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General Westmorelands letzter Wunsch und der Krieg im Irak

Von Norman Solomon - ZNet 20.07.2005

Am Montag starb General William Westmoreland. Die Titelseiten der Medien betonen vor allem sein Scheitern als US-Kommandeur in Vietnam. Im Allgemeinen wird von der Presse der Vorwurf erhoben, er sei ein großer Verlierer, ein ‘big loser’, gewesen - und nicht etwa, dass Westmoreland ein Massenmörder war.

In der Washington Post steht, Westmoreland “wurde als Kriegsverbrecher bezeichnet”. Dabei scheint das Sterben Tausender Vietnamesen Woche für Woche - vier Jahre lang, während Westmorelands Zeit als Top-US-General in Vietnam - für die Medien kaum zu zählen. Sein Hauptproblem sei gewesen, versucht die Presse ihren Lesern zu suggerieren, dass er eine verfehlte Strategie verfolgte. “Der Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. hat Westmoreland als vielleicht ‘verheerendsten unserer Generäle seit Custer’ bezeichnet”, so die Post.

Von 1964 bis 1968 befehligte General William Westmoreland eine US-Militärmaschinerie, die systematisch vietnamesische Menschen ermordete. Auf der Titelseite der Washington Post liest sich das klinisch-antiseptisch so: “Westmorelands Militärstrategie war der Zermürbungskrieg - die Soldaten des Feindes schneller töten, als sie wieder ersetzt werden können”.

Westmoreland hat immer wieder auf seine rein militärische Funktion verwiesen - dabei tat er alles, um die Medien zu manipulieren. Mit Leidenschaft pflegte er jene Amerikaner zu verunglimpfen, die ihr Grundrecht auf Protest (gemäß dem First Amendment) gegen diesen furchtbaren Krieg wahrnahmen. Im April 1967 hatten Hunderttausende Amerikaner gegen den Krieg protestiert. Westmoreland sagte damals gegenüber AP: “Trotz wiederholter militärischer Niederlagen” sei der kommunistische Feind in Vietnam noch immer in der Lage, gegen die USA zu kämpfen; nach Ansicht Westmorelands “ermutigt” die, so Westmoreland, “populäre Opposition gegen unsere Anstrengungen in Vietnam”, diesen Kampf gegen Amerika. Der unabhängige Journalist I.F. Stone sprach damals treffend “vom ältesten Alibi frustrierter Generäle - wir hätten den Krieg gewonnen, wenn nur diese unpatriotischen Zivilisten in der Heimat nicht gewesen wären”.

Ein Alibi, das noch immer durch die Medienlandschaft geistert. Im Oktober 1990 gab Westmoreland ein Interview auf ABC ‘Nightline’. Der mittlerweile pensionierte Vier-Sterne-General dürfte sich sehr über folgende Frage des ABC-Korrespondenten Chris Wallace gefreut haben: “General Westmoreland, mittlerweile ist es fast schon eine Binsenweisheit, dass Sie den Vietnamkrieg nicht so sehr im (vietnamesischen) Dschungel verloren haben, vielmehr auf den Straßen der Vereinigten Staaten. Wie viele Sorgen müssen sich der Präsident und das Pentagon über die neue Friedensbewegung machen?”

Wallace stellte diese (rhetorische) Frage rund 10 Wochen, nachdem die Irakis in Kuwait einmarschiert waren. Das Weiße Haus hatte fälschlicherweise behauptet, die irakischen Truppen würden weitermarschieren. In jenem Herbst fand ein Aufmarsch amerikanischer Truppen am Persischen Golf statt. Die (öffentliche) Hauptbegründung für diesen Aufmarsch lautete zunächst: Die irakischen Soldaten seien eine unmittelbare Bedrohung für Saudi-Arabien, denn sie könnten auch in dieses Land einmarschieren - trotz der bereits in Saudi-Arabien stationierten mehr als 100 000 Amerikaner.

In dieser Krise drängte Westmoreland auf Krieg. Damit gab er die Linie der US-Regierung wieder und behauptete, die zusätzlichen Truppen für den Golf befänden sich auf einer Mission zum Schutze der Grenzen Saudi-Arabiens. Sein Auftritt bei ‘Nightline’ fand Mitte Oktober 1990 statt. Westmoreland: “Unsere Truppen sind dort, um den Irak vor weiterer Aggression abzuschrecken… Sie werden zum Einsatz kommen, falls Saddam Hussein Saudi-Arabien angreift… Sie befinden sich auf dem Schlachtfeld aber noch nicht im Kampfeinsatz”. Nur der Form halber: Natürlich hat der pensionierte General versucht, uns zu täuschen.

Westmoreland war sich bewusst: Will man die USA in einen Krieg verwickeln, darf man auf keinen Fall Klartext reden. Man muss schrittweise vorgehen - mittels propagandistischer Botschaften - um so das politische Feuer für den Krieg zu entfachen.

Ein Blick auf das, was unsere Medien über die Vergangenheit schreiben, sagt viel über künftige Kriegspfade. So erinnert die Berichterstattung über das Leben des William Westmoreland (anlässlich dessen Tod) an jene Berichterstattung, die die Hölle von Vietnam überhaupt erst möglich machte. Die Medien betonen - fast ausschließlich - wie wichtig der Sieg ist, wie tragisch die Niederlage.

Der grausame Geist, der Westmoreland durch seine militärische Laufbahn begleitete, hat ihn überlebt. Was die Washington Post über die amerikanische Militärstrategie schreibt, ist heute nicht minder gültig wie vor 40 Jahren im Vietnamkrieg: einen Zermürbungskrieg führen, und die feindlichen Soldaten schneller töten, als sie wieder ersetzt werden können. Dabei handelt es sich um einen militärischen bzw. journalistischen Euphemismus, der die Folgen für die Menschen hinter Worten versteckt.

Imperiale Besatzungskriege haben es an sich, dass man versucht, die “feindlichen Kräfte” auszuschalten, bis die Flamme des Widerstands erloschen ist. Es ist eigentlich dieser Ansatz, der hinter der ganzen Rhetorik aus Washington steckt, und es war der zentrale Ansatz im Krieg der USA gegen Irak. Tod als ultimative Lösung - das gilt für heutige Kriegsinitiatoren ebenso wie damals für William Westmoreland.

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Für weitere Informationen zum Thema siehe Norman Solomons neues Buch: ‘War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death’ www.WarMadeEasy.com .

Quelle: ZNet Deutschland vom 21.07.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: General Westmoreland?s Death Wish and the War in Iraq

Veröffentlicht am

23. Juli 2005

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