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Die Bauernopfer der Großmeister - Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Im Schatten der offiziellen Erinnerungspolitik

Von Stephan Günther

“Wenn Kriege jemals wie Schach waren”, so der Spiegel in einem Spezial zum Jahrestag des Kriegsendes, “muss al-Alamein die Weltmeisterschaft gewesen sein. Deutschland gegen Großbritannien. Rommel gegen Bernard L. Montgomery.” Auch 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird der Generalfeldmarschall als “Wüstenfuchs” glorifiziert, gilt der Krieg im Norden Afrikas als sportlicher Wettkampf zweier “Großmeister”. Zwar kommt der Autor am Ende zu dem Schluss, dass die Schlachten doch kein Spiel, sondern Krieg gewesen seien, aber nur einer zwischen zwei europäischen Feinden. Afrikaner spielen nicht nur in diesem Beitrag keine Rolle, denn: “Es gibt in der Wüste nicht viele Zivilisten”.

Es sind viele Wüsten, die Historiker seit 1945 hinsichtlich des Zweiten Weltkriegs hinterlassen haben. Als Kriegsschauplätze außerhalb Europas sind einer breiteren Öffentlichkeit neben Nordafrika lediglich Pearl Harbor auf Hawaii bekannt sowie die durch Atombomben zerstörten japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Warum tauchen die Kämpfe in Südostasien in den Rückblenden zum 60. Jahrestag so wenig auf wie die afrikanischen und lateinamerikanischen Soldaten, die auf Seiten der Alliierten halfen, Europa und Nordafrika vom nationalsozialistischen Terror zu befreien?

Gerne wird darauf verwiesen, dass der Zweite Weltkrieg fast nahtlos in den Kalten Krieg übergegangen sei. Die Stellvertreterkriege in Korea, Vietnam und später in zahlreichen vor allem afrikanischen Staaten bestätigen diese These zunächst. Andere Ansätze stellen die antikolonialen Befreiungskämpfe in den Mittelpunkt der Analyse. Die Kriege nach 1945 - in Algerien etwa oder Korea - seien Ausdruck der neuen emanzipatorischen Bewegungen, die sich gegen die Fremdherrschaft aufgelehnt hätten. Doch beide Thesen greifen zu kurz, wenn sie das Ende des Zweiten Weltkriegs als Zäsur betrachten und den Kalten Krieg beziehungsweise die antikolonialen Befreiungskriege als neue Epoche behandeln.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Deutlich wird dies am Beispiel Koreas, wo nach dem Abzug der Japaner zunächst Volkskomitees entstanden, in denen sich nationalistische, konservative und kommunistische Oppositionelle zusammenschlossen und die Verwaltung des Landes übernahmen. “Am 6. September 1945 proklamierten sie auf einer Konferenz in Seoul die unabhängige Volksrepublik Korea und wählten eine Regierung. Doch die USA und die Sowjetunion hatten sich bereits darauf verständigt, die koreanische Halbinsel entlang des 38. Breitengrades in zwei Besatzungszonen aufzuteilen”, erklärt ein kürzlich erschienener Sammelband mit dem Titel Unsere Opfer zählen nicht, eines der wenigen Bücher, die den Zweiten Weltkrieg in der Dritten Welt in den Blick nehmen. Die japanische Besatzung erst hatte die politisch rivalisierenden koreanischen Kräfte zusammengebracht, waren vereint sie nur gegen den gemeinsamen Feind. Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre die Entwicklung sehr viel anders verlaufen. Und auch die dann folgende Aufteilung des Landes war nicht nur Folge des bereits beginnenden Kalten Krieges, sondern Resultat von Abmachungen unter den Siegermächten.

Die Jahre zwischen 1939 und 1945 umfassen den Zweiten Weltkrieg in Europa, und das Ende des Krieges bedeutete auch das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Für viele andere Regionen der Welt sind die Epochen jedoch anders zu definieren: “In Afrika begann der Zweite Weltkrieg 1935 mit dem Einmarsch der Italiener in Äthiopien. 1937 hatte Japan neben Korea bereits die Mandschurei besetzt und dehnte seinen Krieg gegen China nach Süden aus”. Und “nach” dem Krieg war vielerorts vor dem Krieg. Auch in Vietnam und auf den Philippinen ging der Krieg nahtlos in den antikolonialen Befreiungskampf über, in China in den Bürgerkrieg, an dessen Ende der Sieg der revolutionären Volksarmee Mao Tsetungs stand.

