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Romero: Die politische Dimension des Glaubens

Am 24. März 1980 wurde Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, am Altar erschossen. Er wurde zum Schweigen gebracht, weil er wirtschaftliche Ausbeutung, Rechtlosigkeit und Unterdrückung in El Salvador nicht hinnahm. Mit seiner Option für die Armen stellte er sich gegen das von den Herrschenden begangene Unrecht. Auch nach 25 Jahren ist Romero für viele Menschen immer noch ein lebendiges Symbol für Gerechtigkeit und Solidarität. Sein Denken und Handeln macht auch heute Mut, Ungerechtigkeit offen anzuprangern und für die Armen, Entrechteten und Schwachen einzutreten. Wir dokumentieren hier einen Vortrag von Oscar A. Romero, den er am 2. Februar 1980, also wenige Wochen vor seiner Ermordung, anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihn im belgischen Löwen hielt.

Die politische Dimension des Glaubens

Erfahrungen der Kirche in El Salvador

Von Oscar A. Romero

Dank der freundlichen Einladung der Universität habe ich die Ehre, eigene Erfahrungen und Überlegungen in die Reihe der Vorträge zu dem fesselnden Thema “Die politischen Dimensionen des christlichen Glaubens” einzubringen.

Selbstverständlich kann ich nicht den Anspruch erheben, - und Sie dürfen das auch nicht von mir erwarten -, daß ich als Fachmann auf dem Gebiet der Politik oder als theologischer Experte rede, der theoretisch Glauben und Politik zueinander in Beziehung setzt. Ich werde vielmehr zu Ihnen als Pastor reden, der gemeinsam mit seinem Volk die zugleich wunderbare und schmerzliche Wahrheit gelernt hat, daß uns der christliche Glaube nicht von der Welt trennt, sondern uns in sie eintaucht, daß die Kirche nicht ein stilles, verschwiegenes und abgeschlossenes Plätzchen in der Stadt hat, sondern daß sie die Nachfolgerin jenes Jesus ist, der mitten in der Stadt, der polis, lebte, arbeitete, kämpfte und starb. In diesem Sinne möchte ich über die politische Dimension des Glaubens reden; exakt im Sinne des Einflusses, den der Glaube auf die Welt hat, und auch des Einflusses, den die Einbettung der Kirche in die Welt auf den Glauben hat.

Wir müssen uns von Anfang an darüber im klaren sein, daß der christliche Glaube und das Handeln der Kirche immer ihr sozio-politisches Echo gefunden haben. Durch Aktion oder Unterlassung, durch das Zusammenleben mit der einen oder anderen Gruppe haben die Christen immer Einfluß genommen auf die sozio-politische Gestalt der Weit, in der sie leben. Das Problem ist nur: Wie muß der Einfluß auf die Welt in sozio-politischer Hinsicht sein, damit er wahrhaft dem Glauben entspricht?

Als erstes - wenn auch noch ganz allgemein - möchte ich an die Anschauung des 2. Vatikanischen Konzils anknüpfen, die ja die Grundlage für jede kirchliche Bewegung in der Gegenwart abgibt. Danach besteht das Wesen der Kirche darin, die Welt in ihrer Ganzheit zu retten, sie in der Geschichte zu retten, hier und jetzt. Die Kirche muß sich mit den Hoffnungen und Ängsten, mit den Freuden und Traurigkeiten der Menschen solidarisieren. Die Kirche muß wie Jesus “den Armen das Evangelium verkünden, die Unterdrückten erheben, suchen und retten, was verloren ist” (LG n. 8).

Sie alle kennen diese Worte des Konzils. Verschiedene Bischöfe und Theologen haben in den sechziger Jahren dazu beigetragen, auf diese Weise Wesen und Aufgabe der Kirche sichtbar zu machen. Mein Beitrag wird darin bestehen, diese schönen Erklärungen ein wenig mit Fleisch zu versehen, und zwar von der Situation meines kleinen lateinamerikanischen Landes aus, das typisch ist für das, was man heute Dritte Welt nennt.

