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Angst essen Seele auf

Hedgefonds: In den Rücktritten an der Spitze der Börsen-AG spiegelt sich praktische Kritik des Kapitals an sich selber

Von Michael Jäger

Was ist geschehen? Werner Seifert, der Vorstandschef der Aktiengesellschaft Deutsche Börse, hatte den Zukauf der Londoner Börse geplant, um das Geschäft längerfristig zu sichern. Einige Anleger-Fonds kritisierten, auf diese Weise würden Werte unnötig gebunden. Der Londoner Fonds TCI, der acht Prozent Aktionäre vertritt, schlug vor, das Kaufgeld solle lieber zur Erhöhung der Dividenden verwandt werden. Als daraufhin Rolf Breuer, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, die Kurzfristigkeit der Politik der Fonds geißelte, fühlten diese sich verunglimpft, und es gelang TCI, die Mehrheit der Aktionäre hinter ihre Rücktrittsforderung zu bringen. Seifert fiel - übrigens gut gepolstert durch zehn Millionen Euro Abfindung -, obwohl er sich dem Druck schon gebeugt und eine Dividenden-Ausschüttung bis 2007 angekündigt hatte. Die Fonds aber, denen so ein “Spitzenerfolg” noch nirgends in der Welt geglückt war, haben nun Blut geleckt und wollen die Börse gleich ganz zerschlagen. Es gilt als wahrscheinlich, dass man sie auf den reinen Wertehandel reduzieren, die für die Abwicklung der Börsengeschäfte zuständige Gesellschaft Clearstream aber abstoßen wird. Clearstream hatte zwar schwarze Zahlen geschrieben und überhaupt höchst erfolgreich gewirkt. Außerdem waren die Funktionen Handel und Abwicklung in Deutschlands Börsengeschichte immer vereint gewesen. Doch die Fonds sind auf eine Milliarde Euro heiß, die vom Verkauf erwartet werden.

Mit Recht wurde der Vorgang als Beleg für Münteferings Kritik gewertet, manche Fonds fräßen “wie Heuschrecken” alles kahl und zögen dann weiter. Dabei hat man betont, dass im Fall der Börsen-AG ganz besondere Fonds aktiv wurden: ausländische Hedgefonds. Dieser Hinweis ist einerseits eine Verharmlosung. Denn was immer die Spezifik von Hedgefonds sein mag, haben sie sich doch nur auf dem Feld ausgebreitet, das ihnen vom “seriösen” deutschen Kapital und nicht zuletzt von der Deutschen Bank, deren Mann Breuer ist, der jetzt so erstaunt tut, eröffnet und überlassen wurde.

Deutsche Aktiengesellschaften wurden bis vor kurzem durch wechselseitige Aktienkäufe und starke Bankenbeteiligung vor dem Zugriff von Spekulanten geschützt, denen der Gang oder Untergang einer Volkswirtschaft egal ist. Diesen Schutz haben die Banken eingerissen, weil sie selbst an kurzfristigen Gewinnen interessiert sind. Erst auf ihren Wunsch wurden Hedgefonds überhaupt zugelassen. Jetzt so zu tun, als werde daraus ein Problem, wenn “Ausländer” auftreten, ist Heuchelei und Demagogie.

Andererseits wird das Problem durch die in- oder ausländischen Hedgefonds tatsächlich verschärft. Die so bezeichneten Anleger-Gruppen hoffen nicht bloß auf steigende Aktienwerte, um Gewinnausschüttung fordern zu können. Sie wetten vielmehr auf alles, auch auf fallende Kurse. Wo der Gewinn herkommt, ist ihnen gleich. Weil solche Wettbüros sich von der realen Wirtschaft vollkommen abkoppeln, sind sie für diese gefährlich, zumal ihre Zahl wächst. Sie wird auf derzeit 8000 geschätzt. Hedgefonds kontrollieren eine Billion Euro, das Geld von weltweit 65 Prozent aller Investoren.

