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Es kam ein großer Mann

Der Theologe Eugen Drewermann vor dem Konklave zur Wahl eines Nachfolgers von Johannes Paul II. im Gespräch mit André Hagel über die Machtanmaßung des Papsttums und eine schrumpfende katholische Kirche

FREITAG: Wagen Sie eine Prognose, wie nach dem Tod Johannes Pauls II. die Zukunft der katholischen Kirche aussehen wird?

EUGEN DREWERMANN: Die Frage nach dem, was kommt, ist zunächst eine nach dem Selbstverständnis des Papsttums. Schon, dass Journalisten in der Regel nicht fragen “Was hat Jesus gewollt? Was brauchen die Menschen?”, sondern “Was macht die katholische Kirche? Und was macht in dieser Kirche der Papst?”, zeigt, dass man etwas, das bestenfalls als Mittel einen Sinn ergeben würde, zum Selbstzweck entwertet hat.

Ein Papst, der Gott vertritt, definiert sich absolut und tut so, als ob Gott es nötig hätte, sich durch irgendwelche Menschen vermitteln zu lassen. Aber man kann nicht absolutistische Macht im Namen Gottes verwalten - und gleichzeitig die Freiheit der Menschen wollen.

Streng genommen wäre also die Eingangsfrage falsch gestellt. Man müsste stattdessen, wenn ich Sie richtig verstehe, fragen: Was kann die Alternative zum Papsttum sein?

Ganz richtig. Der nächste Papst ist auch wieder nur ein Papst, und darin liegt ein sich fortzeugendes Problem. Dieser Zentralismus verführt dazu, eine bestimmte Person von Amts wegen mit unglaublicher Machtfülle auszustatten - und dann hängt an dieser einen Person, an ihrer Mentalität, an ihrem Charakter, auch an ihrem geistigen und psychischen Zustand sehr vieles. Das aber dürfte in einem funktionierenden Gemeinwesen nicht so sein.

Alle Diktaturen können überraschende Wendungen hervorrufen - dann aber zeigt sich zugleich, wie schwer es ist, ein Jahrhunderte altes oder auch nur - wie im Falle des Kommunismus in Sowjetrussland - ein in wenigen Jahrzehnten verfestigtes System noch zu ändern. Es droht beim Versuch des Umbaus augenblicklich der Zusammenbruch. Es spricht alles für die Gültigkeit eines alten ägyptischen Satzes: “Es kam ein großer Mann, es kam ein kleiner Mann - geändert hat sich nichts.”

Aus Ihren Ausführungen höre ich heraus, dass Sie das Papsttum, so wie wir es kennen, durchaus als ein diktatorisches System sehen.

Was bitte sollte es anderes sein? Wie kann man sagen, man vertrete Gott? Wie kann man sich als absolut erklären? Gott ist etwas Absolutes, die Kirche aber sollte relativ sein, inklusive aller ihrer Ämter. Das weiß man spätestens seit Humanismus, Reformation und Renaissance. Am Papsttum scheitert bis heute die Einheit der Christenheit. An ihm liegt es, dass die Freiheit eines Christenmenschen, die Martin Luther mit der Berufung auf die Botschaft Jesu für das Christentum wiedergewinnen wollte, in der katholischen Kirche immer noch aussteht.

Die katholische Kirche durchläuft momentan in Deutschland einen Schrumpfungsprozess. Wird sie damit auch bedeutungsloser?

Dieser Zustand musste sich unvermeidbar daraus ergeben, dass man seine positionelle Stärke darin glaubte, monolithisch, von Amts wegen und von oben nach unten fertige Wahrheiten in die Seele der Menschen drücken zu können. Das hat dazu geführt, dass die Vergangenheit die Zukunft verstellt, wobei in Kauf genommen wurde - vielleicht war dies sogar beabsichtigt -, dass die religiöse Sprache einen Zustand der seelischen Entfremdung schafft.