Um es kurz und knapp zu sagen: Die Welt, der die Kirche dienen soll, ist für uns die Welt der Armen. Unsere salvadorianische Welt ist keine Abstraktion, sie ist auch nicht das, was man in den entwickelten Ländern - sowie bei Ihnen - unter “Welt” versteht. Sie ist vielmehr eine Welt, die fast ausschließlich aus armen und unterdrückten Männern und Frauen besteht. Und von dieser Welt sagen wir, daß sie der Schlüssel ist zum Verständnis des christlichen Glaubens, des Handelns der Kirche, der Schlüssel zum Verständnis der politischen Dimension dieses Glaubens und dieses kirchlichen Handelns. Es sind die Armen, die uns sagen, was Welt und was kirchlicher Dienst an der Welt ist. Es sind die Armen, die uns sagen, was die polis, was die Stadt ist, und was es für die Kirche bedeutet, wirklich in der Welt zu leben.

Erlauben sie mir, daß ich von den Armen meines Volkes her - die ich repräsentiere - kurz ausführe, wie die Situation der Kirche und ihr Handeln in der Welt, in der wir leben, aussehen, und daß ich danach von der Theologie her Überlegungen darüber anstelle, welche Bedeutung diese reale, kulturelle und sozio-politische Welt für den Glauben der Kirche hat.

1. Das Handeln der Kirche in der Erzdiözese San Salvador

In den letzten Jahren hat die Erzdiözese San Salvador in ihrem pastoralen Handeln eine Richtung eingeschlagen, die man beschreiben und verstehen kann als Hinwendung zur Welt der Armen, als Hinwendung zu ihrer realen und konkreten Situation.

a) Die Inkarnation in die Welt der Armen

Wie an anderen Orten Lateinamerikas haben unter uns nach vielen Jahren, ja Jahrhunderten, die Worte aus Ex. 3,9 einen neuen Klang gewonnen: “Ich habe das Schreien meines Volkes gehört, ich habe ihre Not gesehen.” Diese Worte der Heiligen Schrift haben uns die Augen geöffnet zu sehen, was immer schon unter uns (los) war, oft aber selbst den Blicken der Kirche verborgen geblieben ist. Wir haben gelernt zu sehen, wie unsere Welt wirklich aussieht, und wir Pastoren haben das in Medellin und Puebla deutlich gesagt: “Dieses Elend ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit.” (Medellin) Und in Puebla haben wir erklärt: “Die unmenschliche Armut, in der Millionen von Lateinamerikanern leben, ist eine verheerende und erniedrigende Geißel; sie drückt sich u. a. aus in den Hungerlöhnen, in Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, in Wohnraummangel und Gesundheitsproblemen und in der Instabilität der Arbeitsplätze.” (Puebla n. 29)

Wir haben diese Realitäten erkannt, wir haben uns von ihnen bewegen lassen und uns nicht von unserem Glauben entfernt. Sie haben uns an die Welt der Armen als unseren wirklichen Ort verwiesen. Sie haben uns in Bewegung gebracht, daß wir den ersten grundsätzlichen Schritt taten: uns einzulassen auf die Welt der Armen. Hier haben wir die wahren Gesichter der Armen, von denen Puebla zu uns redet (cf. Puebla n. 31-39), gesehen. Hier haben wir die Campesinos getroffen: ohne Land und ohne feste Arbeit, ohne Wasser und Licht in ihren armseligen Behausungen, ohne ärztliche Versorgung, wenn ihre Kinder geboren werden, und ohne Schulen, wenn sie heranwachsen. Hier haben wir die Arbeiter getroffen, für die kein Arbeitsrecht gilt, und die entlassen werden, wenn sie solche Rechte fordern oder wenn die kalte ökonomische Kalkulation es erfordert. Hier haben wir die Mütter und Frauen jener getroffen, die verschwunden oder aus politischen Gründen gefangen sind. Hier haben wir uns mit den Bewohnern der Elendshütten getroffen, deren Armut jede Vorstellung übersteigt, und die dazu den ständigen Beleidigungen der anderen ausgesetzt sind.

