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Strategie für eine andere Welt

De-Globalisierung - Anmerkungen zu dem neuen Buch des Globalisierungskritikers Walden Bello

Von Mohssen Massarrat

Es gibt drei grundsätzliche Möglichkeiten, die Zukunft unserer Welt zu gestalten. Die gegenwärtig vorherrschende Option ist die neoliberale Globalisierung. Dabei sind wir Zeugen einer insgesamt deprimierenden Entwicklung. Sie zeichnet sich aus durch wachsende Massenarbeitslosigkeit, durch Verlängerung der Arbeitszeit und Ausbreitung einer Niedriglohnökonomie, durch eine sich vergrößernde Spaltung zwischen Arm und Reich, durch eine zunehmende Unsicherheit und Zukunftsängste, vor allem bei der jüngeren Generation, und durch neue Verteilungskonflikte und Kriege zwischen den Kulturen. Die wenigen punktuellen Gewinne neoliberaler Globalisierung in manchen Transformationsgesellschaften Asiens und Osteuropas resultieren mehr oder weniger aus einer Nord-Süd- Standortverlagerung und sind Ergebnis eines globalen Nullsummenspiels. Die neoliberale Globalisierung ist keine innovative, sondern eine rückwärtsgewandte Strategie, sie zehrt von der Substanz des Produktivvermögens von Mensch und Natur und begünstigt die Umverteilung von unten nach oben, sie verschärft die globalen Umweltkrisen und verbaut auch die Zukunft künftiger Generationen.

Die weltweite globalisierungskritische Bewegung ist - wenn man so will - die natürliche Reaktion auf die neoliberale Globalisierung, auf Instabilität und Chaos. Diese Bewegung streitet für eine “andere Welt” als Alternative zu der gegenwärtigen Weltordnung. Über diese andere Welt gibt es allerdings bisher nur vage Vorstellungen, sie zielen im Großen und Ganzen auf zwei unterscheidbare Perspektiven:

Den einen geht es um eine gerechte Weltwirtschaftsordnung ohne globale Armut und Massenarbeitslosigkeit mit gerechterer Einkommensverteilung und fairem Handel. Diese Weltwirtschaftsordnung soll vor allem durch die Einführung von Sozial- und Umweltstandards, durch Reformen von WTO und IWF und durch die Stärkung der UNO erreicht werden. Es handelt sich dabei um eine Wiederbelebung sozialdemokratisch bis grüner Programmatik aus den neunziger Jahren für ein keynesianisch gelenktes ökosoziales Modell im Weltmaßstab. Angesichts der neoliberalen Offensive der Gegenwart erscheint selbst dieses durch und durch systemimmanente Projekt als utopisch, ja fast revolutionär. Hätte dennoch diese Perspektive Aussicht auf Erfolg, ginge mit ihr - darüber sollte man sich keine Illusionen machen - ein neuer Schub weltweiter Kapitalakkumulation in einem bis dato nicht gekannten Ausmaß einher. Dabei würden kapitalistische Wachstums- und Gewinnmaximierungsnormen weiterhin alle gesellschaftlichen Bereiche dominieren. Auch die Unterordnung des Menschen und deren natürlicher Bedürfnisse wie Sicherheit, Fairness, Solidarität, Gerechtigkeit, unter abstrakte Gesetze des Kapitals blieben genauso unangetastet wie die undemokratischen Entscheidungsstrukturen angesichts des Primats kapitalistischer Normen gegenüber der freien Willensbildung.

Die andere, radikalere Perspektive geht einen deutlichen Schritt über das global keynesianische Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft hinaus, sie zielt - in Anlehnung an Karl Kolany - auf die Einbettung des Kapitalismus in die Gesellschaft und auf das Primat menschlicher Werte und Bedürfnisse über die in letzter Instanz die Demokratie unterminierenden Gesetze des Kapitals. Walden Bello ist ein authentischer Vertreter dieser Richtung, er ist der bekannteste, aus den Philippinen stammende Globalisierungskritiker des Südens. Bello ist ein Intellektueller und Aktivist, seine strategischen Überlegungen resultieren aus Theorie und Praxis, sein bestechendes Modell heißt De-Globalisierung, ein aus der Regionalisierungs- und Nachhaltigkeitsforschung eigentlich längst bekanntes Modell, das Bello in seinen Essays verdienstvoll aktualisiert und politisiert.

