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25. Todestag von Oscar A. Romero

Romero1.jpgVor 25 Jahren, am 24. März 1980 wurde in El Salvador Erzbischof Oscar Arnulfo Romero am Altar erschossen. Das war ein politischer Mord. Romero war zur Stimme der Stimmlosen geworden, deren Rechte er gegen die Reichen und Mächtigen seines Landes verteidigte. Darum wurde er zum Schweigen gebracht.

25 Jahre haben El Salvador verändert und auch die Welt sieht anders aus. Dennoch ist Romero für viele Menschen jemand geblieben, auf den sie sich weiter beziehen. Anlässlich der Wiederkehr seines Todestages erinnern wir in den nächsten Tagen mit verschiedenen Texten an Romero.

Zum 25. Todestag von Erzbischof Romero

Von Jon Sobrino

Im kollektiven Bewusstsein am Ende dieses Jahrhunderts hat Bischof Romero so etwas wie ein Aufatmen der Erleichterung darüber hervorgerufen, dass Menschsein möglich ist; und zugleich ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass es Menschen gibt, die nicht an kurzsichtiges Eigeninteresse gebunden sind.

Die weltweite Wirkung von Romero ist zweifellos durch ein Zusammenwirken von seltenen Faktoren begünstigt worden. Der Bischof trat in der Öffentlichkeit auf, als das Land El Salvador und seine Kirche in den Weltnachrichten immer wieder Thema waren: Massaker, Ermordung von Priestern, “Sei Patriot, töte einen Priester”, Romeros Brief an Carter, seine letzten Worte: “Im Namen Gottes: macht Schluss mit der Repression!” und vieles mehr.

Ein beispielhafter Mensch und Christ

Zwar verändern sich im Lauf der Geschichte viele Dinge, während andere bleiben, wie sie sind, z.B. die Grundbedürfnisse des Menschseins; aber es bleibt wahr, dass es in Bischof Romero etwas gibt, das dazu zwingt, ihn als beispielhaften Menschen und Christen lebendig in Erinnerung zu behalten. Wir können sagen, dass es in Bischof Romero etwas “Meta-Paradigmatisches” gibt, etwas, das über alle Paradigmenwechsel hinaus gilt, von denen man heute soviel spricht. Was über die Zeiten hinweg beeindruckend bleibt, ist Romeros Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Mitleidensfähigkeit…

Wahrheit statt Lüge

In einer Welt der Lüge ist der Prophet Romero ein Symbol der Wahrheit, und zwar jener Wahrheit, dass die Hälfte der Menschheit durch Elend am Leben gehindert wird. Diese Wahrheit wird tausendfach geleugnet, unterdrückt oder manipuliert zugunsten der Unterdrücker und zu Lasten der Unterdrückten: Gestern plumper durch offizielle Erklärungen von Regierungen in Salvador und den USA, durch Streitkräfte, Politiker und Oligarchie, heute subtiler dadurch, dass zwar größere Meinungsfreiheit konzediert, aber die Wahrheit im Grunde unterschlagen wird. In einer solchen Zeit ist “die Wahrheit wie sauberes Quellwasser, das aus den Bergen herabfließt” (Rutilio Grande). Romero ist ihr Symbol.

Mitempfinden statt Gewalt

In einer Welt voller Grausamkeiten ist Romero ein Symbol der Gerechtigkeit und des Trostes. Gestern waren es die brutalen Massaker, die diese Welt kennzeichneten, heute sind es die alltägliche Armut (das Bruttosozialprodukt in El Salvador ist heute geringer als vor dem Krieg), die alltägliche Gewalt (10.000 Gewaltopfer waren es 1995 und weitere 10.000 in 1996) und die alltägliche Missachtung der Mehrheit des Volkes - in einer solch brutalen Welt sind Mitleiden, Zuwendung und Gerechtigkeit wie Balsam, das die Wunden der Verletzten heilt und zum Handeln animiert. Für dieses Mitempfinden mit den Armen des Volkes ist Romero bis heute das beste Symbol. Solche Gerechtigkeit und solchen Trost haben weder das Spiel der Demokratie noch die makroökonomischen Daten zu bieten.

