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Weltbürger, Weltzerstörer? Der Fall Albert Einstein

Wissenschaft und Verantwortung

Von Frank Niess

Es muss den Weltbürger Albert Einstein zutiefst getroffen haben, dass das Magazin TIME im Juli 1946 ihn als “Weltzerstörer” bezeichnet hat und als “Mann, der alles in Gang gebracht” habe. Auch Einsteins Kollege, Edward Teller, war nicht besonders glücklich, wenn man ihm das Etikett “Vater der Wasserstoffbombe” anheftete. Er aber konnte immerhin noch darüber scherzen: “Mein Sohn”, merkte er in einem Gespräch Jahrzehnte später an, “mag es nicht, wenn die Wasserstoffbombe als sein kleiner Bruder auftritt”.

Einstein hingegen fiel es nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 sehr viel schwerer, sich gegen den perfiden Vorwurf zu wehren, er sei ein “Weltzerstörer” und Massenmörder. Dabei war sein Anteil an der Fertigung der Bombe tatsächlich minimal - sieht man einmal davon ab, dass er 1905 “die Beziehung zwischen Masse und Energie feststellte, eine Wahrheit über die physikalische Welt von sehr allgemeiner Natur”, wie er seinen Kritikern zu bedenken gab.

Von da bis zum Bau der Atombombe und der grausamen “Nutzanwendung” war es ein langer Forschungs- und Entwicklungsprozess, an dem Einstein so gut wie nicht beteiligt war. Selbst wenn er interessiert daran gewesen wäre, in dieses Jahrhundertprojekt einbezogen zu werden: Es wäre ihm verwehrt geblieben, hielt ihn FBI-Chef J. Edgar Hoover doch für einen Kommunisten und, schlimmer noch, für einen Spion im Dienste Moskaus. Er galt folglich als Sicherheitsrisiko und war deshalb aus dem Manhattan Project, das unter strenger Geheimhaltung vonstatten ging, ausgeschlossen.

Wie wenig Einstein als “Täter” des Bombenterrors auf Hiroshima und Nagasaki in Betracht kommt, ist daraus zu schließen, dass er kaum eine Ahnung hatte von dem, was hinter den Mauern der Forschungslabors wie in Los Alamos vor sich ging. “Ich hätte nicht geglaubt”, räumte er später ein, “dass die Kernspaltung zu meinen Lebzeiten verwirklicht werden würde. Das geschah durch die zufällige Entdeckung der Kettenreaktion - ein Phänomen, das ich nicht voraussehen konnte”. Als ihm sein Freund und Kollege Otto Stern Ende des Jahres 1944 berichtete, es sähe so aus, als würde eine Bombe gebaut, war Einstein ungeheuer überrascht.

So beschränkt sich sein Beitrag zur Entwicklung der Schreckenswaffe auf jenen berühmten Brief an Franklin D. Roosevelt vom 2. August 1939, in dem er auf Initiative seines Kollegen Leo Szilard den amerikanischen Präsidenten vor der möglichen Entwicklung der Atombombe durch die Deutschen gewarnt hatte. Man kann Einstein, der bis in die Emigration mit Niedertracht und Hetze verfolgt wurde, diesen Schritt kaum verdenken. Für ihn muss die Vorstellung, die Nationalsozialisten könnten Atomwaffen für sich monopolisieren und die Welt damit terrorisieren, eine Horrorvorstellung gewesen sein. “Hätte ich gewusst, dass es die Deutschen nicht schaffen würden, eine Atombombe herzustellen, ich hätte keinen Finger gerührt”, entschuldigte er sich später, als er vom Abwurf des “kleinen Jungen” und des “dicken Mannes”, wie die Bomben mit ihren Codenamen harmlos hießen, aus dem Radio erfahren hatte.

Albert Einstein hat seinen Vorstoß beim US-Präsidenten im Sommer 1939 bitter bereut. “Ich habe in meinem Leben einen großen Fehler gemacht, als ich den Brief an Präsident Roosevelt unterzeichnete”, klagte er. Wie um diesen Fehler wieder gut zu machen, “lieh” er dem rührigen Leo Szilard, der seine Verantwortung als Wissenschaftler sehr ernst nahm, zum zweiten Mal seinen Nimbus. Diesmal zu dem Zweck, den Missbrauch der Atomtechnik zu verhindern. Vergeblich, wie man weiß.

Der neue US-Präsident Harry S. Truman war entschlossen, die Bombe einzusetzen, an deren Entwicklung mehr als 100.000 Menschen, darunter viele hochkarätige Wissenschaftler, jahrelang gearbeitet hatten und die nach heutigem Wert rund 30 Milliarden Dollar verschlungen hatte. Dass ein solches Mammutprojekt auch eine Eigendynamik entwickelt, hat Carl Friedrich von Weizsäcker kurz und bündig beschrieben: “Wenn Bomben möglich sind, wird es jemanden geben, der sie macht. Und wenn sie gemacht sind, wird es jemand geben, der sie einsetzt. Also hat die Menschheit nur noch die Wahl, entweder sich zugrunde zu richten oder den Krieg als Institution zu überwinden”.

