben. Taizé, dieser Ort des Friedens, der Begegnung, der Versöhnung, des Gebets und der Spiritualität - alles das, was durch Frère Roger ins Leben gerufen und wesentlich beseelt wurde - alles das lässt sich nicht durch eine Gewalttat auslöschen.

Deshalb werden wir auch im Oktober wieder - wie geplant - nach Taizé fahren. Auch davon lassen wir uns durch diese erschütternde Gewalttat nicht abhalten.

Weblinks:

Veröffentlicht am

26. August 2005

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