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Erfolg und Erfolglosigkeit - Zur Erinnerung an Dorothee Sölle

Heute jährt sich zum zweiten Mal der Todestag der bedeutenden Theologin Dorothee Sölle, die am 27. April 2003 gestorben ist. Dorothee Sölle hat uns mit ihren vielen Texten ein reichhaltiges Vermächtnis hinterlassen. Anlässlich ihres zweiten Todestages am 27. April 2005 erinnern wir an sie mit einem Text aus ihrem Buch “Mystik und Widerstand”. In dem Kapitel, das wir hier auszugsweise wiedergeben, setzt sie sich mit der Frage von “Erfolg und Erfolglosigkeit” auseinander.

Zahlreiche weitere Texte von und zu Dorothee Sölle finden sich auf der Website des Lebenshauses unter dem Themen-Schwerpunkt: Sölle, Dorothee .

Erfolg und Erfolglosigkeit

Von Dorothee Sölle

(…) Daß der Weg des bewußten Widerstands von der Ichbesessenheit, die die globalisierte Produktion als Partnerin braucht, zur Ichlosigkeit führen muß, ist in Begriffen wie Askese, Konsumverzicht, Reduktion des Verbrauchs, einfach Leben schon angedeutet. Was fehlt, ist ein Nachdenken, das unsere eigene Verflochtenheit mit dem wirtschaftlich erwünschten Ego der Verbraucher und Benutzer deutlicher macht. Ich will das an einer Frage verdeutlichen, mit der sich jede non-konforme Gruppe, jede kritische Minderheit, die zum anderen Leben beitragen will, auseinandersetzen muß, es ist die Frage nach dem Erfolg.

Bewertet werden Entscheidungen über mögliches Handeln, innerhalb der vom Marktdenken beherrschten Welt unter einem einzigen Kriterium, dem des Erfolgs. Ist es jetzt notwendig, bestimmte Formen des Konsums zu boykottieren, Atommülltransporte zu blockieren, von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge zu verstecken oder pazifistischen Widerstand gegen weitere Militarisierung zu leisten? Wo immer solche Überlegungen auftauchen, da werden Fragen gestellt wie: Welchen Sinn hat dieser Protest, ist nicht alles längst entschieden? Läßt sich daran noch etwas ändern? Was wollt ihr damit schon erreichen? Und wen? Wer sieht das schon? Wer sendet es? Wie öffentlich wird es? Ich bin ja auch eurer Meinung, sagen viele hilflos-traurig, nur nützt diese - symbolische oder reale - Aktion doch nichts gegen die geballte Macht der anderen! “Bilden Sie sich im Ernst ein, daß das Erfolg haben kann?” Solche Fragen nähren Zweifel an der Demokratie, aber noch mehr verunsichern sie die Parteilichkeit für das Leben selber. Hinter ihnen lauert ein Zynismus, der zeigt, wie eingebunden das Ich an die Machtverhältnisse ist.

Martin Buber hat gesagt: “Erfolg ist kein Name Gottes.” Nichts mystischer, nichts hilfloser als das! Das Nichts, das alles werden will und uns braucht, kann in den Kategorien der Macht nicht benannt werden (Darum ist der “allmächtige” oder omnipotente Gott eine so männlich-hilflose, verantwortungsfreie, antimystische Metapher!) Das Ich loslassen heißt unter anderem, den Zwang zum Erfolg hinter sich zu lassen. Es heißt “hingehen, wo du nicht bist”, und ohne diese Gestalt der Mystik verläuft sich der Widerstand und stirbt vor unsern Augen. Nicht, daß das Herstellen von Öffentlichkeit, das Gewinnen von Mittätern, die Veränderung der Akzeptanz keine Rolle spielte. Aber das letzte Kriterium der Beteiligung an widerständigem, an solidarischem Verhalten kann nicht der Erfolg sein, das hieße, immer noch nach der Melodie der Herren dieser Welt zu tanzen.

Ichlos werden, ledig, frei heißt auch, den Agenten der Macht in uns wegzuschicken, der uns von der Aussichtslosigkeit des Unternehmens, der Übermacht der Institutionen überzeugen will. Ledig werden heißt auch, das Verhältnis von Erfolg und Wahrheit zu korrigieren.

Ich will das an meinen eigenen Erfahrungen in den Jahren der Friedensbewegung erläutern. In einer gewissen Naivität nahm ich an, die Fragen, die Journalisten mir stellten, seien vom Interesse an der Wahrheit geleitet. Ich fand es wichtig, zu wissen, ob bestimmte Atombomben als Verteidigungswaffen überhaupt zu gebrauchen wären - und nicht ausschließlich zum Ersteinsatz, zur vorauseilenden Vernichtung! Mir waren Zahlen wichtig, die die Kosten von Aufrüstung bekanntmachten und sie ins Verhältnis setzten, zu den Schulen oder Kinderkliniken, die sich mit dem Geld einrichten ließen. Ich dachte, es bestünde ein Zusammenhang zwischen Aufrüsten und Verhungernlassen, den wir sichtbar machen sollten. Ich nahm an, auch die mich Befragenden hätten ein Interesse an dieserart oft verschwiegenen Wahrheiten.

