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30 Jahre danach

Von Ted Glick - ZNet 01.05.2005

All jenen, die sich fragen, ob sich der Kampf lohnt, ob es einen Grund gibt, daran zu glauben, dass wir unsere Gesellschaft je von Grund auf umgestalten können, sei gesagt, heute ist der Tag, der diese Hoffnung aufs Neue bestätigt. Denn heute vor genau 30 Jahren schlossen die USA den Abzug ihrer Truppen aus Vietnam ab - in aller Eile, die Unabhängigkeitsbewegung rückte bereits ein und übernahm die Kontrolle über Saigon, das anschließend in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt wurde.

Es war wohl einer der grundlegendsten politischen und militärischen Siege des 20. Jahrhunderts - wie diese arme und vorwiegend bäuerliche Gesellschaft die größte Militärmacht der Welt in einem nahezu zwei Jahrzehnte währenden Krieg besiegte. Sie siegten, obgleich auf dieses Fleckchen Erde mehr Bomben abgeworfen wurden als während des gesamten Zweiten Weltkriegs auf Europa und den Pazifikraum.

Sie siegten trotz einer halben Million hochgerüsteter amerikanischer Soldaten und Hunderttausender zwangsrekrutierter Vietnamesen, die an deren Seite kämpfen mussten. Sie siegten, trotz mehr als einer Million getöteter Vietnamesen - neben vielen Millionen Verletzten und Vertriebenen. Der Vietnamkrieg hatte weitreichende Folgen. Millionen Amerikanern gingen die Augen auf. Sie erkannten die Wahrheit - nämlich, dass unser Regierungssystem eine imperialistische, brutale und angeknackste “Demokratie” ist.

Der Vietnamkrieg hat eine große Antikriegsbewegung hervorgebracht. Diese inspirierte, gemeinsam mit der Freiheitsbewegung der Schwarzen, die Frauenrechtsbewegung, die Bewegung der indigenen Bevölkerung, die Puertoricaner-Bewegung, die Chicano-Bewegung, die asiatisch-amerikanische Bewegung, die Bewegung für die Rechte von Schwulen und Lesben, die Umweltschutzbewegung, progressives Aufbegehren innerhalb der Gewerkschaften, usw..

Unabhängigkeitsbewegungen und Bewegungen für soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt haben sich von der amerikanischen Friedensbewegung inspirieren lassen. Auch Präsident Nixons Sturz geht indirekt auf ihr Konto. Die US-Friedensbewegung legte die illegalen und undemokratischen Praktiken von CIA und FBI bloß, die die Rechte der Menschen massivst verletzten. Es kam zu einer Reihe von Gesetzen, die solche Praktiken erschweren sollten.

Im November 1980 wurde Ronald Reagan zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt - Startschuss zu einer Gegenrevolution, sowohl auf innenpolitischer als auch internationaler Ebene. In den letzten 25 Jahren hat diese Konterrevolution die politische Szene komplett aufgemischt. Nehmen wir zum Beispiel John Kerry - früher führend in der Friedensbewegung, heute entschuldigt Kerry Krieg und Besatzung und unterstützt beides. Ein weiteres Beispiel sind die sinkenden Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften. Die Umweltbewegung kämpft, damit die verheerende Krise ‘globale Erwärmung’ noch in den Griff zu bekommen ist. CIA und FBI dürfen nach dem 11. September immer freier und ohne Einschränkungen agieren.

Und doch - bei genauer Betrachtung gibt es viele Gründe, warum man die Hoffnung auf eine Gegengegenrevolution nicht aufgeben darf, selbst wenn Bush/Cheney weiter an der Macht bleiben. Eine Mehrheit der Amerikaner glaubt, der Krieg im Irak habe sich nicht gelohnt. Innerhalb der Demokratischen Partei wird eine Kampagne organisiert, mit deren Hilfe Druck auf die Führung der Demokraten ausgeübt werden soll. Die Demokratische Führung soll ein Ende der Besatzung und ein festes Datum für den Truppenabzug (im Irak) fordern. Die Kampagne verbucht allmählich einen Erfolg - siehe neulich beim Parteitag der Demokraten in Kalifornien.

Verschiedene Gruppen - Umweltschützer, Gewerkschafter, Studierende, religiöse Gruppen, usw. - treffen sich und diskutieren ernsthaft über gemeinsame (massive, großangelegte, sichtbare) Aktionen zum Thema Klimakrise. Derweil bahnt sich in der AFL-CIO eine hitzige Debatte über eine Kurskorrektur an - hin zur Rückkehr in die “Gewerkschaftsbewegung”. Und die Bush-Cheney-Regierung fällt mit ihrer Bemühung, die Rente zu privatisieren, politisch platt auf die Nase.

Wie konnten die Vietnamesen die amerikanische Regierung besiegen? Darüber nachzudenken kann uns in unserem Kampf nützen. Sie haben gesiegt, weil sie begriffen, ja, es gibt einen Unterschied zwischen der Regierung der USA und den amerikanischen Bürgern. Erinnern wir uns, die Mehrheit unseres Volkes stimmt bei vielen Themen weder mit den Republikanern noch mit den Demokraten überein.

Die Vietnamesen haben gesiegt, weil sie unabhängige Organisationen bildeten, die fest im Volk verwurzelt waren. Das sollte auch unser Ziel sein. Sie siegten, weil sie sich mit sehr unterschiedlichen politischen Verbündeten zusammentaten, gemeinsame Fronten bildeten - Verbündeten sowohl innerhalb Vietnams als auch auf internationaler Ebene. Sie siegten, weil ihnen bewusst war, der Kampf würde lange dauern - mit vielen Aufs und Abs, vielen Wendungen. Aber sie wussten auch, wenn wir nicht aufgeben und sowohl aus Siegen wie aus unseren Niederlagen lernen, werden wir siegen können, das war ihnen klar.

Hat sich die vietnamesische Gesellschaft seit der Unabhängigkeit so entwickelt, wie wir uns das erhofften? Nein. Die vietnamesische Gesellschaft ist alles andere als perfekt. Aber Vietnam ist ein unabhängiges Land, in dem Frieden herrscht. Es ist ein Land, das sich - um Entwicklung ringend - im globalen Wirtschaftssystem behaupten muss, und im globalen Wirtschaftssystem geht es, gelinde gesagt, nicht primär um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit.

Wir, die wir im ‘Bauch des Biestes’ leben, haben eine Verantwortung. Unsere Liebe zur Welt und zu den Menschen dieser Welt, unsere Intelligenz und unser Engagement für Gerechtigkeit sollten uns dazu motivieren, uns langfristig für gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen - zum Nutzen des bedrohten Ökosystems und der kämpfenden Menschheit überall auf Erden. Mit weniger dürfen wir uns nicht zufrieden geben.

Ted Glick ist aktiv im Independent Progressive Politics Network (www.ippn.org) und der Climate Crisis Coalition (www.climatecrisiscoalition.org). Sie erreichen ihn unter indpol@igc.org bzw. Ted Glick, P.O. Box 1132, Bloomfield, New York 07003, USA.

Quelle: ZNet Deutschland vom 02.05.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: 30 Years Later

Veröffentlicht am

04. Mai 2005

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