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Interessieren sich die USA jetzt für den Niger?

Von Derrick Z. Jackson - ZNet 30.07.2005

Im Jahr 2003 hat sich Präsident Bush tatsächlich für den afrikanischen Staat Niger interessiert. Damals sagte er: “Wie die britische Regierung herausfand, hat Saddam Hussein kürzlich versucht, signifikante Mengen Urans aus Afrika zu beschaffen”. Vizepräsident Dick Cheney war das Yellowcake (Uran) 2002 derart wichtig, dass, laut Berichten, der Diplomat Joseph Wilson unter anderem deshalb in das afrikanische Land reiste, um für Cheney herauszufinden, ob Saddam mit Atomwaffen in Verbindung gebracht werden kann. Wilson konnte jedoch keine Beweise für Uranverkäufe finden.

Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld interessierte sich damals für den Niger. Ebenso wie Bush behauptete er, der irakische Diktator Saddam Hussein “ist auf eine atomare Waffe aus”, er “arbeitet an mehreren verschiedenen Methoden der Urananreicherung, und kürzlich wurde er dabei erwischt, wie er signifikante Mengen Urans aus Afrika beziehen wollte”. Rumsfeld benutzte diese Theorie, um die Terroranschläge vom 11. September mit Saddam in Verbindung zu bringen. Eine Verbindung, die selbst Bushs eigene ‘9/11 Kommission’ verwarf.

“Die Amerikaner betrachteten die Attacken auf das Pentagon und die Türme des World Trade Centers als schmerzliche und lebendige Vorboten noch weit tödlicherer künftiger Angriffe”, so Rumsfeld. “Wir sahen auf die Zerstörungen, die die Terroristen anrichteten. Sie nahmen Jetliners, verwandelten sie in Raketen und töteten damit 3.000 unschuldige Männer, Frauen und Kinder, und wir überlegten uns, welche Zerstörung kann erst ein Gegner anrichten, der mit nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen bewaffnet ist. Statt 3.000 Toten könnten es 30.000, 300.000 sein.”

Hoffen wir, dass eine Regierung, die den Niger für einen Betrug an der Welt benutzt hat - um in den Irak einzumarschieren -, sich nun wenigstens die Zeit nimmt, sich an das Land zu erinnern, um viel, viel mehr als die oben genannte Zahl an Menschenleben zu retten. Im vergangenen Jahr traf eine natürliche Massenvernichtungswaffe das Land: Dürre und Heuschrecken. Die USA schwiegen dazu fast auf ganzer Linie. Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt.

Dieser doppelte Schlag - Heuschrecken und Dürre - dezimierte die Getreideernte des Niger. In der vergangenen Woche appellierten die Vereinten Nationen und Oxfam an die Welt, dem Land ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Rumsfeld bescherte uns einen Krieg, weil er Angst um möglicherweise 300 000 amerikanische Opfer hatte. Im Niger leiden 3,6 Millionen Menschen - also ein Drittel der Bevölkerung - an Unterernährung. 2,5 Millionen dieser Menschen sind akut vom Hunger bedroht.

Jan Egeland ist der Hilfekoordinator der UN. In dieser Woche verlautete er, wenn nicht umgehend geholfen werden, verhungerten demnächst 150.000 Kinder. Die Situation ist schlimmer als in den anderen Hungergebieten Afrikas. Bereits seit letzten Herbst warnen Hilfsorganisationen vor diesem Szenario. Trotz des vielen Eigenlobs auf dem G8-Gipfel in Schottland - die reichen Nationen haben auf die Krise empörend reagiert.

Im November 2004 hatte die UN zum erstenmal zu Hilfe für den Niger aufgerufen. Reaktion gleich Null. Im Frühjahr 2005 forderte die UN $16 Millionen. Sie erhielt $3,8 Millionen. Dann eskalierte die Krise so rasend schnell, dass Egeland die benötigte Summe auf $30 Millionen nach oben korrigierte. Bislang eingegangen: $10 Millionen.

Die Trägheit der Welt sei eine Tragödie für sich, so Egeland. Hätten die reichen Nationen rechtzeitig auf die Krise reagiert, 1 Dollar am Tag wären ausreichend gewesen, die Unterernährung im Niger zu stoppen - inzwischen sind $80 am Tag nötig, so Egeland. Das Desinteresse der Reichen hat Egeland dünnhäutig gemacht. Die $3,5 Milliarden an humanitärer Hilfe, die die Vereinten Nationen von den reichen Nationen im Jahr verlangen, “entspricht einem Drittel der Summe, die Europäer jährlich für Eiscreme ausgeben, und es ist nur ein Zehntel dessen, was Amerikaner jedes Jahr für ihre Haustiere ausgeben”.

Leider sind die USA das beste Beispiel für Drückebergerei. Zwar brüstete sich Bush, die Hilfen für Afrika hochgeschraubt zu haben. Tatsächlich sind die Vereinigten Staaten der mit Abstand größte Hilfezahler der Welt - in absoluten Zahlen/Dollars. In Wirklichkeit brauchte Bushs ‘Millenium Challenge Account’ drei Jahre, um mit den Hilfezahlungen überhaupt zu beginnen. Und was die Summen angeht: Bezogen auf unser Bruttoinlandsprodukt bilden wir das Schlusslicht unter den reichen Nationen. Auf dem G8 wollte Englands Premier Tony Blair die Nationen auf 0,7 Prozent ihres jeweiligen Bruttosozialprodukts verpflichten. 0,7 Prozent sollte die Zielmarke für die (zu leistende) Hilfe sein. Schweden, Norwegen, Luxemburg und Dänemark leisten schon jetzt mindestens 0,7 Prozent. Die USA hingegen zahlen 0,16 Prozent. Damit ist Amerika das einzige Land unter den Reichen, das weniger als 2 Prozent gibt.

Der Präsident des Niger war im vergangenen Monat einer von fünf afrikanischen Führern im Weißen Haus - als Präsident Bush von verstärktem Handel mit dem afrikanischen Kontinent tönte. “Die Vereinigten Staaten werden ihren Teil dazu beitragen, um den Menschen in Afrika zu helfen, die lichtere Zukunft zu realisieren, die sie verdienen”, so Bush. Jene Nation, die so besorgt war wegen Yellowcake im Niger, sollte dem Volk dieses Landes nun das Korn zuteil werden lassen, das es verdient.

Jackson@globe.com

Quelle: ZNet Deutschland vom 30.07.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Does Us Care About Niger Now?

Veröffentlicht am

31. Juli 2005

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