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Giuliana Sgrena stellt klar

“Es gab keinen Checkpoint, es war keine Selbstverteidigung”

Von Jeremy Scahill - ZNet 29.03.2005

Giuliana Sgrena wäre sicher die Erste, die sagt, macht nicht soviel Aufhebens um meinen Fall - angesichts des verheerenden Ausmaßes an täglicher Gewalt, das den Irakern vonseiten amerikanischer Soldaten widerfährt. Wir erinnern uns, Giuliana Sgrena ist jene italienische Kriegsberichterstatterin, die auf dem Weg zum Bagdader Flughafen von US-Soldaten angeschossen wurde - kurz nachdem sie nach einmonatiger Geiselhaft in den Händen einer irakischen Widerstandsgruppe freigekommen war.

Mehr als den meisten von uns ist ihr klar, wäre sie nur irgendeine irakische Zivilistin und der hohe italienische Geheimdienstbeamte, der von den US-Soldaten getötet wurde, als er versuchte, ihr Leben zu retten, nur ein irakischer Zivilist, das Medieninteresse in den USA hielte sich noch mehr in Grenzen. Schließlich muss über Terri Schiavo und Michael Jackson berichtet werden. Die meisten Medien haben keine Zeit, über jene mehr als 100.000 irakischen Zivilisten zu berichten, die seit der Irakinvasion vor zwei Jahren ihr Leben verloren. Das macht Fälle wie den von Giuliana Sgrena so bedeutsam. Sie ist eine Chance, der Welt die Realität vor Augen zu führen, die die Iraker Tag für Tag erleben: Eine alarmierende Zahl Iraker wird entführt. Iraker werden von schießwütigen US-Soldaten erschossen und ihr Tod von US-Offiziellen gerechtfertigt - falls man die Todesfälle überhaupt zugibt. Die Stories, die die Offiziellen verbreiten, sind so fadenscheinig, dass sie vor keinem US-Gericht Bestand hätten (außer vielleicht vor einem Militärgericht).

Inzwischen werden neue Details bekannt, wie Sgrena verletzt bzw. der italienische Offizielle Nicolai Calipari getötet wurde. Diese Details sollten auch auf Englisch berichtet werden (in Italien bleibt das Ganze ohnehin die große Story). Vor kurzem hat sich die unabhängige US-Journalistin Naomi Klein mit Giuliana Sgrena im Militärkrankenhaus von Rom getroffen, wo Sgrena seit ihrer Rückkehr nach Italien am 5. März noch immer liegt. “Giuliana ist um einiges kränker, als man uns weismachen will”, so Klein. “Auf sie wurde mit einem Gewehr geschossen, das oben am Panzer befestigt ist - also sehr, sehr massive Artillerie. Eine 4-Inch-Kugel drang in ihren Körper ein und zerbarst. Sie (die Kugel) hat sie nicht nur an der Schulter verletzt, sondern auch die Lunge punktiert. Ihre Lunge füllt sich immerzu mit Flüssigkeit. Aufgrund dieser doch sehr ernsten Verletzung kommt es zu ständigen Komplikationen.”

Für die Offiziellen in den USA ist der Fall erledigt: Ein “schrecklicher Unfall”, der sich auf einer “der gefährlichsten Straßen des Irak” (so sagt man uns) ereignet hat, ein Ort, wo Aufständische in den Büschen lauern, bereit anzugreifen. Hinzu kommt, so das Pentagon, dass sich die Italiener dem Checkpoint nicht langsam genug näherten. Die US-Soldaten hätten mehrfach versucht, das Fahrzeug zu stoppen und erst dann auf die Italiener gefeuert. Das Problem mit dieser Erklärung ist nur: Laut Sgrena hat der Beschuss gar nicht auf der betreffenden Straße stattgefunden.

Zweitens, so Sgrena, gab es überhaupt keinen Checkpoint, an dem sie hätten bremsen können. Naomi Klein: “Eine Schießerei auf dieser Straße wird als verständliches und ziemlich häufiges Vorkommnis dargestellt. Ich selbst habe die Straße befahren, es ist wirklich ein hinterhältiger Ort, ständig gab es Explosionen, viele Checkpoints. Was mir allerdings nicht klar war - das sagte mir erst Giuliana - , sie fuhren überhaupt nicht auf dieser Straße”. Als sich der Vorfall ereignete, bei dem Calipari starb und Sgrena verwundet wurde, war man, so Klein, auf einer gesicherten Straße unterwegs - einer Straße, auf die man nur über die massiv hochgerüstete Grüne Zone gelangt, eine Straße, reserviert für US-Offizielle und hohe Beamte der ausländischen Botschaften. “Die Straße ist komplett separat, eine Straße anscheinend aus der Saddam-Ära, auf der seine Fahrzeuge direkt vom Flughafen zu seinem Palast fahren konnten”, so Klein. “Inzwischen ist sie die Sicherheitsroute zwischen der US-Militärbasis am Flughafen und der von Amerikanern kontrollierten Grünen Zone bzw. der US-Botschaft”. “Eine VIP-Straße - für Botschaftsleute, nicht für die normalen Leute”, so Sgrena zu Klein. “Ich durfte mich dort nur aufhalten, weil ich mich in Begleitung von Leuten aus der italienischen Botschaft befand”. Als der italienische Geheimdienstoffizier Calipari Frau Sgrena in dem verlassenen Fahrzeug vorfand, in dem sie ihre Kidnapper zurückgelassen hatten, fuhr er mit ihr - via Grüne Zone - direkt auf die gesicherte Straße. Das erklärt auch Sgrenas Aussage, sie habe auf dem Weg zum Flughafen geglaubt, “wir sind endlich in Sicherheit, denn die Gegend, in der wir uns befanden, stand unter amerikanischer Kontrolle”.

