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Eine Willkommensparade aus brodelndem Zorn und Blut

Von Dahr Jamail - dahrjamailiraq.com / ZNet 16.05.2005

In den ersten zwei Wochen, nachdem die neue irakische “Regierung” eingeschworen war, starben im Irak über 400 Iraker durch die Gewalt. Und um alles nur noch schlimmer zu machen - so scheint es -, stattete die amerikanische Außenministerin Condoleeza Rice der neuesten amerikanischen Kolonie einen Überraschungsbesuch ab. Nachdem sie den von der anhaltenden Gewalt verschont gebliebenen Nordirak besucht hatte, reiste Rice in die massiv befestigte “grüne Zone” Zentral-Bagdads, wo sich die amerikanische “Botschaft” befindet. Im ehemaligen Republikanischen Palast sprach Rice zu einer Menge - im Grunde die perfekte Kulisse für ihren symbolträchtigen Irak-Besuch, denn inzwischen bezeichnen immer mehr Iraker die katastrophale Besatzung ihres Landes als unsere neue “Blutokratie”. “Wir sind so dankbar, dass es Amerikaner gibt, die gewillt sind, sich zu opfern, damit der Mittlere Osten heil wird - und frei und demokratisch und friedlich”, verkündete Rice, bevor sie wieder in den Nordirak abflog. Ihr Militärhelikopter-Geschwader machte sich auf zur Bergfeste von Massoud Barzani, dem Führer der Kurdisch Demokratischen Partei. Dann ließ Rice das kriegsgepeinigte Land wieder hinter sich.

Keine Willkommensparade mit Spruchbändern und Rosenblüten hatte die US-Außenministerin, die zu den Architekten der Irakinvasion gehört, begrüßt. Heute wurden im Irak die Leichen von insgesamt 34 Männern gefunden. Ihnen waren die Kehlen durchschnitten worden oder sie waren erschossen oder enthauptet worden. Zum ‘warmen Empfang’ für Rice gehören aber auch mehrere Schießereien aus fahrenden Autos mitten in Bagdad (ein hoher Beamter des Industrieministeriums und sein Fahrer sowie ein prominenter Schiitengeistlicher kamen dabei ums Leben) und ein Doppelanschlag in Baquba, dem der Gouverneur der Diyala-Provinz beinahe zum Opfer gefallen wäre (stattdessen starben 4 Personen seines Konvois). Fünf Minuten, nachdem die erste Bombe detonierte, rannte ein Mann auf den Konvoi zu und jagte sich mit seinem Sprengstoffgürtel - der zweiten Bombe - in die Luft. Die eintreffenden Ambulanzen fanden überall verstreute Leichenteile, die in Blutlachen und zerborstenem Glas lagen. Die Sanitäter mussten sich um 37 verletzte Iraker kümmern.

Die überwiegende Mehrzahl der Menschen im Irak ist heute vehement gegen die andauernde Besatzung. Die Iraker, die ich heute bei der ‘Between the Two Rivers Trucking Company’ (‘Transportunternehmen im Zweistromland’) traf, waren nicht minder wütend über die Okkupation. Es waren Trucker aus Bagdad, aus Baquba, Sadr City, Falludschah, Ramadi und Basra - schiitische und sunnitische Lastwagenfahrer gleichermaßen, die sich im Großraumbüro der Generaldirektion des Unternehmens in Amman trafen. Bei heißem Tee machten sie ihrer Frustration reihum Luft - während ich meine Fragen stellte. Vor der Invasion hatten die Männer im Monat 4 bis 5 Fahrten zwischen Amman und Bagdad - heute nur noch eine Fahrt pro Monat. Das liegt vor allem an der langen Lkw-Schlange, die sich an der irakischen Grenze zu Jordanien über mehrere Kilometer aufstaut. Hier müssen die Trucks warten - 18 Tage lang. Die Fahrer glauben, sie würden von den jordanischen Grenzbehörden unnötig schikaniert. In der Schlange, die sich im Schneckentempo auf die Grenze zu bewegt, müssen die Fahrer in ihren Kabinen schlafen. Ein Trucker aus Basra erzählt, wer nachts seine Fahrerkabine verlasse, werde von den amerikanischen Soldaten beschossen. Ich sehe mich im Raum um, sämtliche Fahrer nicken bestätigend. Keiner ist mit der Situation zufrieden.

