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Minenfeld Angola

Flug in die Flamme - Unterwegs im Land der Millionen Zeitbomben

Von Gaby Gottwald

Seit über drei Jahren herrscht Frieden in Angola. Mit dem Abkommen von Luena, das am 4. April 2002 von der Regierung und den UNITA-Rebellen unterzeichnet wurde, war ein mit der Unabhängigkeit von 1975 ausgebrochener Bürgerkrieg beendet worden. Die einst sozialistische Regierungspartei MPLA hatte sich dabei anfangs auf die Sowjetunion und Kuba stützen können, während die UNITA den südafrikanischen Apartheids-Staat und die USA zu ihren Alliierten zählte. Nach gescheiterten Waffenstillstandsabkommen in den neunziger Jahren erschossen Regierungstruppen am 22. Februar 2002 den UNITA-Führer Jonas Savimbi, drei Tage später starb sein Stellvertreter Maurice Demba - die UNITA hatte ihre Führung verloren und kapitulierte.

Es ist Regenzeit in Luanda und die Luftfeuchtigkeit unerträglich hoch, so dass die Klimaanlage im Büro des Survey Action Centers (SAC) auf Hochtouren läuft. Jeder, der von draußen kommt, ist klitschnass geschwitzt. Auch Ulrich Tietze, der Leiter des SAC, der gerade über das mörderisches Erbe spricht, dem Angola nach 27 Jahren Bürgerkrieg mehr denn je ausgesetzt ist - Hunderttausende von Minen, die in nahezu allen Regionen von den ehemaligen Kombattanten verlegt worden sind. Neben Afghanistan und Kambodscha gilt Angola seit Jahren als eines der Länder, das von diesen heimtückischen Waffen teilweise flächendeckend verseucht ist. Das SAC, eine amerikanische Nichtregierungsorganisation (NGO), zu deren Sponsoren die EU und die US-Regierung gehören, bildet zusammen mit sechs weiteren NGO das Rückgrat des nationalen Minenaktionsprogramms. Denn auf eine systematische Räumung der Landminen zu verzichten, hieße, den Wiederaufbau in Frage zu stellen.

Vom Landmine Impact Survey, einer detaillierten Datenbank des SAC über die Lage der Sprengkörper, sind derzeit 56 Prozent des angolanischen Territoriums erfasst. Bezogen auf diese Gebiete, so Ulrich Tietze, gebe es die Gewissheit, dass dort weit weniger Minen lägen als bisher angenommen, höchstens ein Zehntel der geschätzten zehn Millionen. Aber auch bei “nur” einer Million versteckter Zeitbomben in Provinzen, in denen vier Millionen Menschen leben, bestehe kein Anlass zur Entwarnung.

Die Crews des SAC befürchten, angesichts der vorliegenden Daten könnte sich das Engagement der internationalen Geldgeber verringern. “Wir bemühen uns daher, in unseren Reports die Aufmerksamkeit nun erst recht auf die inmitten von Minenfeldern lebende Bevölkerung zu richten”, meint Tietze. Gewiss sei die Quantität der Minen entscheidend für die Räumungsdauer, aber nicht für das Schicksal einer Region. Habe man Minenfunde präzise markiert und das betreffende Gelände entweder geräumt oder sichtbar abgesteckt, könne das umliegende Terrain durchaus wieder genutzt werden. “Wir wollen zeigen, wie sich mit einer verminten Gegend umgehen lässt. Nicht alle Minen können von uns entschärft werden, aber es ist möglich, in zehn Jahren die Unfallrate auf zehn Prozent des heutigen Standes zu reduzieren. Wir haben es dabei mit dem Phänomen zu tun, dass die Angst vor Minen in Angola größer ist als die Furcht, an Malaria zu erkranken, obwohl jährlich weitaus mehr Menschen an dieser Krankheit zugrunde gehen als an den Folgen einer Minendetonation. Aber das Malariarisiko wird als Lebensrisiko hingenommen - das Risiko, auf eine Mine zu treten, nicht.”

Minensuche

Die britische NGO Mine Advisory Group (MAG) ist einer der Kooperationspartner des SAC und für die Minensuche in Moxico und damit der am stärksten von Sprengfallen heimgesuchten Provinz Angolas zuständig, die landesweit die bisher geringste Rate in Sachen Minenaufklärung aufweist. Zwar wurde die etwa 1.100 Kilometer lange Route von Luanda zur Provinzhauptstadt Luena inzwischen wieder freigegeben, aber eine Fahrt mit dem PKW zwischen beiden Städten würde Tage dauern - der Zustand der Piste ist extrem schlecht, so dass nur die Möglichkeit bleibt, die nationale Luftfahrtgesellschaft in Anspruch zu nehmen.

