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Patriotismus Lite

Von Paul Street - ZNet Kommentar 05.08.2005

Ende März 2003 fragte eine Bekannte von mir - sie ist Geschichtsprofessorin -, ihre Studenten in einer Vorlesung über Amerikanische Geschichte: “Wie viele von euch unterstützen Amerikas Krieg im Irak?” Zwei Drittel der 100 Studenten im Hörsaal hoben die Hand. “Okay, und wie viele wären bereit, in die Armee einzutreten, um am Krieg teilzunehmen?” Bei dieser Frage hob sich nur eine einzige Hand. So geschehen im schicksalhaften März 2003.

In der Sonntagsausgabe der New York Times findet sich ein interessanter Artikel (‘All Quiet on the Home Front and Some Soldiers Are Asking Why’). Darin zitiert der Autor Thom Shanker eine Reihe amerikanischer Militärs und akademischer Experten zu folgender Frage: Warum diese Diskrepanz zwischen der offiziell erklärten Verpflichtung Amerikas, den “Krieg gegen den Terror” bis zum Sieg zu tragen und der Zurückhaltung der Amerikaner, für diesen Krieg Opfer zu bringen?

Shanker zitiert einen US-Offizier mit Besatzungserfahrung im Irak. Dieser stellt fest, dass “nicht ernsthaft darüber gesprochen wird, die Steuern zu erhöhen, um die Amerikaner zu zwingen, die Kosten in Höhe von monatlich $5 Milliarden für Irak, Afghanistan und die neuen Missionen gegen den Terror aufzubringen”. Der Offizier stellt fest, es fehlt an “konzertierten Anstrengungen wie etwa Kriegsanleihen oder Benzinrationierungen, die in vergangenen Kriegen dazu beitrugen, das Land hinter der kämpfenden Truppe zu vereinen.” Die gruslige Folge all dessen: “Von niemanden in Amerika werden Opfer verlangt - außer von uns.” Mit “uns” meint er natürlich die amerikanischen Streitkräfte.

Shanker zitiert den ehrbaren Militärsoziologen Charles Moskos, der kritische Worte für den angeblichen “Patriotismus Lite” (Moskos Worte) der Amerikaner findet. Die “politischen Führer haben Angst, der Öffentlichkeit irgendwelche wirklichen Opfer abzuverlangen”, eine Tatsache, so Moskos, die “kein allzu gutes Licht auf unsere Bürger wirft”. Ein hoher Militäroffizieller in Pension wird mit den Worten zitiert: “Es ist beinahe so, als versuchten die Politiker, den Krieg auszurufen und gleichzeitig ein Gefühl der Normalität aufrechterhalten” (Thom Shanker: ‘All Quiet on the Home Front and Some Soldiers Are Asking Why’, New York Times vom 24. Juli 2005)

Vieles lässt Shanker in seinem Artikel unerwähnt - was typisch ist für den Mainstream-Journalismus in den USA, der sich generell schwer tut, die Klassenunterschiede und das in Amerika vorherrschende Machtgefälle, ernst zu nehmen. So schreibt Shanker nichts zu jenem ‘Opfer’, das Millionen armen Amerikanern und anderweitig Unterprivilegierten auferlegt wird: Wichtige Sozialprogramme werden gekürzt, um einerseits die massiven “Verteidigungsausgaben” (sprich: imperiale Ausgaben) und andererseits massive Steuererleichterungen für die Reichen gegenzufinanzieren. Diese Kombination ist tödlich und reißt Löcher in den Staatshaushalt.

Shanker schreibt auch nichts über die Millionen amerikanischen Arbeiter, die aufgrund des US-Handelsdefizits ihre Jobs verloren. Dass die Bush-Administration entschlossen ist, Militärausgaben den Vorrang gegenüber der “heimischen” Wirtschaft zu geben, hat dieses Defizit verstärkt.

Shanker schreibt auch nichts über die Entschlossenheit der Bush-Administration, den “Krieg gegen den Terror” als Nebelwand für ihre radikal-regressive Innenpolitik zu nutzen. Diese verhindert nicht nur “Steuererhöhungen” zugunsten des Kriegs, vielmehr verteilt sie große Geschenke (Steuergeschenke, usw.) an die wenigen Privilegierten im Land.

Seltsamerweise wurde der “Krieg gegen den Terror” auf den Irak (Besatzung) ausgeweitet, obgleich das Land im Jahr 2003 keine (terroristische) Bedrohung für die USA darstellte. Shanker spricht auch nicht über die rassistische, imperialistische und (interessanterweise) terroristische Natur des “Kriegs gegen den Terror” - natürlich nicht. Hiervon legen die Gefängnisse unter US-Besatzung bzw. die Gleichgültigkeit von US-Regierung/ amerikanischen Medien gegenüber den vielen unschuldigen arabischen Opfern der US-Militäraktionen im Mittleren Osten (sie werden entpersönlicht, man spricht von “Kollateralschäden” bei der angeblichen “Befreiung” durch Amerika) beredtes Zeugnis ab.