In diese Welt ohne menschliches Gesicht hat meine Erzdiözese versucht, sich hineinzubegeben, hier Fleisch zu werden. Ich sage das nicht triumphierend, denn ich weiß, daß uns zu einer echten Inkarnation noch viel fehlt. Aber ich sage das mit Genugtuung, denn wir haben uns bemüht, nicht vorüberzugehen, nicht einen Bogen um den Verletzten am Wege zu machen, sondern zu ihm zu gehen wie der barmherzige Samariter.

Inkarnation und Umkehr, das ist für uns Annäherung an die Welt der Armen. Die notwendigen inneren Veränderungen in der Kirche, in Seelsorge und Unterricht, im Ordens- und priesterlichen Leben und in den Laienbewegungen sind nicht erfolgt, indem wir uns der Innenschau hingegeben haben. Wir erreichen sie, weil wir uns der Welt der Armen zuwenden.

b) Die Verkündigung der frohen Botschaft für die Armen

Dieses Zusammentreffen mit den Armen ließ uns die zentrale Wahrheit des Evangeliums, das uns zur Umkehr auffordert, neu entdecken. Die Kirche hat eine gute Nachricht für die Armen. Diejenigen, die von der Welt nur schlechte Nachrichten erfahren und im Elend leben, hören heute durch die Kirche das Wort Jesu: “Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen” und “Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes gehört euch.”

Auch für die Reichen hat sie eine gute Nachricht: sich den Armen zuzuwenden und mit ihnen an den Gütern des Reiches teilzuhaben. Wer unseren lateinamerikanischen Kontinent kennt, der weiß, daß diese Worte weder naiv klingen noch wie einschläferndes Opium wirken. In diesen Worten vereinen sich die Sehnsucht nach Befreiung unseres Kontinents und das Angebot der Liebe Gottes zu den Armen. Diese Hoffnung, die die Kirche anbietet, stimmt mit der Hoffnung der Armen überein, die z. T. schläft und oft manipuliert und frustriert wurde. Das ist etwas Neues in unserem Volk, daß die Armen heute in der Kirche eine Quelle der Hoffnung und eine Hilfe in ihrem Befreiungskampf sehen. Die Hoffnung, die die Kirche nährt, ist weder naiv noch passiv. Es handelt sich vielmehr um den konkreten Ruf des Wortes Gottes an die armen Mehrheiten, eigene Verantwortung zu übernehmen, Bewußtsein zu entwickeln, sich zu organisieren - und das in einem Land, in dem dies mehr oder weniger legal, oft aber praktisch verboten ist. Dabei unterstützt die Kirche - natürlich auch kritisch - ihre berechtigten Gründe und Forderungen. Die Hoffnung, die wir den Armen predigen, soll ihnen ihre Würde wiedergeben und ihnen Mut machen, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Mit einem Wort: Die Kirche hat sich nicht nur den Armen zugewandt, sondern sie hat sie auch als die eigentlichen Adressaten ihres Auftrages angenommen, denn - so sagt Puebla - “Gott übernimmt ihren Schutz, und er liebt sie.” (Puebla n. 1142)

c) Die Verpflichtung zur Verteidigung der Armen

Die Kirche hat sich nicht nur in die Welt der Armen hineinbegeben, um ihnen Hoffnung zu geben, sondern sie hat sich auch verpflichtet, sie zu verteidigen. Die armen Mehrheiten unseres Landes werden täglich durch die wirtschaftlichen und politischen Strukturen unterdrückt und niedergehalten. Unter uns sind die schrecklichen Worte der Propheten Israels Realität. Denn unter uns leben jene, “die den Unschuldigen für Geld und den Armen für ein Paar Sandalen verkaufen” (Am. 2,6), jene, “die Schätze von Frevel und Raub in ihren Palästen sammeln” (Am. 3,10), jene, “die die Armen schinden” (Am. 4,2), jene, “die immer nach Frevelregiment trachten und auf elfenbeingeschmückten Lagern schlafen” (Am. 6,3 f.) jene, “die ein Haus zum anderen bringen und einen Acker an den anderen rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen” (Jes. 5,8). Diese Worte der Propheten Amos und Jesaja sind nicht ferne Stimmen, die uns über Jahrhunderte hinweg erreichen, das sind keine Texte, die wir ehrerbietig in der Liturgie verlesen. Das sind Realitäten, deren Grausamkeit und Intensität wir täglich erleben. Wir erleben sie, wenn zu uns die Ehefrauen und Mütter derer kommen, die entführt wurden und verschwunden sind, wenn unkenntlich gemachte Leichen auf verborgenen Friedhöfen auftauchen, wenn die ermordet werden, die für Gerechtigkeit und Frieden kämpfen.

