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Ein Abgrund voller Wohltaten

Irak: Die UN-Studie “Iraq Living Conditions Survey 2004” fällt ein vernichtendes Urteil über die Sozialpolitik unter dem Besatzungsregime

Von Steffen Vogel

Im Irak scheint ein Wettlauf im Gange zwischen den Aufständischen und der am 3. Mai vereidigten Regierung. Reißen die Anschläge nicht ab, ist das vor allem ein Indiz dafür, dass Premier Jaafari mit seinem Kabinett das vorhandene Machtvakuum nicht füllen kann. Der innere Widerstand erhält auch deshalb ungebrochenen Zulauf, weil kein Ende der Besatzung absehbar ist und die sozialen Verhältnisse immer prekärer werden, wie eine UN-Studie unumwunden einschätzt.

Für einen Minister sind das deutliche Worte: “Verglichen mit der Situation in den achtziger Jahren lässt sich eine massive Verschlechterung der Lebensbedingungen feststellen”, meinte jüngst der Kurde Barham Saleh, in der Regierung des Premierministers Ibrahim Jaafari zuständig für das Planungsressort. Die Aussage dürfte ihm nicht leicht gefallen sein; denn “in den achtziger Jahren” kann nur meinen: unter der Regentschaft Saddam Husseins. Den Anstoß für das Urteil des Ministers gab eine vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) erstellte Studie namens Iraq Living Conditions Survey 2004, die bezeugt, unter welch unzumutbaren Bedingungen, sich heute in einem von den USA und ihren Alliierten seit mehr als zwei Jahren besetzten Land das Alltagsleben abspielt. Großen Teilen der Bevölkerung fehle es - so die Autoren des UN-Reports - an solch elementaren Dingen wie Strom, Nahrung und sauberem Wasser. Auch mangelt es bei der Gesundheitsversorgung an einsetzbarem Equipment und Ärzten, die zwar vorhanden seien, aber nicht eingestellt und bezahlt werden könnten.

Am Härtesten betroffen sind wie so oft die Kinder: sie leiden erneut wie schon während des nach dem Krieg von 1991 verhängten UN-Embargos unter Mangelernährung. Der Studie zufolge sind 23 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren chronisch, zwölf Prozent allgemein und acht Prozent akut unterernährt. Bereits im März hatte Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, die UN-Menschenrechtskommission alarmiert: Die Rate der durch Hunger verursachten Entkräftung bei irakischen Kindern habe sich seit 2003 fast verdoppelt. Dies sei “ein Ergebnis des von den Koalitionstruppen geführten Krieges”, so Ziegler.

Der aktuelle UN-Report benennt eine weitere, kaum überraschende Ursache: Die mehr als zehn Jahre dauernden Wirtschaftssanktionen hätten der Gesundheit von Millionen Kindern schwer geschadet. Ganz zu schweigen davon, dass während der Invasion im März/April 2003 und bei den bis heute immer wieder aufflackernden Kampfhandlungen in Gebieten an der Grenze zu Syrien, im Großraum Bagdad und im Südirak Kinder unter 18 Jahren zu zwölf Prozent unter den Opfern seien. Zugleich wird festgestellt, “das Leiden von Kindern, verursacht durch den Krieg und die inneren Konflikte”, bleibe nicht auf diejenigen beschränkt, “die unmittelbar bei militärischen Aktionen verwundet oder getötet wurden.” Die Tragweite dieses Befunds lässt sich ermessen, wenn man in Betracht zieht, dass sich aus Minderjährigen unter 15 Jahren 39 Prozent der Gesamtbevölkerung rekrutieren.

Ähnlich verheerend klingt das Urteil der Studie über das irakische Gesundheitswesen, das einmal als eines der modernsten im Nahen Osten galt. Es fehle allgemein an Personal, es gäbe ein “desolates Equipment sowie zerstörte Hospitäler und Gesundheitszentren”. “Wir haben kein Geld mehr für Desinfektionsmittel”, meinte Tala Al-Awqati, Ärztin im Bagdader Yarmouk-Krankenhaus, jüngst in einem Interview für den Christian Science Monitor: “Manchmal sind wir gezwungen, sie selbst zu bezahlen”. Hinzu käme die nach wie vor prekäre Sicherheitslage. Al-Awqati sieht in ihr einen Grund für die gestiegene Säuglingssterblichkeit, da es für Frauen bei einer Entbindung zu gefährlich sei, nachts den Weg zum Hospital auf sich zu nehmen. Von tausend im Irak geborenen Kindern überlebten augenblicklich 32 das erste Jahr nicht, stellt der UN-Report fest.

Unterversorgt im wahrsten Sinne des Wortes ist die zivile Infrastruktur überhaupt, lässt sich dem Iraq Living Conditions Survey 2004 entnehmen - so leben 51 Prozent der untersuchten Haushalte aus den städtischen Regionen des Südens in Vierteln, in denen Abwässer teilweise über Straßen und Wege abgeleitet werden. Bezogen auf den gesamten Irak trifft dies für 40 Prozent der Familien in urbanen und 30 Prozent in ländlichen Zonen zu. Nur 54 Prozent der Haushalte haben derzeit Zugang zu einer sicheren und stabilen Trinkwasserversorgung. In einigen Distrikten müssen bis zu vier Fünftel der Familien mit hygienisch nicht einwandfreiem Wasser auskommen. Geradezu “alarmierend” sei die Lage in den südlich Provinzen Basra, Dhi Qar, Qadisiya, Wasit und Babil - dort, so die Gutachter der Vereinten Nationen, beziehe die Mehrheit der Bevölkerung Wasser aus verschmutzten Flüssen.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 23 vom 10.06.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Steffen Vogel und des Verlags.

Veröffentlicht am

11. Juni 2005

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