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Wird die Welt zum Schlachthof?

Terror der Kriege und Krieg des Terrors: Ein perverser Kreislauf

Von Eduardo Galeano

New York, Madrid, London, Scharm el Scheich - der Terrorismus hat wieder zugeschlagen, so oder ähnlich lauten weltweit die Schlagzeilen der meisten Fernsehkanäle. Sie gelten den Explosionen, die England und Ägypten erschüttern, und sie vergessen, Afghanistan und den Irak zu erwähnen.

Waren etwa die vielen Bombenangriffe auf diese Länder während der vergangenen Jahre keine terroristischen Anschläge? Verdienen die Opfer dort nicht den gleichen Respekt und das gleiche Beileid, wie all die anderen, die bei menschenverachtenden Handlungen ihr Leben ließen? Nicht weniger als 25.000 Zivilisten - viele davon Frauen und Kinder - sind während der Luftangriffe vom März und April 2003 getötet worden, als die USA und ihre Alliierten auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen Krieg gegen den Irak führten. In etwa ebenso viele Iraker starben bei dem anhaltenden Blutbad, das die ausländische Besatzung des Landes provoziert hat. Wenn umgekehrt der Irak die Vereinigten Staaten besetzt hätte, was sich niemand vorstellen kann, wären vergleichsweise mehr als 300.000 Zivilisten getötet worden. Ein solcher Horror wäre zum Jahrhundertereignis erklärt worden. Da die Toten aber Iraker sind, wird ihr Schicksal kaum beachtet und schnell übergangen.

Im Jahr 1776 hieß es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, alle Menschen seien gleich geschaffen worden. Wenige Jahre später wurde diese Auffassung präzisiert, als man für Volkszählungen gesetzlich vorschrieb, dass jeder Schwarze nur drei Fünftel eines Weißen entspreche. Welchen Anteil kann heute ein Iraker beanspruchen?

Man sagt oft: “Andere werden kommen, um dich zu rächen”. Der Staatsterrorismus aber - der potente Vater aller Terrorismen - findet sein bestes Alibi bei den Terroristen, die er selber erschaffen hat. Er vergießt jedes Mal Krokodilstränen, wenn der Dreck an die eigenen Scheiben spritzt und gibt sich ahnungslos, geht es um die Folgen seines Tuns. Schließlich müssen sich die Herren der Welt kaum beklagen, die Gräueltaten der Fanatiker liefern stets nützliche Rechtfertigungen für ihre Politik und sorgen für ihre Straffreiheit.

In Wirklichkeit nämlich haben Lügen entsetzlich lange Beine. Sie laufen schneller als die von den Tatsachen erzwungenen Widerrufe der Lügner. Nachdem in alle vier Windrichtungen verbreitet worden war, dass der Irak eine Gefahr für den Frieden und die Menschheit darstelle, haben Bush und Blair sogar öffentlich eingestanden, dass zwischen Euphrat und Tigris keine Massenvernichtungswaffen vorhanden waren. Bei den letzten Wahlen jedoch, die es in den USA und in Großbritannien gab, wurden beide - wie zur Belohnung - von einer Mehrheit wiedergewählt.

“Verbrechen zahlen sich nicht aus”, auch so ein Sprichwort, bei dem längst nicht mehr gilt, was es meint. Die Welt gibt täglich nicht weniger als 2,2 Milliarden US-Dollar für eine Industrie aus, die den Tod produziert. Und von Tag zu Tag steigen diese Ausgaben und zahlen sich aus. Kriege brauchen Waffen, und Waffen brauchen Kriege, beide - Krieg und Waffen - brauchen Feinde. Daher wird die Rüstungsindustrie von einer Industrie der Angst begleitet, die unablässig Feinde produziert - sie ist zur wichtigsten Einnahmequelle all jener Konzerne geworden, die sich vorzugsweise der Unterhaltung und Kommunikation widmen. Wie viele Filme kommen heutzutage noch aus Hollywood, in denen kein infernalisches Geschehen, kein Weltuntergang beschworen wird? Feinde werden sogar im Weltall gesucht, auch von dort drohen zum planetarischen Horror terroristische Attentate.

So ist ein perverser Kreislauf in Gang gesetzt: die Welt wird zum Schlachthof, der an ein Irrenhaus erinnert, das wiederum ein Schlachthof ist. Der Irak, besetzt und erniedrigt, wird zur aktivsten Schule des Verbrechens. Die Invasoren, die behaupten, Befreier zu sein, haben dort eine Art Schnellen Brüter für Terroristen geschaffen, der sich von der Verzweiflung und Perspektivlosigkeit der Menschen ernährt.

“Waffen sind Teufelszeug” - noch eine dieser Redensarten. Gott kann die Verantwortung dafür nicht tragen, folglich muss es der Teufel sein, der die Waffen bringt. Zumindest die Massenvernichtungswaffen, die der Irak nicht hatte und die unsere Welt zum Bersten bringen - durch die chemischen Keulen der Konsumgesellschaft, die das Klima und die Umwelt zerstören. Durch die Giftgase der Angstfabriken, die uns zwingen, das Unzumutbare zu akzeptieren und die Demütigung als Schicksalsschlag hinzunehmen. Durch die verderbliche Straffreiheit für Massenmörder, die zu Staatschefs gemacht werden. Durch die zweischneidigen Schwerter der Großmächte, die gleichzeitig Tretminen und orthopädische Gehhilfen verkaufen. Und die Bomben werfen, um die Verträge zum Wiederaufbau der von ihnen zerstörten Länder gleich hinterher zu schicken.

Eduardo Galeano ist uruguayischer Schriftsteller und Journalist, unter anderem Verfasser der Bücher Die offenen Adern Lateinamerikas und Erinnerungen an das Feuer.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung , 30 vom 29.07.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

30. Juli 2005

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