Sorge um die Menschheitsfamilie statt Eigeninteresse

In einer gespaltenen und widersprüchlichen Welt, gespalten zwischen reichen Prassern (z.B. den Multis und dem Finanzkapital) auf der einen Seite und auf der anderen Seite den armen Lazarussen, die sich mit den Abfällen begnügen; in einer unmenschlichen Welt, in der allein das Eigeninteresse, nicht die Sorge um die Menschheitsfamilie zählt, in der die politischen Führer das Volk nicht führen, sondern ausnutzen und auf falsche Fährten locken (Hosea) - in einer solchen Welt ist Romero das Symbol eines guten Hirten, der den kleinen Leuten nahe ist und “seine Schafe kennt”. Bischof Romero gilt immer noch als derjenige, der die einfachen Leute kennt; und diese kennen ihn. Und Romero ist bis heute die Stimme derer, die keine Stimme haben; ein anderer Kandidat, der ihn ersetzen könnte, ist nicht auszumachen.

Lebensfreude statt Zirkusspiele

In einer entfremdeten und von keineswegs antiquierten, sondern modernen Zirkusspielen infantilisierten Welt, in einer Welt, die alles zu industrieller Ware macht (Natur, Urlaub, Sport, Musik, Mode, Begräbnisse von Prominenten etc.), in einer Welt, die das Motto “Geschäft ist Geschäft” zu ihrem Leitwort erhebt und deshalb alles kommerzialisiert bzw. zu Geld macht - in einer solchen Welt wird Romero zum Symbol der Lebensfreude, die aus der Begegnung zwischen Menschen entsteht. Aus der Lebensfreude in den Begegnungen mit den Campesinos auf dem Land oder im Ordinariat stammt sein Ausspruch: “Bei diesem Volk macht es keine Mühe, ein guter Hirte zu sein!”.

Beharrliches Engagement statt billiges Arrangement

In einer Welt billigen Arrangements, die Spannungen und Konflikte zu vermeiden sucht, obwohl Grausamkeiten und Mitleiden dazu herausfordern; in einer Welt, die außer dem Eigeninteresse nichts mehr ernst nimmt, die beharrliches Engagement verlacht, also genau das, was zu wirklichem Glück führt und wozu Glaube und Ethik dringend anhalten - in einer solchen Welt wird Romero zum Symbol dafür, dass man ein engagierter Mensch und Christ sein kann, der bis zum Ende geht. Darin besteht sein Martyrium.

Gott der Armen

In einer Welt, in der man den Glauben an das Gottgeheimnis nicht nur leugnet, sondern schlimmer noch trivialisiert und banalisiert, in einer solchen Welt wird Romero zum Zeugen für den Glauben an den Gott Jesu, an den Gott des Lebens, an den Gott der Opfer ungerechter Verhältnisse, “an den Gott, bei dem der Arme Mitleiden erfährt”. Romero ist ein Glaubender, der uns allen den Gott Jesu vor Augen hält, damit wir Menschen mehr als menschlich sein können, wie Augustinus sagt.

Einen solchen Menschen braucht die Welt und die Kirche: In einer Kirche mit übertriebenem Vertikalismus und Autoritarismus erscheint Romero als ein Bischof, der dem Volk nahe ist, ohne populistisch zu sein. In einer Kirche voller Angst, in der es riskant ist, wahrhaftig zu sagen, was man denkt, erscheint Romero als ein geschwisterlicher Hirte, der sich allen zuwendet und sich darüber freut, mit allen zusammenzusein. In einer manchmal realitätsfernen Kirche, die in einer selbstkonstruierten, von der Realität häufig abgeschotteten Welt lebt, erscheint Romero als ein Glaubender aus Fleisch und Blut, der sich auf die reale Welt einlässt. In einer Kirche, in der häufig Lehre und Gesetz das letzte Wort haben, erscheint Romero als einer, der dem einfachen Volk, dem Leben der Armen, dem Mitleiden mit den Opfern und ihrem Gott das letzte Wort gibt.

