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Gaza: Erinnerung und Verzweiflung

Von Ramzy Baroud - ZNet 17.04.2005

Ich kenne Kassim Kafarneh seit vielen Jahren. Früher war sein Bart dicht und wild, heute ist er kurz getrimmt, sein wirres Schwarzhaar ordentlich gekämmt. Sein Geist jedoch strahlt immer noch so unabhängig wie an jenem Freitagnachmittag vor 17 Jahren, als ich ihn das erste Mal in unserem Flüchtlingslager filmen sah. Ja, ich bin mir sicher, es war ein Freitag.

Hamas war 1987 noch eine junge Gruppierung und neu auf der Bildfläche der palästinensischen Intifada. Genau 80 Tage nach Ausbruch des Aufstandes erklärte Hamas ihre Existenz - in einem Statement, das sie verlasen. Sie verlasen es unter einem hohen Wasserturm, der neben unserem alten Haus im Flüchtlingslager Nuseirat stand. Dort, neben dem Friedhof der Märtyrer, rezitierte ein Maskierter in einer schlampig genähten schwarz-grünen Robe die Gründungsdeklaration der Hamas. Eine Gruppe Kinder jubelte - aufgekratzt und aufgeregt. Die Erwachsenen standen verwirrt umher. “Das ist der lächerliche Versuch, die Muslimbruderschaft wieder nach Palästina zu bringen”, murmelte ein Zyniker. Die Menge löste sich rasch auf. Mein Vater, übernervös wie immer, scheuchte uns ins Haus. Er konnte den Ärger förmlich riechen.

Einige Tage später, nach dem Freitagsgebet, hielt Hamas ihre erste “Militärparade” in unserem Camp. Dutzende maskierte Jugendliche aus dem Lager, mit Schlagstöcken und Bildern von Intifada-Märtyrern in der Hand, marschierten auf der Stelle tretend. Es waren viele, und eine große Menschenmenge stand um sie herum. Das meiste waren Gläubige, die sich über die unerwartete Überraschung nach dem Gebet die Augen rieben.

Auch Kassim war vor Ort. Er war zu diesem Zeitpunkt Gazas einziger TV-Journalist. Jetzt filmte er von einem geparkten Coca-Cola-Laster herab. Im Lager gab es viele selbsternannte Politanalysten. Einer von ihnen folgerte jetzt: Wenn diese neue Hamas es schafft, den einzigen Kameramann im Gazastreifen dazu zu bringen, ihren Aufmarsch zu filmen, hat sie Einiges vor. Und so seltsam es klingen mag, der Mann hatte recht.

Fast zwei Jahrzehnte später traf ich Kassim wieder. Er betreibt heute ein erfolgreiches Medienunternehmen mit gut ausgebildeten Journalisten aus Gaza, die zahllose TV-Stationen in aller Welt mit Nachrichtenrohmaterial beliefern. Ich traf Kassim zufällig in einem Großkaufhaus - in irgendeiner arabischen Hauptstadt, weit weg von der alten Lager-Moschee, weit weg vom Friedhof der Märtyrer. “Ich hasse diese Shopping-Mall-Kultur”, ärgerte er sich und hielt seine Zigarette schützend in der Hand, er wollte sie unbedingt rauchen. Also eilten wir aus der Mall, auf der Suche nach einem Platz, wo Kassim rauchen konnte.

Alte Erinnerungen stiegen in uns auf - alle hingen mit jenen Freitag vor 17 Jahren zusammen. Seither hat sich einiges verändert. Kurz nach dem Ausbruch des ersten Aufstands starb meine Mutter und wurde ganz in der Nähe des Wasserturms begraben. Israelische Soldaten haben ihn häufig als Wachturm benutzt. Unser Haus steht noch - in der Nähe jenes Platzes, der als “Roter Platz” bekannt wurde, weil hier Hunderte von Kids aus dem Lager den Tod fanden oder verwundet wurden. Bald darauf ging ich weg - die Last einer zerstörten Kindheit mit mir schleppend, einer Kindheit, durch die Zehntausende Schüsse hallten, durch die das furchtbare Gebrüll wütender israelischer Soldaten hallte und das Weinen der Kinder unter Belagerung, die Gott um Hilfe anflehten, weil man sie bis zur Bewusstlosigkeit prügelte.