Luena selbst muss einmal eine ausgesprochen malerische Stadt gewesen sein. Quadratisch angelegt, mit breiten, zum Teil gepflasterten Alleen und alten, längst still zerfallenden Kolonialhäusern, die von Gras und Sträuchern völlig überwuchert sind. Ein still gelegter Bahnhof und verrostete Schienenstränge, die nach Sambia führen, zeugen von einer Zeit, als sich in Luena Handelsrouten kreuzten und die Gegend in wirtschaftlicher Blüte stand, einer Scheinblüte, wie sich ab Ende der siebziger Jahre zeigen sollte.

Bis auf das Gebäude der Provinzregierung ist hier von Wiederaufbau wenig zu sehen. In der Nähe eines verwilderten Parks, in dem das Wrack eines abgeschossenen südafrikanischen Flugzeugs die einzige Attraktion zu sein scheint, kündigt ein Plakat an einem riesigen, mit Brettern verbarrikadierten Grundstück einen Neubau an. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass hinter dem Zaun der Provinzgouverneur seine Privatresidenz errichten lässt.

In Luena gibt es keine Zeitungen zu kaufen, als Hauptinformationsquelle dient das Lokalradio, das der Provinzregierung gehört. Lizenzen für Privatsender werden nicht vergeben. Im besten, weil einzigen Hotel am Ort liegen ein paar Exemplare des Regierungsblattes aus, erschienen vor sechs bis zwölf Wochen. Begrenzt von stattlichen Müllhalden wird in der Nähe des Hotels ein Obst- und Gemüsemarkt abgehalten, in dessen Mitte gleichfalls ein ausgebranntes Flugzeug seinen Platz beansprucht. Hunderte von Frauen und Männern bieten Waren aller Art an, von getrocknetem Fisch, über Schrauben bis zu Matratzen, auch Eier aus Holland. Außerhalb des Städtchens zieht sich ein zweiter Markt endlos dahin. Textilien aus Altkleidersammlungen türmen sich meterhoch. Doch es mangelt an Käufern, die Mehrheit der Bevölkerung ist völlig verarmt. Die vielen Geländewagen, die im Stadtbild auffallen, gehören internationalen Hilfsorganisationen, die sich sowohl um die Ernährung der Bevölkerung wie deren Gesundheit kümmern oder aus Sambia zurückkehrende Flüchtlinge betreuen.

An der Peripherie von Luena liegt das Gelände der erwähnten Mine Advisory Group (MAG), die Angolaner zu Minensuchern ausgebildet und ihnen auf diese Weise zu einem Job verhilft. George Kenton, als ehemaliger Militär seit Jahren weltweit als Experte für Entminungen unterwegs, zählt auf: Es gibt in Moxico Antipanzerminen, die auch auf PKW reagieren, des weiteren Antipersonenminen und natürlich jede Menge Blindgänger, sogenannte UXOS, bei denen oft Kinder zu Schaden kämen. Nicht alle Minen könnten geräumt werden, aber sämtliche Fundstellen würden markiert, Vorrang habe die Freigabe der Straßen. George: “Es gibt Prioritäten, auf jeden Fall werden wir in dieser Provinz mindestens noch fünf Jahre bleiben, denn wir räumen hauptsächlich manuell, haben hohe Sicherheitsstandards und sind stolz darauf, dass es bisher keine Unfälle gab.” Ausgebildet werden sowohl ehemalige Soldaten der Regierungsarmee, als auch einstige Kämpfer der UNITA. So arbeiten heute die zusammen, von denen die Minen gelegt wurden.

In der Nähe des Flughafens unterhält die MAG einen Posten direkt am Rande einer Siedlung neben einer Schule, dahinter beginnt ein mit Gras bewachsenes Terrain. Kleine Pfade führen um das Gelände herum und in die nächste Ansiedlung, während weiß-blaue Sonnenschirme über dem gekennzeichneten Gelände anzeigen, wo sich gerade Suchtrupps der MAG aufhalten. “Die gesamte Fläche bis zum Flughafen ist vermint”, sagt George. “Wir können das nicht räumen, das würde ewig dauern. Was wir tun können: das Gebiet abstecken und systematisch den Boden links und rechts der Wege säubern.” Als Schutz vor Giftschlangen, die vom Geräusch der Suchgeräte angelockt werden, tragen die Minensucher dicke Lederhandschuhe. Während die Teams das Terrain sondieren, herrscht auf den frei gegebenen Trampelpfaden reger Betrieb. Da es keine Transportmittel gibt, führt der direkte Fußweg zum Markt durch das Flughafengelände.

“Eigentlich sollten die Leute hier nicht unterwegs sein, wenn gearbeitet wird”, meint George. “Aber in so dicht besiedelten Gebieten kann man die Wege nicht einfach tagelang sperren.” So sehr sich MAG-Leute auch mühen, es dauert einfach zu lange. Zwei Minensucher im Team schaffen am Tag allenfalls 35 Quadratmeter. Das ganze Areal rings um den Flughafen zu säubern, würde Monate in Anspruch nehmen. Und wem wäre damit geholfen? Die Experten haben Recht. Im Kampf gegen die Minen müssen Prioritäten gelten. Es können nicht ganze Landstriche stillgelegt werden.