Das hat der Glaubenssinn des einfachen Volkes sehr gut verstanden. Romero macht Mut, stärkt Hoffnung und Leben. Durch sein beispielhaftes Leben als Mensch und Christ in El Salvador, zeigt er uns den Weg, den wir gehen können.

Diesen Bischof muss man für alle sichtbar machen, damit er zum Licht werde, das in der Finsternis leuchtet und dazu ermutigt, der Herzlosigkeit zu wehren. Die Heiligsprechung von Romero drängt sich unabdingbar auf. Oder um sinngemäß einen Satz Jesu in Erinnerung zu rufen: “Wenn die Kirche schweigt, werden die Steine schreien.”

Die Würde der Opfer

Bischof Romero ist ein bekannter Märtyrer, vielleicht der bekannteste, aber nicht der einzige. Wie Jesus nach dem Hebräerbrief ist er der ältere Bruder in einer unermesslichen Wolke von Zeugen. Das heißt, dass das Martyrium in Lateinamerika - bzw. in weiten Teilen des Kontinents - eine wirklich globale Bedeutung gewonnen hat.

Die Verehrung von Romero kann eine Gelegenheit sein, neu über die Realität von El Salvador nachzudenken. Damalige Opfer und Henker zu erinnern, kann von Nutzen sein, um Opfer und Henker von heute zu erkennen, sich des heutigen Elends, des heutigen Unrechts und der heutigen Gewalt bewusst zu werden, und nach der Richtung zu suchen, in der eine gerechte Gesellschaft konstruiert werden könnte. Die kirchenamtliche Verehrung könnte dazu führen, Straflosigkeits- sowie eilfertige Amnestiegesetze als Irrtum zu erkennen und über eine angemessene Justizverwaltung nachzudenken. Und sie kann begreifen helfen, dass es notwendig ist, “der Geschichte einen anderen Verlauf zu geben”. Das alles ist zwar utopisch, bringt aber dennoch wichtige und notwendige Wünsche zum Ausdruck.

Noch zugespitzter: Die kirchenamtlich anerkannte Verehrung Romeros wird vielen anderen Opfern ihre Würde zurückerstatten. Das wird viele Angehörige der Opfer zutiefst trösten, und zwar umso mehr, weil diese Würde nun als von Gott geheiligte anerkannt wird; denn viele Angehörige sind ja sehr religiöse Menschen. Erinnern wir uns: Bischof Romero wurde wie viele andere während seines Lebens diffamiert und verunglimpft. Man bestritt ihre Aufrichtigkeit und ihren christlichen Glauben. Man beschuldigte sie lügnerisch aller Arten von Abnormitäten: “Bischof Romero verkauft seine Seele an den Teufel” titelte eine Tageszeitung zu jener Zeit. Die Wahrheitskommission war sensibel für solche Anschuldigungen und verlangte, dass man die Würde der Opfer wiederherstelle. Mag sein, dass man eines Tages ein Denkmal zu Ehren von Romero errichtet. Trotzdem wäre eine Heiligsprechung von anderem Gewicht. Dadurch anerkennt man, dass Gott die Würde wiederherstellt. An solcher Würde, von der in der Heiligsprechung die Rede ist, haben dann alle Märtyrer teil.

Die Weltinstitutionen - die Vereinten Nationen inbegriffen - haben kein Interesse daran, diese “Globalisierung des Martyriums” anzuerkennen, weil sie auf Grund ihrer Mechanismen unfähig sind, in solchen Angelegenheiten zu entscheiden und weil sie stets wieder politischem Druck unterliegen. Aber die katholische Kirche könnte das tun. Vielleicht könnte man sogar - das Träumen sei mir gestattet - einen Modus finden, dass auf irgendeine, wenn auch nur symbolische Weise alle Kirchen an dieser Heiligsprechung beteiligt wären und dass bei der Heiligsprechung von Romero auf irgendeine Weise ebenfalls die zahllosen Märtyrer Lateinamerikas und die riesengroße Märtyrerschar der Armen anerkannt werden.