In unserer Erzdiözese erleben wir Tag für Tag, was Puebla nachdrücklich beschreibt: “Ängste, die das Ergebnis einer systematischen oder selektiven Repression sind, begleitet von Denunzierungen, von Verletzungen des Privatbereichs, von unangemessenem Druck, Folter und Verbannung. Ängste, die in so vielen Familien aufgrund des Verschwindens geliebter Angehöriger aufsteigen, von denen sie keinerlei Nachricht erhalten. Völlige Unsicherheit durch Verhaftungen ohne richterliche Anweisung. Ängste vor einer Justiz, die abhängig und gefesselt ist”. (Puebla n. 42)

In dieser konfliktreichen und feindlichen Situation, in der einige wenige die wirtschaftliche und politische Macht in den Händen halten, hat sich die Kirche auf die Seite der Armen gestellt und ihre Verteidigung übernommen. Das kann gar nicht anders sein, wenn Sie sich jenen Jesus vergegenwärtigt, “der das Volk sah, und es jammerte ihn desselben”. (Mt. 9,36) Weil sie die Armen verteidigt, ist die Kirche in Konflikt mit den Mächtigen der wirtschaftlichen Oligarchien und den politischen und militärischen Führern des Staates geraten.

d) Verfolgung der Kirche wegen ihres Dienstes an den Armen

Die Verteidigung der Armen in einer konfliktreichen Welt hat unserer Kirche etwas Neues gebracht, das in ihrer Geschichte unbekannt war: die Verfolgung. Sie werden die bedeutsamsten Daten kennen. In weniger als drei Jahren sind mehr als 50 Priester angegriffen, verdächtigt und fälschlich beschuldigt worden. Sechs von ihnen sind Märtyrer, die ermordet wurden. Mehrere wurden gefoltert, andere ausgewiesen. Die Radiostation des Erzbischofs und katholische Erziehungseinrichtungen wurden angegriffen, eingeschüchtert und mit Bombenanschlägen bedroht. In verschiedene Klöster der Parochie wurde eingedrungen. Wenn das schon bedeutenden und bekannten Vertretern der Kirche widerfahren ist, dann können Sie sich bestimmt vorstellen, was dem einfachen Kirchenvolk zugefügt wurde, den Campesinos, ihren Lehrern und Wortführern und den kirchlichen Basisgruppen. Hier zählen die Bedrohten, Gefangenen, Gefolterten und Ermordeten zu Hunderten und Tausenden. Wie immer in Zeiten der Verfolgung ist das arme Christenvolk am meisten davon betroffen.

Es steht außer Frage, daß unsere Kirche in den letzten drei Jahren verfolgt wurde. Von Bedeutung ist dabei, warum sie verfolgt wurde. Natürlich ist nicht jeder Priester und nicht jede Einrichtung der Kirche davon betroffen. Es ist nur der Teil der Kirche angegriffen und verfolgt worden, der sich auf die Seite der Armen gestellt und ihre Verteidigung übernommen hat. Der Grund der Verfolgung der Kirche sind die Armen. Wieder sind es die Armen, die uns begreiflich machen, was wirklich geschehen ist. Deshalb versteht die Kirche ihre eigene Verfolgung von den Armen her. Die Kirche nimmt im Grunde nur das Schicksal der Armen auf sich.

