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Was bedeutet, Demokratie im Nahen/Mittleren Osten? Was immer der Westen darunter versteht

Manchmal frage ich mich, wann kommt der Moment, an dem Mythos und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge zusammenknallen.

Von Robert Fisk - The Independent / ZNet 20.08.2005

Ich könnte schreien. Seit einer Woche befahre ich die Straßen Bagdads - gefährliche, stinkende Straßen, heiß wie ein Backofen, Straßen, auf denen es zunehmend von Aufständischen und deren Informanten wimmelt beziehungsweise von amerikanischen Soldaten, die verschreckt über Verkehrsinseln preschen. Wenn wir den Amerikanern näher als 50 m rücken, zielen sie mit ihren Waffen auf jeden von uns.

Merkwürdig isoliert, wie ein Raumschiff, liegt Saddams alter Präsidentenpalast da. Die Kurden und Schiiten haben den Irak zerrissen - sie verweigerten die Unterschrift unter den Verfassungsvertrag, aus Angst, sie könnten ihre Föderationsgebiete (und die reichen Ölquellen) nicht erhalten, und beides wollen sie nunmal. Die Deadline wurde verpasst. Allerdings habe ich im “realen” Bagdad - außerhalb der Bunker der Grünen Zone - niemanden getroffen, den das geschert hätte.

Als ich heute Abend den Fernseher anschaltete, sah ich Präsident Bush, wie er die Verfassungs-Verhandler für ihren “Mut” lobte. Dabei war er es doch, der versprochen hatte, die Deadline werde eingehalten.

Mut? Ist es sonderlich mutig, in einer von Zeit und Raum abgehobenen Kapsel zu sitzen, abgeschirmt vom eigenen Volk (durch Betonwälle, die sich über mehrere Kilometer hinziehen) und über die Zukunft einer Nation im Chaos zu streiten? Auftritt Condoleezza Rice. Dies alles sei Teil der “Straße zur Demokratie”, auf der der Mittlere Osten nun wandle.

Zurück auf die wirkliche Straße. Ich stehe an der Bushaltestelle an-Nahda (der Name bedeutet Wiedergeburt - in dieser Situation pure Ironie). Um mich herum die Trümmer eines neuen Bombenanschlags. Zerstörte Polizeiautos, ausgebrannte, pulverisierte Busse (samt Insassen, natürlich), wütend schreiende Frauen und bandagierte Kinder, die ins al-Kindi Hospital geschafft werden - wo schon die nächste Bombe wartet.

Abends wieder vor dem Fernseher. Der lokale Kommandeur der US-Truppen im Distrikt Sadr City (nahe der Busstation an-Nahda) ist zuversichtlich: Ja, die Leute hier seien sehr wütend, aber sie würden die lokalen “Sicherheits-“Kräfte (sprich: Amerikaner) unterstützen. Die “Sicherheits-“Kräfte erfahren mehr Unterstützung denn je, sagt er - und jetzt kommt’s: Wir befinden uns “auf dem Pfad zur Demokratie”. Manchmal frage ich mich, wann kommt der Moment, an dem Mythos und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge zusammenknallen. Wann kommt der große Knall? Dann, wenn die Aufständischen eine US-Basis mit Mann und Maus auslöschen? Wenn sie die Mauern rund um die Grüne Zone einreißen und daraus Hackfleisch machen - wie aus dem Rest von Bagdad? Oder wird es auch dann heißen - wie in der Vergangenheit - dies sei ein Zeichen, wie “verzweifelt” die Aufständischen sind? Die furchtbaren Akte (siehe die Bombe an der Bushaltestelle diese Woche) seien nur der Beweis, dass die “Terroristen” verlieren.

Ich stecke im Verkehrsstau. Ein Junge geht neben meinem Wagen her, versucht, mir ein Magazin anzudrehen. Wieder schmückt Saddams Gesicht ein Cover - wieder und wieder, damit die Bagdader endlich begreifen, wie gut es für sie war, dass sie den Diktator los geworden sind. Nächsten Monat wird man Saddam vor Gericht stellen - oder in zwei Monaten oder Ende des Jahres.

Sechs Deadlines für den Prozess gegen den widerwärtigen alten Mann sind mittlerweile verstrichen - wie so viele Deadlines im Irak. Dennoch erwartet man von den Leuten hier, dass sie immer noch fasziniert und angewidert auf sein Porträt starren. Vielleicht müssen sie in Häusern ohne Strom schwitzen, vielleicht haben sie keine frischen Lebensmittel, weil der Kühlschrank nicht kalt wird, vielleicht stehen sie stundenlang in einer Benzinschlange, vielleicht leben sie in permanenter Todesangst und bedroht von bewaffneten Raubüberfällen, vielleicht gab es in Bagdad im Juli wirklich 1100 Gewalttote (ohne Scherz) - aber Saddam wird vor Gericht gestellt, ist doch eine Ablenkung, oder?

