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Solidaritätserklärung mit Mordechai Vanunu

Von Daniel Ellsberg - CommonDreams.org / ZNet 17.05.2005

Vor 19 Jahren tat Mordechai Vanunu etwas Richtiges. Er tat, was auch andere, die über dasselbe Wissen bezüglich Israels nuklearer Aktivitäten bzw. die möglichen Folgen für die Welt und die Sicherheit und Demokratie Israels verfügten, früher oder später hätten tun sollen. Vanunu war Techniker in der geheimen Atomwaffenproduktionsanlage Dimona in Israel. Er offenbarte der Welt und seinen Mitbürgern die Wahrheit über die dortigen Aktivitäten - eine Wahrheit, die seine Regierung lange Zeit geleugnet und verhehlt hatte, was falsch war.

Vanunu legte nicht nur offen, dass Israel ein Atomwaffenstaat ist. Das war in den USA schon mehr als ein Jahrzehnt zuvor bekannt geworden, als offizielles US-Geheimdienstmaterial durchsickerte und in vielen Medien publiziert wurde. Vanunus Fotos und seine Interviews mit der Londoner Sunday Times machten vor allem eines klar: Amerika - und auch alle andern - unterschätzen das Ausmaß bzw. Tempo des israelischen Programms zur Herstellung von Nuklearmaterial und Gefechtsköpfen in substantieller Weise, speziell seit den frühen 70gern. Die Produktion verlief geheim, es gab keine Inspektionen.

Laut Schätzungen, die auf Vanunus Informationen im Jahr 1986 beruhen, verfügte Israel damals über ein Arsenal von rund 200 (und nicht etwa 20) atomaren Gefechtsköpfen. Damit wäre Israel die dritt- bzw. viertgrößte Atommacht der Welt gewesen - eine bedeutendere Atommacht als Großbritannien und vermutlich auch Frankreich. Seither sind 19 Jahre vergangen, in denen munter weiterproduziert wurde. Israel ist immer noch dritt- bzw. viertgrößte Atommacht. Inzwischen dürfte das Land über nahezu 400 Atomwaffen verfügen.

Hatten die Bürger Israels, die immerhin in einer Demokratie leben, kein Recht, dies alles zu erfahren? Hatten die anderen Länder dieser Welt kein Recht darauf? Sollte das Beispiel Mordechai Vanunus, der unter großem persönlichem Risiko die Wahrheit aussprach, nicht belohnt werden und Nachahmer finden?

Der Atomwissenschaftler Joseph Rotblat ist einer der Gründer der sogenannten ‘Pugwash-Bewegung’, wofür er den Friedensnobelpreis erhielt. Seit nunmehr einer Generation argumentiert Rotblat: Um Vertrauen in die Atominspektionen bzw. entsprechende atomare Abrüstungsvereinbarungen zu erzeugen, braucht es unter anderem der “Verifikation durch die Gesellschaft” (societal verification). Dies sei möglich. Es müsse nur Wissenschaftler, Techniker und Offizielle geben, die mutig und gewissenhaft genug sind, die Inspekteure über Verstöße gegen die Vereinbarungen zu unterrichten.

In den letzten 35 Jahren seit in Kraft treten des Atomwaffensperrvertrags NPT (Nuclear Non-proliferation Treaty) gibt es, abgesehen von Mordechai Vanunu, nur wenige solche Beispiele. Das lässt Vanunus Offenbarungen potentiell umso wertvoller erscheinen. Es war die Tat eines Menschen, der bereit war, ohne Rücksicht auf sich selbst zu handeln.

Stellen Sie sich vor, ein Bürger Indiens hätte von den Vorbereitungen zu Indiens geheimem Atomwaffentest so früh erfahren, dass noch Zeit war, diesen tragischen Irrtum (und somit auch die pakistanische Reaktion in Form eines eigenen Atomtests, den dieser Irrtum ja unweigerlich provozieren musste), mithilfe der Weltöffentlichkeit zu verhindern. Ihm wäre klar gewesen, die Atomtestvorbereitungen in Indien werden (vorhersehbar) katastrophale Folgen für die Weltsicherheit und die Sicherheit der Region zeitigen. Dieser Inder hätte sich daher entschlossen, ohne Wenn und Aber und rechtzeitig zu warnen. Vielleicht wäre er zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden - so wie Mordechai Vanunu. Gleichzeitig hätte ein solcher Akt den Friedensnobelpreis verdient.

Joseph Rotblat hat Mordechai Vanunu wiederholt für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als ehemaligem Preisträger hat er das Recht. Ein Jahr nachdem Vanunu seine 18jährige Strafe bis zum letzten Tag abgesessen hat (fast 12 davon in Einzelhaft, die er in einer 2-auf-3-Meter-Zelle zubrachte), steht Vanunu nun erneut unter Anklage. Man wirft ihm vor, gegen Auflagen verstoßen zu haben, die sein Recht auf freie Meinungsäußerung beschränken. Diese Auflagen stellen einen klaren Verstoß gegen Vanunus Menschenrechte dar. Mordechai Vanunu hat sich für eine atomwaffenfreie Zone ‘Naher/Mittlerer Osten’ und die Vernichtung aller Atomwaffen auf der Welt ausgesprochen und wird dies auch weiter tun. Für dieses Ziel ist er bereit, alles preiszugeben, was er weiß.