Die wirkliche Verfolgung richtet sich gegen das arme Volk, das heute der Leib Christi in der Geschichte ist. Es ist das gekreuzigte Volk - wie Jesus, es ist das verfolgte Volk - wie der leidende Gottesknecht. Es ergänzt an seinem Leib, was den Leiden Christi fehlt. Daß die Kirche sich organisiert und darauf geeinigt hat, die Hoffnungen und Ängste der Armen zu ihren eigenen zu machen, ist der Grund dafür, daß sie das gleiche Schicksal erleidet wie Jesus und wie die Armen: Verfolgung.

e) Die politische Dimension des Glaubens

Das sind kurz skizziert Lage und Haltung der Kirche in EI Salvador. Die politische Dimension des Glaubens ist nichts anderes als die Antwort der Kirche auf die Forderungen der realen sozio-politischen Umgebung, in der sie lebt. Wir haben wiederentdeckt, daß diese Forderungen zunächst an den Glauben gerichtet sind, und daß die Kirche sich ihnen nicht entziehen darf.

Es geht nicht darum, daß die Kirche sich als politische Institution versteht und in Konkurrenz zu anderen politischen Instanzen tritt, auch nicht darum, daß sie über eigene politische Mechanismen verfügt; es geht noch weniger darum, daß unsere Kirche eine politische Führungsrolle anstrebt. Es geht um etwas viel Wesentlicheres und Evangelischeres: Es geht um die Option der Kirche, für die Armen dazusein, sich in ihre Welt hineinzubegeben, ihnen eine gute Botschaft zu bringen, ihnen eine Hoffnung zu geben, sie zur Befreiungspraxis zu ermutigen, ihr Recht zu verteidigen und an ihrem Schicksal teilzuhaben. Diese Option der Kirche für die Armen bedingt die politische Dimension des Glaubens. Weil sie sich für die wirklich Ausgebeuteten und Unterdrückten entschieden hat, lebt die Kirche im Bereich des Politischen, und sie verwirklicht sich als Kirche auch im Bereich des Politischen. Das kann nicht anders sein, wenn sie sich wie Jesus an die Armen wendet.

II. Auswirkungen auf den Glauben

Das beschriebene Handeln der Kirche gründet deutlich in ihrer Glaubensüberzeugung. Die Bedeutsamkeit des Evangeliums hat uns in unserem Urteil und in unserem Handeln geleitet. Vom Glauben aus haben wir die soziale und politische Situation beurteilt. Andererseits ist es eine wichtige Erkenntnis, daß sich der Glaube selbst vertieft und das Evangelium seinen Reichtum offenbart hat während jenes Prozesses des Stellungbeziehens in der sozio-politischen Wirklichkeit.

Ich möchte jetzt nur ein paar Überlegungen anstellen über einige fundamentale Aspekte dieses Glaubens, der dadurch eine tiefere Dimension bekam, daß er sich in die sozio-politische Wirklichkeit hineinbegab.

a) Klarere Erkenntnis dessen, was Sünde ist

Zunächst wissen wir heute besser, was Sünde ist. Wir wissen, daß der Widerstand gegen Gott den Tod des Menschen verursacht. Wir wissen, daß Sünde wahrhaft zum Tode führt. Sie bewirkt nicht nur den inneren Tod dessen, der Sünde begeht, sondern sie produziert den realen, objektiven Tod. Erinnern wir uns an einen zentralen Satz unseres Glaubens: Sünde ist die Macht, die den Sohn Gottes getötet hat, und sie besteht fort als die Macht, die die Kinder Gottes tötet. Diese fundamentale Wahrheit des christlichen Glaubens erkennen wir täglich in unserem Land. Man kann nicht Gott angreifen, ohne dabei den Menschen anzugreifen. Der schlimmste Angriff auf Gott, der schlimmste Säkularismus besteht darin, daß man die Kinder Gottes, die Tempel des Heiligen Geistes, den geschichtlichen Leib Christi zu Opfern von Unterdrückung und Ungerechtigkeit macht, zu Sklaven wirtschaftlichen Strebens, zu Leidtragenden politischer Niederhaltung. Der schlimmste Säkularismus besteht in der Verneinung der Gnade durch die Sünde, besteht darin, diese Welt als sichtbaren Ausdruck des Wirkens böser Mächte zu verstehen, als sichtbaren Ausdruck der Nichtexistenz Gottes.