Wenn man sich hier an den Kapitalbegriff von Marx erinnert, wird klar, dass Münteferings Debatte tatsächlich auf eine “Kapitalismuskritik” hinausläuft - die der SPD-Chef gar nicht lostreten wollte, die das Kapital aber an sich selbst praktisch übt. Der Kapitalkreislauf, so Marx, stellt sich nur in der Perspektive des Kapitalisten als Verwandlung von geborgtem Geld in Schuldbegleichung plus Geldüberschuss dar. Das sieht der Kapitalist nicht falsch, aber einseitig. Objektiv ist Kapital der Kreislauf der Waren: Sie werden verkauft, und mit dem Geldrücklauf plus Mehrwert werden neue Waren produziert und von neuem verkauft.

Kann man dann Kapitalisten, die sich vom Warenkreislauf “emanzipieren”, überhaupt noch Kapitalisten nennen? Man durfte die Frage bisher bejahen, da es pure Spekulanten schon immer gab, sie aber nur für bewusstlose Rädchen im realen Wirtschaftskreislauf galten. Aber das sind sie nicht mehr. Sie sind heute ein Indiz dafür, dass immer mehr Rädchen aus dem Kreislauf purzeln, ihn also insgesamt zersetzen.

Auch andere Vorgänge des vergangenen Jahrzehnts drängen die Frage auf, ob wir einer Selbstzersetzung des Kapitals beiwohnen. Die jetzt schon etwas zurückliegende Feier der lean production stellt sich im Nachhinein als erste Auflösungs-Stufe dar: Konzernzentralen, die alles “auslagern”, was nicht die Geschäftsidee unmittelbar betrifft. Aus geballten Wirtschaftsimperien wurden Netze von “Zulieferern”, lauter einzelnen Kapitalisten und Scheinselbstständigen. Bei dieser Produktionsform waren aber noch Geschäftsidee und Geldgeber identisch oder längerfristig liiert. Die nächste Stufe besteht darin, dass in der Geschäftsidee die pure Verkaufspropaganda sich vom verkauften Gebrauchsding emanzipiert, wenn auch nicht immer löst. “Nike” kaufen heißt ja immer noch Turnschuhe kaufen. Aber dass dabei Gewinn entsteht, kommt weniger von der Schuhproduktion als vom “Nike”-Phantasma.

Daneben nimmt auch der Verkauf von “Erlebnissen”, die man ganz ohne Markt haben könnte, immer mehr zu. So haben wir, sagt man uns, die “Erlebnisgesellschaft”, die zugleich eine “Wissensgesellschaft” sei, weil der unternehmerische Erfolg von der Erfindung intelligenter Geschäftsideen abhänge. In der lean production, Wissens- und Erlebnisgesellschaft wird das Eigentum an den verschiedenen Aspekten dessen, was produziert und verkauft wird, immer mehr verstreut. Parallel dazu hat sich das bisherige “Normalarbeitsleben” in wechselnde Jobs und viel Arbeitslosigkeit zersetzt.

Bei all dem konnten die Apologeten unterstellen, die Vervielfältigung der Funktionen sei eine “Ausdifferenzierung” und stelle also einen Rationalitätsschub dar. Doch in dem Moment, wo auch die Geschäftsidee “ausgelagert wird” und die Funktion des Geldgebers nur noch mit sich selbst spielt, wird das ganze “Netzwerk” irrational. An diesem Punkt zersetzt das Kapital seinen eigenen Begriff. Man weiß ja auch, woran es liegt: Die besserverdienenden Anleger, die sich zu Fonds zusammenschließen, haben berechtigte Angst vor der Altersarmut und um ihre Kinder. Deshalb wollen sie rasch Bargeld auf die Kralle. Nomen est omen: Die Fonds-Abkürzung TCI steht für The Children’s Investment Fund. Nur wird Geld wenig nützen, das mit dem Absturz des Wirtschaftskreislaufs erkauft ist. Auch das Kapital lebt eben nur, weil es eine Seele hat. Die ist so wenig unsterblich wie andere Seelen.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 20 vom 20.05.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Michael Jäger und Verlag.

Veröffentlicht am

25. Mai 2005

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