“All unsere Probleme kommen von den Amerikanern”, sagt Ahmed, ein Lastwagenfahrer, der den Versuch unternahm, Versorgungsgüter nach Ramadi zu bringen. “Die Soldaten halten die Stadt nun schon so lange umzingelt. Nur ein Weg führt hinein, alle Menschen in der Stadt leiden. All diese Probleme haben die Amerikaner mitgebracht”. Man kommt auf das Thema Bürgerkrieg zu sprechen. Mohammed, ein schiitischer Trucker aus Sadr City, schimpft: “Es sind die Besatzer, die die Probleme zwischen Sunniten und Schiiten erzeugen. Aber sie können uns nicht auseinanderbringen! Besatzung bedeutet immer Leid und Zerstörung”. Wieder blicke ich mich um und sehe einen Raum voller wütender Iraker, alle nicken. Ahmeds Stimme erhebt sich über den andern: “Mein Cousin ist in al-Qaim, er hat mich gerade informiert, dass die Amerikaner in der Region sehr viele Häuser zerstören. Sie töten Frauen und Kinder!” Seine Augen glänzen vor Wut. Plötzlich ist die ganze Aufmerksamkeit auf Ahmed, den großen, bärtigen Mann im braunen Kaftan, gerichtet: “Sie dringen in unsere Häuser ein, wo sich die Frauen und Kinder aufhalten. Das steht in völligem Widerspruch zu unserer Tradition und Kultur. Sie müssen unser Land sofort verlassen!”

In Amman sind aber nicht nur die Iraker gegen die brutale Besatzung des Irak. Die meisten Jordanier, mit denen ich in der letzten Woche sprach, denken ebenso. Ein alter Jordanier, aus Palästina stammend, erklärte mir vor zwei Tagen auf meinem Hotelzimmer: “Die Iraker müssen der Besatzung jetzt Widerstand leisten - wenn sie nicht enden wollen wie die Palästinenser”. Währenddessen ist die Atmosphäre im Büro des Transportunternehmens noch immer von Wut, Frustration und Alarmstimmung geprägt. Hamad, ein Schiit aus Basra, mischt sich in die Diskussion: “Ich habe mitangesehen, wie sie in Diyala drei Bauernhöfe zerstört haben! Warum bleiben sie nicht in ihren Stützpunkten - wie die Briten im Süden? Wenn sie in ihren Basen blieben, wäre das so viel besser für uns”. Mohammed schreit: “Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Amerikaner auf sämtliche Zivilfahrzeuge um sie herum das Feuer eröffnet haben, nachdem ihre Patrouille auf eine Straßenrand-Bombe fuhr.”

Alle reden durcheinander. Sie reden laut, die Wut lässt sie laut werden. Über all dem Lärm erhebt Rathman, ein Fahrer aus Falludschah, die Forderung: “Wenn Bush ein echter Mann wäre, würde er allein die Straße entlang gehen”. Und Ahmed fügt hinzu: “Insh’Allah (so Gott will) wird der Irak zum Friedhof der Amerikaner. Al-Qaim besteht nur aus drei kleinen Dörfern. Trotzdem schaffen sie (die Amerikaner) es mit all ihren Fliegern und Panzern nicht, Qaim zu kontrollieren. Wenn sie Mut besäßen, könnten sie diese ein, zwei Dörfer auch ohne Flugzeuge, Helikopter und Panzer angreifen, sie würden Mann gegen Mann kämpfen!” Ein schiitischer Fahrer aus Hilla, einer Kleinstadt südlich von Bagdad, sagt ernst: Amerika ist “die Muttergesellschaft des Terrors”.

Zeit, uns zu verabschieden, finden wir - das heißt, außer mir mein Übersetzer Abu Talat und meine Freundin Aisha. Einige Männer begleiten uns bis hinaus auf die Straße. Wir warten am Taxistand, die Männer reden weiter auf uns ein, eifrig bemüht zu sagen, was sie zu sagen haben. Für sie ist mein Stift das Ventil ihrer Frustration. Ich mache weiter Notizen. “Warum ist in den Medien so wenig von al-Qaim die Rede?” fragt Ahmed. Ein Taxi fährt heran und hält, um uns einsteigen zu lassen. Ein Mann aus al-Karma (der Ali genannt werden will) sagt: “Wir geben dem amerikanischen Volk den guten Rat, übt Druck auf eure Regierung aus, dass sie den Irak verlässt”. Als ich ins Taxi einsteige, stellt Ali noch die Frage: “Wir sind inzwischen von Saddam Hussein befreit - sind die Amerikaner demnach als Befreier oder als Besitzergreifende gekommen?”

Quelle: ZNet Deutschland vom 18.05.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: A “Welcome Parade” of Blood and Seething Anger

Veröffentlicht am

22. Mai 2005

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