Damit meint er, im Unterschied zur lateinamerikanischen Dependenzia der siebziger Jahre - wie er sagt - nicht “den Rückzug aus der internationalen Wirtschaft”, sondern Unterordnung “strategischer Wirtschaftsentscheidungen unter die demokratische Willensbildung, Kontrolle des Privatsektors durch die Zivilgesellschaft”, eine Vernetzung von “Gemeindekooperativen, Privatunternehmen und staatliche Unternehmen, die multinationale Konzerne ausschließt”, Exportabhängigkeiten reduziert und Binnenmärkte stärkt. Bello plädiert auch nicht für die Abschaffung von WTO und anderen Bretton-Woods-Institutionen, sondern für die Neudefinition ihrer Aufgaben, weg von MNK-gesteuerten Handlungskompetenzen hin zu reinen Beobachtungs- und Forschungsaufgaben mit dem Ziel, den Handlungsspielraum regionaler und sektoraler Organisationen wie UNCTAD und ILO zu erweitern und die plurale Welt zu stärken.

“De-Globalisierung als Strategie für eine andere Welt” ist nicht weniger utopisch als der globale Keynesianismus, aber auch nicht weniger realistisch. Denkbar wäre tatsächlich, den Umweg zu einer globalen Nachhaltigkeit über eine globale ökosoziale Marktwirtschaft mit allen seinen negativen Nebeneffekten um Jahrzehnte direkt durch De-Globalisierung abzukürzen. Bello ist jedenfalls optimistisch und weist auf vorhandene Ansätze dazu hin, die weiter entwickelt werden müssten. Dabei konzentriert er sich auf konkret nachvollziehbare und politisch um so wirkungsvollere Schritte zum Abbau von Machtungleichheiten und zentralistischen Strukturen und zur Stärkung von Chancengleichheit und Autonomie, die Allianzbildungen gegen die neoliberale Strategie der nimmer satt werdenden reichen Haie fördern. Genau in der Kombination von Anschlussfähigkeit an die Gegenwart und einer am Menschen orientierten Zukunft steckt auch die Stärke von Bellos Konzept von De-Globalisierung, das im Unterschied zu scheinradikalen Forderungen nach Abschaffung des Kapitalismus durchaus eine das System sprengende Kraft besitzt.

Bellos De-Globalisierung ist eine Strategie des Südens, um die Bedrohung aus dem Norden abzuwehren, sie ist aber - wie Bello betont - auch für den Norden relevant. Dazu äußert sich Bello getreu seinem Theorie-Praxis-Ethos jedoch nicht. In der Tat obliegt es den Globalisierungskritikern des Nordens, sich über die konkreten Schritte dazu Gedanken zu machen. Hier müsste die Unterordnung des Kapitalismus unter die Gesellschaft - im Unterschied zum Süden - vom Systemfundament her in Gang gebracht werden. Die Neuverteilung der Arbeit durch radikale Arbeitszeitverkürzung - zumal angesichts der steigenden Massenarbeitslosigkeit - im Norden und Austausch eines Teils der Erwerbsarbeit gegen mehr Freiheit und Lebensqualität ist einer der wirkungsmächtigsten Schritte zur Rückgewinnung menschlicher Autonomie und sukzessiver Zurückdrängung des Primats von scheinbarer Rationalität ökonomischer Normen, zu einer Art De-Globalisierung von innen heraus.

Walden Bellos Buch in deutscher Sprache kommt zur rechten Zeit und wird eine hierzulande längst fällige Gesellschaftsdebatte hoffentlich auch beleben. Damit erwarben sich Oliver Nachtwey und Peter Strotmann als Übersetzer und Herausgeber von Bellos Essaysammlung und einer lesenswerten Einführung einen besonderen Verdienst.

Walden Bello: De-Globalisierung. Widerstand gegen die neue Weltordnung. Hrsg. von Oliver Nachtwey und Peter Strotmann. VSA, Hamburg 2004, 164 S., 14,80 EUR

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 19 vom 13.05.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Mohssen Massarrat und Verlag.

Veröffentlicht am

26. Mai 2005

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