Auf der anderen Seite ist es absurd zu behaupten (wie es der Chef der israelischen Sicherheit tut), die Veröffentlichung weiterer Details dessen, was Vanunu bei seiner Arbeit in Dimona - also vor 19 Jahren - erfahren hat, könnte eine Gefahr für die nationale Sicherheit Israels darstellen. Schließlich kann bislang niemand belegen, dass die Informationen, die Vanunu 1986 lieferte, die israelische Sicherheit irgendwie gefährdeten.

Es scheint klar, dass das gegen Vanunu verhängte Sprechverbot (keine Gespräche mit Ausländern oder ausländischen Journalisten über irgendwelche Themen, keine Gespräche mit Israelis über nukleare Themen) seine Strafe auf unbestimmte Zeit verlängern soll - im Grunde ist es die Fortführung der Haft, zu der er verurteilt wurde, weil er unerlaubt die Wahrheit aussprach. Dies ist eine Art Abschreckungsbotschaft, eine eindeutige Botschaft an die Adresse aller potentiellen künftigen Vanunus - in Israel und der Welt.

Wir leben in einer Welt, die Menschen wie Vanunu dringend braucht, nicht zuletzt in meiner Heimat, den USA, aber auch in anderen Atomstaaten, die gegen Artikel VI (des Atomwaffensperrvertrags) verstoßen. Kann es sich der Rest der Welt auf diesem Hintergrund leisten, die Botschaft (siehe oben) an Vanunu widerstandslos hinzunehmen? Internationaler Protest ist angebracht, um gegen die neue Anklage und die gegen Vanunu verhängten Reisebeschränkungen und Sprechverbote vorzugehen - im Interesse künftiger ‘societal verification’ und im Interesse lebenswichtiger Transparenz.

Wird Zeit, dass die Welt sich auf die Seite Vanunus stellt und mit ihm gemeinsam die Forderung erhebt, Israel müsse sich zu seinem Status als Atommacht mit Nuklearwaffen bekennen - eine Atommacht mit einem massiven Arsenal, das weiter wächst. Eine weitere Forderung: ALLE Atommächte im Besitz von Nuklearwaffen - einschließlich Israel, Indien und Pakistan, aber vor allem die USA und Russland - müssen konkrete Schritte zur Aushandlung eines festen Zeitplans zur (kontrollierten und globalen) Abschaffung aller Atomwaffen unternehmen.

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Bemerkung schließen: In den frühen 60er Jahren war ich als Berater im Pentagon tätig - (beratend) zuständig für Atomwaffenkontrolle, Atomkriegsplanung und das Atomwaffenkommando. Mir war schon damals klar, was Robert S. McNamara heute (in der neuesten Ausgabe von ‘Foreign Policy’) beschreibt. Was McNamara über unsere derzeitige Atompolitik sagt - “unmoralisch, illegal, militärisch unnötig und furchtbar gefährlich” - galt schon zu jener Zeit. Das zeigten mir die geheimen Dokumente, die ich zu lesen bekam - ich selbst habe auch einige verfasst. Heute bereue ich zutiefst, dass ich diese Dokumente nicht schon damals meinen amerikanischen Landsleuten und der Welt offen legte. Ich wäre dafür ins Gefängnis gekommen - wie Mordechai Vanunu. Was mir fehlte, war ein Vorbild wie Vanunu, einer, der sich mutig zur Wahrheit bekennt. So ein Beispiel hätte mir meine Verantwortung bewusst gemacht. Ich hoffe, (viele) Menschen und Regierungen werden Druck auf die israelische Regierung ausüben, damit es Vanunu möglich wird, überall in der Welt frei zu sprechen - als Prophet der atomaren Abrüstung.

Falls Sie den Protest gegen Vanunus neue Anklage unterstützen möchten bzw. ihn selbst, kontaktieren Sie unseren Koordinator Frederick Heffermehl unter fredpax@online.no (Norwegen).

Daniel Ellsberg ist jener Offizielle aus dem US-Verteidigungsministerium, der im Jahr 1971 geheime Dokumente an die New York Times durchsickern ließ (die sogenannten ‘Pentagon Ilanrs’). Vor einiger Zeit hat Ellsberg seine Memoiren veröffentlicht: ‘Secrets: A Memoir of Vietnam and the Pentagon Ilanrs’.

Quelle: ZNet Deutschland vom 22.05.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Statement on behalf of Mordechai Vanunu

Veröffentlicht am

29. Mai 2005

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