Minenopfer

Nora schleppt sich seit zwei Stunden humpelnd über den Hof. Die Zwanzigjährige trägt auf dem Rücken ihr fünf Monate altes Baby und in den Händen jeweils einen Eimer. Nora ist angehalten, ihre Beinprothese unter Belastung einzulaufen, ein langwieriger, schmerzhafter Vorgang. Zum Holzsammeln auf ihrem kleinen Acker war sie unterwegs, als eine Antipersonenmine detonierte und ihr ein Bein abriss. So absurd es klingen mag, jetzt gehört sie zu den “Glücklichen”, zu den Privilegierten, die eine Prothese und weitere Hilfe erhalten. In Luena betreibt die Vietnam Veterans of America Foundation (VVAF) seit 1996 ein Rehabilitationszentrum, in dem jährlich bis zu 250 Prothesen angefertigt werden - die einzige Anlaufstelle für Minenopfer aus den drei Ostprovinzen Angolas, aus Moxico, Lunda Sul und Lunda Norte, die zusammen so groß wie die Bundesrepublik Deutschland sind.

In der Prothesenwerkstatt ist Dave bei der Arbeit, ein Spezialist für Prothesenbau, der für einige Wochen einen Aufbaukurs für angolanische Techniker leitet. Im Vietnamkrieg hat er vor mehr als 30 Jahren beide Beine verloren und wurde später in den USA zu einem der Begründer der Hilfsorganisation. Auch einige seiner angolanischen Assistenten haben ein Bein eingebüßt und arbeiten wie Dave den ganzen Tag stehend auf ihren Prothesen. “Es ist gut, hier Leute zu haben, die selbst auf Gehhilfen angewiesen sind. Die wissen, worum es geht.” Im VVAF-Atelier können 30 Patienten gleichzeitig versorgt werden. Oft kommen sie von weit her und leben wochenlang in Unterkünften neben der Werkstatt, bis die Prothese sitzt und die Rehabilitation beendet ist.

In Rufweite liegt das “Zentrum zur Unterstützung von Gemeindeförderung und Gemeindeentwicklung” (CAPDC), das sich um die psychosoziale Betreuung der Minenopfer kümmert. Die Frankfurter Hilfsorganisation medico international gründete 1996 diese Einrichtung, die seit 2001 allein von Angolanern geleitet und betrieben wird, aber weiterhin auf Spenden aus Deutschland angewiesen ist. Das CAPDC ist die einzige Nichtregierungsorganisation Angolas, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Minenopfern nicht nur praktische Lebenshilfe, sondern auch eine psychische Betreuung zu geben, um mit dem erfahrenen Trauma, der Verstümmelung des eigenen Körpers - dem Flug in die Flamme - umgehen zu können.

In dem wohl ärmsten Wohnviertel Luenas lebt Carina, 37 Jahre alt und Mutter von neun Kindern. Eine Mine riss ihr das linke Bein bis zur Hälfte des Oberschenkels ab. Eine Prothese konnte nicht angepasst werden. “Mein Mann hat mich nach dem Unfall verlassen”, erzählt sie. Nun sei sie allein mit den Kindern, von denen keines zur Schule gehen könne, weil dazu das Geld fehle. Ein Schicksal, wie es angolanischen Minenopfern tausendfach widerfährt - sie haben nicht nur ein Bein, einen Arm oder die Hand verloren, sie sehen sich zudem familiär und sozial ausgegrenzt. Gerade in einem Land, in dem es so viele Minenopfer gibt, ist das kein Zufall. Wen es nicht trifft, der will es bei anderen nicht sehen.

Carina hat jahrelang in Flaschen abgefülltes Benzin auf einem der Märkte von Luena verkauft, doch blieben die Einkünfte so karg, dass ihre Familie davon nicht leben konnte. Ein Härtefall für die Sozialarbeiter des CAPDC, die es der Frau schließlich ermöglichten, mit Hilfe des Zentrums ein kleines Haus für sich und ihre Kinder zu bauen. “Psychosoziale Hilfe muss hier oft sehr konkret sein und darf sich nicht verzögern”, erklärt Manuel Santana, einer von Carinas Betreuern aus dem CAPDC. “Ein richtiges Haus gibt Mut und lässt spüren - das Leben geht doch weiter.”

Spenden für CAPDC: medico international/Stichwort “Minenopfer”/ Kontonummer: 1800/ Frankfurter Sparkasse, BLZ 50050201

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 23 vom 10.06.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Gaby Gottwald und des Verlags.

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Veröffentlicht am

12. Juni 2005

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