Dass diese Utopie sich verwirklichen ließe, ist natürlich kaum anzunehmen. Aber es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wie Romero sich während seines Lebens mit den kleinen und armen Leuten, vor allem mit den Opfern und ihrer Märtyrer-Existenz identifiziert hat. “Ich will keine persönliche Sicherheit, solange sie meinem Volk nicht gewährt wird”.

Globalisierung von Solidarität

Während man also heute eine trivialisierte Gestalt des Glaubens und des Lebens globalisiert, während Konsumismus und Egoismus, aber auch die Missachtung und der Ausschluss von hunderten von Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Menschen globalisiert werden, ist es höchst bedeutsam auf eine andere Art von Globalisierung zu verweisen: auf die Globalisierung von Wahrheit, Engagement, Liebe und Zärtlichkeit.

Wir müssen “die Geschichte der Unmenschlichkeit umkehren” und eine Menschheitsfamilie begründen, in der wir alle als Söhne und Töchter Gottes leben können. Dazu müssen wir wieder etwas verwirklichen, was die Menschen von jeher am stärksten bewegt und erleuchtet hat, nämlich die Solidarität, die mit Recht “die Zärtlichkeit der Völker” genannt wird. Weil die Solidarität großherzig und zärtlich ist, haben auch viele Solidaritätskomitees Oscar Romero zum Schutzpatron erwählt. Ausgehend vom Leben und Martyrium Bischof Romeros möchte ich abschließend drei Gedanken über die Solidarität vortragen.

1. Solidarität bedeutet zunächst: dazu beitragen, dass das gekreuzigte Volk vom Kreuz geholt wird.

Solidarität ist eine eindeutig charakterisierbare Hilfe. Sie bedeutet nicht Almosen geben, um die Nöte des täglichen Lebens zu besänftigen. Solidarität bedeutet vielmehr eine Grundoption für das Leben zu treffen: nämlich dem gekreuzigten Volk vom Kreuz herabzuhelfen. Solidarität ‘re-agiert’ also wie der barmherzige Samariter auf das Leiden eines ganzen Volkes, das ausgebeutet, entstellt, unter den Abfall geworfen am Wege liegt.

So hat Bischof Romero angefangen. “Der Tod und das Blut zerreißen Gottes Herz”, sagte er verschiedentlich. Seit Übernahme des Erzbischofsamtes zerriss das Leiden der Opfer sein Herz. Er konnte nicht mehr ruhig schlafen.

Ich erinnere mich, dass im Mai 1977 die Armee einen Monat lang das Dorf Aguilares besetzt hielt und dort unzählige Übergriffe und Mordtaten verübte. Als die Armee sich aus Aguilares zurückzog, ging Monseñor Romero dorthin und begann seine Predigt mit folgenden Worten: “Es ist meine Aufgabe, Gewalttätigkeiten festzuhalten und Leichen aufzusammeln.” - Das ist übrigens eine überraschend neue Definition für das Amt des Bischofs. - Und er klagte das Heer an, “das Dorf in ein Gefängnis und eine Folterkammer verwandelt zu haben”.

Wenn Solidarität auf diese Weise herausgefordert wird - nämlich durch ein gekreuzigtes Volk -, dann formt sie den Menschen in seinem ganzen Dasein um. Dann ist Solidarität keine bloße Hilfe mehr, die Not zu lindern oder das eigene Gewissen zu beruhigen. Dann ist Solidarität auch keine paternalistische Hilfe mehr, die uns auf Distanz zum gekreuzigten Volk hält. Die Solidarität durchdringt vielmehr unser ganzes Dasein und legt uns für immer fest. Einmal hörte ich eine junge Nordamerikanerin sagen: “Solidaridad? - para siempre” - “Solidarität auf ewig”.

Die Armen El Salvadors haben das Leben und die Sendung von Bischof Romero völlig bestimmt. Und er blieb ihnen bis zum Ende treu. Als man Romero kurz vor seinem Tode fragte, was er tun würde, wenn der Krieg zum Ausbruch käme, antwortete er mit voller Überzeugung: “Ich werde ganz sicher dableiben, auch wenn es nur dazu dient, Sterbenden die Absolution zu erteilen und Leichen aufzusammeln”. Das heißt Solidarität, die bis ans Ende geht.