Hoffnung auf Freiheit

“In Algerien hatten sich viele Männer freiwillig als Soldaten gemeldet und geglaubt, dass das Ende dieses Krieges auch ihnen die Freiheit bringen würde, wie es die Franzosen versprochen hatten”, erinnert sich die algerische Publizistin Alice Cherki. “Am 8. Mai 1945, dem Kriegsende in Europa, gingen die Menschen in Constantine, Guelma und Sétif auf die Straße, um de Gaulle an sein Versprechen zu erinnern. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit französischen Siedlern, die blindlings in die Menge schossen. Die französische Armee kam ihnen zu Hilfe und setzte sogar Flugzeuge ein. Das Ergebnis war ein furchtbares Massaker an algerischen Zivilisten.” Von bis zu 45.000 Opfern ist die Rede. Der 8. Mai, in Frankreich bis heute ein nationaler Feiertag, ist in Algerien ein Tag der nationalen Trauer.

Das Jahr 1945 war in Algerien und in zahlreichen anderen afrikanischen Staaten nicht nur Anlass, die staatliche Unabhängigkeit zu fordern und damit der Beginn der Befreiungskämpfe. Auch der ideologische Kampf zwischen Faschisten und ihren Gegnern fand in den Kolonien seine Fortsetzung. Zwar gab es Zwangsrekrutierungen etwa durch die britische Armee in ihren Kolonien, dennoch ist das verbreitete Bild von den “entmündigten” Kolonialsoldaten schief, denn nicht wenige meldeten sich freiwillig.

So etwa der Sohn eines wohlhabenden Händlers aus Accra, der Hauptstadt der früheren Goldküste: “Die Deutschen wollten die ganze Welt erobern. Wenn wir uns ihnen nicht entgegenstellten, würden sie auch nach Afrika kommen.” Afrikaner unter britischem Kommando kämpften nicht nur in Europa, sie “fochten 1940/41 gegen die Italiener in Britisch-Somaliland und Äthiopien, 1940 bis 1943 gegen den deutschen General Rommel und die italienischen Faschisten in Nordafrika, 1942 gegen das Vichy-Regime in Madagaskar und nach dem Kriegseintritt Japans im Dezember 1941 auch in Fernost, in den Dschungeln von Burma.” Komplizierter noch war die Situation in den früheren italienischen und französischen Kolonien: Äthiopier als auch Algerier kämpften gegen die Besatzung, die zeitweise faschistisch, zeitweise antifaschistisch war. Manche leisteten Widerstand, andere kollaborierten.

Quer durch die Lager

Diese Beispiele offenbaren die vielschichtige Teilhabe der Dritten Welt am Weltkrieg, in der es nicht nur Opfer und auch nicht nur Widerständige gab. Arabische Kollaborateure unterstützten die Nazis, gleichzeitig kämpften arabische und jüdische Soldaten gemeinsam auf Seiten der Alliierten. Jüdische Flüchtlinge erhielten in manchen lateinamerikanischen Ländern Asyl, in denselben Ländern, in denen einige Jahre später flüchtende Nazis Unterschlupf fanden. Es gab eine indische Legion der Nazis und Soldaten der Royal Indian Army, die gegen die Nazis kämpften. Die ethnisch-nationalistische Ideologie fand ebenso Anhänger bei den gerade entstehenden nationalen Befreiungen wie sie auf erbitterten Widerstand stieß.

Einige bekannte (wie Frantz Fanon für Nordafrika) und weniger bekannte Autoren (wie Ko Tim-Keung für Hongkong) haben zwar schon vor vielen Jahren ins Gedächtnis gehoben, dass und auf welche Weise die Länder der Dritten Welt direkt oder indirekt in den Zweiten Weltkrieg involviert waren. Aber in seiner ausführlichen und umfassenden Darstellung dürfte Unsere Opfer zählen nicht ein einzigartiges Werk darstellen, das gerade noch rechtzeitig zu den Gedenkfeiern erschienen ist.