Es dauerte Jahre, bis ich begriff, daß das Interesse der Mehrzahl der Medienvertreter ein ganz anderes war. Sie wollten nicht wissen oder verbreiten, wer die Opfer der Aufrüstung sind, sie betrachteten die Protestierenden nur unter dem Gesichtspunkt der Einschaltquoten. Das Interesse am Erfolg - Wer sind Sie denn überhaupt? Wen oder was repräsentieren Sie? - hatte das an der Wahrheit zunehmend verdrängt. Die Versuche, das Interesse an der Wahrheit wieder zu erwecken, die Opfer sichtbar zu machen, statt sich bewußtlos an den Gewinnern zu orientieren, hatten wenig Chancen. Die Entmutigung durch jahrelange Erfolglosigkeit in den großen Bewegungen für einen nicht auf mehr Waffen gebauten Frieden, für wirtschaftliche Gerechtigkeit und Solidarität und für die Bewahrung der Schöpfung ist ein Faktum, bitter und unübersehbar.

Können wir das, was Bonhoeffer “dem Rad in die Speichen fallen” nannte, heute überhaupt noch tun? Die Mystik der Ichlosigkeit hilft mir dabei, mit den Niederlagen Gottes in unserer Welt umzugehen. Das Ich loszuwerden heißt die Wahrheit nicht dem Erfolgsdenken zu opfern. Ledig werden bedeutet, den Erfolg nicht für die letzte Kategorie zu halten. Ein italienischer Mystiker des 14. Jahrhunderts, früher ein reicher Tuchhändler, ließ sich mit seinen Gefährten gefesselt unter Schlägen und Beschimpfungen durch die Straßen treiben, in denen er früher sein Geld gemacht hatte; ganz wie Christus für uns als ein Irrer galt, so wollten auch diese Gottesfreunde als Narren und Blöde, “pazzi e stolti”, angesehen werden.

Etwas von dieser Narrenhaftigkeit steckt auch heute in vielen Formen des inszenierten Widerstands. Frauen, die an Mahnwachen für gefolterte Gefangene teilnahmen, werden angepöbelt oder beschimpft. Frei zu werden von den Zwängen des Erfolg-haben-Müssens ist ein mystischer Kern, der keineswegs immer bewußt ist, aber gerade im Trotz des Weitermachens aufscheint. Der in der Antiatomkraftbewegung auftauchende Spruch “Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt” hat etwas von diesem Trotz der Ichlosigkeit. Frömmer spricht ihn ein chassidischer Rabbi aus, der im Gebet verharrend sagte: “Und willst du Israel noch nicht erlösen, so erlöse doch die Gojim allein!”

Es gibt viele mystische Lehrerinnen und Lehrer, die dabei helfen können, mit der Lehre vom ledigen ich, vom Ausgang aus sich selbst und von der Freiheit von dem Zwang, ein Erfolg zu sein, einen “point of no return” zu erreichen. Thomas Merton, Mönch in einem Trappistenkloster und ein führender Gegner des Vietnamkriegs, hat 1966 in einem Brief an James Forest auf den mystischen Grund dieser inneren Freiheit hingewiesen:

“Mache dich nicht selbst abhängig von der Hoffnung auf Erfolge. Du mußt damit rechnen, daß all dein Bemühen womöglich fruchtlos bleibt oder sich ins Gegenteil auswirkt. Rechne mit dieser Möglichkeit. Wenn du dich daran gewöhnst, wirst du dich allmählich immer mehr auf den Wert, auf das Richtigsein, auf die Wahrheit deiner jeweiligen Arbeit konzentrieren, und immer weniger auf ihre Ergebnisse.”

Er rät dem jüngeren Pazifisten dazu, von dem Bedürfnis frei zu werden, seine eigene Bestätigung zu finden. “Dann kannst du offener für die Kraft sein, die durch dich wirken will, ohne daß du es weißt.”

In der mystischen Freiheit lebend, läßt sich dann mit Eckhart sagen: “Ich wirke darum, daß ich wirke.” Das Einssein mit der Schöpfung stellt eine Bekehrung zum Grund des Seins dar. Sie speist sich nicht aus nachweisbaren Erfolgen, sondern aus Gott selber.

Amerikanische Freunde aus der Friedensbewegung haben mich vor Jahren überzeugt, daß man an den Kindermord zu Bethlehem, den König Herodes über alle unter zwei Jahre alten Kinder verhängte (Mt 2,16-18), am besten so erinnere, daß die Friedensaktiven am zweiten Weihnachtstag, der dem Gedanken an die unschuldigen Kinder gewidmet ist, Blut über die weißen Säulen des Pentagon gössen, um eine Art von Zeugnis abzulegen für das, was dort geplant und angeordnet werde. Ich machte damals mit, aber mit vielen Zweifeln. War das nur eine Geste? Eine Art von theatralischer Inszenierung? Welchen Erfolg konnte es haben? Je klarer mir diese Frage wurde, desto mehr wuchs mein Erstaunen darüber, daß meine Freunde in der mystischen, vom “Catholic Worker” geprägten Friedensbewegung sie hinter sich gelassen hatten. Sie waren von ihr “frei geworden”, und ihre Freiheit erschien mir größer als die, die ich besaß.

Quellenvermerk: Aus: Sölle, Dorothee: Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1997. Wir veröffentlichen diesen Text mit freundlicher Genehmigung des Hoffmann und Campe Verlags.

Copyright © 2003 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

Hinweise:

  • Zahlreiche weitere Texte von und zu Dorothee Sölle finden sich auf der Website des Lebenshauses unter dem Themen-Schwerpunkt: Sölle, Dorothee .

Veröffentlicht am

27. April 2005

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