Wer nicht gerade einen Angehörigen durch Saddams Schurken verloren hat, interessiert sich inzwischen nicht mehr für Saddam Hussein - ich habe jedenfalls keinen getroffen. Saddam ist längst passé, ein Stück Vergangenheit. Das Monster erneut heraufbeschwören, wäre ein Schlag ins Gesicht der Bagdader Bevölkerung - Menschen, geplagt von Trauer, Angst und Befürchtungen, die so groß sind, dass alle Brot und Spiele der Amerikaner sie nicht kompensieren können.

In der Welt jenseits des Irak wiederholen derweil George Bush und Lord Blair of Kut al-Amara, dass wir im Irak die Demokratie auf die Beine gestellt haben - je weiter weg vom Irak, desto glaubwürdiger klingt der Satz. Ja, wir haben den Tyrannen Saddam gestürzt, den Irak erwartet eine große Zukunft, auf internationalen Konferenzen (weit weg vom Irak, natürlich) plant man neue Investitionen für das Land, so sagen sie. Und falls in Europa erneut eine Bombe hochgehen sollte, wird diese Bombe nichts, aber auch absolut gar nichts, mit dem Irak zu tun haben.

The show must go on. Wenn ich zurückkehre nach Beirut bzw. nach Europa fliege, wird der Irak vermutlich gar nicht mehr so schlecht aussehen. Der verrückte Hutmacher (aus Alice im Wunderland) wird nicht mehr so verrückt wirken und die Katze (Chesire Cat aus Alice im Wunderland) lächelt mir vom Baum aus zu.

Demokratie, Demokratie, Demokratie. Beispiel Ägypten. Präsident Mubarak hat sich entschlossen, bei der kommenden Wahl einige Gegenkandidaten zuzulassen. Für Bush ein Zeichen, dass im Nahen und Mittleren Osten die Demokratie anbricht. Nur, dass die Gegenkandidaten durch Mubaraks eigene Parlamentspartei bestätigt werden müssen. Die Moslembruderschaft, theoretisch die größte Partei im Land, ist offiziell immer noch illegal. Aus Bagdad sehe ich mir Mubaraks erste Parteiveranstaltung (zum Wahlkampf) an - eine trübe Angelegenheit, im Grunde der Aufruf, unterstützt mich. Wer wird diese “demokratische” Wahl wohl gewinnen? Ich riskiere die Wette, es wird unser guter, alter Freund Mubarak sein, und ich wette, er gewinnt mit mehr als 80% der Stimmen. Wir werden sehen.

Von meinem Zimmer in Bagdad aus verfolge ich natürlich auch die Evakuierung der Israelis aus ihren illegalen Siedlungen im palästinensischen Gazastreifen. Natürlich fällt auf BBC nicht das Wort “illegal”. Und natürlich wird nicht gesagt, dass diese Siedler - sprich Kolonisatoren - nicht von eigenem Land vertrieben werden, sondern von Land, das sie anderen wegnahmen. Auch findet der nach wie vor stattfindende Ausbau der Siedlungen in der palästinensischen Westbank kaum Beachtung - dabei sind die Kolonien der Westbank nicht weniger illegal. Ein “lebensfähiger” (Lord Blairs Lieblingswort: “viable”) Palästinenserstaat wird so - unweigerlich - verunmöglicht.

Alle haben darauf gewartet, dass israelische Siedler in Gaza das Feuer auf israelische Soldaten eröffnen oder umgekehrt. Dann schoss tatsächlich ein Siedler - und ermordete in der Westbank vier palästinensische Arbeiter. Eine Story, die wie eine schwarze Wolke kurz den Bildschirm verdunkelte, Verlegenheit auslöste - um dann gleich wieder zu verschwinden. Die Siedlungen werden geräumt, Gaza wird evakuiert, Frieden in unserer Zeit.

In Bagdad zeigen sich die Iraker, mit denen ich spreche, nicht so überzeugt. Wirklich eine unglaubliche Leistung, dass Menschen, die in der irakischen Hölle leben müssen, sich trotzdem noch Sorgen um die Palästinenser machen und dass sie begreifen, was im Nahen/Mittleren Osten vor sich geht und sich von dem Blödsinn, den George Bush und Lord Blair of Kut al-Amara verbreiten, nicht zum Narren halten lassen. “Was hat es mit dieser ‘üblen Ideologie’ auf sich, von der Blair dauernd spricht?” fragte mich diese Woche ein irakischer Freund. “Auf was kommt ihr als Nächstes? Wann wacht ihr endlich auf?” Ich hätte es nicht besser formulieren können.

Quelle: ZNet Deutschland vom 22.08.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: What Does Democracy Really Mean In The Middle East? Whatever The West Decides

Veröffentlicht am

23. August 2005

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