Wie die afrikanischen Staaten bleiben auch Schwarze in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges weitgehend unsichtbar, und nicht nur diejenigen, die auf Seiten der Alliierten gegen Deutschland kämpften. Auch die wenigen schwarzen Deutschen fanden bislang kaum Erwähnung. Obwohl das Deutsche Reich ein postkolonialer Staat war, lebten auf deutschem Boden nur 2.500 bis 3.000 Schwarze. Doch gerade diese Tatsache, so eine These von Christine Alonzo und Peter Martin, den Herausgebern des Ausstellungsbandes Zwischen Charleston und Stechschritt, bot ein wesentliches Fundament für die nationalsozialistische Rassenideologie. Mit Bezug auf Emanuel Todd schreiben sie, “dass die Französische Republik dem Deutschen Reich einen erheblichen Schrecken einjagte, als sie im Ersten Weltkrieg afrikanische Truppen einsetzte und Martinique und Elsass-Lothringen, Dunkelhäutigkeit und Deutschtum, auf die gleiche - französische, universale - Stufe stellte”.

Die “schwarze Gefahr”

Diese Politik diente den Nationalsozialisten in doppeltem Sinne zur Propaganda: Die Zustände in Frankreich galten einerseits als Warnung vor der “rassischen Durchmischung” im eigenen Land und legitimierte andererseits den deutschen Einmarsch, weil “in Paris Juden hoffähig und Neger salonfähig” geworden seien. Schon in Mein Kampf hatte Hitler geschrieben, Frankreich mache “auch rassisch in seiner Vernegerung so rapide Fortschritte, daß man tatsächlich von einer Entstehung eines afrikanischen Staates auf europäischem Boden reden könne”.

Die “schwarze Gefahr” wurde im Ersten Weltkrieg angesichts der schwarzen französischen Soldaten propagandistisch ausgeschlachtet und fand in der Verfolgung und Vernichtung der so genannten “Rheinlandbastarde” durch die Nationalsozialisten ihren Höhepunkt. Darüber hinaus boten die Nicht-Weißen Anlass, eine “schwarz-kommunistische Verschwörung” in die Welt zu setzen. “Seit Mitte der zwanziger Jahre”, heißt es im Ausstellungsband, “wurde Deutschland zu einem wichtigen Schauplatz politischer Aktivitäten schwarzer Revolutionäre. Vor allem in Berlin und Hamburg, gelegentlich aber auch in anderen Städten wie Frankfurt und Köln, arbeiteten schwarze Kommunisten unterschiedlicher Nationalität in sowjetischem Auftrag permanent oder vorübergehend für die gewerkschaftliche Interessensicherung der schwarzen Arbeiter und Bauern in den Kolonien sowie die Befreiung ihrer Heimatländer vom ?Joch der Weissen?”.

Viele Schwarze entgingen zwar zunächst den Lagern und dem Tod, weil sie Staatsbürger anderer europäischer Staaten waren. Diejenigen, die dieses Glück nicht hatten, wurden jedoch um so brutaler bestraft. Schwarze Soldaten wurden nach ihrer Gefangennahme misshandelt oder gleich ermordet, um den weißen französischen Gefangenen zu demonstrieren, was Deutsche von der Gleichheit der “Rassen” hielten.

Gerade der “Wüstenfuchs” Erwin Rommel tat sich in dieser Hinsicht hervor, als seine Einheiten an den schwarzen Soldaten des 53. Regiments der gemischten senegalesischen Kolonialinfanterie ein Massaker verübten. Schwarze Gefangene wurden von weißen getrennt und sogleich hingerichtet, weil, wie ein deutscher Offizier formulierte, “eine minderwertige Rasse es nicht verdient” habe, gegen “eine so zivilisierte Rasse wie die Deutschen zu kämpfen.” Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, warum Schwarze in der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg bis heute kaum vorkommen und warum Rommel bis heute als “Schachspieler” unter den Nazi-Generälen gilt: Bauernopfer verdienen offenbar keine Erwähnung.

Zum Weiterlesen:

  • Rheinisches JournalistInnenbüro/ Recherche International e.V. (Hg.): Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Berlin/Hamburg 2005.
  • Peter Martin und Christine Alonzo (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus. Hamburg/ München 2004.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 22 vom 03.06.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

10. Juni 2005

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