2. Solidarität bedeutet: die Sache der Armen zur eigenen machen.

Solidarität verfolgt immer ein Anliegen. Aber diese Aussage ist missverständlich. Solidarität ist nicht zu verwechseln mit einem Bündnis, das Mächtige miteinander schließen, um ihre gemeinsamen Interessen gegen andere zu verteidigen. Das machen sie ja in Kriegs- oder Friedenszeiten immer wieder. Das hat mit Solidarität nichts zu tun, weil solche Bündnisse dazu dienen, die eigenen Interessen zu verteidigen. Solidarität aber dient dazu, die Interessen der Schwachen zu verteidigen, die Interessen derer, die wenig oder keine Macht haben. Aber es gehört noch etwas anderes Wichtiges dazu: Ziele und Anliegen sind notwendigerweise auf Menschen und Gruppen angewiesen, die zeigen, wohin es gehen soll. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es ihnen um die Gerechtigkeit geht. Aber für die Solidarität sind die Armen diejenigen, die zeigen, wohin es gehen soll.

Das wird leicht übersehen. Für Bischof Romero aber war dies eine Grunderkenntnis. Zweifellos hatte er mehr Sympathien für die Volksorganisationen als für die Regierungen oder für die Streitkräfte. Aber seine unmittelbare Unterstützung galt nur dem einfachen Volk. Kurz und bündig sagte er: “Was dem einfachen Volk dient, das entscheidet darüber, ob wir dieses oder jenes politische Projekt für richtig halten.”

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, die Solidarität auch in Zukunft in diesem Sinne zu deuten: als Unterstützung für die Sache der Armen. Mit anderen Worten: Solidarisch zu sein, darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob eine Volksbewegung oder eine Revolution Erfolg hat. Solidarität orientiert sich vielmehr daran, dass die Armen immer noch weiter gekreuzigt werden.

Auch das hat Bischof Romero mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht. Kurz vor seinem Tode fragte jemand ihn: “Wie könnte solidarische Hilfe konkret aussehen?” Bischof Romero sprach zwar unter anderem vom Gebet und von der wirtschaftlichen Hilfe, aber er erwähnte deutlich die Voraussetzung für das alles: “Vergessen Sie nicht, dass wir Menschen sind.” Solidarität bedeutet also vor allem, gemeinsam mit den Armen Mensch sein zu wollen. Solidarität kann legitime politische Motivationen haben, aber ihre tiefsten Wurzeln hat sie darin, das Menschsein zu verteidigen und zu unterstützen.

3. Die Solidarität bedeutet: sich gegenseitig bestärken, einander etwas zu geben und voneinander etwas zu empfangen.

Solidarität beginnt mit der Unterstützung für die Sache der Armen. Aber diejenigen, die solche Unterstützung anbieten, machen häufig die Erfahrung, dass sie selber von den Armen unterstützt werden, dass sie mehr empfangen, als sie gegeben haben. Nach den Worten des Apostels Paulus besteht Solidarität darin, sich gegenseitig zu bestärken, die Beziehungen so zu gestalten, dass man einander gibt und voneinander empfängt.

Das aber ist nicht so einfach, wie es scheint. Insbesondere ist es nicht einfach für die ethnozentrische Erste Welt, die das gekreuzigte Volk üblicherweise nicht nur ausbeutet, sondern es nicht einmal kennt, ja es nicht kennen will und verachtet. Sogar einige Solidaritätsbewegungen laufen manchmal Gefahr, auf falsche Weise Anliegen zu unterstützen. Sie erwecken den Eindruck, als ob die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt die Probleme einiger Idealisten in der Ersten Welt zu lösen hätten, weil diese zu Hause keinen Spielraum für ihre Utopien finden. Deswegen ist es sehr hilfreich, wenn wir uns Bischof Romero zuwenden und uns fragen, was er dem gekreuzigten Volk gegeben hat und was er vom gekreuzigten Volk empfing.