Es geschieht nicht aus Routine, daß wir noch einmal wiederholen, daß in unserem Land die Strukturen der Sünde herrschen. Sie sind Sünde, weil sie die Früchte der Sünde hervorbringen: den Tod der Menschen von EI Salvador, den schnellen Tod durch Unterdrückung oder den langsamen - aber nicht weniger wirksamen - Tod durch repressive Strukturen. Deshalb haben wir von der Vergötzung des Reichtums in unserem Land geredet, von der Vergötzung des Privatbesitzes durch das kapitalistische System, von der Vergötzung der Macht durch die Politik der nationalen Sicherheit, in deren Namen die Ungesichertheit des Individuums institutionalisiert wird. Die Kirche hat durch ihre Inkarnation in die reale sozio-politische Welt gelernt, das Wesen der Sünde in seiner ganzen Tiefe zu erkennen: es besteht darin, daß sie den Tod von Menschen in EI Salvador bewirkt.

b) Mehr Klarheit über Inkarnation und Erlösung

Zum zweiten verstehen wir jetzt besser, was Inkarnation bedeutet, was es heißt, daß Jesus wirklich Mensch wurde und sich im Leiden, in den Tränen, in den Klagen, in der Hingabe mit seinen Brüdern solidarisierte. Wir wissen, daß es sich dabei nicht um eine universelle Inkarnation handeln kann, sondern um eine besondere und partielle, um eine Inkarnation in der Welt der Armen. Auf diese Weise kann die Kirche für alle da sein. Sie kann auch den Mächtigen dienen, indem sie sie zur Umkehr aufruft - aber nicht umgekehrt, wie es so oft geschehen ist. Die Welt der Armen mit ihren konkreten politischen und sozialen Merkmalen lehrt uns, wo die Kirche Fleisch werden muß, um eine falsche Universalisierung, die immer auf eine Komplizenschaft mit den Mächtigen hinausläuft, zu vermeiden. Die Welt der Armen lehrt uns, wie christliche Liebe aussehen muß, wenn sie wirklich Frieden schaffen will, und demaskiert falschen Pazifismus, Resignation und Untätigkeit. Die Welt der Armen lehrt uns, daß die erhabene christliche Liebe den dringenden Kampf um Gerechtigkeit für die Mehrheit nicht fliehen darf, sondern auf sich nehmen muß. Die Welt der Armen lehrt uns, daß Befreiung nicht erreicht wird, wenn die Armen Adressaten des wohltätigen Handelns von Staat und Kirche sind, sondern nur, wenn die Armen selbst die Akteure und Protagonisten ihres Kampfes um Befreiung sind und auf diese Weise die falschen Grundlagen des Paternalismus - auch des kirchlichen - aufdecken.

Die Welt der Armen lehrt uns auch, worum es bei der christlichen Hoffnung geht. Die Kirche predigt den neuen Himmel und die neue Erde. Sie weiß, daß kein sozio-politisches Modell die endgültige Fülle bringen kann, die Gott uns zugedacht hat. Aber sie hat auch begriffen, daß die transzendentale Hoffnung durch Zeichen historischer Hoffnung genährt werden muß, auch wenn diese noch so bescheiden und schlicht sein mögen wie die, von denen der dritte Jesaja redet: “Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen”(65,21).Daß hier von authentischer christlicher Hoffnung die Rede ist, die sich nicht nur auf das Zeitliche und Menschliche richtet, - wie oft verächtlich gesagt wird -, versteht man erst, wenn man täglich Kontakt zu denen hat, die weder Haus noch Weinberg besitzen, die bauen, damit andere wohnen, und arbeiten, damit andere die Früchte essen.