“Tu dir keinen Zwang an, Kassim, du kannst den ganzen Tag rauchen”. Ich versuchte, witzig zu sein - es war mein verzweifelter Versuch, die Kette der Erinnerung, die mich überwältigte, zu unterbrechen. Wir saßen jetzt im Auto, fuhren herum - auf der Suche nach einem offenen Café. Mir war nicht klar, dass ich mit meiner Bemerkung eine dieser für Gaza so typischen psychologischen Erklärungsversuche heraufbeschwor. Was war so sakral, so heilig, an einer Zigarette? “Es ist eine bedingungslose Beziehung, Ramzy. Deine Zigarette lässt dich nie im Stich”. Ich wagte nicht zu widersprechen, zumal die Konversation jetzt auf ein anderes Thema abdriftete: wie viel Spaß es doch machte, eine Zigarette in ein israelisches Gefängnis zu schmuggeln - in eines jener israelischen Gefängnisse, in denen nach wie vor Tausende politische Häftlinge der Palästinenser einsitzen. Das Thema war viel zu heilig, um unterbrochen zu werden. Also blieb ich friedlich.

Auch Kassim besitzt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Wenn er will, kann er Gaza jederzeit den Rücken kehren. Aber er hat sich zum Bleiben entschlossen. “Wenn wir alle gehen - wer wird bleiben und die Geschichte erzählen?” fragt er mit ernster Stimme. Sie passt gut zu den weißen Stellen in seinem Haar, die hier und da schon aufblitzen. Er sieht verhärmt aus, lächelt wenig. In Gaza zu leben bereitet Schmerzen. Das war schon immer so. Selbst die nicht weniger leidgeprüften Bewohner der Westbank bedauerten uns Gazaer. Der Gazastreifen gilt als das “größte Freiluftgefängnis der Welt” - das zum einen - und mein altes Viertel war lange bekannt als das “Hungertod-Lager”. Dieses Etikett erhielten wir nach dem ersten Golfkrieg, als Israel eine 56-Tage-Ausgangssperre über weite Teile des Gazastreifens verhängte. Schon nach wenigen Tagen gingen uns die Lebensmittelvorräte aus. Zum Glück wuchsen um das Lager herum wilde Gräser und Büsche - Gott allein weiß, was sonst geschehen wäre.

Endlich konnte Kassim seine Zigarette stilvoll genießen - und noch 20 hinterher. Als Passivraucher inhalierte ich unfreiwillig mit - ebenso unfreiwillig, wie ich die bittersüße Erinnerung in mich aufsog. Sobald er auf seine Rückkehr nach Gaza zu sprechen kam, stieg Kassims Stresspegel merklich an. Nicht Gaza bereitete ihm Angst sondern die israelisch kontrollierte Grenze. “Ich schwöre bei Gott, sie behandeln uns wie Tiere. Nein, Tiere werden besser behandelt, vor allem setzen sich mehr Menschen für ihre Rechte ein. Wenn ich an die Demütigungen denke, die mich an der Grenze erwarten, wird mir jetzt schon schlecht. Jedes Mal, wenn ich einreise, bin ich hinterher tagelang krank.”

Es geschah im letzten August. Mehr als 3.000 palästinensische Reisende wurden an der Grenze für 16 Tage in Folge auf engstem Raum eingepfercht - ein Akt der Kollektivbestrafung. Und erst seit vergangener Woche ist Israel bereit, nur noch “verdächtige” Reisende radioaktiv zu screenen. Diese Röntgenuntersuchungen gelten als verantwortlich für eine unbekannte Zahl von Erkrankungen. Es macht mir Mut, Kassim so voller Kampfgeist zu sehen - ist er doch in einem Alter, in dem viele reiche Palästinenser bereit sind, die Rechte der Palästinenser bis zum letzten Quadratmeter, bis zum letzten Flüchtling, preiszugeben. Als ich diesem unermüdlichen Kämpfer auf Wiedersehen sage, bin ich tief bewegt. Weil es ihm darum geht, ‘die Geschichte zu erzählen’ ist Kassim bereit, seine Kamera zu nehmen und den endlosen Weg weiterzugehen. “Nur, damit das gesagt ist, Kassim”, sage ich, “für uns Heranwachsende im Lager warst du der Held”. Er nickt verlegen und zündet sich eine neue Zigarette an - die letzte in seinem Päckchen.

Ramzy Baroud, amerikanisch-arabischer Journalist, ist Herausgeber des PalestineChronicle www.palestinechronicle.com und produziert ein TV-Programm für Al-Dschasierah.

Quelle: ZNet Deutschland vom 18.04.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Gaza: The Line of Memory and Despair .

Veröffentlicht am

21. April 2005

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