Shanker legt auch nicht dar, dass ein Unterschied besteht zwischen der, man könnte sagen, echten Bedrohung, die die Achse des Faschismus im Jahr 1940 für die Amerikaner darstellte und der fabrizierten, nur in der Fantasie bestehenden Bedrohung durch den Irak in den Jahren 2002/2003 (man denke nur an Bushs lächerliches Konstrukt “Achse des Bösen” in seiner ‘State-of-the-Union’-Ansprache 2002). Im Jahr 1940 war es Uncle Sam tatsächlich noch möglich, mit Kriegsanleihen und Benzinrationierungen “das Land hinter der kämpfenden Truppe zu vereinen”.

Shanker äußert sich kaum dazu, dass die Bürger Amerikas Bushs Irakinvasion und seiner Entschlossenheit, diese mit dem “Krieg gegen den Terror” zu vermixen, mit kritischer Skepsis gegenüberstehen. Zu Shankers Verteidigung sei allerdings gesagt, dass er einen aufgeweckten Akademiker mit den Worten zitiert, “die Öffentlichkeit” sähe “die laufende Mission im Irak… in anderem Lichte als einen Terrorangriff auf amerikanischem Boden.” “Die Öffentlichkeit würde die US-Truppen (im Irak) gerne unterstützen, aber sie glaubt nicht wirklich an diese Mission. Die meisten denken, dass man bei diesem Krieg die Wahl hatte, und eine Mehrheit - wenn auch eine dünne - glaubt, es war die falsche Wahl”.

Diese Skepsis gegenüber Bushs Irakkrieg hat nichts mit Dr. Moskos “Patriotismus Lite” zu tun. Schon eher könnte man von wahrem Patriotismus sprechen - ein Patriotismus, der diesem (beträchtlichen) Teil der amerikanischen Bürgerschaft wirklich gut ansteht. Es ist ein Patriotismus, der blinden Gehorsam ablehnt und nichts von den rhetorischen Täuschungsmanövern der Militäreliten hält, die wollen, dass ihre illegalen Kriege Massenkonsens erhalten - gemäß dem Motto: “Ob richtig oder falsch, es ist mein Land”.

Jenseits all dessen existiert der sehr reale Konflikt zwischen den harten, mörderischen Erfordernissen unseres Militarismus und dem (angeblich) soften, “Normalität” heischenden Imperativ des amerikanischen Konsumkapitalismus. Letzterer versucht, das demokratische Bürgertum auf Konsumenten zu reduzieren, die pausenlos Waren einkaufen (häufig ein ‘trivial pursuit) und lustvoll konsumieren.

“Patriotismus Lite” - diese Anklage könnte man auch gegenüber dem (nicht unwesentlichen) Teil der US-Bevölkerung erheben, der es okay findet, dass überwiegend Amerikaner der Arbeiterklasse in den Imperialkampagnen kämpfen und sterben - während man selbst nicht bereit ist, substantielle Opfer zu bringen. “Unterstützt unsere Truppen” - dieser billige Slogan findet sich häufig auf den Stoßstangen von Benzinfressern in Vorstadtsiedlungen. In diesen Autos sitzen relativ wohlhabende Mums und Dads aus der Mittelschicht, die ihre Kids zum Fußball chauffieren. Diese Eltern würden ihre Kinder niemals in einen gefährlichen Einsatz der amerikanischen Imperialtruppen ziehen lassen.

Der Imperial-Service lastet überwiegend auf den Schultern von Kids aus armen Bevölkerungsschichten bzw. der Arbeiterklasse (wie Moskos und andere darlegen). Aber der Slogan “Unterstützt unsere Truppen” klingt nirgends so billig wie im Oval Office. Dort sitzt der Fortunate Son George (‘Bring ‘em on’) Bush. Wie damals im Vietnamkrieg, als er für sich entschied, die Sache lieber auszusitzen, lockt er auch heute wieder Amerikaner, die ärmer und dunkelhäutiger sind als er, in Imperialkampagnen des Todes und der Zerstörung - Kampagnen, die mit Lügen verkauft wurden.

Paul Street (pstreet@cul-chicago.org) ist ein Autor und Forscher aus Chicago. 2004 von ihm erschienen: ‘Empire and Inequality: America and the World Since 9/11’; 2005 erschienen: ‘Segregated Schools: Race, Class and Educational Apartheid in the Post-Civil Rights Era’

Quelle: ZNet Deutschland vom 05.08.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Patriotism Lite .

Veröffentlicht am

06. August 2005

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