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Zu den Hintergründen einer Katastrophe in Bangladesch: Wird Marktliberalisierung zur tödlichen Falle?

Gewerkschaft ver.di fordert soziale Rechenschaftspflicht der Unternehmen

Von Uwe Wötzel

In Bangladesch liegt nahe der Hauptstadt Dhaka ein Zentrum der Strickwarenindustrie. Besonders Frauen finden dort die einzige Erwerbsmöglichkeit. In dieser Region, in Savar stürzte am 11. April 2005 das neunstöckiges Fabrikgebäude von SPECTRUM SWEATER Industries Ltd. ein.

Es war bereits nach Mitternacht. Die zulässige Arbeitszeit hatten die meisten Beschäftigten längst überschritten. Trotzdem arbeiteten in der Fabrik noch mehrere hundert Arbeiterinnen und Arbeiter. Da krachten über und unter ihnen plötzlich die Betondecken. Jede Flucht war unmöglich. Viele wurden begraben und verschüttet. Bald darauf waren Polizei und Soldaten vor Ort und sperrten das Gelände für mehre Tage ab. Die engen Zugangsstraßen, die Sümpfe und Reisfelder um das Katastrophengelände erschwerten die Antransportierung von schwerer Ausrüstung. Dadurch mussten sich die Rettungsteams mit Hämmern und Brecheisen behelfen, um zu versuchen zu den verschütteten Arbeiterinnen und Arbeitern zu gelangen.

Über eine Woche warteten Überlebende und Angehörige auf den Abschluss der Rettungsarbeiten. Gerettet wurden viele Verletzte. Bisher wurden 76 Tote geborgen. In den Trümmern vermisst wurden nach Tagen noch über 200 Menschen. Die meisten Opfer waren zwischen 15 und 25 Jahre alt. Unter ihnen ein 15-jähriges Mädchen. Sie war erst wenige Tage in der Fabrik beschäftigt und hatte ihrer Mutter versprochen, von ihrem ersten Lohn etwas Schönes zu kaufen.

Bis zu 500 Menschen hatten - die meisten in der 6. Etage - in der Nacht gearbeitet, um termingerecht einen großen Exportauftrag nach den USA oder Europa fertig zu stellen. Die Zeitung “Daily Star” aus Dhaka berichtet, dass wenige Stunden vor dem Einsturz des Gebäudes besorgte Beschäftigte zur Fabrikleitung gingen und über akute Risse und Veränderungen im Bauwerk informierten. Das Management erklärte, für solche Sorgen sei keine Zeit, die Firma müsse eine Export-Deadline erreichen. Aus dieser Deadline wurde die Todesfalle.

Die Firma SPECTRUM SWEATER war nach Informationen des internationalen Netzwerkes “Clean Clothes Campaign” Lieferant für Neckermann, Zara, Steilmann, Broadway Fashion, Kirsten Mode, Rehfeld, Nienhaus und viele andere große Textilhändler und Boutiquen in Europa. Die Löhne in Bangladesch sind niedrig, sehr niedrig. Von dem gesetzlichen Mindestlohn von etwa 13 EUR im Monat können Menschen nicht leben. Deshalb leisten sie Überstunden, schuften oft 90 bis 100 Stunden in der Woche. Ausbeutung auf diesem Lohnniveau garantiert dem Fabrikbesitzer und den Handelskonzernen Superprofite. Vom europäischen Ladenpreis macht der asiatische Textilarbeitsstücklohn nur ein Prozent aus.

Bangladesch ist international bekannt für ein gefährliches Maß an Korruption. Reporter vor Ort fanden heraus, dass die Fabrik vor drei Jahren ohne Baugenehmigung in einem Sumpf gebaut worden sei. Die Struktur war für ein Vieretagengebäude gedacht, weitere Etagen wurden einfach oben drauf gebaut.

Neil Kearney, Generalsekretär der Internationalen Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter-Vereinigung aus Brüssel, sagt, dass die Tragödie der Kombination eines verzweifelten Kampfes für Wettbewerbsvorteile in einem liberalisierten Handelsumfeld und der Passivität der Behörden bei der Gewährleistung von sichereren Arbeitsbedingungen zuzuschreiben sei. “Den verfügbaren Informationen ist zu entnehmen, dass die Fabrik zunächst nie an diesem Standort hätte gebaut werden sollen - und sicherlich kein Gebäude mit neun Etagen - und zweitens, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht um diese Uhrzeit hätten arbeiten sollen. Einige dürften behaupten, dies sei die unvermeidliche Auswirkung des jüngsten Unterbietungswettlaufs infolge des unregulierten Handels mit Textilwaren und Bekleidung. Es ist schwer, diesen Fall als etwas anderes als Mord an den betreffenden Arbeiterinnen und Arbeitern zu betrachten.”

“Die Verantwortung für die Katastrophe liegt nicht nur bei den Mitgliedern der Welthandelsorganisation (WTO), die bisher Vorschläge über eine Verknüpfung von Handel und Sozialstandards ablehnten. Die Verantwortung liegt ebenso bei den Unternehmen, die gewissenlos aus dem liberalisierten Welthandel Extraprofite schöpfen. Verantwortung liegt nicht zuletzt auch bei der Regierung von Bangladesch, deren ineffiziente und korrupte Behörden sich weder um Arbeitsrecht noch um Bauaufsicht kümmern”, meint Uwe Wötzel, Mitarbeiter der ver.di-Bundesverwaltung.

Die Gewerkschaft ver.di ist eine der Trägerorganisation der “CCC”: und wandte sich kurz nach den ersten Meldungen über die Katastrophe in einem Schreiben an die deutschen Auftrageber von SPECTRUM SWEATER. Darin fordert ver.di die soziale Verantwortung der Händler für die Zulieferkette. Vollständige Aufklärung über alle Umstände der Katastrophe, Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen sowie Maßnahmen zur Prävention weiterer Katastrophen sind die vordringlichen Forderungen von ver.di.

Seitens der Unternehmen liegen erste Reaktionen vor. Die KarstadtQuelle AG zeigte sich betroffen und veranlasst nun im Rahmen einer europäischen Unternehmensinitiative eine Recherche vor Ort. Bei den Gewerkschaften findet dies Zustimmung: “Die Qualität der Arbeits- und Lebensbedingungen muss im Mittelpunkt globaler Wirtschaftsprozesse rücken. Unterstützung verdient auch die Initiative der Stiftung Warentest zur Prüfung der Herstellungsbedingungen. Die wachsende Zahl von verantwortungsbewussten Konsumenten braucht eine verlässliche Orientierungshilfe.”

ver.di und die IG Metall wollen jedenfalls ihren politischen Druck für Sozialstandards im Welthandel und die soziale Rechenschaftspflicht der Unternehmen ausbauen. Dies machen sie gemeinsam mit der “Kampagne für Saubere Kleidung” , wie die CCC in Deutschland heißt.

Veröffentlicht am

28. April 2005

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