c) Tieferer Glauben an Gott und seinen Christus

Drittens wird durch die Fleischwerdung der Kirche in der Welt der Armen der Glaube an Gott und seinen Christus vertieft. Wir glauben, daß Jesus kam, um Leben in Fülle zu bringen. Wir glauben an einen lebendigen Gott, der den Menschen das Leben gibt und der will, daß die Menschen wirklich leben. Die radikale Wahrheit des Glaubens wird erst konkrete Wirklichkeit, wenn die Kirche sich einfügt mitten in Leben und Tod ihres Volkes. Hier wird sie - wie jeder Mensch - zur fundamentalsten Glaubensentscheidung gebracht: für das Leben oder für den Tod zu sein. Mit größter Deutlichkeit sehen wir, daß es hier keine Möglichkeit gibt, neutral zu bleiben. Entweder dienen wir dem Leben der Menschen in El Salvador, oder wir sind Komplizen ihres Todes. Hier muß die geschichtliche Vermittlung einer Grundentscheidung des Glaubens erfolgen: Entweder glauben wir an einen Gott des Lebens, oder wir dienen den Götzen des Todes.

Im Namen Jesu arbeiten wir für ein Leben in seiner ganzen Fülle, das sich nicht erschöpft in der Befriedigung materieller Grundbedürfnisse und sich nicht auf den sozio-ökonomischen Bereich beschränkt. Wir wissen sehr gut, daß wir volles Leben in Fülle erst im endgültigen Reich des Vaters haben werden, und daß diese Fülle sich geschichtlich realisiert im Dienst für dieses Reich und in der Hingabe an den Vater. Aber ebensogut wissen wir, daß es im Namen Jesu eine reine Illusion, eine Ironie, ja eine Blasphemie wäre zu vergessen, daß es Voraussetzungen zum Leben geben muß wie Brot, ein Dach über dem Kopf, Arbeit.
Wir glauben mit dem Apostel Johannes, daß Jesus “das Wort des Lebens ist”. Wo Leben ist, da zeigt sich Gott. Wo der Arme beginnt zu leben, wo er beginnt, sich zu begreifen, wo Menschen in der Lage sind, sich um einen Tisch zu versammeln und miteinander zu teilen, da ist der Gott des Lebens.

Wenn also Kirche sich einfügt in die sozio-politische Welt, um dazu beizutragen, daß in ihr Leben für die Armen entsteht, dann entfernt sie sich nicht von ihrem Auftrag, dann tut sie auch nicht etwas Überflüssiges oder am Rande Liegendes, sondern dann gibt sie Zeugnis von ihrem Glauben an Gott, dann ist sie Instrument des Heiligen Geistes.

Dieser Glaube an den Gott des Lebens ist Ausdruck der Tiefe des christlichen Geheimnisses. Um den Armen Leben geben zu können, muß man vom eigenen Leben abgeben und manchmal auch das eigene Leben hingeben. Das beste Zeugnis vom Glauben an den Gott des Lebens gibt der, der bereit ist, sein Leben zu opfern. “Niemand hat größere Liebe als die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde” (Joh. 15,13). Das sehen wir täglich in unserem Land. Es gibt viele Menschen und Christen in EI Salvador, die bereit sind, ihr Leben zu geben, damit die Armen Leben haben. Darin folgen sie Christus und machen ihren Glauben an ihn sichtbar. Sie sind eingefügt in die Welt - wie er, sie werden verfolgt und bedroht - wie er, sie geben ihr Leben - wie er, und so geben sie Zeugnis von dem “Wort des Lebens”.

Unter diesem Blickwinkel ist die Geschichte unserer Kirche sehr alt. Denn es ist die Geschichte Jesu, die wir in aller Bescheidenheit fortführen wollen. Als Kirche sind wir keine politischen Experten, und wir wollen Politik nicht mit den ihr eigenen Mechanismen treiben. Dennoch ist das Hineingehen in die Welt, in der Leben und Tod der armen Mehrheiten auf dem Spiele stehen, dringend und notwendig, damit der Glaube an den Gott des Lebens und die Nachfolge Christi nicht verbal, sondern wirklich geschehen.