Sigmund Freud hat noch in den zwanziger Jahren gesagt, diese Art von Religion erscheine ihm psychoanalytisch als eine kollektive Zwangsneurose. Will sagen: Wenn die Menschen im Raum dieser Kirche und in dieser Frömmigkeitshaltung von Gott reden, bezeichnen sie nicht eine Energie, die sie persönlich trägt, ihnen Mut macht zum Leben und zum Lieben, die ihnen Selbstvertrauen schenkt - ganz im Gegenteil, sie bezeichnen mit Gott die Gebärde eines sich fortzeugenden Unterwerfungsgehorsams. Sie setzen die Wahrheit nicht in ihr Leben, sondern in die Redensarten, die kirchensprachlich verordnet werden. Sie folgen einer Begriffsmagie, die darin besteht, genau die Sätze nachzureden, die man im Dogma festgeschrieben hat. Nicht das Leben entscheidet über die Wahrheit, sondern formaler Dogmatismus.

Noch einmal zum Schrumpfungsprozess. Könnte der dazu führen, dass die Kirche Fehler einsieht und korrigiert oder führt er eher zu einer weiteren Selbstabschottung?

Ich bin förmlich dankbar dafür, dass das, was man bisher die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche genannt hat, ein für allemal vorüber ist. So lange es die gab, konnte die Kirche im Ersten und Zweiten Weltkrieg - in welchem Krieg eigentlich nicht? - an der Seite der Mächtigen stehen, neue Waffengänge im Namen Jesu rechtfertigen und den Menschen unglaubliche Ideologien einprägen.

Ich kann nicht erkennen, dass das Christentum die Gräuel des 20. Jahrhunderts verhindert hätte. Stattdessen haben Kirchenmänner in Zeiten, in denen sie zum Widerspruch hätten aufrufen müssen, in Tiraden gepredigt. Militärbischof Rakowsky beispielsweise, Abgesandter aller katholischen Bischöfe des Großdeutschen Reiches, hat bis 1945 unglaubliche Reden gehalten: “Ein Eid, geschworen auf den Führer Adolf Hitler, ist ein Eid auf Gott” und so weiter. Erwartet man dann wirklich, dass Soldaten noch die Kraft haben, Befehle zu verweigern und ein russisches Dorf nicht in Brand zu schießen?

Hinter all dem stand die Kirche, und 1995, 50 Jahre danach, konnte sie nur sagen, es habe damals ein ungutes Schweigen gegeben - nämlich zum Massenmord an den Juden. Das unglaubliche Gerede der Kirche zu Gunsten des Krieges hat bis heute nicht einmal ein Schuldeingeständnis, geschweige denn Reue gezeigt oder tätige Wiedergutmachung hervorgebracht.

Hängt dieser Bedeutungsverlust der Kirche auch damit zusammen, dass sie nicht nahe genug am Menschen ist?

Ganz sicherlich.

Die Kirche ihrerseits vermutet den Grund für die zunehmende Entfremdung der Menschen von ihr eher darin, dass wir uns alle immer mehr zu Atheisten entwickeln.

Ich denke im Gegenteil, dass wir gerade dabei sind, die Botschaft Jesu zu verstehen: Die Religion ist kein Mittel, Menschen mächtig zu machen, schon gar nicht, diese in Gottähnlichkeit zu positionieren - sie ist ein Mittel, Menschen menschlich zu machen. Wenn sie das nicht tut, hat sie ihre Aufgaben verfehlt, wird überflüssig oder noch schlimmer: Sie wird hinderlich.

Gibt es eine bislang verkannte Bedeutung des Christentums für die heutige Gesellschaft?

Die gibt es unbedingt! Das Christentum ist in dem Punkt etwas wirklich Besonderes, als es sich im Unterschied etwa zu Judentum und Islam nicht als Gesetzesreligion versteht. Das heißt: Es sieht die Begründung der Menschlichkeit nicht in einem Regelwerk von Geboten.

Das Christentum ist seinem eigenen Verständnis nach eine Erlösungsreligion. Es geht von der unglaublichen Evidenz aus, dass ein Mensch gar nicht gut sein kann, nur einfach weil er es sein möchte. Er bedarf, theologisch gesprochen, einer Gnade, um sich selber wiederzufinden.

Das Gespräch führte André Hagel ( www.andre-hagel.de ).

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung , 15 vom 15.04.2005.

Veröffentlicht am

19. April 2005

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