Romero hat den Armen alles gegeben. Das war jedoch nicht in erster Linie die wirtschaftliche Hilfe. Er hat den Armen vielmehr seine Zeit, sein Wissen, Gewicht und Einfluss seines Amtes als Erzbischof gewidmet. Durch all das hat er den Armen die Wahrheit gesagt, in ihnen Würde, Vertrauen und Hoffnung erweckt. Er hat ihnen seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen. Das alles ist hinlänglich bekannt. Dabei brauchen wir uns nicht länger aufzuhalten.

Um den solidarischen Bischof wirklich zu verstehen, ist es nützlicher, sich zu fragen, was er denn von den Armen empfangen hat. Vielleicht lässt sich die Antwort auf folgende Weise zusammenfassen: Erstens haben die Armen ihn zweifellos verändert, sie haben ihn bekehrt. “Das einfache Volk ist für mich ein Prophet,” hat er einmal gesagt. Und: “Ich glaube, dass ein Bischof immer viel vom einfachen Volk zu lernen hat.” Zweitens hat das gekreuzigte Volk dem Bischof Romero ein Licht für seine Sendung und seine Art der Evangelisierung aufgesteckt, wie jener Gottesknecht im Propheten Jesaja, den Gott zum “Licht für die Völker” macht. Dieses Licht hat Bischof Romero durch alle Dunkelheiten hindurch den Weg gewiesen. Drittens haben ihm die Armen die Kraft gegeben, gegenüber den vielen grausamen Angriffen und angesichts einer möglichen Ermordung standhaft zu bleiben. Er konnte sein Leben nur aus Liebe zu ihnen hingeben, weil sie ihn liebten. Und schließlich schenkten die Armen Bischof Romero Lebenshoffnung, Lebenslust und Lebensfreude. “Bei einem solchen Volk ein guter Hirte zu sein, kostet keine Mühe. Uns, die wir uns berufen fühlen, ihm Stimme zu sein und seine Rechte zu verteidigen, treibt das einfache Volk regelrecht zum Dienst an.” Das alles erfüllte ihn, wie er selbst sagte, “mit tiefer Genugtuung”.

Wir haben Romeros Solidarität in den Mittelpunkt gerückt, weil unsere heutige Welt - hier und drüben - zwar alles bietet, aber keine Solidarität. Unsere heutige Welt will uns als Konsumenten und Pragmatiker haben, aber um den Preis, die anderen zu übersehen; wir sollen auf sie verzichten, sie im Elend untergehen lassen, wenn wir anders nicht vorankommen können. Aus diesem Grund haben wir es bitter nötig, die Wege der Solidarität im Blick zu haben und sie zu gehen.

Jesus hat auch heute seine Zeugen. Zu ihnen gehört Monseñor Romero, der solidarische, mitfühlende, barmherzige und gerechte Bischof. Er hatte die Armen in sein Herz geschlossen, und ihn haben die Armen für immer ins Herz geschlossen. Deshalb möchte ich von Bischof Romero sagen: “Er war eine gute Nachricht Gottes für die Armen dieser Welt”. Darum ist er in Büchern, auf Plakaten, in Filmen, Gedichten, Volksliedern und Solidaritätskomitees immer noch präsent. Den Grund für dieses Wunder der Auferstehung hat bereits Pater Ignacio Ellacuría genannt: “In Monseñor Romero ist Gott seinen Weg durch El Salvador gegangen.”

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Der Baske Jon Sobrino lebt und arbeitet als Theologieprofessor an der Universität der Jesuiten (UCA) in San Salvador. Er war ein Freund und persönlicher Berater Erzbischofs Oscar Romero. Als am 16. November 1989 eine Eliteeinheit der Armee sechs Jesuitenpatres, deren Haushälterin und ihren Sohn ermordete, überlebte Sobrino als einziger Mitbewohner der Jesuitengemeinschaft der UCA dieses Massaker. Jon Sobrino ist einer der bekanntesten Theoretiker der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.

Quelle: Christliche Initiative Romero e.V.

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Veröffentlicht am

20. März 2005

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