Sgrena zeige sich, so Naomi Klein, sehr frustriert über die Behauptung der amerikanischen Regierung - die von den Medien ständig wiederholt wird - , die Italiener seien von einem Checkpoint aus unter Beschuss geraten. “Von wegen Checkpoint”, so Klein. “Es war einfach ein Panzer, der am Straßenrand parkte. Der hat das Feuer auf sie eröffnet. Es wurde nichts unternommen, um das Auto anzuhalten, sagt sie (Sgrena), es gab auch keine Signale. Aus ihrer Perspektive war es schlicht so: ein Panzer eröffnet das Feuer”. “Es gab keinen Checkpoint. Keiner forderte uns auf anzuhalten”, so Sgrena zu Naomi Klein. “Sämtliche Straßen, auf denen wir fuhren, waren US-kontrolliert, also nahmen wir an, sie wissen, dass wir kommen. Sie haben nicht versucht, uns zu stoppen. Sie haben einfach nur auf uns geschossen. Es gibt da eine Methode, mit der sie signalisieren können, wir sollen anhalten, aber sie haben uns keinerlei Stoppsignale gegeben, und sie befanden sich mindestens 10 Meter von der Straße entfernt am Straßenrand.”

Sgrena sagt, die US-Soldaten hätten sie von hinten beschossen - was der Behauptung widerspricht, die Soldaten hätten geschossen, um sich zu verteidigen. “Wir haben gehört, die US-Soldaten hätten das Feuer auf ihr (Sgrenas) Fahrzeug eröffnet, da sie nicht Bescheid wussten, um wen es sich handelt und weil sie Angst hatten”, so Klein. “Damit ist natürlich die Angst gemeint, das Fahrzeug könnte explodieren oder die Soldaten selbst angegriffen werden. Giuliana Sgrena hingegen hat mir gegenüber betont, die Kugel, die sie so schwer verletzte, sei von hinten gekommen und in den hinteren Teil des Fahrzeugs eingedrungen. Die einzige Person im Wagen, die nicht schwerverletzt wurde, war der Fahrer, denn, laut ihrer Aussage, kamen von vorne keine Schüsse”, sagt Klein. “Sie kamen von rechts und von hinten, während sie (die Italiener) davonfuhren. Dadurch wird die Vorstellung, es habe sich um einen Akt der Selbstverteidigung gehandelt, meiner Meinung nach noch sehr viel fragwürdiger”, so Klein. “Wenn die Gewehrschüsse vorwiegend von hinten kamen, ist klar, die Soldaten feuerten auf ein Fahrzeug, das sich von ihnen wegbewegte”.

Das könnte die Erklärung sein, weshalb das amerikanische Militär im Irak der italienischen Regierung die Untersuchung des Fahrzeugs der Italiener verweigert. Dabei ist das Auto inzwischen Eigentum der italienischen Regierung. Die Regierung Italiens hatte es der Mietfirma nach dem Vorfall abgekauft. “Wenn sie das Auto nicht zur Untersuchung überstellen, dann haben sie, meiner Meinung nach, etwas zu verbergen”, so Sgrena zu Naomi Klein. “Eine sehr seltsame Sache. Wenn sie nichts zu verbergen haben, warum soll die italienische Justiz das Auto nicht zu Gesicht bekommen?” “Es war keine Selbstverteidigung”, so Sgrena. “Die Soldaten befanden sich am Straßenrand rechts von uns. Sie begannen von rechts zu schießen, dann von hinten, die meisten Schüsse kamen von hinten. Calipari wurde von rechts erschossen, ich wurde von hinten in die Schulter getroffen. Als wir anhielten, befanden sie sich hinter uns. Alle hinteren Scheiben des Autos, das konnten wir sehen, waren von hinten zerschossen. Wenn sie Angst hatten, hätten sie den Wagen stoppen können, sie hätten uns auffordern können anzuhalten, dann auf die Reifen zielen. Das haben sie nicht getan. Sie haben keinen Versuch unternommen, das Fahrzeug zu stoppen. Sie gaben mindestens zehn Kugeln, in Höhe sitzender Personen, in das Fahrzeug ab. Hätte Calipari mich nicht umgerissen, sie hätten mich töten können.”

Der Fall Sgrena wirft ein bedeutsames Licht auf die Kultur der Straffreiheit rund um die US-Besatzung des Irak. Wenn Washington so mit Italien, einem seiner engsten Verbündeten im sogenannten ‘Krieg gegen den Terror’, umspringt(US-Soldaten töten die Nummer Zwei des italienischen Geheimdienstes), wie übel muss es dann erst den Irakern ergehen? Zehntausende sterben. Die Iraker haben keinen starken Mann wie Silvio Berlusconi, der sie verteidigt. Aber sie haben nicht-eingebettete Journalisten wie Giuliana Sgrena, die ihr Leben riskieren, um die Stories zu berichten. “Das Leben von Journalisten, die hingehen und mit den Leuten reden, muss geschützt werden”, sagt Luciana Castellina, Mitbegründerin von Il Manifesto, für den Giuliana Sgrena schreibt. “Andernfalls kommt es noch so weit, dass wir keine Journalisten mehr haben beziehungsweise nur noch eingebettete”.

Jeremy Scahill ist Journalist beim Radio- und TV-Programm von Democracy Now! . Sie können ihn kontaktieren unter: jeremy@democracynow.org

Quelle: ZNet Deutschland vom 31.03.2005. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Giuliana Sgrena Sets The Record Straight

Veröffentlicht am

03. April 2005

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