Ein von Menschenhand entfesseltes Inferno war in Hiroshima und Nagasaki zu beklagen, trotz aller Versuche der Wissenschaftler, diese Katastrophe zu verhindern und damit ihrer politischen Verantwortung gerecht zu werden. Die Autoren des Franck-Reports, benannt nach dem Nobelpreisträger James Franck, warnten die Truman-Administration davor, unangekündigt, aus heiterem Himmel, Atombomben auf japanische Großstädte niedergehen zu lassen. Den schnellen Sieg über Japan, so prophezeiten sie, würden die USA mit einem baldigen atomaren Wettrüsten bezahlen müssen. Sie würden die Unterstützung der Staatengemeinschaft verlieren. Und schließlich stünden auch die Chancen für ein internationales Abkommen zur künftigen Kontrolle dieser Waffen auf dem Spiel.

Teller fand 50 Jahre später, 1995, die Wissenschaftler hätten damals einen großen Fehler gemacht. Sie hätten alles genau prüfen und dem Präsidenten, in einer Art Politikberatung, eine Alternative zum militärischen Einsatz unterbreiten sollen. “Das haben wir nicht getan, auch ich habe das nicht befürwortet. Und das tut mir Leid”.

Die deutschen Physiker und Ingenieure, die in den letzten Kriegsjahren noch intensiv an der Entwicklung einer A-Bombe gearbeitet hatten, konnten sich glücklich schätzen, dass die Zeit, das Geld und das Personal für ein solches Projekt nicht reichten. Ein gnädiges Schicksal ersparte ihnen, wie Einstein als “Weltzerstörer” oder “Massenmörder” tituliert zu werden. Dass sie deshalb aus der Verantwortung für den “Sündenfall der Wissenschaft” entlassen sein könnten, verneinte der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker 1992: “Dass wir etwa deshalb (weil der Bau einer Atombombe aus den verschiedensten Gründen nicht gelang/F.N.) nicht Mitverantwortung trügen, ist das exakte Gegenteil meiner Meinung. Otto Hahn hat die Entdeckung gemacht, und als dann die Atombombe fiel, als er davon in unserem Haftort in Farmhall, wo uns die Engländer freundlich interniert hatten, von der Bombe auf Hiroshima hörte, war seine erste Reaktion: Ich muss mich umbringen. Also, sein Gefühl war das spontane und verehrungswürdige Gefühl der Mitverantwortung”.

Die durch Hiroshima und Nagasaki politisierten Wissenschaftler, beließen es nicht beim bloßen Räsonnement über ihre Forschung und die Verantwortung für ihr Tun. Noch im August 1945 taten sich in allen Atomforschungszentren, von Oak Ridge bis Los Alamos, Forscher und Techniker zusammen, um dem Vernichtungswerk eine gute Seite abzugewinnen. Sie hofften, nicht vergebens, wie sich zeigen sollte, dass die Atombombe die Menschheit in den Frieden schrecken würde.

Frappant an dem, was später die “Revolte der Atomphysiker” genannt wurde, war die Ähnlichkeit ihrer Intentionen. Als hätte es telepathische Beziehungen zwischen den hermetisch abgeschotteten Forschungslabors gegeben, nahmen sich die Wissenschaftler vor, über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik zu diskutieren. Sie einte das Bewusstsein, dass die Idee der “reinen Wissenschaft” durch die Verwissenschaftlichung der Politik einerseits und die Politisierung der Wissenschaft andererseits zur Fiktion geworden war. Ihr Engagement schien um so dringlicher, als das staatliche Informationsmonopol über alle Entwicklungen, die mit der Atomenergie zusammenhingen, die Öffentlichkeit in einem fatalen Stand der Unwissenheit beließ. Dieses Monopol wollten sie durchbrechen. Aufklärung hieß die erste Bürgerpflicht. Aufklärung nicht nur im nachhinein, sondern auch als Prophylaxe etwa im Sinne des “dual-use-Problems”. Es ging ihnen um die theoretischen Möglichkeiten, Forschungsergebnisse zu destruktiven, also militärischen, oder zivilen, also konstruktiven Zwecken gleichermaßen nutzbar zu machen.

Die Physiker und Ingenieure sahen in der Globalisierung den einzigen Schutz gegen die Gefahren, die von der “internationalen Anarchie”, der Existenz unzähliger souveräner Einzelstaaten, drohten. “One World or None”, lautete ihre Parole, “eine Welt oder keine”. Ohne eine Weltregierung mit Kontrolle über die Rüstung und Abrüstung sahen sie kaum Chancen für das Überleben der Menschheit.

Einstein stellte sich an die Spitze dieser Bewegung mit einem ungewohnten Elan und ohne den sonst so oft gezeigten Widerwillen gegen alles Organisatorische und Bürokratische. Seiner Ansicht nach war “die Rettung der Zivilisation und der Menschenrasse nur durch die Schaffung einer Weltregierung möglich”. Als Vorsitzender des von ihm mit gegründeten “Notkomitees der Atomphysiker” unternahm er es, über die Idee einer Weltregierung und die Probleme der Atomenergie aufzuklären. Die Resonanz war groß. Aber in gleichem Maße, wie der Kalte Krieg die Fronten erstarren ließ, sind die Blaupausen für den Weltstaat Makulatur geworden.

Dennoch: Diese Bewegung ist nicht gänzlich in Vergessenheit geraten. Das Vermächtnis Einsteins ist in vielerlei Organistionen und auf vielen Foren wie den Pugwash-Konferenzen präsent, wo die großen Fragen auf der Tagesordnung stehen, die auch ihn schon beschäftigt haben: die nukleare Bedrohung, die globale Sicherheit und die Verantwortung der Naturwissenschaftler in der heutigen Zeit.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung , 16 vom 22.04.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frank Niess und Verlag.

Veröffentlicht am

23. April 2005

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