Zusammenfassung

Option für die Armen: Orientierung unseres Glaubens an der Politik

Zum Schluß möchte ich noch einmal das Wesentliche zusammenfassen. In unserer Erzdiözese haben wir die politische Dimension oder - wenn Sie so wollen - die Relation zwischen Glauben und Politik nicht auf dem Wege rein theoretischer Reflexion über das Leben der Kirche an sich entdeckt. Es ist klar, daß diese Reflexionen notwendig sind, aber sie sind nicht entscheidend. Sie werden erst bedeutsam und entscheidend, wenn sie auf der Ebene des Lebens der Kirche in der Welt angestellt werden. Die Tatsache, daß Sie mir die Ehre gaben, zu Ihnen von meinen pastoralen Erfahrungen zu reden, hat mich (erst) dazu gebracht, diese theologischen Reflexionen anzustellen. Die politische Dimension des Glaubens kann man nur in der Praxis des konkreten Dienstes für die Armen zutreffend entdecken. In dieser Praxis erkennt man nicht nur die wechselseitige Relation zwischen Glauben und Politik, sondern auch die wesentlichen Unterschiede.

Der Glaube gibt den ersten Anstoß, sich in die sozio-politische Welt der Armen hineinzubegeben und die Befreiungsprozesse in Gang zu setzen. Dieses Hineingehen, dieses praktische Handeln führt dann seinerseits zu einer Konkretisierung fundamentaler Glaubensinhalte.

Mit dem, was ich angeführt habe, wurde diese Doppelbeziehung nur grob skizziert. Es bliebe noch viel hinzuzufügen. Man müßte eigentlich noch eingehen auf die Beziehungen des Glaubens zu den politischen Ideologien, konkret zum Marxismus. Man müßte noch etwas zu dem brennenden Problem der Gewalt und ihrer Berechtigung sagen. Diese Themen werden bei uns ständig diskutiert, und zwar ohne Befangenheit und Angst …

In der Zeit, in der ich die Erzdiözese leite, habe ich schon vier verschiedene Regierungen mit den ihnen jeweils eigenen politischen Zielsetzungen erlebt. Auch die anderen politischen Kräfte, die revolutionären und die demokratischen, sind in diesen Jahren gewachsen, bzw. haben sich entwickelt. Im Augenblick ist das politische Panorama zwiespältig, denn einerseits sind alle vorbeugenden politischen Vorhaben der Regierung gescheitert, andererseits wächst die Möglichkeit einer Volksbefreiung.

Ich hätte Ihnen einen detaillierten Bericht vom politischen Auf und Ab in meinem Land geben können. Doch ich habe es vorgezogen, Ihnen die grundlegenden Wurzeln unseres kirchlichen Handelns in dieser explosiven Welt deutlich zu machen. Ich habe versucht, Ihnen das eigentlich theologische und geschichtliche Kriterium kirchlichen Handelns vor Augen zu stellen: die Welt der Armen. Je nachdem, ob es den Armen nützt, wird die Kirche dieses oder jenes politische Vorhaben unterstützen. Wir glauben, daß die Kirche nur so ihre Identität und Transzendenz behalten kann, indem sie sich am sozio-politischen Prozeß in unserem Land beteiligt und ihn von den Armen aus beurteilt, indem sie allen Befreiungsbewegungen, die Gerechtigkeit und Frieden für die Massen bringen, Impulse gibt…

Die ersten Christen sagten: Gloria Dei, vivens homo. Wir könnten konkreter sagen: Gloria Dei, vivens pauper - die Ehre Gottes ist der Arme, der lebt. Wir glauben, daß wir - von der Transzendenz des Evangeliums her - sagen können, was wirkliches Leben für die Armen ist, und wir glauben auch, daß wir wissen werden, was die ewige Wahrheit des Evangeliums ist, wenn wir an der Seite der Armen stehen und versuchen, ihnen Leben zu ermöglichen. Die politische Dimension des Glaubens entdeckt man (nur) im praktischen und konkreten Dienst an den Armen.

Übersetzt von Pfarrer Klaus Schimpf, Ökumenisch-Missionarisches Institut, Berlin

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen. Juni 1980, 41. Jahrgang.

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Veröffentlicht am

23. März 2005

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